Neusprech: Faulheit

»Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich«.

- Anatole France

Faulheit bezeichnet im Sinne von faul und Fäulnis, dass Verderben und das Verwesen von Obst und von Tieren. Im Zeitalter von Arbeitsfetischismus, Sklavenmoral, Arbeitssucht und vorauseilendem Arbeitsgehorsam ist der Vorwurf der Faulheit eine schlimme Sünde. Wer als faul bezeichnet wird, sei träge, arbeitsscheu, unnütz, wertlos und letztlich gar überflüssig. Der Begriff ist im Kapitalismus negativ konnotiert und wird als Waffe gegen all jene verwendet, die sich nicht dem Hamsterrad der ewigen Selbstverwertung unterwerfen können oder wollen.

In der Antike galt Faulheit im Sinne von Müßiggang als wichtige Charaktereigenschaft. Heute muss sich das Recht auf Faulheit erkauft und quasi erarbeitet werden. Nur wer hart und viel schuftet, der darf auch langsam gehen. Nur wer einen vermeintlich anstrengenden Arbeitstag  hatte, darf die Beine hochlegen und faul sein. Nur wer das ganze Jahr über in der Lohnarbeit geackert hat, darf in den Urlaub fahren. Faulheit als Gut, dass es zu erwerben gilt. Motivation, Fleiß, Leistung und Produktivität sind die großen Gegenspieler der Faulheit. Wobei Faulheit auch ein Wirtschaftsfaktor ist. Der Taschenrechner, die Fernbedienung, Rolltreppen und viele andere Wirtschaftsgüter wurden erfunden, weil Menschen faul waren.

Indes ist Faulheit weder für den Klimawandel, für Kriege noch für die Unzufriedenheit der Menschen verantwortlich. Von Faulheit wird die Welt nicht untergehen. Das kann man getrost der grenzenlosen Produktion und dem kapitalistischen Irrsinn zuschreiben. Oder wie der französische Sozialist Paul Lafargue schreibt:

Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den Nationalreichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.

Ein Mensch der respektiert werden will, muss ehrgeizig, fleißig, arbeitssüchtig und leistungsorientiert sein. Dieses Menschenbild ist in den Köpfen der Menschen tief verankert. So auch in Politik und Wirtschaft. So entstehen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Bewerbungstrainingskurse und Umschulungen, damit die Arbeitslosen auf eine Lohnarbeit vorbereitet werden, die es für sie nicht gibt. Aber Hauptsache sie sind nicht faul.  Arbeit als Selbstzweck. Denn wer nicht arbeitet, ist ein Sozialschmarotzer, ein Parasit, ein fauler Sack, wertloser Ballast. Erwerbslose haben kein Recht auf Faulheit und demnach auch kein Recht auf gesellschaftliche Anerkennung.

In Zukunft werden immer mehr Tätigkeiten auf Maschinen und Technologien übertragen werden. Die Automatisierung bringt es mit sich, dass immer weniger Lohnarbeiter gebraucht werden. Massenarbeitslosigkeit wird demnach weiterhin ein fester Bestandteil der Arbeitswelt sein. Erwerbslose werden so zum nicht‐lohnarbeiten gebracht. Statt sie als faule Säcke zu diffamieren, sollte man die Faulheit des Denkens ablegen und begreifen, dass die Befreiung von Sklavenmoral, Arbeitssucht, Mobbing, Abhängigkeit und Schufterei ein Segen ist.

10 Gedanken zu “Neusprech: Faulheit

  1. Das stimmt schon. Die wertvollste Resource ist Freizeit. Für mich ist es ein abaoluter Luxus mich mal Langweilen zu dürfen. Man fühlt sich dann in der heutigen Zeit ganz schlecht, weil man seine Zeit nicht besser verwendet hat. Aber wie viele Menschen langweilen sich eigentlich noch?

  2. Arbeit wird im ethymologischen Wörterbuch etwa so definiert:
    arbeit, arebeit, erebeit, erbeit stfn(m), arbeit; das durch arbeit zustande gebrachte, erworbene; mühe, müsal, not, die man leidet oder freiwillig übernimmt; kampfesnot; strafe; kindesnöte.

