Leistungsdenken ist kinderfeindlich

Bereits heute führt es in manchen Elternhäusern zu panikähnlichen Reaktionen, wenn der achtjährige Zweitklässler mit seiner ersten Drei im Diktat nach Hause kommt.

- »Wirtschaftszweig Nachhilfe«, Dieter W. Feuerstein, Junge Welt vom 11. Mai 2011, Seite 3

Anmerkung: Leistung ist alles. Wer nichts leistet, ist auch nichts. Kinder sollen funktionieren. Kinder sollen gute Noten nach Hause bringen. Kinder sollen Sport machen. Kinder sollen Musikinstrumente lernen. Kinder sollen am besten schon früh mehrere Sprachen beherrschen. Kinder sollen still sitzen. Kinder sollen, Kinder sollen, Kinder sollen...Fragt eigentlich mal jemand was Kinder und nicht Eltern, Erzieher, Lehrer, Arbeitgeber und Politiker wollen? Sind Kinder etwa die Verfügungsmasse der Erwachsenen?

In dem Film »der Club der toten Dichter« bringt sich ein Jugendlicher um, weil sein erzkonservativer Vater ihn zu einem Leistungselitekind machen wollte. Dabei wollte der Junge nur seiner Leidenschaft nachgehen und Theater spielen. Für seinen Vater war das Quatsch und Spinnerei. Mir scheint, das Leistungsdenken ist heute nicht mehr nur ein Primat der Konservativen, sondern in der breiten Masse der Bevölkerung angekommen. Oder wie seht Ihr das?

14 Gedanken zu “Leistungsdenken ist kinderfeindlich

  1. «Oder wie seht ihr das?

    Leider ganz genauso. Meine beiden Söhne gehen in eine bayerische Grundschule. Die »breite Masse« gibt teilweise ihren Zweitklässlern schon Nachhilfe.

    Unser Erstklässler schreibt bereits Diktate, bestehend aus kompletten Sätzen, muss Bildergeschichten in ganzen Sätzen schreiben und gerade letzte Woche brachte er eine Hausaufgabe heim, bei der er eine unfertige Geschichte lesen und ein eigenes Ende mit mindestens 7 ganzen Sätzen schreiben sollte. Der sitzt — und er gehört momentan noch zu den 1er Schülern — täglich 45–60 Minuten an seinen Hausaufgaben und mag die Schule schon jetzt nicht mehr.

    Unser Viertklässler hat in der Zeit von September 2010 bis Ende April 2011 sage und schreibe 44 benotete Proben/Arbeiten/Tests geschrieben. Zur Erklärung: Hier gibt’s Anfang Mai die sogenannten Übertrittszeugnisse, mit denen man sich, je nach Notenschnitt, für eine weiterführende Schule bewirbt. Die Kinder wissen ganz genau, dass sie auf der Hauptschule nichts werden, später keinen guten Beruf finden und wahrscheinlich arbeitslos werden. In der Klasse unseres Sohnes sind im April zwei Mädchen im Klassenzimmer weinend zusammengebrochen, weil sie wichtige Proben »verhauen« und sich den Notenschnitt für’s Gymnasium versaut haben. Unser Sohn hat ebenfalls nicht durchgehalten und war von Anfang März bis Mitte April mit dem Befund »Burnout« in ärztlicher Behandlung. Den haben wir für die letzten Proben nicht mehr üben lassen, unsere Nachmittagstermine wurde konsequent abgesagt und wir haben ihn in aller Ruhe spielen lassen. Er saß die ersten 12 Tage (!) jeden Nachmittag allein in seinem Zimmer und hat gelesen oder mit Lego gespielt, wollte nichts hören und nichts sehen, keine Freunde besuchen — nichts. Nur seine Ruhe!
    Und wir wissen von anderen Eltern, dass es bei denen ähnlich aussieht.

    Das Leistungssystem stinkt gewaltig. Kinder sind nicht für so einen Scheiß gebaut! Meiner Meinung nach züchtet sich »das System« hier ein riesiges Problem heran. Hunderttausende abgehängte, chancenlose und demotivierte Jugendliche werden in einem unerbittlichen, sich durch Menschenverachtung und Sanktionen auszeichnenden Auffangsystem landen, in dem per se erst mal jeder ins gesellschaftliche Abseits gedrückt wird. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese offensichtlich gewollte Zeitbombe hochgeht!

