Neulich bei der Betriebsversammlung...

Seit rund zwei Jahren bin ich im Betriebsrat. Machen statt meckern. Zwei mal im Jahr machen wir eine Betriebsversammlung. Es kommen durchschnittlich 100 Kolleginnen und Kollegen. Es geht um Arbeitsbedingungen, Tarifanpassungen, Gesundheitsschutz, Betriebsvereinbarungen, Finanzen, Arbeitsschutz und vieles mehr.


Narzissmus
Bei der letzten Betriebsversammlung dominierte leider die Ignoranz der Kollegen. Sich beim Betriebsrat engagieren, mit der Geschäftsführung in Verhandlung treten, sich mit Arbeits- und Betriebsrecht beschäftigen, sich um die Belange der Kollegen kümmern — das wollen die Allerwenigsten. Aber meckern und Hand aufhalten. Das können sie alle.

Es ist ermüdend und frustrierend, wenn man monate‑, ja jahrelang, versucht die (Finanz-)Strukturen des Trägers transparenter zu gestalten, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, mit vielen (nicht immer einfachen) Menschen in (Konflikt-)Gespräche geht, um das Arbeitsklima für alle Kollegen signifikant zu erhöhen. Sich mit schwierigen Themen, wie Arbeits- und Datenschutz sowie einer digitalen Strategie befasst. Und so weiter.

Aber wonach schreien 90 Prozent aller Kollegen? Geld. Geld. Geld. Das wars. Alles Andere interessiert sie nicht. Da wird der Kopf zu gemacht. Auf dem Handy getippt. Sich mit den Nachbarn unterhalten. Wie viele sich wohl für den Betriebsrat aufstellen lassen würden, wenn es dafür eine saftige Gehaltserhöhung geben würde?


Gratismut
Verantwortung übernehmen. In Konflikte gehen. Verhandeln. Konzepte und Betriebsvereinbarungen erarbeiten. Ist alles so furchtbar unbequem und unsexy im Jahr 2026. Stattdessen herrscht überall Resignation, Faulheit und Fatalismus. Manchmal gibt es noch Gratismut, indem man auf die AfD, Trump oder Putin schimpft. Die sind alle als böse markiert. Da darf man dann völlig gratismutig rhetorisch draufhauen und sich anschließend als besserer Mensch fühlen.

»Zahl der Betriebsräte sinkt auf einen Tiefpunkt. [...] Nur noch 7 Prozent verfügen über eine solche Arbeitnehmervertretung.«

- manager-magazin.de vom 18. Januar 2025

Wer sich aber nicht mal im Mikrokosmos gegen Widerstände engagieren will — der wird auch niemals den Makrokosmos mitgestalten können. Nebenbei sind wir, in unserem rund zehnköpfigen Betriebsrat, fast alle Ü50 und Ü60. Ich gehöre, mit Ende Vierzig, zu den Jüngsten.

Die junge Generation liebt wohl ihr digitales Gefängnis. »Work-Life-Balance? Bessere Arbeitsbedingungen? Eine angemessene Bezahlung? Klar! Immer her damit! Will ich sofort!« Aber dafür kämpfen sollen bitte Andere. 


»Es lohnt sich das Maul aufzumachen. Vom Wegducken wird man krank.«

- Wolfgang Wodarg


Neulich...

10 Gedanken zu „Neulich bei der Betriebsversammlung...

  1. Ich vermute mal aufgrund der demographischen Struktur eures Betriebsrates eine ebensolche Vorselektion derer, die jung neu eingestellt wurden und immer noch werden, hin zu geldgeilen, rückgratlosen, gnadenlos käuflichen Ja-Sagern oder wie es George Carlin schon vor 20 Jahren ausdrückte »obedient workers«, gerade schlau genug um die Arbeit zu erledigen, aber ansonsten allen Sozialabbau und Entrechtung klaglos akzeptierend.

