»Was ist denn jetzt wieder los?«

weihnachten 2014...ist eine Frage, die genau dann kommt, wenn man gesellschaftliche Normen und Konventionen in Frage stellt, beispielsweise zu Weihnachten. Wenn man eine andere Perspektive einnehmen oder die Normalität des Alltags durchbrechen will. Wer sich abseits der standardisierten Gedanken, der gleichgeschalteten Kommunikation und der infantilen Emotionen bewegt, mit dem muss etwas nicht stimmen. Wer Interessen hat, die den eigenen kleinen Dunstkreis, die eigene Familie und den eigenen Arbeitsplatz nicht betreffen, der ist ein unbequemer Nerd. Ein Wichtigtuer, Klugscheißer und Möchtegern. So einer ist nicht nur komisch, sondern auch furchtbar anstrengend. Das Beste ist, sich mit so einem nicht einzulassen und ihn bestmöglich zu ignorieren.

Normal ist, wer mit vorauseilendem Gehorsam seiner Lohnarbeit nachgeht, auf Facebook Familien‐ und Tierbilder postet und wer sich vor allem um sich selbst und sein Privatleben kümmert. Sich regelmäßig mit Freunden und der Familie trifft und über vermeintliche Familienprobleme redet und streitet. Wer was über irgendwen erzählt hat, wer wen mag oder nicht mag. Wer sich über neuen Kram, den man sich kaufen will oder gekauft hat unterhält. Oder über Themen redet, die sich um Geld, Eifersucht, Haustiere, Fressen, Beziehungen, smartphones und App´s, Autos, TV‐Sendungen, Fußball, Männer/Frauen, Urlaub, Wetter, Krankheiten und Lohnarbeit drehen. Sind Kinder vorhanden, wird vor allem über sie gesprochen: ihre Entwicklung, den Kindergarten, die Schule, Spielzeug, Weihnachten, Geburtstage, Fotos, Charakterzüge, Erziehungsmethoden, Vergleiche mit anderen Kindern und so weiter. Das ist normal. Die Kommunikation läuft immer nach dem gleichen Schema und in den gleichen Bahnen ab.

Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.

- Jiddu Krishnamurti

Wer nicht nach dieser (massen-)konformen Lebensweise atmen –also gelegentlich mal in andere Gefilde abtauchen möchte‐ weil er seinem inneren Drang nach Horizonterweiterung nachgehen will, der sieht sich einem sofortigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Wer bei Familienfeiern, Geburtstagen, Partys, Weihnachtsfeiern oder Betriebsausflügen, beispielsweise über Selbstentfremdungsmechanismen, alternative Gesellschafts‐ bzw. Wirtschaftsmodelle oder Medienpropaganda (Ukraine) spricht, muss sich in dem Moment oder später dafür erklären, warum er das überhaupt thematisiert. Das passt einfach nicht an diesen Tagen, so der Tenor (natürlich auch nicht an anderen Tagen, weil man auf diese Themen generell keinen Bock hat). Will er irgendeinem Anwesenden damit etwas sagen? Ist das vielleicht ein subtiler Vorwurf? Oder will er sich nur inszenieren, wichtig machen oder uns aus Schadenfreude den (Party-)Spaß verderben? Was will er eigentlich?

Fest steht, mit dem stimmt irgendetwas nicht. Sowas macht man einfach nicht. Erst recht nicht, wenn viele Familienangehörige oder Freunde anwesend sind. Am besten soll er mit sich selbst im stillen Kämmerlein reden, wo es niemanden stört. Ist er vielleicht frustriert, chronisch unzufrieden, verbittert oder so ein typischer pessimistischer Nörgler? Jemand, der immer alles schwarz sehen, immer kritisieren und immer über Themen sprechen muss, die mich so gar nicht interessieren, weil sie mich eben nicht persönlich betreffen? Vielleicht hat er auch nur einen schlechten Tag gehabt oder etwas Unangenehmes erlebt. Man muss es ihm Nachsehen. Verständnis haben. Es geht ihm sicher bald wieder besser. Und wenn nicht, muss er depressiv sein und braucht einen Therapeuten. Denn normal ist das ja nicht.

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Auf die Idee, dass sie womöglich diejenigen sind, die in einem mental‐emotionalen Glasbunker existieren und sich von allem Nicht‐Privat‐Persönlichen hermetisch abschotten –gleichzeitig aber jeden Mist glauben und nachplappern‐ kommen sie nicht. Sie selbst und die Masse seien das Maß aller Dinge, also normal. Alles andere ist unbequem, anstrengend, nervig. Und auch, dass Kritik und Glück zusammen kein Widerspruch sein müssen, will man nicht verstehen (können). Kritik wird nämlich mit Motzen, Meckern und Nörgeln gleichgesetzt – also dem Ausbruch negativer Energie, das Auskotzen, um sich danach besser zu fühlen. Aber ohne jemals in die Tiefe zu gehen, seine Perspektive zu erweitern oder gar irgendetwas zu verändern. Denn der Status Quo ist in der Regel das verinnerlichte Lebensmodell, das trügerische Sicherheit versprechen soll. Wiederholung. Monotonie. Opportunismus. Konformität.

