Vor einiger Zeit war ich auf einer Eltern-Kind-Reise im nahegelegenen brandenburgischen Wald bei Wandlitz mit vielen anderen Kindern und Eltern unterwegs. Alles in allem war das eine durchaus nette und klassische Angelegenheit mit Lagerfeuer und Stockbrot, im See schwimmen, einen Pferdehof besuchen und so weiter. Es gab weder große Probleme, noch Konflikte (außer einer Horde Mücken :sick: ). Was mir allerdings extrem aufgefallen ist, war das oft völlig übertriebene Positiv-Gequatsche der Eltern. Offensichtliche Dinge, wie beispielsweise das wirklich schäbige Essen der Jugendherberge mit zerkochten Nudeln, Kartoffel-Püree-Pampe, halbgaren Fischstäbchen sowie einer Resteverwertung vom Vortag, wurden nicht kritisch erwähnt, sondern sogar gelobt: »Echt leckeres Essen hier, das muss man schon sagen!« Weiterlesen
Schlagwort-Archiv: Kritik
»Was ist denn jetzt wieder los?«
...ist eine Frage, die genau dann kommt, wenn man gesellschaftliche Normen und Konventionen in Frage stellt, beispielsweise zu Weihnachten. Wenn man eine andere Perspektive einnehmen oder die Normalität des Alltags durchbrechen will. Wer sich abseits der standardisierten Gedanken, der gleichgeschalteten Kommunikation und der infantilen Emotionen bewegt, mit dem muss etwas nicht stimmen. Wer Interessen hat, die den eigenen kleinen Dunstkreis, die eigene Familie und den eigenen Arbeitsplatz nicht betreffen, der ist ein unbequemer Nerd. Ein Wichtigtuer, Klugscheißer und Möchtegern. So einer ist nicht nur komisch, sondern auch furchtbar anstrengend. Das Beste ist, sich mit so einem nicht einzulassen und ihn bestmöglich zu ignorieren. Weiterlesen
Vorwürfe rechtfertigen
Typische Euphemismen um sich selbst eine Legitimation zu schaffen, um vorwurfsvoll sein zu dürfen, ohne jedoch der/die »Böse« zu sein, weil man den Gesprächspartner doch darauf vorbereitet habe, sind:
- Du darfst das jetzt bitte nicht persönlich nehmen, aber...
- Bitte nicht falsch verstehen...
- Das ist jetzt nicht böse gemeint...
Wenn man einen Satz so beginnt, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass danach Schuldzuweisungen, Vorwürfe, Kritik, Verurteilungen, Tadel, Rügen, Maßregelungen und Beanstandungen folgen. Der Versuch, die Kritik präventiv rosarot zu färben, heißt noch lange nicht, dass sie zwingend angemessen ist.
Mentale Maulkörbe
»Um zu erfahren, wer über dich herrscht, finde einfach heraus, wen du nicht kritisieren darfst.«
- Voltaire (1694−1778)
Anmerkung: Politiker und Abgeordnete werden von den Massenmedien, von Unternehmen, Verbänden und Nicht-Regierungsorganisationen, der Wissenschaft und letztlich von der Bevölkerung in großem Umfang kritisiert. Sie sind der Boxsack, an dem sich Wut, Frust und Ohnmacht entladen darf. Aber sie haben nicht die Kontrolle, wenn man nach Voltaire geht. Wen wir nicht in Frage stellen dürfen, sind unsere Geldgeber, »Arbeitgeber«, Anzeigenkunden, Sponsoren, Investoren und Förderer. Alle, von denen wir ökonomisch abhängig sind. Da halten wir komplett die Schnauze. Sie sind es, die über uns herrschen.
Anti-Aufklärung und Erklärzwang
Viele sind im Internet unterwegs, um Antworten auf Fragen zu bekommen: was kostet das Produkt X? Wie lautet die genaue Adresse, E‑Mail oder Telefonnummer von Behörde oder Unternehmen Y? Was denken andere Menschen zu meinem persönlichen Problem Z? Für die meisten User ist das Web eine unermessliche Fundgrube an Antworten, neben der ständigen Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken. Viel wichtiger, als auf alles eine Antwort zu haben, ist jedoch, nach neuen Fragen zu suchen. Weiterlesen
»Uns geht es doch gut!«
...ist eine Redewendung, die immer wieder fällt. Besonders Kritiker bekommen das häufiger zu hören. Ohne die vorgetragenen Sachverhalte ernst zu nehmen, soll diese Phrase, die Aussagen relativieren und zum Nichtdenken motivieren. Frei nach dem Motto: erst wenn in Deutschland Dritte-Welt-Zustände herrschen, wenn Menschen vor Hunger sterben würden, zu Massen in Ghettos leben oder erschossen werden, die medizinische Versorgung sehr mangelhaft sei, wir eine Analphabeten-Quote von 50 Prozent und mehr haben, die Todesstrafe vollstreckt werde, ein Diktator an der Macht sei und so weiter — erst dann dürfe man seine kritische Stimme erheben und erst dann hätte diese auch ein Gewicht. Ist es aber dann nicht längst zu spät? Weshalb muss es erst soweit kommen? Und wer ist mit »uns« eigentlich gemeint? Weiterlesen
Presseblick (12)
Das Hamburger Abendblatt titelt reißerisch »Währungscrash bedroht ein Viertel der Menschheit«. Wie wärs mit: »Banken bedrohen mit ihren Geschäften ein Viertel der Menschheit«? Währungskrise, Finanzkrise, EU-Krise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise — es ist und bleibt das Verschulden der Banken und somit: eine Bankenkrise. Die Aufspaltung in viele kleine Einzelkrisen ist eine perfide Taktik um zu verschleiern, dass unser Wirtschaftssystem kollabiert.
