Symptom einer kranken Gesellschaftsordnung

Innerhalb eines Monats hat es mehrere sog. »Amokläufe« gegeben. Zuerst der Amoklauf in Winnenden am 11. März, bei dem der 17jährige Schüler in seiner ehemaligen Realschule 15 Menschen erschossen hat. Ein Massaker mit 14 Toten in einem Sozialzentrum in Birmingham, ein Blutbad mit acht Toten in einem Altenheim in der US‐Stadt Carthage  sowie ein Amoklauf im Landshuter Landgericht. Während bei der Tat in Winnenden noch große Betroffenheitsfloskeln sowie eine dummdreiste konstruierte Kausalität von sog. »Killerspielen« zu hören war, sind die öffentlichen Statements zu den weiteren Ereignissen nun leiser geworden. Der Amoklauf als Normalzustand.

Die Mainstream‐Medien berichten, wie üblich, nur über den Tatvorgang. Beschränken sich in aller Regel auf die Schreckensmeldung, welche eine verkaufsfördernde Schlagzeile garantieren soll. Dabei würde die Diskussion schon bei dem Begriff »Amoklauf« anfangen. Der Terminus »Amok« kommt aus dem Malaiischen und bedeutet übersetzt soviel wie »im Kampf sein letztes geben«. Krieger in Südindien und Malaysia waren darauf trainiert im Kampf alles zu geben ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Heute wird der »Amoklauf« als die Tat eines Wahnsinnigen beschrieben. Dabei sind die Ereignisse keineswegs von Spontanität oder Affekt gekennzeichnet — sie sind häufig sehr genau geplant und die Täter sind hochkonzentriert, fest entschlossen und berechnend.

Der US‐Kriminologe Travis Hirschi hat vor allem vier soziale und psychologische Faktoren ausgemacht, die es uns ermöglichen die Balance im Leben zu halten. Zusammen bilden sie ein soziales Band:

1.) Die emotionale Bindung an andere Menschen.

2.) Das Gefühl der Verpflichtung/Verantwortung gegenüber anderen Menschen.

3.) Die Einbindung in konventionelle Tätigkeiten, wie Vereinen, Sport, Hobbys etc.

4.) Der Glaube an bestimmte Werte.

Wenn diese Faktoren an Bedeutung verlieren, fühlen sich Menschen halt — und schutzlos. Das Fehlen von  sozialer Bindung, Solidarität und menschlicher Wärme kann unauslöschliche Eindrucke hinterlassen. Die Taten sind also keineswegs die Handschriften von Wahnsinnigen oder Verrückten, die man als Einzelfälle abtun kann um dann wieder zur Tagesordnung über zu gehen. Vielmehr sind diese Phänomene systemischer Natur. In einem gesellschaftlichen Klima in dem jeder für sich steht, jeder seinen persönlichen Vorteil auch auf Kosten seiner Mitmenschen maximieren soll und in der persönliche Erfahrungen von Bindungen, Solidarität und Anerkennung immer seltener werden — ist der Amoklauf das Produkt eben dieser Gesellschaftsordnung. Mobbing, Konkurrenzdenken, Rivalität, Egoismus und Leistungsdenken zerstören systematisch eine Persönlichkeitsentwicklung, die Selbstvertrauen schafft. Starke ethische Überzeugungen sind im heutigen marktradikalen Deutschland wenig vorhanden. Stattdessen überall Konkurrenzdenken, Wettbewerb, Egoismus, der Mensch muss »funktionieren«, soll etwas »leisten« und oft ist der einizge Maßstab die Effizienz. In diesem Sinne haben sich die Amokläufer dem herrschenden Zeitgeist ergeben, indem zuerst die Effizienz zählt und die Frage nach der moralischen Zulässigkeit sich später oder gar nicht stellt. Sie haben möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit gezielt, geplant und »effektiv« getötet.

