Entschlüpft

 »Lern viel und fleißig, dann wird aus Dir auch was Ordentliches!« oder:  »Was willst Du später mal werden?«, so heißt es im Volksmund.

Wie aus dem hässlichen Entlein ein schöner Schwan wird, wie eine Raupe zum Schmetterling wird, so sind wir erst vollkommene Menschen, wenn wir einen Beruf ausüben. Man ist erst »jemand«, darf erst Anerkennung, Respekt und Achtung erfahren, wenn man lohnarbeiten geht. Man soll gesellschaftliche Anpassung vorweisen können, ein Rädchen im Systemgetriebe sein und eine Funktion aus‐füllen, selbst wenn sie einen nicht er‐füllen sollte.

Reife Menschen sind wir demnach nicht durch unsere Erfahrung, unseren Charakter, unsere Leidenschaften, durch Empathie, Interessen, Fähigkeiten, Stärken und Schwächen oder durch die Fähigkeit ehrlich und aufrichtig lieben zu können. Erst wenn wir im »Idiotenspiel« (Prof. Hartmut Rosa) den uns zugewiesenen Platz, ohne groß nachzudenken, einnehmen, erst wenn wir den »Schonraum Schule in Richtung Arbeitsleben verlassen haben« (Focus Schule, Ausgabe Jan/Feb 2011, S. 95), erst dann sind wir fertige Menschen.

Nach der materialistisch‐ökonomischen Lebenslogik reifen Menschen, wenn sie sich durch vorauseilenden Gehorsam auszeichnen, ihrem Chef bedingungslos gehorchen und einen monatlichen Lohn auf ihrem Konto vorweisen können. Die Selbstverfaltung im Sinne einer marktgerechten Nutzklugheit, ist als oberstes Ziel anzustreben. Klug und intelligent ist demnach jeder, der viel Geld hat oder macht. Dabei sind Fragen der Ethik, der Aufklärung, der Normen und Werte, der Selbstreflektion, der Aufrichtigkeit, der sozialen Gerechtigkeit oder auch der Eigentumsgerechtigkeit immer zweitrangig oder völlig unwichtig. Dem Geld‐Machen wird alles untergeordnet.

Wenn das persönliche Wachsen, Reifen, Nachdenken, Reflektieren und Lernen -jenseits einer ökonomischen Verwertungslogik‐ mit der Ausübung eines Berufes endet, dann hat der menschliche Reifeprozess nie wirklich begonnen. Echte Reife, Ausgeglichenheit und Selbstsicherheit bedeuten indessen nicht, »etwas« oder »jemanden« darzustellen, sich gut verkaufen zu können, viel Geld auf dem Konto zu haben oder sein Leben für den Profit der Anderen herzugeben, sondern im So‐Sein zu ruhen und zu wachsen.

Trägt eine fremdbestimmte, durch Zwänge und vorgegebene Strukturen eingebettete Lohnarbeit, nicht vielmehr zur Selbstentfremdung als zur Selbstentfaltung bei? Sind Empathie, Selbstreflektion und Aufrichtigkeit zur Menschwerdung nicht wichtiger, als Anpassung, Unterordnung und Gehorsam?

13 Gedanken zu “Entschlüpft

  1. Erzähl das mal (in kurzform reicht ja der letzte absatz) neoliberal gewendeten ex‐linken/grünen, die sich tatsächlich immer noch als links bezeichnen. Die exemplare, die ich da kenne, haben die »ökonomische verwertungslogik« selbst in bezug auf ihre kinder in einer art und weise verinnerlicht, die ich nie für möglich gehalten hätte und die sich darin wohl auch durch nichts mehr erschüttern lassen — meine ganz persönliche erfahrung. Schneller durch schule/studium und schwupps haben die jungen menschen mehr lebenszeit. Was war denn dann die zeit bis zum eintritt in die ökonomische verwertungslogik vulgo arbeitsleben? — Schweigen.