Auf netzwertig.com (Blog über Internet-Ökonomie) schreibt Jürgen Vielmeier über die »der Kunde ist König« — Redewendung und darüber, dass Kritik anders formuliert werden müsse: »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit einer freundlichen Anfrage und der höflichen Verpackung einer Kritik das gleiche, wenn nicht sogar mehr erreicht.« Der typische Vorwurf, die Kritik komme nur nicht an bzw. werde nicht angenommen, weil der Sender, sie nicht richtig kodieren würde, ignoriert die bewusst gewollte Realitätsverdrängung vieler Menschen. Es ist häufig völlig unerheblich, wie blumig, euphemistisch oder gefühlvoll ich eine Kritik verpacke, manche Themen will man einfach nicht hören. Hier wird nur die Verantwortlichkeit auf den Kritiker gelenkt, der ja selbst schuld sei, dass man ihn nicht anhören wolle.
Die Wirtschaftswoche berichtet, dass Unternehmen sich angeblich immer mehr den Shitstorms der User beugen würden und bezieht eindeutig Stellung dagegen: »Doch nicht immer ist es ratsam, alles, was den Kunden nicht gefällt, sofort wieder aus dem Programm zu nehmen. Es kommt drauf an, wie die Marke positioniert ist.« Die Verbraucher schlagen zurück. Nachdem wir Jahrzehnte mit Werbe-Lügen, schlechten Produkten, Endlosschleifen-Service-Hotlines und unfreundlichen Mitarbeitern gequält wurden, werden viele Unternehmen plötzlich ganz empfindlich, wenn ein Shitstorm über sie hereinbricht. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Die Stimme des Lesers
Liebe Leser,
hiermit eröffne ich einen open thread. Vor zwei Jahren wurde in einem offenen Beitrag mehr Magic, mehr Neusprech, mehr Gastautoren und mehr EDRW gewünscht. Und nein, es ist kein Lückenfüller, ich habe noch einige Beiträge und Ideen in Planung. :jaja: Mich interessiert eure ehrliche Meinung zum über vierjährigen Bestehen des ZG-Blogs. Alternativ könnt Ihr euch auch an folgenden Fragen orientieren:
- Welche Themen und/oder Artikel lest Ihr besonders gerne und welche haltet Ihr für eher überflüssig bzw. interessieren euch nicht? (z.B. kurze oder lange Artikel? Mehr oder weniger Bilder, Videos und Gedichte?)
- Was findet Ihr am ZG-Blog allgemein ganz gut und was nervt euch, findet Ihr nicht so toll? (z.B. dass todesglupsch und ripper so wenig schreiben? :bling: )
- Habt Ihr Ideen, Vorschläge oder Anregungen für uns?
Warum kritisches Denken glücklich macht!
»Immer siehst Du alles so negativ?« oder »warum musst Du immer so viel kritisieren?« sind Vorwurfsfragen, die mir nicht selten gestellt werden. Weil das in Frage stellen von öffentlich akzeptierten Denkweisen und Verhaltensnormen, die eigene Selbstentfremdung sichtbar macht, empfinden das viele als unbequem und ungemütlich. Folglich gehen sie davon aus, ich sei ein völlig verbitterter, frustrierter und unglücklicher Mensch, der eigentlich gar nicht ernsthaft kritisieren, sondern sich nur auskotzen will. Ich muss dieser »Meinung« leider eine radikale Abfuhr erteilen, denn: für mich gehören Kritik und Glück unweigerlich zusammen und sind mitnichten ein Widerspruch. Zudem: ich bin mit meinem derzeitigen Leben durchaus zufrieden.
Verhärtete Herzen
»Nein« zu sagen, Dinge zu hinterfragen und sich von vorgegebenen Ansichten und Meinungen abzugrenzen, ist im Kleinkindalter und in der Pubertät ein wichtiger Entwicklungsprozess zur Autonomie und Charakterbildung. Für die Eltern sind diese Phasen oft nicht einfach, aber sie wissen, dass sie notwendig und wichtig sind, weil ein Kind dadurch seine Individualität und sein selbstbestimmtes Handeln entdeckt. Außerdem bringen wir unseren Kindern wichtige Werte wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Fairness bei.
Im Erwachsenenalter werden wir wieder zu Ja-Sagern gemacht, Anpassung und Konformität wird gefordert und wer Dinge in Frage stellt, hinterfragt oder kritisiert, gilt als Miesmacher, Pessismist und allgemein als Spielverderber. Und uns wird wieder beigebracht, dass wer ehrlich, aufrichtig und fair ist, nicht selten benachteiligt wird. Weiterlesen