ZG‐Rückblick: Griechenland

Fast alle Themen melden sich für den Sommer langsam ab. Nur in Griechenland wird weiter demonstriert und in Deutschland diskutiert. Jeder versteht die Wut der Griechen, aber sparen sollen sie trotzdem und erst wenn sie so fleißig wie die Deutschen sind dürfen sie meckern?

epikur:
Ob wirklich jeder die Wut der Griechen versteht, ja verstehen will, da habe ich so meine Zweifel. Wenn in Europa demonstriert wird, dann ist es immer zu Unrecht, uns gehts doch gut hier, wie so oft behauptet wird, warum wird dann »Randale« gemacht?

Das Sparpaket ist durch, doch Griechenlands Probleme sind damit nicht gelöst. Tausende Randalierer hassen ihre Regierung abgrundtief, sie rüsten schon zur nächsten Schlacht.

-SpiegelOnline vom 30. Juni 2011

So oder so ähnlich ist der Tenor unserer bürgerlichen Medien. Von Verständnis keine Spur. Wenn jedoch in China, dem Iran oder im Nahen Osten Menschen auf die Straße gehen, dann sind es aufrechte Demokraten, die für Menschenrechte und Demokratie eintreten. Diese Doppelmoral ist auch im Falle Griechenlands wieder unerträglich.

Griechenland wird nicht das letzte Land in Europa sein. Spanien, Island, Irland — sie alle sind unter der Knute der internationalen Finanzmarkt‐Fetischisten zusammengebrochen. Ob Wirtschafts‐, Banken‐, Finanz‐ oder Eurokrise — es ist die Krise des Kapitalismus. Die einzelnen Krisen gibt es nicht, sie sollen nur suggerieren, dass das große Ganze ja noch intakt sei, wie Roberto J. De Lapuente erläutert hat.

jtheripper:
Deutschland rettet einfach alle. Wir bürgen für Europa. Auch wenn wir die Kohle nicht haben; es kommt darauf an, wie man sich den Ratingagenturen verkauft.

todesglupsch:
Dieses Thema ist mir ziemlich leidig. Eigentlich ist es ein Thema bei dem gefühlt Niemand wirklich Ahnung hat was zu tun ist, aber sich trotzdem viele dazu berufen fühlen sich zu äußern. Natürlich beruflich berufen zuallererst Poltiker, aber in ähnlicher Weise Ökonomen (oder ZG’ler). Kann es sein das die EU gerade zum größten Wirtschaftslabor der Welt umfunktioniert wird?

Was Griechenland angeht, frage ich mich einfach nach welcher (Wirtschafts-)Logik die griechische Bevölkerung das verdient hat. Niemand kann Verantwortung klar verorten, wie immer, aber wenn überhaupt, dann war der einzige mögliche Fehler der Bevökerung, den ich sehen kann, nicht früher gegen ihre politische Kaste zu rebellieren. Soll ich mich jetzt in Deutschland freuen, dass Glück zu haben nicht Grieche zu sein oder mir Gedanken machen nicht den Fehler der griechischen Bevölkerung zu wiederholen? Aber solange die neoliberalen über alle Kanäle runterbeten, dass wir Deutschen ja wie kein anderes Land von der EU profitieren, gibt es ja kein Grund die wirtschaftliche Ordnung in Frage zu stellen.  

3 Gedanken zu “ZG‐Rückblick: Griechenland

  1. »Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten (Politik und Wirtschaft) uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.«

    Sir Arthur Charles Clarke (1917 — 2008)

    Machtausübung ist Dummheit und allgemeiner Wohlstand, eine saubere Umwelt und der Weltfrieden sind selbstverständlich — sobald die Religion überwunden ist: eine künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten, die es der halbwegs zivilisierten Menschheit seit jeher unmöglich macht, zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus zu unterscheiden, wie es der obige Artikel wieder einmal beweist.

    Wahnsinnige Priester verbreiten bis heute irrationale Cargo‐Kulte um die Heilige Schrift, die »hohe Politik« ist unfähig, die »banalsten Selbstverständlichkeiten« zu verstehen, vorgebliche »Wirtschaftsexperten« beherrschen nicht einmal die Grundrechenarten, und der »Normalbürger« zieht es vor, fremde Köpfe einzuschlagen, statt den eigenen Kopf etwas anzustrengen. Dass unsere »moderne Zivilisation« kurz vor der größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte (globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon) steht, wird von den »Verantwortlichen« noch gar nicht wahrgenommen, während die Untertanen sich eine »politische Meinung« einbilden und glauben, mit »mehr Demokratie« wäre irgendetwas zu erreichen.

    Mit einem hatte Karl Marx Recht, auch wenn er als Ökonom keine Leuchte war: Die Religion ist das »Opium des Volkes«. Doch der »Unglaube« ist gegenüber dieser schlimmsten aller Drogen wirkungslos, weil Gott existiert — als künstlicher Archetyp im Unterbewusstsein, der auf subtile Weise das Verhalten aller steuert, die »ihn« noch nicht erkannt und verstanden haben, ob sie wollen oder nicht. Die Bewusstwerdung der Programmierung nennt sich »Auferstehung«: (Nag Hammadi Codex II,3,21) Diejenigen, die sagen: »Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden«, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.

    Die »Auferstehung von den Toten« — als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor lauter Vorurteilen und vorgefassten Meinungen ihren Verstand verloren haben — erfordert umso mehr Anstrengung und Mut, je höher die »gesellschaftliche Position«. Der folgende Artikel befreit zunächst von den gröbsten Vorurteilen und führt dann weiter in die Tiefe:

    http://muskelkater.wordpress.com/2011/07/01/die-finanzkrise-und-die-krise-der-hohen-politik/

  2. Kann es sein das die EU gerade zum größten Wirtschaftslabor der Welt umfunktioniert wird?

    @todesglubsch. So seh ich das auch. Und mit dem zusätzlichen Effekt, dass das gesamte Denken der Menschen auch nur noch darauf konzentriert wird. Der Witz bei der Sache ist, — je größer das Labor für ein Experiment ist, desto einseitiger das Experiment und desto geringer die Chance, — in möglicher Vielfalt sich am sinnvollsten orientieren zu können. Immer wieder erheiternd, — wenn ausgerechnet Ökonomen von Evolution schwafeln, sie perfiderweise auf die Menschen selektiv anwenden, — aber niemals auf das, was sie selber am besten kennen wollen. Das Ding mit der; »Flexibilität«, hat eine merkwürdig einseitige Orientierung.

    Nachtrag: Mit »sinnvoll«, meine ich nicht den größten Profit, Wohlstand oder Macht, sondern die Chance; »sozial« und »liberal«, tatsächlich zu verbinden. Aber dazu gehört mehr, wie Ökonomie. Viel mehr.

  3. @antiferengi:

    Ja, mit der Flexibilität ist das so eine Sache; erhoben wird diese Forderung ja in der Regel von Personen, die als Beamte dem Staat »dienen« — häufig quasi nebenher, weil man ja noch andere Funktionen innehat.
    Auf jeden Fall sind diese Personen unkündbar, genießen vergleichsweise hohe Bezüge und im Alter eine schöne Pension — da ist es natürlich vertretbar, von »Flexibilität« zu faseln, es betrifft einen ja selbst nicht ...

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