In diesem Sinne wünsche ich allen Unangepassten, kreative und erholsame Feiertage! Lasst euch nicht unterkriegen, bleibt so wie Ihr seid: das ist genau richtig! Wir brauchen Menschen, die kritisieren, nachdenken, philosophieren, hinterfragen und vermeintlich unbequem sind. Denn eine Gesellschaft voller Spießer, Biedermeier, Opportunisten und Fatalisten ist nicht nur furchtbar langweilig, sondern auch ein unmündiges Untertanenvolk. Auf bald!

7 Gedanken zu “»Was ist denn jetzt wieder los?«

  1. Erstaunlich, wie ähnlich wir ticken; der Text könnte fast 1:1 von mir stammen. Ja, man hat es nicht leicht, wenn man viele Bräuche und Rituale einfach nicht mitmacht, ja sogar ketzerisch hinterfragt. Die, denen eigentlich wirklich alles egal ist, die zu nix Bedeutendem eine Meinung oder Einstellung haben, sich immer nur anpassen und mitlaufen, die Augen vor all dem Elend in der Welt und direkt vor der eigenen Nase verschließen — werfen dem Kritiker ad hominem vor, er »sähe alles nur negativ«, sei zu pessimistisch... Dass »Pessimismus« eigentlich streng genommen eine grundsätzlich positive Erwartungshaltung oder idealistische Vorstellungen voraussetzt, verstehen die wenigsten. Wer sich keine bessere Welt vorstellen kann, kann auch nicht enttäuscht werden...

    Ich wünsche auch schöne Feiertage (»Feiertage« legt so mancher ja schon als subversive Kritik aus, weil man nicht »Weihnachten« schreibt)! Wobei — streng genommen nervt mich dieses den ganzen Dezember in Anspruch nehmende »Fest« und das scheinheilige Getue auch schon seit den späten Tagen meiner Kindheit... wenigstens zerbricht diese fragile, »heile« Welt ja sehr gerne an den Feiertagen und holt einige der erwähnten »Normalen« wieder auf den Erdboden zurück! ;)

  2. Ja, ich kenne das. Bei Frauen kommt noch das Thema Mode und Küche/Rezepte (nicht einfach nur essen) dazu. Eine Werbung, die glaube ich nicht mehr verwendet wird, ich weiß auch nicht mehr was beworben wurde, fand Frauen in ihrem Reich — der Küche. Ich stehe bei irgendwelchen Festivitäten immer nur im Abseits, bei Reisegruppen ebenfalls. Dort werde ich außerdem meist noch strengstens gemieden, wenn ich mal ein paar Wort sage, die nicht in das Weltbild der BILD‐Leser passen. Aber lieber so, als mich mit den Nichtigkeiten des Smalltalks beschäftigen zu müssen.
    Ein gutes Neues Jahr mit weiteren vielen guten Texten, wünsche ich.

  3. »Wer was über irgendwen erzählt hat, wer wen mag oder nicht mag.«

    Vor allem dieser Punkt ist immer wieder erstaunlich , das ist ja sooo interessant.
    Ebenfalls frohe Feiertage.

  4. Ich wünsche ein ruhiges, entspanntes und sinnstiftendes Weihnachtsfest gerade weil das im Umkreise der Familie und »Freunde« manchmal alles andere als einfach ist. Zu den Gründen hat Du ja das Wesentliche oben geschrieben.

  5. Jenseits der vertrauten Gepflogenheiten und der eigenen Nasenspitze beginnt jenes virulente Feindesland, dem sich der sorgsame wie sorglose Massencharakter ungern aussetzt und das sein Verständnis übersteigt.
    Er spürt/ahnt seine Minorennität, sein Phlegma, seine Ignoranz, seinen Fatalismus, seinen Opportunismus, kurz: seine Philistrosität erst in der Konfrontation; ist beschämt, gibt sich intransigent und zeigt sich bisweilen negativistisch wie atavistisch.
    Der animative Geist findet keinen Adressaten und ist ebenso pikiert.
    Eine frohe Weihnacht Euch/Ihnen allen!

  6. »Denn eine Gesellschaft voller Spießer, Biedermeier, Opportunisten und Fatalisten ist nicht nur furchtbar langweilig, sondern auch ein unmündiges Untertanenvolk.«

    Und beängstigend – bei der nächsten inszenierten Stampede zertrampeln die Dich zu blutigem Brei!

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