Kinder in Deutschland; Teil 19: das kindliche Spiel

»Das kindliche Spiel ist die zweckfreie, spontane, freiwillige, von innen heraus motivierte, lustbetonte und fantasiegeleitete Tätigkeit. Sie steht im Gegensatz zum zweckbestimmten und geplanten Arbeiten«

- H. Schraub / K. Zenke, »Wörterbuch zur Pädagogik«, 1995, S. 328

Das kindliche Spiel ist selbstbestimmt und ergebnisoffen. Kinder spielen nicht, um etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern vor allem wegen dem Spielprozess selbst.  Zwar kann auch der Reiz des Gewinnens die Motivation ausmachen (z.B. bei Brett‐ oder Sportspielen), er ist aber nicht der Hauptgrund warum Kinder weltweit gerne spielen. Auch wenn viele Erwachsene das kindliche Spiel als sinn‐ und zwecklos erachten, es eben nur als eine »Ablenkung vom Ernst des Lebens« bewerten, so ist es für Kinder der Weg mit der Welt Kontakt aufzunehmen, Ideen zu entwickeln, nach Lösungen zu suchen und um sich selbst kennen zu lernen.

Das kindliche Spiel wurde in der Wissenschaft verschieden interpretiert. K. Gross und W. Stern sahen das Spiel als eine Vorübung auf das Leben als Erwachsener an. S. Hall und K. Lange deuteten das Kinderspiel als Instinkt, der auch bei Tierkindern auftritt und im Erwachsenenalter vom vernunftgeleiteten Handeln verdrängt wird. Für H. Carr ist das Spiel die Möglichkeit des Menschen, seine aggressiven Tendenzen abzureagieren. A. Adler sieht im Spiel eine Scheinbefriedigung des menschlichen Macht‐ und Geltungsstrebens, das im Kindesalter noch ungehemmt in Erscheinung tritt.

Der Tod jeglicher Kreativität ist Spielzeug, das sich selbst spielt: Puppen, die sich in die Hose pieseln und die man nur wickeln muss, oder Eisenbahnen, die im Kreis fahren.

- Ali Mitgutsch, Zeichner der »Wimmelbücher« in »Focus Schule«, Ausgabe Jan/Feb 2011, S. 81

Während also die Lohnarbeit meist eine Entfremdung vom Selbst bedeutet, da sich der Lohnarbeiter, äußeren Rahmenbedingungen, aber auch Verhaltensweisen (»corporate behavior«) anpassen muss, so ist das kindliche Spiel prozessorientiert und selbstbestimmt. Wenn Erwachsene das kindliche Spiel nur dazu nutzen, um dem Kind berufsfördernde Lerninhalte einzuprägen, geht viel vom spontanen, eigendynamischen und selbstbestimmten Spiel verloren, dass Kinder brauchen, um zu sich selbst zu finden.

1.) Werden Kinder zunehmend als »leere Behälter« angesehen, die wir Erwachsenen nach Belieben mit Inhalten füllen wollen?

2.) Wenn Kinder spielen, fühlen sich viele Erwachsene genervt. Beneiden sie vielleicht unbewusst die Kinder, da sie noch selbstbestimmt, spontan und aktiv tätig sind, jenseits vom ergebnisorientierten lohnarbeiten?

Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

4 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 19: das kindliche Spiel

  1. Ich kann jedem nur empfehlen, sich die Videos von Manfred Spitzer anzusehen, gerade wenn es um Kindererziehung geht. Denn das, was wir Erwachsene als dumme Spiele ansehen, sind oft für Kinder lebensnotwendig um die Welt überhaupt kennen zu lernen. Und das Schlimmste ist die Bevormundung durch Ältere. So wird wirksam verhindert, daß ein Kind eigene Lösungen mit Selbstbewußtsein auch später finden kann.

  2. Deckt sich ziemlich genau mit meinen Beobachtungen. Wenn man diese panischen Mittelschichtseltern sieht, die in bester Absicht ihren Nachwuchs schon mit drei Jahren in Chinesisch für Kinder schleifen oder durchs G8 peitschen, damit sie später einmal alle Chancen haben, kann einem manchmal schlecht werden. Oder zu was für durchgestylten Veranstaltungen Kindergeburtstage teilweise geworden sind (dreckig machen streng verboten, sonst Post vom Anwalt). Oder wenn man sich vormittags einen Spielplatz in einem gediegenen Neubaugebiet anschaut: Die Kleinen dürfen unter strengster Aufsicht der versammelten Muttis nicht drei Schritte am Stück machen, ohne sofort einen Schluck zu trinken (wegen Dehydrieren und so). Und so weiter und so weiter.

  3. @Stefan R.

    In der Entwicklungpsychologie gibt es für das Überlieben und Überbehüten von Kindern mittlerweile einen Begriff: »too good mothering«. Die Folge: sozial‐emotionale Wahrnehmungsstörung des Kindes.

    Während vor gut 40 Jahren die autoritäre und erzkonservative Erziehung zu Recht angeprangert wurde, erziehen wir heute mit inkonsequenten und »too good mothering«-Erziehungsmethoden kleine Tyrannen und sind dann später ganz erschrocken über die Respekt‐ und Grenzenlosigkeit des eigenen Kindes.

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