Vor zwei Jahren habe ich in einem Artikel bereits die These aufgestellt, dass solange der gesellschaftliche Frieden und das soziale miteinander immer weiter abgebaut und ausgehöhlt werden, es auch weiterhin Amokläufe geben wird. Diese sind Symptom einer kalten, kapitalistischen, menschenfeindlichen Gesellschaft und nicht das Werk einzelner Verrückter. Es ist an der Zeit, dass die politisch Verantwortlichen diesen Zusammenhang endlich erkennen: es ist ein politisches, gesamtgesellschaftliches Problem. Weder die Schule, die »Killerspiele«, noch die Waffengesetze, noch die Eltern können allein dafür verantwortlich gemacht werden. Leider ist in Zeiten der Wirtschaftskrise, in dem die  Lasten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden sollen, nicht zu erwarten, dass diese Erkenntnis demnächst kommen wird.

13 Gedanken zu “Symptom einer kranken Gesellschaftsordnung

  1. Hallo,

    fulminant beschrieben.

    Ich erlebe das Leistungsdenken, und die damit zusammenhängende soziale Kälte bei meinen eigenen Miterben, und Geschwistern — die lachen einem noch aus, wenn man die gesellschaftlichen Mißstände sieht, d.h. ich bin hier der einzige, der die Realität schon seit der Zeit VOR der Agenda2010 sieht, die du beschreibst.

    Keine Sorge, Amoklaufen werde ich dennoch nicht, obwohl ich schon des öfteren dachte ich könnte meine »Geschwister« in einem Sack in den Rhein werfen und ersaufen lassen — wie früher manche Katzen ertränkt haben.

    Der Unterschied — ich denke es nur, aber zur Tat schreite ich nie — eben weil ich überzeugter Pazifist und Kriegsdienstverweigerer bin.

    Übrigens, die Opfer von Winnenden organisieren sich so langsam gegen den unmenschlichen Staat, der seit dem 11. September 2001 alles gegen »Terroristen« unternahm, aber den privaten Waffenbesitz — was ich als erstes strikt untersagt hätte — weiter erlauben:

    http://www.aktionsbuendnis-amoklaufwinnenden.de

    Das Gästebuch dort wurde auf folgenden Gründen:

    »[...]SCHADE! Leider wurde das Gästebuch von vielen Besuchern als Forum missbraucht, indem auf unsagbare, und zum Teil sehr beschämende und beleidigende Weise Einträge vorgenommen wurden.
    Somit sahen wir uns gezwungen das Gästebuch zu entfernen.
    Schade für die Personen, die an der Trauer teilnahmen und sich nicht an der verbalen Schlacht beteiligten![...]«

    Quelle:

    http://www.aktionsbuendnis-amoklaufwinnenden.de

    Übrigens, ich entdeckte die Seite erst gestern, kann also nicht sagen, was die unsagbares im Gästebuch dort veröffentlich haben, aber ich kann es mir denken nachdem ich deinen Text, der unsere unmenschlich‐menschenverachtende Gesellschaft sehr treffend beschreibt, gelesen habe.

    Fazit:

    Nicht einmal Amoklauf‐Opfer sind vor Internet‐Idioten (Troll‐Threads) gefeit!