  2. @ oblomov
    »Schneller durch schule/studium und schwupps haben die jungen menschen mehr lebenszeit.« = »Sie werden nicht mehr frei sein, ihr Leben lang«
    Hab ich bei mir in der Sippe die Typen, Onkel und Tante. Er Wirtschaftsprof, sie Oberstudienrätin, 3Häuser, Zwei Nobelkarossen. Früher haben sie ihre Kinder zur Jugendweihe geschickt und die Zone gelobt, heute befürworten sie HIV‐Satz‐Kürzungen und »Bürgerarbeit« und notfalls sogar Schwarzarbeit, damit das Pack nicht faul verlottert. Befürworten Chinesisch im Kindergarten, sind voll auf Wirtschaftskriege eingestimmt. Dank Speigel und Lokus fühlen sie sich erhaben informiert. Beklagen das allgemeine Wahlrecht.
    Ein Sohnemann hat sich in vorauseilendem Gehorsam das Leben genommen, weil er den Ansprüchen nicht gerecht werden konnte (offiziell eine unglückliche Genkombination), wollte Handwerker werden und durfte nicht, der andere ist Controller für einen üblen Chemiemulti und ein neoliberaler Snob ohne menschliche Qualitäten, der Bush, Merkel oder die kolumbianische Regierung lobt und den Sozialstaat verflucht.
    Wer verstehen will, woher solche Menschen motiviert sind, sollte sich »Die Zerstörung der Vernunft in Zeiten des Krieges. Zum Demokratieverlust nach 1989« von Stefanie Christmanns und Dieter S. Lutz. durchlesen.
    Da findet ein Verdrängungsprozess statt, den man wirklich nur noch tiefenpsychologisch erklären könnte, — dem normalen, gesunden Menschenverstand ist so was sonst kaum zugänglich. Man bekommt ein unwirkliches Gefühl, wenn man mit dieser Sorte Ex‐Linker spricht, als wären das Aliens.
    Der Lutz hatte da einen Zusammenhang konstatiert: Durch die wohl unbewusste Übernahme der Ideale der Nazi‐Täter‐Generation, von denen man erzogen wurde, erlangt man eine Machtposition, die der Nazi‐Erzieher als Herrscher der Familie (daher der Paternalismus der Sozen, wenn sie an der Macht sind?). Als mein Opa (Reiter‐SS) als einer der letzten aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, hat der zu Hause mit den Kindern Ostfront »gespielt« wie mit Kriegsgefangenen, Kollektivbestrafung, Demütigungen, Prügeln wie ein Irrer.
    Das Drama setzt sich bis in die Enkelgeneration fort, ein anderer Vetter ist ein widerlicher Nazi‐Bulle und Fördermitglied bei einer neurechten Partei.
    Hat seinen Hund darauf abgerichtet auszuflippen, wenn er »Wo ist der Türke?« ruft und findet das witzig.

  3. Chinaski: »Das ist ne Welt in der jeder irgendwas tun muss. Weißt du, irgendjemand hat die Regel aufgestellt, dass jeder irgendwas tun muss, jeder muss was sein, verstehst du? Ein Zahnarzt, ein Segelflieger, ein Spitzel, ein Pförtner ein Priester oder sowas. Manchmal hab ich genug davon, an all das zu denken, was ich nicht machen will oder das, was ich nicht sein will; all das wo ich nicht hin will wie Indien oder meine Zähne reinigen lassen oder Wale retten und so — ich versteh das alles nicht.«
    Barkeeper: »Darüber darf man überhaupt nicht nachdenken. Ich glaub der ganze Trick ist, dass man nicht darüber nachdenkt.«
    (Mickey Rourke, Barfly)

  4. Klasse Beitrag !

    Irgendwie trifft man immer mehr Leute , die ständig vor sich hertragen , wie erwachsen sie geworden sind , und immer geht es dabei darum ‚wie toll sie sich eingefügt haben ins Hamsterrad.

