Sterben ist nicht gleich sterben

Spätestens seit der Tsunami-Katastrophe in Südostasien im Jahre 2004, bei der über 200.000 Menschen gestorben sind, wissen wir, dass sterben nicht gleich sterben bedeutet. Es muss einer biblischen Tragödie gleichen oder einem Wettlauf gegen die Zeit, wenn sich die Mainstream-Massenmedien der Toten annehmen sollen. Einfaches Verrecken, alltägliches Sterben ist eben unspektakulär und besitzt daher, wie Publizisten immer so schön formulieren, wenig »Nachrichtenwert«.

Das kleine afrikanische Kind, dass an Unterernährung elendig verhungert, die ältere Frau, die wochenlang tot in ihrer Wohnung in einer Großstadt liegt oder der Obdachlose, der im Winter erfriert — Wen interessierts? Das ist Alltag, Normalität, geregeltes krepieren. Warum also darüber berichten? Es hat ja doch keinen »Unterhaltungswert«, ist eben zu langweilig, zu unspektakulär. Und genau darum geht es: Unterhaltung und Verkaufsqoute. In diesem Sinne widern mich derzeit alle bürgerlichen Medien mit ihrer aasgeierhaften verlogenen Moralpredigt an. Es geht einzig und allein um Auflage. Schaut her, das arme Kind! Schaut euch die ganzen Toten und Verletzten an! Spendet! Habt Mitleid! Tut etwas für euer Gewissen! Wir berichten darüber. Wir sind doch die Guten!

Sicherlich können einem die Menschen leid tun. Das können einem die jährlich weltweit über 960 Millionen Menschen, die an Unterernährung sterben, aber auch. Oder eben viele andere Menschen die zu früh, zu tragisch und zu unvorbereitet zu Tode kommen. Wer hat das Recht zu entscheiden, welche »berichtenswert« sind und welche nicht? Oder anders gefragt: mit welchem Recht nehmen sich die Medien raus, über die toten Kinder in Haiti zu berichten und über die vielen anderen Toten zu schweigen? Sind manche Tote medial eben mehr »wert« als andere? Was haben Pietät und bürgerliche Medien überhaupt noch gemeinsam?

Warum wird für Haiti ein gigantisches Hilfspaket geschnürt, während in Darfur weiterhin ein Völkermord stattfindet und niemand reagiert?

9 Gedanken zu “Sterben ist nicht gleich sterben

  1. Das Merkblatt für Selbstmörder aus Wallraffs »Aufmacher« paßt hier wunderbar:

    »(die sicher gehen wollen, daß ihre Verzweiflungstat in BILD beachtet wird.)

    von einem Insider

    Wenn Sie nur Arbeiter sind, haben Sie es schwer.
    Stadträte, Millionäre, Beamte und Fabrikanten (da kann die Firma auch nur zwei Mitarbeiter haben) kommen leichter ins Blatt.
    Wählen Sie eine »interessante« Todesart: Selbstgebastelter Elektrischer Stuhl zum Beispiel oder »öffentlicher Tod«. Das heißt: Springen Sie von einem möglichst hohen Dom. Oder verfüttern Sie sich im Zoo — möglichst an einem Tag mit viel Publikum — den Raubtieren.
    Wenn Sie aber unbedingt einsam in ihrem Zimmer sterben wollen, weil Ihnen wirklich nicht nach Öffentlichkeit zumute ist, dann suchen Sie sich wenigstens ein gutes Motiv für Ihren Freitod aus. Vorsicht — »seelische Depressionen« oder wenig origineller Freitod wegen sozialer Deklassierung oder Arbeitslosigkeit gibt es bei BILD gar nicht. Schlagzeilenträchtig sind dagegen Motive wie: Liebeskummer, Ehekrach, schlechte Schulnoten, Pickel im Gesicht, Stottern, Ladendiebstähle (unter 20 Mark), Dauerregen, verpaßte Züge, das Fernsehprogramm, Essen verbrannt, Beule im Auto oder möglichst eine Mischung von allem.
    Sorgen Sie dafür, daß das Motiv bekannt wird. Das heißt: Legen Sie Ihren Abschiedsbrief so hin, daß ein Nachbar ihn findet. Denn BILD-Reporter fragen immer erst bei Nachbarn. Zur Sicherheit sollten Sie aber — falls Ihr Nachbar BILD nicht mag — ein Duplikat des Abschiedsbriefes an die Zentralredaktion schicken.
    Schreiben Sie, daß Sie auf Ihre Persönlichkeitsrechte verzichten, sonst wird Ihr Name abgekürzt oder gar erfunden und abgekürzt.
    Legen Sie ein Foto bei, dann haben Sie den Fotochef von BILD auf Ihrer Seite. Wenn Sie Familie haben, dann möglichst ein Bild mit Frau und Kindern.
    Hinweis für die Hinterbliebenen: Pro Foto gibt es im Schnitt 45 Mark. Wird der Freitod Seitenaufmacher, kommt noch Zeilenhonorar von rund 100 Mark dazu.«

  2. Ihr habt ja Recht! Ich habe Unterernährung mit verhungern gleichgesetzt. Mein Fehler. Knapp 1 Milliarde hungern weltweit, aber nicht alle sterben an den Folgen.