  2. @orinoco

    Ich glaube, heutzutage brauchst Du wenig »vorselektieren« bei der Einstellung von Fachkräften. Die Allermeisten bringen vorauseilenden Gehorsam, Feigheit, Egoismus und Arschkriecherei schon von Hause aus mit. Das gehört sich heute einfach so! https://www.zeitgeistlos.de/zgblog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_good.gif

  3. »Verantwortung übernehmen. In Konflikte gehen. Verhandeln. Konzepte und Betriebsvereinbarungen erarbeiten.«

    So sollte es sein, was ich aus der Arbeit bei einer Privatbank im Rückblick bestätigen kann (~ 700 MA / allerdings etwa 15 Jahre her), wo ich als freigestellter BR — auch später als BR-Vorsitzender -, mit den Mitarbeitern und einem engagierten BR vieles erreichen konnten.

    Unter anderem mussten wir eine Fusion mit einer kleineren Bank (ohne BR) begleiten und die jeweiligen positiven Regelungen der Banken möglichst optimal versuchen zu übertragen/anzupassen und langfristig zu vereinbaren.

    Das wurde uns zwar nicht großzügig ›geschenkt‹, aber sowohl mit begleitendem Anwalt für Arbeitsrecht (Budget dafür ausgehandelt, sodass wir als BR nicht ständig mit dem Vorstand über Anwaltsinanspruchnahme dealen mussten) und intensiven Verhandlungen und vor allem guter Kommunikation mit den MA wohl geleistet wurde.

    Dafür hatten wir auch im Intranet der Bank eine eigene BR-Seite durchgezogen, worüber die Kommunikation ablief. Sowie bei Bedarf auch eine BR-Versammlung abgehalten, um das möglichst rund zu machen/abzustimmen.

    Ich könnte jetzt eine längere Liste erstellen, was wir alles für die MA erreichen konnten, wobei noch zu erwähnen wäre, das wir auch Zweigstellen hatten.

    Im Übrigen war das Alter sowohl im BR wie auch unter den MA recht gut verteilt und eine unserer Betriebsvereinbarungen hat damals bereits geregelt, das Freizeit Freizeit ist und auch für jene gilt, die ein Handy der Firma aus beruflichen Gründen zur Verfügung hatten.

    Und eines sollte wohl klar sein, wenn man als BR nicht bereit ist, sich fachlich und strategisch so aufzustellen, dass man ein adäquates Gegengewicht zu der Arbeitgeberseite darstellt, dann sollte man die Finger davon lassen!

    ~~~~~~~~~

    Gerade von Ihnen noch gelesen:

    »Die Allermeisten bringen vorauseilenden Gehorsam, Feigheit, Egoismus und Arschkriecherei schon von Hause aus mit. Das gehört sich heute einfach so!«

    Das sollten Sie ihren Wählern und Wählerinnen doch mal transparent machen, damit Sie sich nach der nächsten Wahl ›entspannen‹ können!

  4. @Paul

    Ich weiß nicht, zu welcher Zeit Sie Betriebsrat waren, aber der heutige Zeitgeist und die heutige Haltung vieler MA ist sehr frustrierend. Das ist der Tenor meines Beitrages. Das nur noch 7 Prozent aller Betriebe einen BR haben, spricht leider auch für den heutigen Zeitgeist.

    Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass wir demnächst erleben werden, wie Arbeitnehmer-Rechte massiv geschliffen werden. Ist ja auch kaum noch Jemand da, der sich dagegen wehren wird. Von den Gewerkschaften ganz zu schweigen.

  5. Ein Kumpan in der niedersächsischen Staatskanzlei hat sich noch Personalrat aufbürden lassen und mußte dasselbe feststellen. Das es so wenig Betriebsräte gibt, verwundert nicht angesichts des Kadavergehorsams der Gewerkschaften.