    Gruß
    Nachdenkseiten‐Leser

  2. Sehr schön beschrieben.
    Der öffentliche Umgang damit ist bezeichnend für unsere Gesellschaft.
    Das Internet und auch unsere Spielekultur ist lediglich ein Spiegel derselben.
    Wer hier Einschränkungen vornimmt geht den Weg des geringsten Wiederstandes,
    indem er den Blick auf die Realitäten manipuliert, während diese aber weiter existiert.
    An das Kernproblem der Erkaltung einer ganzen Gemeinschaft traut sich keiner,
    was ja schließlich auch gewaltige Konsequenzen hätte.
    Ich will jetzt keinem seine Spielekultur vermiesen, aber rein logisch bedeutet der
    Umgang mit Killerspielen nichts anderes als das man Spass am Hässlichen hat.
    Es klingt hart, — ich weiss. Aber durch die diesbezügliche Pro, — und Kontradiskussion
    passiert auch nichts anderes als dass der Blick auf die Realität umgangen wird.
    So gesehen kann man diese Spiele sogar als Kompensationsfaktor gutheißen.
    Ein Verbot jedenfalls ist vollkommen unsinnig.
    Letztendlich bleibt es dabei, — wenn wir es nicht schaffen unserer Gesellschaft
    wieder menschliches Leben einzuhauchen, indem wir Abstand von dieser Überkonzentrierung auf Verkauf und Profit nehmen, werden insbesondere
    für Jugendliche die damit verbundenen Wiedersprüche zwischen Wertigkeit und
    realer Welt überhaupt nicht mehr auflösbar werden, und zu noch mehr
    Verzweiflungstaten führen.

  3. Stimmt genau,

    kann da ich nicht viel hinzufügen... Meine Erfahrung ist nur die, dass die Menschen die Lage des »Verlierers« im Sinne von Wirtschaftsverlierer, der damit oft auch zum Sozialverlierer wird, nur dann nachvollziehen können, wenn sie selber das Verlieren kennengelernt haben. Bis dahin wird der größtenteils noch exisiterende allgemeine Wohlstand immer als unfehlbar großartig und fast‐perfekt gewertet und damit jeglicher Fehler des Systems entschuldigt. Das kann aber nur solange gutgehen, bis es mehr Verlierer als Gewinner gibt und davon sind wir nicht mehr weit entfernt.

  4. Leute, ihr solltet euch eigentlich wundern, daß so wenig »Amokläufe« passieren.

    Wenn ich mir überlege, welche Wut ich manchmal auf einige staatlichen Institutionen und deren Vertreter habe, dann muß ich von Glück reden, daß ich relativ gut sozial eingebunden bin. Und ich bin dabei auch kein Einzelfall, auch Bekannten von mir geht es ähnlich. Das arrogante und rücksichtslose Verhalten der Vertreter erzeugt eine hilflose Wut, die sich irgendwann einmal entladen muß!

  5. @gerhardq

    Ich frage mich schon lange, warum es vor allen Dingen in Hauptschulen nicht zu Amokläufen oder ähnlichem kommt? Wer von allen Seiten zu hören bekommt, er sei der »Looser« der Gesellschaft und infolgedessen auch nichts zu verlieren hat — wie soll man da seine Wut und Ohnmacht kanalisieren? Wir können quasi »froh« sein, dass viele kiffen und »Komasaufen« betreiben. Auch wenn das natürlich zynisch klingt.

  6. Hallo epikur,

    vielleicht liegt es am intakten Familienumfeld, welches Hauptschüler — im Gegensatz zu Yuppie‐Eltern, noch haben? Dies geht übrigens, siehe mein Beispiel oben, auch nur gut solange kein Unternehmen existiert, Konkurrenzdenken unter Geschwistern auch dadurch aufkommt (»ich erbe einmal alles, nein ich«, nur so als Beispielsatz), und kein tragendes Familienmitglied urplötzlich wegstirbt, wie bei mir geschehen.

    Übrigens, was den »Looser« angeht, mir wurde heute wieder einmal beschieden »Du bist doch nichts«, dafür erntete betreffende Person die Bezeichnung »Sozialrassist« und »Yuppie‐Freundin«).

    Ich weiß, ich sollte ausziehen, aber mir fehlt die entsprechende finanzielle Ausstattung dazu, und auch die Beziehungen über Freunde, die mir sofort eine neue Bleibe verschaffen — andernfalls wäre ich längst hier fort.

    Wer weiß? Vielleicht ging es dem Amokläufer von Winnenden — was seine Schuld natürlich nicht mindern soll — ähnlich wie mir?

    Was deinen Zynismus angeht, ich kiffe nicht, und auf »Komasaufen« steh ich auch nicht, aber wer weiß??????

