Zum Wesen der Kritik

»Mündigkeit ist für Demokratie wesentlich. Sie geht mit Kritik notwendig zusammen. Denn mündig ist nur, wer für sich selbst denkt und nicht bloß nachredet, was andere ihm vorgeredet haben. Das Selbst‐Denken erweist sich aber erst in der Kraft zum Widerstand gegen vorgegebene Meinungen«

- aus der Einleitung von Kritiknetz.de

»Schreib nicht immer soviel negatives« oder »wenn, dann übe doch mal konstruktive Kritik, wie man es besser machen könnte« durfte ich mir dieser Tage wieder einmal anhören. Höchste Zeit also, zu diesem Thema auch mal einen Artikel zu schreiben, auch wenn der geschätzte Kollege Roberto von Ad Sinistram mit der »in Kritik gepackten Kritiklosigkeit« dieses Feld schon gut beackert hat: »Das strikte Pochen darauf, Negationen an Alternativen zu binden, gleicht einer Mundtotmacherei, die Menschen dazu animiert, erst gar nicht zur Kritik animiert zu werden«.

Zunächst muss ich mit dem weitverbreiteten Voruteil aufräumen, dass Kritiker hoffnungslose Pessimisten und Schwarzseher seien. Ganz im Gegenteil! Menschen, welche in die Welt eintauchen, sich Gedanken darüber machen, wie es besser oder zumindest eben nicht sein sollte, haben in der Regel eine tiefe Verbundenheit zum Leben, der Gesellschaft und der Welt. Die Kritik ist insofern ein lebensbejahendes Prinzip mit der Motivation zur Veränderung, zur Verbesserung. Die völlig Kritiklosen, die Gleichgültigen und  die Fatalisten sind eher die Pessimisten, da sie die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben haben und sich mit ihrer Situation sowie mit ihrem Leben abgefunden haben. Derjenige der das Schlechte schönredet, ist in Wahrheit der eigentliche Realitätsverleugner.

Im Volksmund wird Kritik häufig mit nörgeln, motzen und meckern gleichgesetzt. Dabei dient die Kritik der Aufklärung, der Perspektiverweiterung, des Hinterfragens und der vermeintlichen Veränderung und Verbesserung, nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Nörgeln ist in der Regel nur Selbstzweck. Sich‐Luft‐machen, um sich dann besser  zu fühlen, ohne eine wirkliche Änderung anstreben zu wollen. Ein motzender, meckernder Mensch sieht selten über den eigenen Tellerrand hinaus. Dies wird daran deutlich, dass häufig motzende, jammernde Menschen, dann entspannter werden, wenn sich ihre persönliche Situation verbessert hat. Kritik sollte in erster Linie der Aufklärung und Erkenntnis und nicht der persönlichen Bedürfnisbefriedigung dienen.

»Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein«

- Jiddu Krishnamurti

7 Gedanken zu “Zum Wesen der Kritik

  1. In Deutschland ist das Wort Kritik leider negativ besetzt. Besser wäre vielleicht ein Ausdrück wie »hinterfragen«. Nicht umsonst gibt es im Toyota‐Produktionssystem die berühmten 5W — frage fünfmal warum? So läßt sich in vielen Fällen die eigentliche Ursache eines Problems herausfinden. Und, wenn man das gemacht hat, dann kann man auch in der Regel Lösungsalternativen anbieten.

    Ich halte Kritik in Frageform für die intelligenteste Art, etwas zu kritisieren. Wir müssen einfach lernen, intelligent zu fragen und auch in Frageform zu kritisieren.

  2. Kritik durch Fragenstellung.
    Tja, damit wären wir wider bei Sokrates.
    Dagegen nimmt er sich die einzelnen zu rückhaltloser Prüfung vor, verwickelt sie in lange und untersuchende Gespräche und scheucht sie dabei aus ihrer Genügsamkeit und Selbstsicherheit auf. Wenngleich er nicht direkte Lehren verkündet, sondern nur auf dem Umweg der Erregung eigenen Denkens seine Freude zur Selbstverwircklichung antreibt, erscheint er doch als der Aufrührer und Unruhestifter.

  3. Du hast das gut beschrieben: Wer noch was zu kritisieren hat trägt noch die Idee von einer besseren Welt in sich. Erst wenn die Hoffnung tot ist, ist alles egal und es gibt keinen Grund mehr zu Klagen.

  4. es gibt keine funktionierende demokratie, so lange die menschen nicht lernen, mit kritik umzugehen, kritik zu ertragen, kritik als hilfe zu verstehen, anstatt sie nur als narzißtische kränkung zu begreifen.

  5. ich kann nur zustimmen, dass ich die erfahrung teile kritik funktioniert besonders gut, wenn sie als frage formuliert wird, denn das räumt zum einen die möglichkeit ein, das der kritisierende auch irren könnte (er hinterfragt tatsächlich »nur« ohne den anspruch auf orthodoxe dogmen) und zum anderen empfindet der kritisierte die kritik meist als denkanstoß.

    zum artikel:
    ich denke nicht das die frage ob alternativen dargeboten werden entscheidend sind für die qualität einer kritik (außer teilweise bei konkretem, persönlichem handlungsbedarf, also situationsabhängig) sondern die nachvollziehbarkeit der argumente.
    teilweise habe ich die erfahrung gemacht, dass kritik sich auf zusammenhänge stützt die entweder für andere schwer nachvollziehbar oder sogar hypothetisch bis spekulativ sind. dann müssen erneut diese zusammenhänge erst einmal hinterfragt und geklärt werden.
    gerade in diesen fällen kann es helfen die kritik in frageform zu äußern, da hier diese zusammenhänge häufig als möglichkeiten, denn als gegebene umstände, wahrgenommen werden.

  6. Sehr sehr guter Beitrag!
    wer, wie, was — der, die, das — wieso, weshalb, warum — wer viel fragt ist dumm...«
    Vielleicht ist die Kultur des hinterfragens in den frühen 70ern durch das Missverständnis eines Titelsongs zerstört worden? «
    Und was damals die Sesamstraße schaffte, machen sich heute die Medien zu nutze?...
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=4343

  7. @Reiner:

    Was ein Quark... der Text lautet anders und gibt dadurch einen um 180° gedrehten Sinn: »... wer nicht fragt, bleibt dumm«.

    Es geht ja eben ums Fragen. Das ist ne Kinder(!)sendung. Schon mal drüber nachgedacht, dass, wenn etwas reichlich komisch wirkt, du es evtl. nicht ganz verstanden hast???

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