    Die junge Generation liebt wohl ihr digitales Gefängnis.“

    Richtig: Dem Menschen in seinem selbstgeschaffenen Gefängnis reicht sein Handy als Kuckloch nach draußen, welches demnächst wie die Fenster der russischen Gulags auf Schlitze reduziert sein wird.

  6. Ich mag da noch aus dem Nähkästchen meiner beruflichen Laufbahn plaudern.

    Mit der Schröder-Administration ging die Macht der Gewerkschaften und Betriebsräte den Bach runter. Es hat sich schon um die Jahrtausendwende gezeigt, dass man sich selbst hat entmachten lassen und hat nur leidlich darüber gemeckert, dass die Lohndumping-Industrie ihren Persilschein bekommen hat. Ich musste damals mit einstelligen Stundenlöhnen auskommen, damals ging das gerade noch mal gut ob der Fixkosten.

    An einer Stelle war ich von Mobbing betroffen. Echtem, systematischem Mobbing. Ich brauchte also die Hilfe eines Betriebsrates, doch der ruhte sich auf seinem Firmen-BMW und dem Parkplatz neben der Geschäftsleitung aus und meinte zu mir nur: »Selbst schuld.« und suchte nur weitere Ausflüchte. Das war um 2007 rum.

    Heute erleben wir, dass der Betriebsrat und die Gewerkschaften bei Bosch sich nur darauf konzentrieren, ihre Truppe ideologisch reinzuhalten. Die AfD-Untergruppe darf nicht sein. Macht Sinn, sich darauf zu beschränken und ob der Konzernschieflage Betroffenheit zu simulieren.

    Also, der Fisch stinkt vom Kopf her. Und all die Anlaufstellen, die eigentlich mal für die Arbeitnehmer eintreten sollten, kommen in keinster Weise mehr ihrer eigentlich zugedachten Aufgabe nach. Das ist mir leider sehr früh bewusst (gemacht) worden, und deswegen kann man die eigentlich nur noch auflösen.

  7. @Sascha

    Klar, haben sich viele Gewerkschaften und Betriebsräte korrumpieren lassen. Wenn die Zahl der Gewerkschaften und der Betriebsräte jedoch weiter zurückgeht und kaum noch Jemand bereit ist, sich hier für die Arbeitnehmer einzusetzen — stehen uns üble Zeiten bevor.

    Konzerne, Banken und Unternehmen werden dann die Arbeitsrechte sukzessiv weiter schleifen. In Kombination mit der Wirtschaftskrise, haben sie dann auch die »betriebsbedingten Argumente« auf ihrer Seite.

    Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie im Urlaub, Tarifverträge, Mindestlohn, unbefristete Arbeitsverträge — es gibt vieles, was Arbeitgeber seit Jahrzehnten gerne wieder abschaffen wollen.

  8. @epikur

    Klar, ohne sie würde es so richtig übel werden. Aber nur auf diesem Niveau seine Existenz zu rechtfertigen ist so erbärmlich, vor allem, wie sehr man sich die Butter vom Brot hat nehmen lassen.

  9. @Sascha

    Wie gesagt, Betriebsräte und Gewerkschaften leben vom Mitmachen. Jedem steht es frei, es »besser« zu machen. Genau das wollen aber immer weniger. Meckern und Fordern können alle.

    Der heutige Habitus ist die gemütliche »Ich-will-alles-aber-nichts-dafür-tun-Work-Life-Balance.« Ich erlebe das bei jeder Betriebsversammlung. So wird das aber nichts. Vom Instagram-Scrolling, Netflix-Binge-Watching und Amazon-Shopping, werden die Arbeitsbedingungen nicht besser werden.

    Im Mai stehen bei uns wieder BR-Wahlen an. Es ist bei uns beispielsweise fraglich, ob wir das Gremium überhaupt wieder zustande kriegen. Zu Wenige wollen sich aufstellen lassen. Und wir brauchen von rund 300 Mitarbeitern nur 10 Kolleginnen und Kollegen.

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