Neusprech: Management

Projekt‐Management, Content‐Management, Sozial‐Management, Qualitäts‐Management, Zeit‐Management, Finanz‐Management,  Personal‐Management, Konflikt‐Management, Team‐Management usw. usf. Viele Bereiche im öffentlichen oder privaten Leben bekommen heute den Zusatz »management« (an der Hand führen). Ursprünglich ein Begriff aus der Welt der Wirtschaft, der vor allem  Führungspersonen (Manager) in Großunternehmen meinte, ist er heute ein Synonym für allemöglichen Tätigkeiten und Prozesse die geleitet, geführt und kontrolliert werden sollen. Das dieser Begriff längst die Ebene der Wirtschaft verlassen hat, ist ein Zeichen für die Ökonomisierung vieler Lebensbereiche.

Die Begriffsinflation von »management« zeigt zudem ein großes Paradoxon von Gesellschaft und Ökonomie auf. Auf der einen Seite werden der freie Markt mit Wettbewerb, Eigeninitiative und individueller Lebensgestaltung beschworen; auf der anderen Seite wird jeder noch so kleine Prozess, jede noch so kleine Tätigkeit einem Management unterworfen. Sie sollen geprüft, kontrolliert, geführt, geleitet und evaluiert werden. Liberale und Unternehmensberater würden den Widerspruch wahrscheinlich so aufzulösen versuchen:

Management bedeutet frei an der Hand führen, zur Freiheit erziehen.

Ganz so, als wäre alles was nicht einem Management unterliegen würde, chaotisch, unfrei und unorganisiert.  Der Management‐Wahn ist aus einem wild um sich greifenden Kontrollzwang geboren. Er ist nicht die Erziehung zur Freiheit, sondern ein Indiz für die Angst vor der Freiheit. Die Angst, etwas nicht kontrollieren und leiten zu können. Die Angst, Prozesse und Tätigkeiten der eigenen in ihr wohnenden Dynamik zu überlassen. Stattdessen wird versucht, diese Dynamiken zu steuern und in die Richtung zu lenken, die gewünscht wird.

Das Management vieler Bereiche des Lebens zeigt zudem den Trend auf, Effizienz und Effektivität der kreativen Idee vorzuziehen. Häufig sind Management‐Vorgänge davon geprägt, Zeit zu gewinnen und möglichst viel Effizienz zu erreichen. Was an sich ja nichts schlechtes sein muss. Problematisch ist nur, dass ein Effizienz‐Denken im Sinne eines Selbst‐Managements den Zweckrationalismus in Lebensbereiche vordringen lässt, wo Normen und Werte besser aufgehoben wären.

9 Gedanken zu “Neusprech: Management

  1. Uhh. Da schreibst du mir so was von aus der Seele. Ich bezeichne das immer als »kapitalistische Planwirtschaft«. Der Wunsch alles (voraus‐) kontrollieren und steuern zu können, aber bei minimalstem Verantwortungsbedarf. Oder auch die Integration aller unvorhersehbarer Elemente in ein überschaubares mechanistisches System.

    Ist auch gesellschaftsfähig, wenn man es mit etwas elitärem Gehabe mixt. So nach dem Motto »Das Studium des Fliesenlegers«, und schon schreien alle Muttis begeistert nach der
    Familienmanagerin.

  2. Um mit der Logik einiger liberaler Blogger zu schreiben. Freiheit heißt in diesem Fall, dass man das Management wählen darf, welchem man sich unterwirft. Es geht niemals um die Freiheit des Individuums, sondern immer nur um die Freiheit bestimmen zu können, dass der Staat und die Gesellschaft nur profitiert wenn ich das möchte.

  3. Ich empfehle jedem das Buch Effectuation von Michael Faschinbauer. Wer den Inhalt versteht, erhält eine neue Sicht auf erfolgreiches Management. Für den ist Management nämlich nicht mehr sklavische Steuerung und Kontrolle von Untergebenen. Es bedeutet vielmehr, Vereinbarungen mit anderen zu treffen, damit alle das Beste leisten können.
    Meine Aufgabe als Chef ist es doch, meinen Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, ihr Bestes zu leisten. Dieses erfordert aber ein anderes Menschenbild, für mich sind Menschen eben kein Humankapital, sondern Partner, die mit mir zusammen etwas erreichen wollen. Solche Partner werde ich auch nicht wegen irgendwelcher Kleinigkeiten entsorgen — also entlassen. Ich habe ihnen gegenüber eine Verantwortung, die nicht mit der Überweisung des Gehaltes endet.
    Mein Lieblingsbücher über gute Menschenführung sind u.a. Tom DeMarcos »Wien wartet auf Dich« und Reinhard Sprengers »Vertrauen führt«.

    Und wer sich moderne Projektmethoden wie Scrum, EXtreme Programming, u.a., ansieht, wird feststellen, daß das alte Bild von absoluter Kontrolle des Managements dann nicht mehr stimmt, wenn es wirklich auf Höchstleistungen — vor allem geistiger Natur — ankommt.

  4. @gerhardq
    Was deine menschlichen Qualitäten betrifft. Meine Hochachtung. (Hast du nen Job für mich :)

    Aber das mit EXtreme Programming meinst du nicht im Ernst, oder? Ich kenne diese Versuche und Experimente »ausschliesslich« nur in Verbindung mit dem üblichen Jakarta, — Overall‐Looking mit gnadenlosem Leistungshype. Ich hatte mal einen Vice‐Presidenten for Organisation, der das Ding geradezu missbraucht hat, um auch wirklich alles und jeden kontrollieren zu können. Ausserdem ist es nur zu verwenden in reiner Programmierumgebung. Diese Überteam‐Struktur ist das Grab jeder echten Kreativität. Ausserdem läuft es unter »Best praktice« (Bertelsmann lässt grüßen). (Dann doch lieber keinen Job bei dir).

  5. @antiferengi

    Jede Methodik kann mißbraucht werden. Und was will man von Menschen erwarten, die nichts anderes gelernt haben als ihre Ellenbogen zu einzusetzen. Sie projizieren ihre Versagensängste in die Mitarbeiter und glauben, alles mit Kontrolle und Druck erledigen zu können.
    Aber Du hast Recht, Extremprogramming ist vor allem für die Programmierung geeignet. Aber auch bei anderen Tätigkeiten kann z.B. das Arbeiten in Paaren sehr sinnvoll sein. Es hilft ungemein, wenn man eine Kultur des helfenden Miteinanders aufbaut.

  6. Wer in einem größeren betrieb arbeitet/gearbeitet hat, weiss, was er von »Management« zu halten hat und amüsiert sich. Und etwas Neues wird nicht dadurch geboren, dass ich etwas Altes anders benenne.
    Die Aufzählung solcher Modewörter lässt sich im übrigen weitreichend fortsetzen.

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  8. Die Blüte finde ich aber immer noch »Teilhabemanagement«, das von Behindertenintegration über mißratene Jugendliche auf Hartz‐IV‐Betroffene ausgeweitet wurde von Profiling‐Papst Peter Schopf, dessen Firma Syntegral gGmbH jetzt allerdings allgemein herhalten muss für Unternehmensberatung.

  9. Pingback: Montag News – KW 39 » Widerstand Berlin

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