  5. Erwachsen ? Ist dies ein anstrebsamer Zustand zur Entverwertung oder ist es vielleicht durchaus Zielführender, nicht so recht ein Erwachsener zu werden, vielmer ein Stück Kindheit zu bewahren ...

  6. Als am gruseligsten bei alledem empfinde ich die Befürchtung, dass sich ähnliche Denkmuster irgendwann bei einem selbst einschleichen können. Dass man sich irgendwann immer mehr in den vielen kleinen Ränkespielen aus Verpflichtungen und Abhängigkeiten verzettelt... im schlechtesten Fall merkst du’s erst, wenn’s zu spät ist...

  7. @El Squid

    Ich denke, dass die Befürchtung vor der eigenen Korruption, die beste Methode ist, sich genau vor dieser zu schützen. Es ist doch gerade die Unfähigkeit zur ehrlichen und aufrichtigen Selbstreflektion der eigenen Vergangenheit und Gegenwart, die einen zum perfekten Konformisten werden lässt.

    Viele Alt‐68er und Alt‐Linke (Gerhard Schröder, Joshka Fischer etc.) sehen sich doch nicht durch Geld und Macht korrumpiert — ganz im Gegenteil: sie sind endlich oben angekommen.

  8. Da fällt mir doch Büchner ein, der einen Handwerksburschen die Frage stellen lässt: »Warum ist der Mensch?«. Die Antwort: »Von was hätte der Landmann, der Weißbinder, der Schuster, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte? Von was hätte der Schneider leben sollen, wenn er dem Menschen nicht die Scham eingepflanzt hätte, von was der Soldat, wenn er ihn nicht mit dem Bedüfnis sich totzuschlagen ausgerüstet hätte?«
    Wie irrwitzig das Ganze! Heute müsste man wohl antworten: Weil der Mensch zum Arbeiten geschaffen wurde oder zum arbeiten Lassen, zum Herrschen oder zum Sich‐beherrschen‐Lassen. Diese Zweckgebundenheit menschlichen Seins orientiert sich doch immer an einer Ideologie.

    In einem Interview behauptet der Evolutionspsychologe Steven Pinker allen Ernstes, der Kapitalismus sei eine friedensstiftende Kraft, die 68er seien auf Grund des Strebens nach individueller Verwirklichung auf Kosten der Selbstdisziplin gewaltfördernd gewesen. Wir bräuchten einfach mehr Disziplin:

    http://www.heise.de/tp/artikel/37/37156/1.html

    Man ersetze Disziplin durch unhinterfragten Gehorsam und Angepasstheit. Auch ein Mittel der friedlichen Konfliktlösung und Sinnstiftung sozusagen ;)

  9. Tja, die saturierte Babyboomer‐Generation zieht die Leitern ein. Die, die in ihrer Jugendzeit alle Segnungen des Sozialstaates (die andere ihnen erkämpft haben) genossen haben und noch genießen, predigen jetzt den Nachfolgegenerationen die Litanei vom Wettbewerb, vom Verzicht auf Hängematte und nach der Decke strecken. Die mit den Grünen alt geworden sind und heute auf die Piraten hinabsehen wie ihrerzeit die Etablierten auf die Grünen. Merken die überhaupt noch was?

  10. Als ich im Urlaub in Albanien war, gehörte zur Reisegruppe ein Journalist der WELT. Er meinte, es sei doch richtig, dass die Menschen reich werden wollten, das wollten doch auch die Linken. Mit reich meinte er aber nur mehr Konsumartikel. Weiter ging es: Es sei doch richtig, dass einer mit der Gaststätte die Initiative ergreift und es sei doch gut, dass er den fauleren oder weniger tüchtigen eine Arbeitsstelle gibt. Er schaute mich dann völlig verständnislos an, als ich einforderte, dass der Mensch Kultur bräuchte und alles solche Dinge, die nicht mit einem Geldbetrag erwerbbar wären. Er schaute völlig verständnislos, als ich es traurig nannte, dass Deutschland (und nicht nur Deutschland), seine humanistischen Studienrichtungen als unnötiger Ballast begreift, als nutzlose Studienrichtungen. Die ökonomisierte Denktweise, ist allgegenwärtig und leider begehren viel zu wenige auf.