    Vielleicht hat mir auch die tägliche Lektüre deines Blogs, und der Nachdenkseiten, weitergeholfen?

    Vielleicht auch die Tatsache, dass ich — nach wie vor — noch an meinem Leben hänge? Soviel ich weiß sind ja Amokläufer oft des Lebens überdrüssig — meist richten diese sich ja selbst nach der Tat.

    Gruß
    Nachdenkseiten‐Leser

  7. Nachschub:

    Vielleicht hält mich auch nur die Tatsache am Leben, dass ich noch erleben will, wie der »Große Crash« in Deutschland alles zusammenbrechen läßt?

    Und zwar so, dass Besserverdiener, deren Freunde in der Mittel‐ und Unterschicht auch einmal die Vergnügungen des HartzIV‐Alltages haben.

    Wer jetzt noch meint, dass es ja Arbeitslosengeld I gibt, den muss ich enttäuschen, da stand vor kurzem bei http://www.nachdenkseiten.de — in den Hinweisen des Tages — das ALG I ein Auslaufmodell wäre, d.h. die Arbeitnehmer z.B. bei Opel und Daimler, die fallen nach der Bundestagswahl, und dem Wahlsieg von CDU/CSU/FDP (=die reinste Horrorkoalition) automatisch in HartzIV.

    »Hartz IV für alle ist dann keine leere Parole mehr« :(

    Gruß
    Nachdenkseiten‐Leser

  8. @Epikur: In diese Schulen gehen inzwischen zu einem Großteil Schüler, die aus dem sogenannten Prekariat stammen und dort ist immer wieder ein interessantes Phänomen zu beobachten: Viele haben hier eine ganz andere Erwartungshaltung an das Leben, als die Kinder der (noch) wohlsituierten Yuppies, denn sie wissen, dass es schon ihre Eltern nicht sehr weit gebracht haben und sie selbst auch nur eine sehr geringe Chance haben. So entsteht eine Art Identifikation mit der Unterschicht, dass man am Ende die eigene Zugehörigkeit zu der Unterschicht immer in einem positiven Kontext setzt. Sehr bequeme Methode, um ganze Gesellschaftsschichten ›unten‹ zu halten — nicht umsonst hoffiert die Unterhaltungsbranche Vertreter der Unterschichten, die das Leben ›ganz unten‹ in der Öffentlichkeit glorifizieren und schafft damit ein Bild nach aussen, der so in der Realität gar nicht stimmt. Aber das sind die Stars dieser Jugendlichen, denn sie leben ihnen einen Traum vor, in dem Reichtum und Ruhm auch erreichbar ist, ohne wirklich ›dazu‹ zu gehören.

  9. Du spielst wohl auf Sprüche von Jugendlichen an, die meinen »Wenn ich groß werde, bekomme ich Hartz IV« — ist in der Unterschicht, weitverbreitet der Spruch, und führt leider nicht zu einem entsprechenden revolutionären Bewußtsein — eben wegen der Public Relations‐Propaganda, die du hier sehr treffend beschrieben hast ;)

    Hier ein trefflicher Text dazu, wie Konservative, die wachsende Unterschicht immer mehr verharmlosen:

    http://www.welt.de/politik/article3470549/Nachdenken-ueber-die-deutsche-Unterschicht.html

    Gruß
    Nachdenkseiten‐Leser

  10. Nein, ich meine das in einer anderen Hinsicht. Wir haben schon lange in Deutschland eine schleichende Ghettoisierung, die schon längst ganze Generationen betrifft. Hier hat man gelernt sich damit zu arrangieren und es als ein gewissen Normalzustand zu empfinden. Für diese Kids ist auch Schule nicht wichtig, es wird geschwänzt, denn die eigene Clique ist wichtiger. So findet hier sehr wohl Gewalt statt, allerdings weniger an den Schulen, sondern mehr in den Bereichen, die weniger kontrolliert werden und es werden Alkohol und Drogen konsumiert.