  2. Der Leistungsgedanke ist bis in die letzten Ecken vorgedrungen. Selbst in der Kleinkinderziehung (KiTa) geht es nur darum. Sprachfehler, kognitive Schwierigkeiten ... sollen nicht zum Wohle des Kindes verbessert werden, sondern um seine späteren Chancen im Verwertungskreislauf zu erhöhen. Den Kindern wird der Leistungs — und Konkurrenzgedanke schon von kleinauf eingetrichtert. Deswegen hat sich der Beruf für mich erledigt ...

    »Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese offensichtlich gewollte Zeitbombe hochgeht!«

    Die steigende Brutalität und die Anzahl der Gewaltdelikte unter Jugendlichen sind die ersten Zeichen, ähnlich die Vorbeben vor einem Vulkanausbruch.

  3. Was bei diesem Leistungsgedanken immer wieder vergessen wird ist, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln. Vor allem in der Anfangszeit sind Kinder je nach Geburtstag fast ein Jahr auseinander und in der gleichen Klassen. Das heißt selbst die körperliche Entwicklung ist unterschiedlich weit. Ich kenne einige Leute die miserable Schüler waren und erst im Studium etwas gefunden haben was ihnen gefällt. Nun promovieren sie und werden Doktoren. Andere die in der Schule gut waren haben dafür sehr lange studiert und ihre Freiheiten ausgekostet. So etwas entscheidet sich nicht mit 8 Jahren. Es ist eine Entwicklung. Wichtig ist, dass man Kindern die Freude am lernen beibringt. Dann haben sie es später leichter. Wenn man sie überfordert, dann blockt das Gehirn ab. Statt die Intensität zu reduzieren wird sie erhöht, um die Defizite abzubauen. Ein Teufelskreis, welcher durchaus zu Burnout führen kann.

  4. @ chriwi: in einer schnellstmöglichst Gesellschaft ist das Wort Entwicklung nicht vorgesehen. Wenn sie könnten, würden sie den Kindern GEN designte Pillen einwerfen, damit sie möglichst mit 10 Jahren an die Universitäten gehen könnten.

    Irgendwie scheint das ja an den Eltern zu liegen. Angobt — Nachfrage — Angebot; da war doch irgendwas.
    An den Kindern können sich Verwirklichungsträume mal richtig ausgetobt werden. Die sollen es schließlich mal besser haben, wäre interessant mal die Großelterngeneration aufzudrösseln, jene die zudem noch richtig Druck ausüben und mit IHREN ENKELN angeben, wäre jetzt zu lang.

  5. :dafuer:

    Ich habe für diese Art vom Denken nie viel übrig gehabt und dafür habe ich sämtliche Lehren gezahlt, die man dafür bezahlen muss. Ich wollte jedoch einfach nur leben und nicht meine Zeit damit verschwenden irgendeinen Kram auswendig zu lernen, bloß weil es jemand für sinnvoll so hält. Ich bereue es irgendwie nicht, denn dadurch führe ich ein interessantes Leben, was zwar voller Unsicherheiten ist, was aber auch jede Menge Chancen und Überraschungen mit sich bringt. Ich beneide deshalb niemand um seine durchoganisierte Arbeitsroutine, die oft heutzutage noch nicht mal eine echte Sicherheit mit sich bringt, dafür aber einem jede Menge Zeit stiehlt, die man aber bräuchte, um richtig leben zu können.

  6. Der Mensch besitzt eine böse Gabe: er macht Dinge unlösbar, die im Grunde ganz simpel sind. Es ist tatsächlich so, wie von Dir geschildert. Unsere Kinder werden immer mehr zu Funktionsroboter erzogen. Funktionieren ohne Frage zu stellen, nach dem Ellenbogenprinzip, ganz nach Industriemanier, ohne sich jener zwischenmenschlichen Verantwortung bewusst zu sein, die wir Menschen zu tragen haben.

    Habe dieses Thema schon mal in einem Artikel aufgegriffen:

    Bildungspolitik – Leistungsgesellschaft gescheitert

    http://www.buergerstimme.com/Design2/2009–11/bildungspolitik-leistungsgesellschaft-gescheitert/

    Beste Grüße,

    Joachim

  7. Ein Mensch der nur Dumme Gewalt kennt,ist leicht zu kontrollieren.Man steckt ihn einfach in den Knast und missbraucht ihn für seine Zwecke.Gewalt ist keine Lösung.

    Wenn die Regierung in einer gewissen Situation ist,hat man für solche Leute eine bestimmt nutzbringende Verwendung etwa als gekaufter Totschläger oder sonst was.

