28c3

- Gastbeitrag von mr. peepwood

Während des vom Chaos Computer Club (CCC) ausgerichteten 28c3 habe ich fleißig, wie alle anderen Nerds auch, vom #28c3 (Chaos Computer Congress) in Berlin getwittert und jtheripper fand meine Berichterstattung anscheinend so interessant, dass er mich gebeten hat, ob ich nicht was dazu auf dem Blog veröffentlichen würde. Nun denn, gesagt – Verzögerung – getan. Vielleicht gefällt’s ja auch dem einen oder anderem Nichtnerd...

Zur Erklärung: Der Chaos Computer Congress ist ein jährlich stattfindender Kongress der größten Hacker‐ und Häcksen‐ (laut CCC offizielle weibliche Form des Hackers)-vereinigung der Welt, die zwischen den Weihnachtsfeiertagen und Sylvester im Berlin Congress Center stattfindet. Hier werden 4 Tage lang Themen aus Technik, Sicherheit, Politik, Naturwissenschaften und allerhand Seltsamen dazwischen besprochen, aber auch Kreativem, wie beispielhaft der mit Violine und Klavier untermalte Vortrag zum Thema gemeinfreie Musik aus dem Jahr 2010 beweist.

Falls man sich das Ganze mal vor Ort anschauen möchte, stellt sich einem als erstes die Hürde des Tickets: Vor einigen Jahren wurden die Karten nur direkt vor Ort verkauft, was lange Warteschlangen vor den Pforten des Berlin Congress Centers verursacht hat. Für Kongressteilnehmer, die deutschlandweit oder gar aus anderen Ländern anreisten, konnte das natürlich dazu führen, dass sie an der Kasse standen und kein Ticket mehr bekommen haben. Aus diesem Grund hatte man sich beim CCC dazu entschieden, den Verkauf nur noch online zu machen, so dass die Leute besser planen können.

Congress Center Berlin — Foto mr. peepwood

Der Nachteil an dieser Lösung ist allerdings, dass auf die angebotenen 4000 (keine genauen Zahlen gibt es nicht) Tickets gefühlte 2 Millionen Interessenten kommen. Viele versuchen noch über diverse Skripte dem System eins auszuwischen, was zum Glück nicht immer klappt, weil der CCC diese versucht zu blockieren. Der erste Block von 2000 Tickets wurde um 22.00 Uhr freigeschaltet. Ich hatte bereits eine viertel Stunde vorher die Bestellseite geöffnet und wartete, immer die aktuelle Zeit im Blick:

21.59 Uhr: der Webserver langweilt sich noch (aaahh schön, dann bekomme ich sicher ein Ticket).

Punkt 22.00 Uhr: Der eben noch aktive Server gibt kein Zeichen mehr von sich. Verdammt... Wie ein von der Tarantel gestochener drücke ich F5 zum Aktualisieren der Seite, aber nichts tut sich. Verdammt, verdammt, ist etwa mein Internet gerade zusammen gebrochen? Das darf doch nicht wahr sein. Nach 30 Sekunden dann eine Fehlermeldung von nginx, dass der Server überlastet sei (wer diesen Webserver kennt, weiß, was nötig ist, um seine Ressourcen zu übersteigen). Die gesamte erste Charge war innerhalb von 3 Minuten ausverkauft.

Schlussendlich hat dann doch alles geklappt und ein Freund und meine Wenigkeit sind mit einer Sonderkarte der Deutschen Bahn für 90 Euro einmal quer durch Deutschland und wieder zurück gekommen. Der CCC hat es aufgrund der vielen Leute geschafft von der Deutschen Bahn tatsächlich mal normale Preise angeboten zu bekommen, was für die vielen Studenten, die teilnehmen, mehr als angenehm ist.

Für die 80 Euro regulären Eintrittspreis (50 Euro für Mitglieder) gibt es 4 Tage volles Programm von 11.30 bis meistens 24.00 Uhr, die in 3 verschiedenen Tagungsräumen stattfinden (einer mit 1000 Plätzen, einer mit 200 und noch einer mit 150). Wenn man als IT’ler von seiner Firma aus mal 2 Tage auf einen Kongress geschickt wird, zahlt sie 1.000 Euro oder mehr für weniger Unterhaltung, die man bekommt, also sind selbst 80 Euro Eintrittspreis mehr als ein Schnäppchen.

Im Keller des BCC ist jedes Jahr ein »Hackcenter« aufgebaut, ähnlich einer LAN‐Party; an jedem Tisch präsentiert eine Gruppe Hacker ihren lokalen CCC‐Verein, bastelt an Hardware (bspw. Teslaspulen, die Musik machen. Sieht in groß so aus: Singing Tesla Coil at Duckon 2007) oder hacken in den Tiefen ihres Linux rum.