    Ich will damit eigentlich nur sagen, dass das Problem hier vielleicht noch wesentlich akuter ist, denn die Beteiligten ziehen sich alle noch gegenseitig herunter, auch diejenigen, die das Zeug hätten wirklich aus sich zu machen. Es ist bloss unsichtbarer und je mehr sich hier der Staat aus der Verantwortung heraus zieht, umso weniger sichtbar ist es, dafür umso gefährlicher. Von der Gefahr, die auch noch von den gefrusteten, aber fanatisierten muslimischen ›Loosern‹ ganz zu schweigen. Aber um Letzteres zu entschärfen, müsste man erstens, zugeben, dass Muslime eine Religionsgemeinschaft darstellen, wie andere auch und zweitens, endlich mal Hausaufgaben machen im Umgang mit den Migranten — und das betrifft so ziemlich alle europäischen Staaten, die in ihrer Arroganz den Morgenland als primitiv darstellen, dabei aber verschweigen, dass Europa nichts ohne das Morgenland wäre. Ich weiss nicht, ob die heutigen Menschen dazu in der Lage sind...

  11. Jetzt wird die Sache klarer, aber ich denke es hängt beides zusammen.

    Ich las gerade ein Buch der türkischstämmigen Juristin Seyran Ates, das ich dir nur empfehlen kann.

    Die schreibt eigentlich genau was du meinst.

    Was Europa und das Morgenland angeht, da gebe ich dir völlig Recht, aber die Sache sehe ich hier globaler — nicht nur das »Morgenland« hat das »alte Europa« befruchtet, sondern auch China, Japan, beide amerikanische Kontinente, Rußland usw. usf.

    Die Liste der Länder, die Europa beeinflußt haben ist riesig, nicht allein das »Morgenland«, aber auch.

    Ich sagte früher immer, wäre das »Morgenland« nicht gewesen, dann wären wir in Europa immer noch im finstersten Mittelalter, aber mittlerweile sehe ich es globaler, d.h. ich dehne es auch auf andere Kulturen aus, die Europa im Laufe der Geschichte befruchtet haben.

