Zwang zur Entscheidung

Wer in Deutschland aus Gewissensgründen den Militärdienst verweigert, muss Zivildienst machen. Die vermeintliche Wahl für jeden Wehrpflichtigen in Deutschland ist in Wahrheit eine zum Zwang geformte Entscheidung: Entweder — Oder! Ein Wahlrecht existiert hierbei nicht, denn diese würde die Enthaltung miteinschließen. Der Wehrpflicht wird quasi nur widersprochen indem man sich auf Artikel 4 unseres Grundgesetzes beruft: »Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden«. Wer sich in Deutschland jedoch dem militaristischen Apparat total verweigert, weil z.B. auch der Zivildienstleistende im Ernstfall für sanitäre Zwecke eingezogen werden kann, der wird mit Bußgeld und Gefängnis bestraft.

Jan‐Patrick Ehlert wurde am 19. November 2008 nach 42 Tagen aus dem Militärgefängnis entlassen, da er den Kriegsdienst vollständig verweigert hatte. Als überzeugter Totalverweigerer sagte Ehlert in einer Pressemitteilung der Kampagne gegen Zwangsdienste und Militär: »Aus meiner Sicht ist die Ablehnung des Wehr‐ und Ersatzdienstes die einzige friedliche Möglichkeit gegen die Wehrplicht  direkt vorzugehen und der erste Schritt hin zu einer Welt ohne  Zwangsdienste. Jeder Zivildienstleistende legitimiert durch seinen  Dienst auch die Wehrplicht, da diese die Grundlage auch für den  Zivildienst darstellt«.

Immer wieder werden in Deutschland Totalverweigerer mit Gefängnisstrafen belegt. Auch wenn es politische Kräfte gibt, welche die Wehrpflicht abschaffen wollen, so wird dies vor allem deshalb nicht getan, da die Zivildienstleistenden im sozialen Bereich mittlerweile eine Masse an Arbeitskräften de faktisch ersetzen. Da bei der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung einer Berufsarmee, auch der Zivlidienst wegfallen müsste, würden die wegfallenden Zivildienstleistenden ein großes Loch im sozialen Bereich hinterlassen, welches durch reguläre Kräfte gefüllt werden müsste. Und da (wie immer) dies niemand bezahlen möchte, wird wohl an der Wehrpflicht noch eine Weile festgehalten werden. Zumindest solange, bis unsere Bundeswehr für internationale Einsätze im Namen von Rohstoffinteressen nicht mehr fit genug sei und eine Berufsarmee übergreifend gefordert wird.

Wehrpflichtinfos zur Musterung, dem Zivildienst, der Totalverweigerung usw. bei der kampagne.de

4 Gedanken zu “Zwang zur Entscheidung

  1. Dabei sind die Löhne für reguläres Pflegepersonal schon dermaßen unterirdisch, das sollte doch bezahlbar sein. Jeder zusätzliche Arbeitsplatz in diesem Bereich würde auch das Sozialsystem stärken, das wird gerne vergessen.

    Inwiefern da Interessenvertreter ihre Finger mit im Spiel haben, sei einmal dahingestellt. Der Staat jedenfalls hat kaum etwas davon; er zahlt nur drauf, da der Sold eines Zivildienstleistenden (soweit ich weiß) meist nur zur Hälfte von der Dienststelle getragen wird, die enorm von derart billiger Arbeit profitiert.

    Viele ZDL arbeiteten nur unwesentlich weniger als das Stammpersonal. Und das bei der Bezahlung. Ein anderes Wort als Ausbeutung fällt mir dafür leider nicht ein. In der Wirtschaft gibt es für Ferienjobber Stundenlöhne, die über dem anfänglichen Tagessold eines ZDL liegen.

    Beschäftigt man sich außerdem genauer mit dem Rechtsstatus eines ZDL, stellt man schnell fest, dass der Betroffene nicht nur am kürzeren Hebel sitzt — er sitzt an gar keinem Hebel: Befehlsstrukturen im zivilen Gewand, die eingeschränkte Freizügigkeit und ein hübscher Katalog an »Erziehungsmaßnahmen« bei vermeintlichem Fehlverhalten beweisen eindrucksvoll, wessen Geistes Kind diese Einrichtung ist.

    Dass so mancher bei seiner Dienststelle eine schöne und wenig anstrengende Zeit hatte, mag ja sein. Er sollte sich jedoch darüber im klaren sein, dass es genauso gut auch umgekehrt hätte laufen können, denn wie sich eine Stelle bei der Bewerbung präsentiert und schließlich der eigentliche Arbeitsalltag aussieht, sind zwei Paar Stiefel. Ein Wechsel der Dienststelle auf Initiative des ZDL ist in der Regel mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden, eine Strafversetzung dafür umso schneller geschehen.

    Steht bei Unstimmigkeiten mit dem Vorgesetzten Aussage gegen Aussage, darf man dreimal raten, wem eher geglaubt wird. Damit ist der Willkür Tür und Tor geöffnet.