  11. Nun, es gäbe einige Existenzpfade, zumindest theoretisch ausformulierte und theoretisch praktizierende, die solche humanen Tugenden hoch halten würden. Nun muß man von ihnen sagen: am Neoliberalismus in seiner gekoppelten Zusammensetzung als makroökonomische und mikrosubjektivische Weltgestaltungsstoßrichtung sind sie allesamt gescheitert. Diese Welle hat sie allesamt weich an Knotenpunkten ihrer Weltanschauung erfasst, teilweise indem schamlos und unerwartete, aber sehr gekonnt, euphemistische Redefinitionen und Sinnmodellierungen derselben eingesetzt wurden, die jedesmal nur soviel Sinnverschiebung abverlangten, dass die entstehende Unsicherheit oder Ablehnung noch mit Toleranz und Gutwillen überwölbt werden konnte. So ging es Häppchenweise weiter. Der kritische Sozialstaatsforscher konnte so dazu gebracht werden, dass er die neoliberalen Sozialstaatsabschaffungsmassnahmen erstmal als Sozialstaatstransformation wahrnahm, die immerhin in ihrem Sinnfeld löbliche Zielsetzungen postulierten und daher es die Vernunft gebot, neutral zu prüfen, zu warten und zu schauen. Ach so, der sägt mir gar nicht den Ast ab, er will nur ein paar Ästchen abschneiden, damit ich besser sehe. Zug um Zug wurde beschnitten. Überredung durch gemäßigte Dissonanzerzeugung, in der der notwendige Dissonanzabbau tendenziell zugunsten des Ideologischen Teiles geschieht. Zug um Zug wurde so an den dispositionellen Beurteilunsgschemata gearbeitet, bis diese selbst gelernt hatten, was ›gut‹ ist, weil Dissonanz vermieden wurde. Ein Lerneffekt: oh, ich fühle Eindeutigkeit. So ist die Welt also stimmig. Man ist damit gefügig geworden und kann sich in einer Linie mit den Herrschenden Gedanken sehen. Man sieht sich natürlich nicht, aber man empfindet weniger Dissonanz und damit lebt es sich besser. Das ist die Logik der Scheibchenweisen Überredung. Man konnte ja sehen, wie alles Linke sich gut fühlte, da man ja immer nur einem Scheibchen Veränderung zugestimmt hatte, egal auf welchem Feld. Die Logik des Feldes wird transformiert und durch‐ und einlässig für ›Chefideologen‹, die als Multiplikatoren den Transormationsprozess festigen oder straffen. Sinntransformation mit der Salamischeibentaktik, wäre der Titel für dieses Kapitel. Wehret den Anfängen, dieser alte Satz, hat durchaus seinen Sinn.
    Der grüne Yuppie ist dann natürlich auch einer, den der neoliberale Transformator weich an seiner Liebe zu sich selbst angefasst hat. Eine erogierende Hand aus Luft, als griffe sie an die prägnanten Stellen der Hirnwindungen und stimulierte sie dort, wonach der grüne Yuppie, vormals Sponti, eine lustvolle Remodulation seiner Existenzanschauung erführe und sich mit frischer Motivation zu neuen Ufern aufzubrechen geneigt sieht. Eine narzistische Aktivierung könnte man sie nennen. Im Darbsal der Welt des immer‐gegen‐etwas‐sein fällt das blendende Licht der Rettung ein: sieh her, das bist du, du mußt dich nicht krümmen, geh und blühe auf, sei frei, du hast nun die Lehre an der Hand. Es ist gut geworden.
    So haben wir zwei Punkte gefunden: Sinntransformation mit der Salamischeibentaktik und narzistische Aktivierung.

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