    Gruß
    Nachdenkseiten‐Leser

  12. Ich bin immer wieder erstaunt wie wenig wir bereit sind uns mal von der Detailsuche abzuwenden, und stattdessen mal den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten.
    Ich erlaube mir hierzu mal ein kleines vielleicht anfangs schwer verständliches Beispiel zu liefern.
    Eltern welche jahrelang Ihren Kindern erzählt haben, das »Geld nicht alles ist«, oder »es gibt wichtigers wie Geld.« konfrontieren heute, nachdem dieselben Kinder im Alter sind wo sie sich z.B. zu einer Lehrstelle beworben haben mit Fragen wie »Na Kind, — hast du dich auch gut verkauft ?«
    Zugegeben ein krasses Beispiel aber leider schon allzu oft gehört.
    Wir könnten diese Form von Beispielen endlos weiterführen, — ob es sich nun um die ach so friedfertige deutsche Gesellschaft handelt welche gleichzeitig als drittgrösster Rüstungsexporteur der Welt handelt, oder die ständige Diskussion um sogenannte Unterschichten gepaart mit der Erkenntnis das sich eigentlich gar keiner darum kümmert.
    Mir selber passiert es oft im eigenen linken, und auch grünen Rahmen, das Leute welche vormals in der Lage waren, logisch nachvollziehbar und eindeutig Stellung zu beziehen heute überhaupt nicht mehr in der Lage dazu sind.
    Was stattdessen rüberkommt ist die totale Blockade einer ehemals wertvollen Diskussionsform in welcher die Lösung eines Problems die Ursache der Diskussion war.
    Wenns schwierig wird, enden heute solche Auseinandersetzungen oft mit dem Satz das es die Sichtweise des anderen ist, und damit lässt man es einfach stehen.
    In einer Gesellschaft, welche in Ihrer Gesamtheit so operiert, kann man viel über die Dinge reden, aber man wird nie eine Lösung finden.
    Ganz besonders nicht wenn ziemlich offensichtlich wird, das eine Lösung, oder gar die Herangehensweise daran das letzte ist was man eigentlich will.
    Ich will damit sagen, — dass diese unsere Gesellschaft sich vollkommen selber relativiert hat. Dafür gibt es viele Gründe. Die Akzeptanz einer vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Individiualismussuche. Dazu jede Menge Esoterik, Wellness und andere Formen der Selbstbeweihräucherung. Und vieles mehr welches es uns ermöglicht das jeder einzelne von uns sich in seinem relativistischen Eigenbau eines Universums zurückziehen kann, um nur ja den Blick von den einfachen Arbeiten die anliegen abzuwenden.
    Wie sonst ist es möglich das eine mehr als zwanzigjährige Diskussion über Konzepte, in und um, Schulreformen dazu führt das jetzt die Schüler auf die Strasse gehen und halten Schilder hoch auf denen dieselben einfachen Sachen stehen wie vor zwanzig Jahren.
    Ich will jetzt auf keinen Fall einfache dogmatische Denkweisen wieder propagieren. Davon bin ich weit weg. Und ganz besonders will ich hier nicht das einfache Leben verkaufen. Aber anstehende Probleme muss man nun mal fähig sein auch einfach zu betrachten, was das Beispiel mit den Schulreformen wohl deutlich zeigt.
    Ich überstrapaziere auch hier gerne den Satz, das selbst die Wissenschaft, deren Handwerkszeug eine relativ einfache logische Vorgehensweise ist, diesbezüglich ihre Seele verkauft hat, — was über die Wissenschaftsjournalisten zu noch mehr Relativität geführt hat.
    Wie sonst kann man die Unmengen an Arbeiten zum Thema Psychologie und/oder Sozialarbeit betrachten, welche letztendlich keine anderen Lösungen erbringen, als Arbeitsplätze und Profilierungsmöglichkeiten für eben diese Leute.
    Wie sonst war es möglich jahrzehntelang eine politische Kaste zu wählen, welche mehr als offensichtlich reale Problemlösungen durch relativistische Gesellschaftskonzepte zu ersetzen.
    Wenn ich mit Jugendlichen rede, dann ist es immer genau dieses nicht mehr nachvollziehbare Überangebot der Selbstfindung, welches erst ermöglicht hat einen Marktplatz nicht nur des Profites, sondern auch der Selbstbefriedigung zu schaffen,
    welches diese Jugendlichen zusammen mit den ständigen Widersprüchen fast in den Wahnsinn treibt.
    Der coole Student am Tresen leiert gerne den Satz runter »Wahrheit, — was ist das?«
    Derselbe Student fordert später von seinen eigenen Kindern Wahrheitsliebe ein.
    Die Kindergärtnerin spricht: »Kinder brauchen Regeln«. Dieselben Regeln werden in jedem Kindergarten anders gehandhabt, und gesellschaftsweit sowieso vollkommen relativiert.
    Sozialarbeiter gehen mit einem »Konzept im Kopf« auf ihre Schützlinge zu und haben mehr Vertrauen zu diesem Konzept als zu ihren Schützlingen. (Auch eine Form von Technokratie).
    An die Jugendlichen kann ich nur appellieren. Verzweifelt nicht in diesem Nebel der Nichtwahrheiten. Durch Amokläufe bekommen nur die Futter, welche mit an diesem Nebel gebastelt haben.
    Helft stattdessen mit den Nebel zu lichten. Ignoriert Sätze wie »Das siehst du zu einfach«,
    oder wie »Das ist deine Sichtweise«.
    Helft stattdessen euren eigenen Eltern wieder Licht ins Dunkel zu bringen. Denn letztendlich sind alle nur hilflos.

  13. Pingback: Müffelnde Politiker und Mümmelmänner. Oster-Blogschau (4/II)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.