    Man muss den Zivildienst ohne Umschweife als das benennen, was er ist: Zwangsarbeit.

  2. Ist ein typisches Beispiel für den Schwachsinn in lustig Teutonia‐Banana *toktok*
    Jeder Kerl den ich kenne hat irgendwie versucht um »den Bund« herum zu kommen (naja gut fast jeder, die Stories von der Handvoll die da waren sind echt, naja, *kopfschüttel*). Idealerweise schafft man es irgendwie ausgemustert zu werden. Aber der Dienst der jungen Männer am Volk ist ja ach so wichtig...
    Dann noch dieser Wahnwitz mit Frauen in der Armee... *toktok*
    Und bei dem »sozialen Jahr« ist den Oberen auch wieder weniger an Menschen‐ bzw. Persönlichkeitsbildung gelegen als an billigen Arbeitskräften. Darauf läuft’s am Ende eh immer hinaus: möglichst billig irgendwas erledigt kriegen, was kaum etwas Wert zu sein scheint (wenn man die Bezahlung in solchen Berufen jetzt mal unter einem Wertschätzungs‐Aspekt betrachtet). Hauptsache Rendite abschöpfen und Macht ausbauen/erhalten. Hurrah Deutschland, weiter so. (ach ich liebe diese Wahlplakatsprüche *kotz*)

    IMHO brauchen wir keine Armee. Wofür zum Geier.
    Und wenn wir uns diesen Schwachsinnsluxus schon gönnen wollen, dann wenigstens eine ordentliche Berufsarmee.

  3. Sehr interessantes Thema hier. Ich melde mich da einfach mal zu Wort, da ich selbst zur Zeit Zivi bzw. FSJ‐ler bin. Nachdem ich ja der Meinung war, genauso wie der Großteil meiner Freunde wegen irgendeinem fadenscheinigen Makel (zu groß, zu leicht, leichter Heuschnupfen, erfundene Rückenbeschwerden etc.) ausgemustert zu werden, wurde ich trotz zahlreicher Mängel als »tauglich mit Einschränkung« T2 gemustert.

    Darum hab ich mich dazu entschieden ein FSJ (als Ersatz anerkannt) im Rettungsdienst zu machen und dies mit einer 3 monatigen Ausbildung zum Rettungssani zu verknüpfen. Ich kann folgendes Sagen:
    Ausbeutung ist es bestimmt. Ich habe in der Regel eine 40‐Stunden Woche, die faktisch noch länger dauert, weil Anreise (teils über 1h) zur jeweiligen Dienststelle und umziehen inklusive Wagencheck (beides zusammen min. 30 min täglich) nicht zur Arbeitszeit gerechnet werden. Und manchmal arbeite ich auch 14 Stunden am Tag, wenn viel los ist. Dafür bekomme ich 385€ im Monat, von denen Verpflegung selbst bezahlt werden muss. Das ist schon ein bisschen knapp, wenn man bedenkt das ich oft die gleichen Aufgaben habe wie ein Hauptamtlicher, der allerdings auch noch einen 400€-Job nebenher hat, um sich über Wasser halten zu können. Aber ohne die billigen Zivis und FSJler wären Krankenhäuser, Rettungsdienst, Pflegeeinrichtungen total verloren.

    Auf der anderen Seite ist das FSJ auch echt interessant. Nach 13 Jahren Schule, die auch allzu oft etwas von eingemümmelter heiler Welt hat, mal raus in »das richtige Leben« zu gehen, ist schon eine wichtige Erfahrung. Grade der tägliche Umgang mit Krankheit, Leid und Tod eröffnet einem doch ganz neue Blickwinkel und man lernt die eigene Gesundheit zu schätzen. Und auch der Umstand bei der Arbeit oft der »Ziviarsch« zu sein und im Betrieb quasi am Ende der Nahrungskette zu stehen, hat auch jede Menge Lerneffekt, in vielerlei Hinsicht. Und wenn ich an meine Schulkollegen denke, dann gibts da auch viele denen sowas soziales bestimmt nicht geschadet hätte.

    Ich halte also den Grundgedanken, dass jeder (auch Mädels!) sowas soziales macht für nicht schlecht. Aber den Wehrdienst / Zivildienst da als Grundlage zu benutzen ist schlecht. Warum nicht ein 6‐monatiger sozialer Dienst verbindlich für alle? Pflegerische Tätigkeiten kann man auch mit krummem Rücken und Asthma verrichten! Aber wenn dann bitte mit halbwegs fairem Gehalt, passendem Rechtsschutz, weniger Willkür und einer angemessen Möglichkeit, diese Zeit nacher positiv zu nutzen, z.B. als Praktikumszeit, Wartezeit fürs Studium oder ähnliches. Der Wehrdienst gehört abgeschafft, und dieses Kalter Krieg — Überbleibsel — Verwaltungsmonster von Bundeswehr (mit 115.000 Angestellte allein in der Wehrverwaltung) das den drittgrößten Posten in unserem Haushalt ausmacht, muss gründlich refomiert werden!

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