Apotheken: »Einfach unverzichtbar?«

Twitter‐Meldung vom 21. Dezember 2018

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) hat im Mai 2018 eine deutschlandweite Kampagne gegen das vermeintliche »Apotheken‐Sterben« gestartet. Die Kampagne läuft vorerst zwei Jahre und das Budget liegt bei zwei Millionen Euro pro Jahr. Es gibt hierzu Motive und Medien‐Material in Apotheken, Print‐Anzeigen, Plakate auf öffentlichen Plätzen sowie eine intensive Social‐Media‐Kommunikation (#unverzichtbar).

Da ergreifen beispielsweise viele Bürgermeister deutschlandweit Partei für die Apotheken:

  • »Strukturen für gute Versorgung kommen nicht von alleine.« (Armin Elb, Bürgermeister von Wernau)
  • »Bei uns sind die Apotheken vor Ort auch sozialer Treffpunkt.« (Maik Strömer, Bürgermeister von Oranienbaum‐Wörlitz)
  • »Für den Fortbestand unserer Apotheken sollten wir vorbeugen.« (Anita Meinelt, Bürgermeisterin von Moosburg an der Isar)
  • »Jede Apotheke vor Ort ist eine Investition in unsere Zukunft.« (Norbert Büscher, Bürgermeister von Much)

Bürgermeister(innen) als Kronzeugen für die Vertriebseinrichtungen der Pharmaindustrie zu instrumentalisieren, hat nicht nur einen faden Beigeschmack, sondern lässt auch viel Raum für böse Verschwörungstheorien (»big pharma«) zu. Ob die Bürgermeister(innen) sich öffentlich auch für alternative Medien, Gewerkschaften, die Vermögenssteuer, linke Tageszeitungen, gegen Sozialabbau und gegen westliche Oligarchen sowie für Waffenexport‐Verbote in Steinzeit‐Diktaturen aussprechen würden?

8 Gedanken zu “Apotheken: »Einfach unverzichtbar?«

  1. Ich denke, Apothekerverband, Bürgermeister und Pharma* verhalten sich systemkonform/marktkonform/ökonomiekonform/... regelkonform. Daraus sollte man niemandem einen Vorwurf machen.

    Was wäre ihre Alternative?

  2. @Carlo

    Mit dieser Argumentation kann man aber letztlich alles begründen und rechtfertigen, oder?

    Es sollte eben nicht »normal« sein, wenn etliche Bürgermeister sich für eine Medien‐Plakat‐Kampagne der Apotheken/Pharmaindustrie instrumentalisieren lassen. Das ist öffentlicher Lobbyismus. Die Interessen von Big Pharma sollten nicht die Interessen eines Bürgermeisters sein, oder?

  3. Bisher gibt es nur eine Verschiebung von Haupt‐/Einzelapotheken zu Filialapotheken. Ein Viertel der Einzelapotheken hat seit der Jahrtausendwende geschlossen und ist nahezu 1 zu 1 durch Filialen ersetzt worden.

  4. Da wird doch wieder die Ursache mit der Folge verwechselt...
    Warum »sterben« Apotheken denn weg (mal abgesehen davon, dass mir keine in der eigenen Umgebung einfallen würde, bei der das der Fall war)?
    Dadurch, dass im Bereich »Medikamente und Ergänzungsmittel« über lange Zeit so einiges zu »frei verkäuflich« umdeklariert wurde, sodass man es auch bei Rossman kaufen kann oder wem auch immer, der am wenigsten kostet. Das Geschäft fehlt dann im Budget der Apotheke. Zum anderen überlegen es sich die Leute auch genauer, bei Selbstzahlungspreisen, ob sie wirklich jeden Kram brauchen.
    Auch das fehlt auf der Einnahmenseite.
    Logisch, dass unter den Bedingungen mit der Zeit irgendwann auch ein paar Filialen zumachen, weil sie sich wirtschaftlich nicht lohnen...
    Da muss man aber keine Werbekampagnen schalten, da sollte man sich bei seinem Gesundheitswesen beschweren gehen.

  5. @epikur

    Da bin ich ganz bei Dir. Mit dieser Argumentation kann man innerhalb der aktuellen gesellschaftlichen Ordnung und deren Mechanismen alles begründen und rechtfertigen. Und ja, Politiker sollten generell keine Konzerninteressen vertreten. Deshalb fragte ich nach einer Alternative (nicht nur für die Bürgermeister).

    Man kann ja den Bürgermeister nicht aus dem systemischen Kontext reißen. Vielleicht hat der eine oder andere persönliche Vorteile. Denkbar wäre es. Möglicherweise sind es aber handfeste ökonomische »Sachzwänge« in der Kommune? Man kann es aus der Entfernung nicht einschätzen. Jedenfalls ist der Bürgermeister, wie jeder andere Politiker, auf fremdes Geld angewiesen.

    Die andere Frage wäre die nach dem »Normalen«. Ich weiß nicht, was »normal« ist. Ausbeutung, Gewinn, schuldenbasiertes Geld, Privatbesitz an Grund und Boden, Umweltzerstörung, Korruption, Kriege? Scheinbar ja. Sonst gäbe es das alles nicht. Nichts davon ist eine Neuerfindung der letzten 200–300 Jahre.

    Menschen haben eine wichtige Überlebensstrategie: die Anpassung. Das gilt auch für Bürgermeister, Banker, Beamte, Politiker, Mitarbeiter eines Unternehmens und alle anderen, die sich ebenfalls für ein Geldeinkommen prostituieren müssen, um zu überleben. Das »System« lebt durch und von Opportunismus.

  6. @Carlo
    Die Alternative wäre, wenn sich die Bürgermeister allgemein für grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung einsetzen würden: zb kürzer getaktete und pünktliche Bus‐ und Bahnverbindungen ins kleinste Nest des Landes, Büchereien, Apotheken, Post und Banken im kleinsten Dorf. Medizinische Versorgung, die höchsten Ansprüchen gerecht wird, auch im kleinsten Kaff. Und so weiter und so fort.
    Aber wir müssen ja die Rechnungen der Reichen und Superreichen und ihrer Systemerhalter (in Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Kunst und Kultur) zahlen (Cum‐Ex), da bleibt halt nix für die Kommunen bzw. für die Bürger übrig. So ein Pech aber auch, diese Naturgesetze immer.

  7. @Musil

    Wäre das die Alternative? Wie will so ein Bürgermeister das realisieren?

    Und warum müssen »wir« die Rechnungen »der Reichen und Superreichen und ihrer Systemerhalter (in Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Kunst und Kultur)« zahlen?

    Ich denke aber, dass es ironisch gemeint war. Und trotzdem: Wenn Geld wirklich so knapp ist, dass für Kommunen/Bürger nix übrig bleibt, warum machen » wir uns« kein Geld, welches für alle und alles reicht? Man lebt doch schließlich in einer »Demokratie«.

  8. Naja,selbst wenn es Apotheken‐Sterben gibt oder gäbe,spätestens wenn jemand wichtiges MdB usw oder jemand aus dem Umfeld nicht das bekommt,was er/sie haben möchte,wird es eine Untersuchung geben,die feststellt:
    »Zuwenig Apotheken!«
    Und dann wird Geld bereitgestellt zur Wiederaufforstung...
    und nach ein paar Jahren gibt’s wieder zuviele Apotheken...

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