Psychologie der Resignation

»Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag auf den andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod. Und das war ihm durchaus recht«.

- Patrick Süskind. Aus dem Roman: Die Taube. Seite 5.

Anmerkung: Sieht so die Psychologie der Masse aus? Eine millionfache Resignation? Wenn ja, was kann man dagegen tun? Sollte man etwas dagegen tun? Scheinbar steht das Bedürfnis nach monotoner Sicherheit, sei sie noch so illusorisch, über dem urmenschlichen Drang nach authentischem Leben.

4 Gedanken zu “Psychologie der Resignation

  1. Es gibt ein wunderbares Werk für Demagogen und solche, die es werden wollen, im Grunde das Standardwerk: Gustave le Bon — Psychologie der Massen — aus dem Jahre 1895.
    Hier ein paar Zitate:
    »Regeln, welche auf rein begrifflichen Ermessen beruhen, vermögen sie [die Massen] nicht zu leiten. Nur Eindrücke, die man in die Seele verpflanzt, können sie verführen.«
    »Die bewußte Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen sind nach derselben Richtung orientiert.«
    »...besitzen sie [die Massen] eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz andrer Weise fühlen, denken und andeln, als jeds von für sich fühlen, denken und handeln würde.«
    »In der Gemeinschaftsseele verwischen sich die Verstandesfähigkeiten und damit auch die Persönlichkeit des einzelnen. Das Ungleichartige versinkt im Gleichartigen, und die unbewußten Eigenschaften überwiegen.
    Eben diese Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eingenschaften erklärt uns, warum Massen niemals Handlungen ausführen können, die eine besondere Intelligenz beanspruchen.«
    »Nichts erscheint ihr [der Masse] unwahrscheinlich, und das darf man nicht vergessen, wenn man begreifen will, wie leicht die unwahrscheinlichsten Legenden und Berichte zustande kommen und sich verbreiten.«
    »Sie [die Masse] denkt in Bildern, und das hervorgerufene Bild löst eine Folge anderer Bilder aus, ohne jeden logischen Zusammenhang zum ersten.«
    »Die Masse ist unfähig, das Persönliche von dem Sachlichen zu unterscheiden.«
    »In dem Augenblick, da sie zu einer Masse gehören, werden der Ungebildete und der Gelehrte gleich unfähig zur Beobachtung.«
    »Die Massen werden zu sehr vom Unbewußten geleitet und sind also dem Einfluß uralter Vererbung zu sehr unterworfen, als daß sie nicht äußerst beharrend sein müßten. Wenn sie sich selbst überlassen werden, erlebt man bald, daß sie, ihrer Zügellosigkeit überdrüssig, instinktiv der Knechtschaft zusteuern.«
    »Welche Ideen den Massen auch suggeriert werden mögen, zu Wirkung können sie nur kommen, wenn sie in sehr einfacher Form aufzunehmen sind und sich in ihrem Geist in bildhafter Erscheinung widerspiegeln.«
    »Ideen brauchen lange Zeit, um sich in der Masse festzusetzen, und sie brauchen nicht weniger Zeit, um wieder daraus zu verschwinden.«
    »Die Urteile, die die Massen annehmen, sind nur aufgedrängte, niemals geprüfte Urteile.«
    »Eine große Grundanschauung wird an dem Tage zum Tode verurteilt, an dem man anfängt, ihren Wert zu bestreiten. Da jede allgemeine Grundanschauung nur eine Einbildung ist, so kann sie nur bestehen, solange sie der Prüfung entgeht.«
    »Wir haben die Macht der Massen zu fürchten, aber noch mehr die Macht gewisser Kasten! Die Massen lassen sich vielleicht überzeugen, die Kasten geben niemals nach.«
    »Der Erfolg einer Rede in einer Parlamentsversammlung hängt fast ausschließlich vom Nimbus des Redners ab, keineswegs von den Gründen, die er vorbringt.«
    »Sie [die Parlamente] bergen eigentlich nur zwei ernstliche Gefahren in sich: die übermäßige Verschwendung der Finanzen und die zunehmende Beschränkung der persönlichen Freiheit. Die erste Gefahr ist die notwendige Folge der Ansprüche und Kurzsichtigkeit der Wählermassen.
    ...
    Die zweite der oben erwähnten Gefahren, die unvermeidliche Beschränkung der Freiheit durch die Parlamente, ist zwar weniger sichtbar, aber doch Tatsache. Sie ist Folge der zahllosen, stets einschränkenden Gesetze, deren Auswirkungen die kurzsichtigen Parlamentarier nicht bemerken und für die zu stimmen sie sich verpflichtet fühlen.
    ...
    Die Schaffung jener unzähligen gesetzlichen Maßnahmen allgemeinbeschränkender Art führt notwendig zur Erhöhung der Zahl, der Macht und des Einflusses der Beamten, die mit ihrer Durchführung beauftragt werden. Sie haben also alle Aussicht, die wahren Gebieter der Kulturländer zu werden. Ihre Macht ist um so größer, als nur die Beamtenkaste als einzige, die unverantwortlich, unpersönlich und auf Lebenszeit angestellt ist, dem unaufhörlichen Machtwechsel entgeht. Nun gibt es aber keine Gewaltherrschaft, die härter ist als diese, die in ihrer dreifachen Gestall auftritt.«

    Diese Weisheiten sind jetzt über hundert Jahre alt, aber immer noch wahr. Um Einfluß auf die Massen zu erhalten, braucht man nur die o.g. Regeln anzuwenden, bzw. deren Gegenteil zu tun.

