Kinder in Deutschland; Teil 14: Respekt

Kinder werden in vielfacher Hinsicht nicht ernst genommen und respektiert. Sie werden häufig als halbfertige Menschen betrachtet, für die gesonderte Regeln gelten. Auffällig ist z.B., dass viele Erwachsene vor allem Kleinkinder ständig angrabbeln müssen. Sie wollen sie berühren, sie abknutschen, mit ihnen knuddeln. Ob Oma, Opa, Tante, Onkel, Freunde oder sogar Fremde, vielle wollen Kleinkindern nah sein, ihnen Liebe geben und Liebe empfangen. Ob die Kinder das auch wollen, wird selten gefragt und berücksichtigt. Kleinkinder in der Familie werden oft als öffentlich zugängliche »Teddy‐Knuddelbären« gesehen, die man knuddeln und knutschen kann, wie es einem gerade beliebt. Kinder werden für das eigene Empfinden instrumentalisiert. Kindern gegenüber ist das rücksichts‐ und respektlos. Erwachsene wollen schließlich auch nicht von jedem begrabbelt werden, oder?

Respekt bezeichnet eine Form der Wertschätzung, der Aufmerksamkeit und der Rücksichtnahme gegenüber Anderen. Erwachsene wissen, dass jeder Mensch seine ganz persönliche Grenze hat. Diese unsichtbaren Grenzen werden im Alltag gelebt und respektiert. Gezielte Grenzüberschreitungen von anderen, ohne vorheriges Fragen, werden als provokativ und als Eingriff in die persönliche Freiheit gewertet. Auf die Idee, dass Kleinkinder das ständige Grabbeln und Tatschen, auch als Grenzüberschreitung und Einschränkung ihrer Freiheitsrechte empfinden könnten, kommen viele Erwachsene nicht. Der weit verbreitete Drang vieler Verwandter und Familienangehöriger, das Kind unbedingt knuddeln, knutschen und antatschen zu müssen, projiziert das eigene Bedürfnis nach Liebe, Zuneigung und Nähe auf das Kind.

Sicher, Kinder brauchen Liebe, sollten aber nicht überliebt werden. Psychoanalytiker sprechen hierbei im Zuge des vermeintlichen Geburtenschwunds und der damit zunehmenden Überliebung von Kindern vom Phänomen des »too good mothering«. Wenn Kinder sofort jeden Wunsch erfüllt bekommen, überall im Mittelpunkt stehen, nie mit Frustration, Grenzen und Konsequenzen leben müssen, dann ist das  auch eine Form von Vernachlässigung und mangelndem Respekt vor Kindern, da man nur seine eigene Harmoniesucht und nicht die Erziehung der Kinder im Blick hat. Viele werden dies leider nur als Kavaliersdelikt betrachten und wundern sich dann über die zunehmende Überheblich‐ und Grenzenlosigkeit der eigenen Kinder.

Kinder ernst zu nehmen und zu respektieren, bedeutet eben auch, über den eigenen Schatten und die eigenen vermeintlichen Fehler stehen zu können. Wer seine Unzulänglichkeiten, seine Launen und vor allem seine Bedürfnisse auf das Kind projiziert, übersieht schnell die Bedürfnisse der eigenen Kinder. Ferner: nur wer mit sich selbst im Reinen ist und sich seiner Stärken, Schwächen und Unzulänglichkeiten bewusst ist, wer in der Lage ist, sich selbst zu reflektieren, wird auch seine Kinder respektieren können. Viele instrumentalisieren ihre Kinder, projizieren sich selbst in ihnen, haben Erwartungen, Wünsche, Bedürfnisse usw., die sie auf ihre Kinder übertragen. Meist sind Kinder damit jedoch überfordert oder schlimmer: bekommen ernsthafte seelische Störungen.

Freilich kann man Respekt, in Form von Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Toleranz, Rücksicht und Verständnis auch in anderen Richtungen erwarten. Kinder sollten auch lernen, andere Kinder und Erwachsene zu achten. Auch Mütter und Väter sollten sich gegenseitig respektieren und wertschätzen, denn wenn nicht, wird das Kind das wahrnehmen und eine Form von mangelnder Wertschätzung anderen Menschen gegenüber vorgelebt bekommen. Auch Mütter sollten Nicht‐Mütter und die Bedürfnisse anderer Menschen achten und respektieren lernen und nicht davon ausgehen, dass ihr Kind der Nabel der Welt ist, dem sich alles unterzuordnen hat.

Kinder sind Individuen, die zwar das Leben erst noch kennenlernen, aber schon Grundzüge der eigenen Persönlichkeit aufweisen. Kinder sind Menschen, das vergessen vor allem viele Kinderfeinde, von denen es leider viel zu viele gibt. Kinderfeindlichkeit ist Menschenfeindlichkeit und damit menschenverachtend.

Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

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