    Ändert eure Zahlenrechthaberei jetzt irgendetwas an der inhaltlichen Ausrichtung des Artikels? ;)

  3. Ja, Markus, das ändert alles schlagartig. Wir können jetzt nämlich beruhigt sein, denn alles ist nur halb so schlimm... wahrscheinlich nicht mal halb so schlimm. Eher nur ein Zehntel so schlimm — wenn überhaupt! Siehst Du, Markus, jetzt ist die Brisanz aus Deinem Artikel. Eine Milliarde Hungertote müßten wir anmahnen. Aber nur einige Millionen? Damit läßt es sich doch leben, oder?

  4. Wenn schon Tüpfleschei..., oder wie es im Süden heißt Korinthenkack.... dann will ich auch wenigstens meinen geschmacklosen Kommentar hinzufügen. Der feine Unterschied hängt sich am Wort des »sterbens« auf. Wenn 1 Milliarde an Unterernährung »leiden«, oder daran »sterben« sind viele dabei beteiligt die lieber »sterben« als »leiden« wollen. Kann ich die Geschmacklosigkeit noch toppen? Geht sicher. Am Sinn des Artikels ändert sich dabei nichts. Leiden ist für die Boulevardpresse nicht so schlimm wie sterben. Und gestorben wird dort am effektivsten, wo die Presse mit dem Finger drauf zeigt. Der Rest ist dem Rest der Welt egal. Es muss unter die Haut gehen, — nicht an die Seele.

  5. Irgendwo gab es die These, dass die Hilfsaktion vor allem deshalb so inszeniert wird, weil die USA ökonomisch-politisch-ideologische Interessen haben...

    Außerdem lenkt diese Katastrophe mal wieder wunderbar von den Problemen des Westens mit Finanzkrise, Armutslöhnen, Bildungskatastrophe und Kriegskonflikten ab.
    Die mediale Dauerbefeuerung der Westler mit dem Elend und dem Hunger in Entwicklungsländern hört nämlich schon lange niemand mehr. Und da soll bitte auch niemand so genau nachfragen, denn da gibt es eine Menge Interessengruppen, die Land, Öl, Rohstoffe, Menschen usw. in eben diesen Entwicklungsländern ausbeuten wollen und diese Gruppen möchten eben dabei nicht gestört werden.

    Kurze Midleidsorgasmen mit Naturkatastrophenopfern lenken die weltweite öffentliche Aufmerksamkeit eben genau von dem Aufkauf von Ackerland in armen Ländern durch Investoren ab. Dass die Bauern auf diesem Land dann demnächst zur Zunahme der hungernden Menschen beitragen werden, wird ignoriert.
    Niemand darf sich den Interessen des Kapitals in den Weg stellen!

    Investitionen lohnen sich eben immer und wie man in Mexiko sieht, wo Hunderttausende Billigstlöhner Produkte für die US-Wirtschaft zusammenkloppten, hat sich diese Armutsarbeit gelohnt, denn Konstruktion, Entwicklung und Design wurden NICHT nach Mexiko übertragen, dafür ist die Politik noch korrupter als die Wirtschaft, so dass Steuern dortnicht gezahlt werden müssen, Bildungsinvestitionen werden dort nicht getätigt und seit der Weltwirtschaftskrise sind in den ehemaligen mexikanischen »Arbeitslagern« Hunderttausende arbeitslos. Aber dafür haben sich ein paar US-Investoren und Aktienhalter der Hedgefonds mit der Arbeit dieser Mexikaner eine goldene Nase verdient.
    (Zynismus im letzten Absatz, gelle)

  6. Um den Korinthenkackerkommentatoren mal etwas mit auf den Weg zu geben: Könnte es nicht sein, daß sehr sehr viele Menschen, die an Kranklheiten sterben in der sogenannten 3. Welt, deshalb an solchen Krankheiten erkranken und sterben, weil sie unterernährt sind? Wäre es da nicht vielleicht sogar richtiger, diese Menschen tatsächlich als Hungertote zu bezeichnen?
    Wer weiß, wahrscheinlich sind der Hunger und der Mangel auch wichtige Faktoren bei all den Bürgerkriegen, der Kriminalität usw.

    Summasummarum könnte also locker sogar mehr als eine Milliarde Hungertote unterm Strich herauskommen...

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