    Alle Massen haben einen sogenannten »Tipping Point«, daß heißt, zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Situation reicht ein kleiner Stubbs aus, ein Umschlagen der Meinung zu erzielen. Das setzt aber auch voraus, daß die alternativen Ideen von den entsprechenden Massenmultiplikatoren schon vorher verteilt wurden, so daß diese nicht neu sind. Dazu benötigt man öffentliche Plattformen = Massenmedien mit entsprechender Breitenwirkung.

  2. »Die Taube« ist zwar ein tolles Buch, aber erklären kann auch dieses Buch nicht alles! ;) Nein, das dürfte nicht die Haltung »der Massen« sein. Die Masse — das hätte gerhardq als erstes sagen müssen — hat überhaupt keine Haltung! Die Leute denken aber auch nicht so. Sie reflektieren insbesondere nicht über Wesentliches oder Unwesentliches. Siehe doch die Hysterie um »Deutschland sucht den Superstar«. Ich habe mir diese Sendung noch nie länger angeschaut als es braucht, um den Knopf auf der Fernbedienung nochmal zu drücken. Wahnsinnig viele Leute suchen aber allen Ernstes den Superstar! Sie wollen ihn auch tatsächlich finden, obwohl er ihnen in dieser Sendung niemals präsentiert werden wird und sie die dort präsentierten Typen ein Jahr später komplett aus ihrem Gedächtnis gestrichen haben werden. Viele tausend Leute verschrotten derzeit für ein Geschenk von 2500 Euro auf die nächste beschissene Karre ihr Auto, statt einfach abzuwinken und Merkel den Vogel zu zeigen. Da passiert intellektuell einfach gar nichts mehr in diesen Köpfen...

  3. @Manfred
    Stimmt gerade die Glotze ist eine ganz und gar erstaunliches Medium dessen bizarre Welt man erst richtig wahrnimmt, wenn man eine Weile abstinent war. Wenn ich heute mal Nachrichtensendungen sehe wunder ich mich, warum sich so wenige über derart Platte Propaganda aufregen. Die Gewohnheit lässt offenbar viele Zuschauer nur noch vegetativ reagieren und es kommt zu den im ersten Komentar beschriebenen Effekten.
    Ich wüsste auch nicht, wie man diese Bastion der Macht nehmen will. Wer die Macht über die Bilder hat (s.o) hat die Macht über das Denken der Massen. Egal, ob es sich nun um Fernsehbilder oder um Bilder im Kopf handelt, die sich ja auch durch Sprache erzeugen lassen.
    Resignation sehe ich aber auch und Unverständnis bei Freunden und Bekannten dafür, sich eingehender mit den Dingen zu befassen. Motivationstrainer nennen das gerne die »Komfortzone«, die zu verlassen die meisten nicht den Mut oder den Willen haben. Selbst jetzt, wo diese Zone in Folge der ausufernden Wirtschaftskrise in hohem Maße gefährdet ist, bleibt es beim Verharren in ihr und der Hoffnung, St. Florian möge doch dafür sorgen, dass nur das Haus des Nachbarn abbrennt und das eige verschonen.

  4. Du, Willi, das ist keineswegs nur das Fernsehen. Beim Fernsehen merkt man es vielleicht am ehesten, weil es dezidiert bessere Programme gibt (die öffentlich‐rechtlichen nämlich, auch wenn mir klar ist, dass sie sich sooooo stark nun auch nicht mehr von den privaten unterscheiden), aber bei den Zeitungen merkt man es etwa daran: In Mainz liegt vor Heimspielen von Mainz 05 der Allgemeinen Zeitung ein ganzer Bogen Sonderbeilage bei und am Montag nach dem Spiel erscheinen wenigstens zwei Seiten allein dazu, gefüllt etwa mit einer Einzelkritik aller Spieler. Wenn aber Stadtratssitzung ist (was ohnehin viel seltener geschieht), dann ist üblicherweise keine explizite Einladung oder gar ein Aufruf im redaktionellen Teil zu finden, sondern höchstens die offizielle Bekanntgabe auf der letzten Seite. Nach der Stadtratssitzung kann man sich auf der Mainzer Seite dann die drei über die Seite verstreuten (kleinen) Artikel zu Tagesordnungspunkten aus der Stadtratssitzung zusammenklauben; keine Spur von Differenzierung oder gar »Spieler«-Einzelkritik. Kurz gesagt: Die Öffentlichkeit nimmt sich selbst nicht mehr wahr!

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