    Die gewöhnliche Art des Tuns — eben Arbeit — wird erst wegfallen, wenn die mentalen Ressourcen freigelegt werden. Dann kann man ein »Werk« tun, aber keine Arbeit...

  3. Ja, die schon seit vielen, vielen Jahren funktionierende Propaganda, der Arbeitsfetisch, hat die Hirne auch fast der allerletzten durchtränkt. So machte man Arbeit zum Selbstzweck, zum Ziel der Menschen, zum Sinn des Lebens. Rentner‐Gewordene verkümmerten plötzlich, ihres Lebenssinns beraubt, anstatt sich daran zu erfreuen, endlich ein freies, ungezwungenes Leben genießen zu können.

    Doch eigentlich war Arbeit immer nur Mittel zum Zweck — nicht Selbstzweck. Das Mittel dafür, sich mit den Dingen zum unmittelbaren (Über-)Leben zu versorgen. Das ist heute (und nicht erst SEIT heute) schon längst gewährleistet. Die in den letzten beiden Jahrhunderten exorbitant gestiegene Produktivität, durch Mechanisierung, Maschinisierung, Automatisierung und grundlegende Arbeits‐Umorganisation hat dafür gesorgt, dass in nur einem Bruchteil der Zeit all das erzeugt wird, was man so bräuchte. Dennoch wird so intensiv, wie fast noch nie in der Geschichte der Menschheit, aber auch häufig extensiver als in den letzten 50 Jahren gearbeitet.

    Wer dies verstehen möchte, beginnt spätestens jetzt, unangenehme Fragen zu stellen. Nach dem Warum.

  4. Die Frage ist doch grundsätzlich — »Was ist eigentlich Arbeit«?

    Wenn ich hier an meinem Computer sitze und diesen Kommentar schreibe — ist das Arbeit?
    Wenn ich am Computer sitze und ein Programm schreibe, welches keinen kommerziellen Hintergrund hat — ist das Arbeit?
    Oder ist es nur dann Arbeit, wenn ich für meine Tätigkeit von Dritten Geld oder eine andere Form der Entlohnung erhalte?
    Meine Arbeit ist für mich auch Spaß, Entspannung, Freude, Training, etc.. Ich kann zu Hause arbeiten, ich kann arbeiten wann ich will, kann arbeiten wie ich will. Wenn ich mal nichts tun will, so kann ich das auch tun. Ist das Arbeit?
    Ich betrachte mich als Prototypen des modernen Wissensarbeiter. Ich habe einen wunderbaren Arbeitgeber, der mir optimalen Freiheiten läßt.

  5. Pingback: Die Definition der Faulheit (Neusprech “Faulheit”) - CrossEvolution

  6. Anhand der Frage der Lohnarbeit zeigt sich wie leicht sich Menschen mit Lippenbekenntnissen abspeisen lassen, wie kleine Kinder, die sich über einen Bonbon freuen. Dabei ist das Streben nach Luxus eigentlich ein Streben nach Leben ohne arbeiten zu müssen und dafür haben Menschen sich schon allerlei Sachen einfallen lassen, die ihnen — auch im schnöden Alltag — jede Menge Arbeit abgenommen haben.

    Das Dilema liegt bloß darin, dass man die Gesellschaft als solches an diesem Fortschritt bis heute gar nicht beteiligt wird, es dient nur der Steigerung des Profites der jeweiligen Unternehmen, die auch viel Erfindungsreichtum entwickelt haben, um sich aller negativer Kosten zu entledigen. Und so kann man immer noch das Mantra der Lohnarbeit den Menschen vorbeten, wohlwissend, dass die Lohnarbeit in der heutigen Form überhaupt keine Zukunft mehr hat. Es ist aber letztlich nur ein Aufbäumen gegen das Unvermeidliche, denn die Beschäftigskrise wird in der Zukunft immer weiter anwachsen und somit wird die Frage auch immer dringlicher wie man mit den Folgen davon umgeht.

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