  8. Die meisten Eltern vergessen die wahre Aufgabe der Schule — abhängige Befehlsempfänger zu produzieren. Um dieses zu erreichen, werden die Schüler und die Eltern unter Leistungsdruck gesetzt, mit unstrukturierten Vorgaben zu sinnentleertem Pauken gezwungen und die Kinder separiert.
    Wer hier jetzt kein Elternhaus hat, daß dem Kind Rückhalt gibt, der hat schon verloren. Inzwischen werden auch Studenten nach den gleichen Regeln verschult — also verdummt.
    Wir nehmen unseren Kindern ihre Kindheit. Viele Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, erreichen jedoch genau das Gegenteil. Kinder müssen sich selbst entwickeln, brauchen Zeit für Reife und Strukturen. All dies nehmen wir unseren Kindern, genau genommen ist das ein Verstoß gegen die Menschenrechte.

    Bei Vera F. Birkenbihl gibt es einen Text zum Schulsystem:
    http://www.birkenbihl.de/PDF/gatto.pdf

    Es behandelt zwar das amerikanische Schulsystem, aber die Unterschiede sind wirklich marginal.

    Wichtig ist, daß die Eltern sich auflehnen, daß sie verstehen, was eigentlich mit unserem Schulsystem erreicht werden soll : unmündige, abhängige Konsumjunkies, die nie erwachsen werden.

  9. @Habnix:
    Aggression in Schulen ist übrigens ein Ergebnis von Langeweile. Menschen, die nicht lernen, werden depressiv, da in ihren Köpfen keine neuen Nervenzellen mehr produzierte werden (Neurogenese). Kommt diese Depression mit zu viel Testosteron zusammen, dann entsteht Aggression!
    Menschen, die durch Lernen geistig gefordert werden, sind in der Regel nicht depressiv, da Lernerfolge unser Belohnungssystem stimulieren. Anders ausgedrückt, Lernen ist wie Kokain nur ohne Kokain. Die Natur hat es so eingerichtet, daß wir Menschen eigentlich ständig lernen müssen, wir können nicht anders. Wenn uns die Lernmöglichkeiten genommen werden — stillsitzen, chaotische Informationen, Vorurteile von Mitschülern und Lehrern, pawlowsche Konditionierung auf Klingelzeichen, Angst, Frustration, etc., dann können wir nicht lernen und die o.g. Abläufe treten auf.

    Es ist also nicht der Migrationshintergrund, der zu Aggression in der Schule führt, sondern die Langeweile der Schüler. Das es anders geht, beweisen Menschen wie John Taylor Gatto oder Enja Riegel.

  10. Um dieses zu erreichen, werden die Schüler und die Eltern unter Leistungsdruck gesetzt, mit unstrukturierten Vorgaben zu sinnentleertem Pauken gezwungen und die Kinder separiert. Wer hier jetzt kein Elternhaus hat, daß dem Kind Rückhalt gibt, der hat schon verloren.

    Das kann ich nur unterstreichen! Rückhalt der Eltern meint eben nicht, die Kinder primär zu Hausaufgaben, Nachhilfe-Unterricht usw. zu drängen und zu zwingen, sondern Kinder zum Hinterfragen, zum Nachdenken und zum selber denken anzuregen. Und wenn das eigene Kind mal eine 5 im Diktat nachhause bringt, nicht gleich ausflippen und das Kind fertig machen.

    @jtheripper

    Finde ich auch!

  11. Im Februar lief bei der ARD die Doku »Deutschland unter Druck« (3‑teilig). In der 1. Folge wurde genau dies beschreiben, Leistungsdruck bei unseren Kindern. Die Kinder werden schon in der Schule an PDAs und Blackberrys gewöhnt, 12-jährige mit Burn-Out, etc.

  12. @jtheripper

    Die Doku ist nicht schlecht, wenn auch etwas sensationsheischend. Mir fehlt einfach die Frage: was wollen die Kinder/Jugendlichen? Sie werden einfach nicht gefragt in unserer Leistungs-Gesellschaft. »Eltern wollen...«, »Lehrer wollen...«, »Unternehmer wollen...« etc.

    Für eine kinderfreundliche Gesellschaft sollte man Kinder und Jugendliche fragen, was sie wollen, was sie sich wünschen, was ihre Bedürfnisse sind und dann diese in Gesetzgebung, Unternehmen, Schule usw. berücksichtigen.

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