Im Erdgeschoss befindet sich in der Mitte ein runder, fast die gesamte Fläche einnehmender Raum, in dem eine Pyramide zum Sitzen und Ausruhen aufgebaut wurde, ein Bällchenbad für die kleinen und großen Nerds und der Verkauf von Kaffee und das Kultgetränk Club‐Mate (Mate ist eine südamerikanische Pflanze, die viel Koffein enthält und in Form von Eistee angeboten wurde). Zudem wird seit einigen Jahren ein Hackerkindergarten angeboten, bei dem Eltern ihre Kinder abgeben können und sie dann betreut mit Lego Robots oder ähnlichem die Welt der Technik erforschen dürfen. Die Erwachsenen konnten so lange auch ein paar Meter weiter die Welt des professionellen Schlösseröffnens kennen lernen, wie es der Schlüsseldienst auch macht, falls man sich ausgesperrt haben sollte. Leider gab es hier nur ein paar Termine und die zu vergebenden Plätze waren schon eine halbe Stunde vorher belegt.

Der erste Stock glänzt schlussendlich mit dem größten Kongressraum sowie außerhalb ein paar verstreute Tische, an dem Linuxer ihre Distribution vorstellten, oder aber auch Gyrokopter gebaut wurden.

Nun zum größten Manko des Ganzen, wie ich es vor ein paar Zeilen schon habe durchschimmern lassen: Die vielen Teilnehmer auf die vorhandenen Plätze. Bei gefragten Veranstaltungen musste man eine halbe Stunde vorher bereits draußen warten, so dass man gleich den Raum stürmen konnte auf der Suche nach einem freien Stuhl oder im schlimmsten Fall gar den vorhergehenden Vortrag über sich ergehen lassen, dass man den darauffolgenden sehen konnte.

Interessante Vorträge waren von Anne Roth über die sächsische Überwachungsmaschinerie; der Staatstrojaner; der Fnord‐Rückblick, in dem das politische Jahr satirisch auf’s Korn genommen wird; wie man Autorenschaft technisch erkennt und aber auch mit welchem Tool, man dies verhindern kann und mein Lieblingsvortrag: »Die Koalition setzt sich aber aktiv und ernsthaft dafür ein« von Martin Haase, in dem er die politische Sprache zerpflückt, die unsere Sprechblasenautomaten so von sich geben. Ein sehr ernsthaftes Thema, das schon fast kabarettistisch besprochen wurde. Auf jeden Fall ein sehenswerter Vortrag, nicht nur für epikur. Vielleicht inspiriert es ihn ja, mehr dazu zu schreiben, weil ich seine Erklärungen näher an der Realität sehe. Jedes Mal wird von ihm dargelegt, welchen Zweck die verwendeten, verdrehten Worthülsen haben sollen, was in Martin Haases Vortrag auf der Strecke bleibt.

Apropos Realität: Ein Kritikpunkt des CCC an der aktuellen Politik ist die Überwachung. Aber was, wenn diese weg ist? Ist dann tatsächlich alles OK? Wenn HartzIV‐Bezieher sich nicht mehr vom Arbeitslosigkeitsamt überwachen lassen müssen, sondern sie »nur« den gesellschaftlichen Druck und die Schikane aushalten müssen, ist die Welt besser geworden? Nein. Damit schafft man nur eine angenehme Atmosphäre innerhalb eines Gefängnisses, das man sich schick einrichten möchte. Es ist an dieser Stelle noch viel zu tun, auch wenn ich dankbar dafür bin, ohne zu viel Blicke von den falschen Leuten, meine Worte formulieren zu können.

Abschließend bleibt zu sagen, dass ich als Techniker viel Spaß hatte, viel Interessantes gehört habe, aber nach 3 Tagen hat es auch mir gereicht und ich habe mir gewünscht, bereits in Ruhe zu Hause zu sein, ohne hunderte Leute um einen herum. Falls man in Berlin oder Umgebung wohnt, ist der Kongress sicher eine tolle Sache, aber ohne Rückzugsmöglichkeit ist es schon eine Belastung. Diesen Dezember werde ich mir wahrscheinlich beim lokal ansässigen CCC‐Verein die Onlineübertragung der Vorträge anschauen, kann am Abend nach Hause fahren und hab noch Leute aus der Gegend kennen gelernt, mit denen auch mal zusammen bei einem Bier über gemeinsame Projekte reden kann.

Na dann, Prosit!

4 Gedanken zu “28c3

  1. Sehr guter und interessanter Beitrag!

    Martin Haase´s Rede habe ich schon mal gehört gehabt. Im Allgemeinen versuche ich aber so wenig wie möglich andere Sprachkritik zu lesen (oder zu hören), das lenkt mich meist zu sehr von den eigenen Gedankengängen ab ;)

  2. @epikur

    Du meinst nach dem Motto: »Habe eigene Gedanken, sonst redet man dir welche ein«? ;)

    Und danke für deine Meinung; bin ich auch länger drangesessen, damit ich nicht mit arg konfuser Sprache aus euren normalen Blogposts rausstech hehe

  3. @todesglupsch:

    Danke für die Blumen, ich hab grad schon 3 Themen im Kopf, bei denen ich entscheiden muss, welches ich am besten ausformuliere ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.