Presseblick (75)

In Frankreich sind sechs der zehn größten Vermögen in den Händen von Medienunternehmern.“
Serge Halimi. Gegen den Strom. Le Monde Diplomatique. Oktober 2015. S. 23

Massenarmut. Landraub. Verelendung. Kriege. Umweltzerstörungen. Abbau von Bürgerrechten. Wirtschaftskriminalität. Massenüberwachung. Das alles bekommt in unserer bürgerlichen Medienwelt nicht die Aufmerksamkeit, als wenn es um vermeintlichen Sexismus geht: »Transsexuelle Entwicklerin: Mob will sie feuern lassen, scheitert.« Oder: »Arte, der Männersender.« Fast täglich werden wir mit solchen und ähnlichen Meldungen, Artikeln und Beiträgen bombardiert. Ganz so, als würde der Kampf gegen das vermeintliche Patriarchat das einzig wichtige gesellschaftliche Problem unserer Zeit sein.

Es ist nicht nur ein perfektes Ablenkungsthema, damit sich niemand mehr mit der Finanzindustrie sowie den Eigentums‐ und Vermögensverhältnissen, mit Kriegen sowie den täglichen kriminellen Schweinereien von Konzernen und Banken beschäftigt, es spaltet auch auf Mikroebene weiter die Gesellschaft. Divide et Impera, damit allein schon der Gedanke an Solidarität ausgelöscht wird. Die Solidarität der Armen, Entrechteten, Arbeitern und Hilflosen untereinander war und ist das Grundübel der kapitalistischen Ordnung. Denn wo Solidarität herrscht, gibt es Protest, Streik und Widerstand.

Politik
Es bleibt dabei, die LeiDmedien schweigen die Linkspartei sowie linkspolitische Organisationen, Ideen und Kräfte entweder tot oder berichten tendenziös bzw. negativ darüber: »SPD‐Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bezeichnete Wagenknechts Projekt in der neuen Ausgabe des Nachrichtenmagazins als Unsinn. Wir können nicht alle drei Jahre eine neue Partei gründen und die Linke weiter spalten.« Große Realsatire! Die größte Spalterin der Linken ist und bleibt die SPD: Kriegsbeteiligung. Sozialkahlschlag. Massenarmut. Finanzcasino.

Die Linken sind und waren schon immer das größere Problem für die Eliten, die Superreichen und die Herrschenden, als die Rechten. Schließlich geht es ihnen, um Vermögens‐Umverteilung und bessere Arbeitsbedingungen. Den Rechten hält man einen Sündenbock hin, auf den sie einprügeln können, während man weiterhin seine Milliarden genießen kann. Insofern verwundert es gar nicht, wenn zunehmend linke Beiträge zensiert werden: »Facebook‐Zensur zielt auf Linke.«

Medien
Der Spielejournalismus ist immer wieder ein schönes Beispiel dafür, wie unsere Presselandschaft funktioniert. Da werden Clickbait‐SEO‐Beiträge veröffentlicht: »Mother Simulator im Test — Diagnose: Kinderwahnsinn« und da werden gekaufte Artikel, also bezahlte Werbebeiträge euphemistisch als »Sponsored Story« bezeichnet: »State of Mind — Deus ex Berlin«. Freilich sind hier keinerlei Kommentare erlaubt. Dem Anzeigenkunden geht es hier schließlich nur ums Senden. Nicht um eine echte Kommunikation. Oder gar um konstruktives Feedback. :KICHER:

Die Jagd nach Klicks bestimmt auch die Auswahl der Themen.“
Sophie Eustache und Jessica Trochet. „Journalisten in der Klickfalle“. Le Monde Diplomatique. September 2017. S. 21

»Homeland« war mal eine gute Serie. Die ersten zwei Staffeln waren durchaus empfehlenswert, weil es subtile, ja selbstkritische Töne gab. In welcher US‐Sendung lässt man einen Araber zu Wort kommen und ihn beschreiben, wie er sich fühlt, wenn Dronen seine ganze Familie ausgelöscht haben, und er dadurch erst radikalisiert, also zu einem Terroristen geworden ist? Jetzt ist die Serie in der siebten Staffel angekommen. Und leider nur noch plumpe NATO‐Propaganda. Die bösen Russen. Cyber‐Hacker, Blogger und Social‐Media‐Fake‐News‐Aktivisten bedrohen das US‐Imperium, die Kapitalismus‐Todesschwadron CIA als Demokratie‐Retter und so weiter.

Bildung
Die Mythen, Legenden und Narrative, die ständig beschworen werden, wenn es um unser Schulsystem geht sind schon mal grundsätzlich zu hinterfragen. So geht der Autor Ralf Pauli auf zeit.de von diesen Grundannahmen aus:

  • »Seit je ist die Schule der Ort, an dem Kinder zu mündigen Bürgern werden sollen.«
  • »Viele halten diese demokratische Erziehung für den Grundauftrag der Schulen.«
  • »Die Schulen hätten bei der Entwicklung politischer Werte einen großen Einfluss.«

Alle diese Hypothesen würde ich allesamt schon einmal bezweifeln. In der Schule sollen Schüler in erster Linie lernen, zu funktionieren. Sie sollen das tun, denken und sagen, was Eltern, Lehrer, Pädagogen und die Gesellschaft von ihnen verlangen. Wer im neofeudalen Arbeitsleben, in Bus und Bahn, in der Familie, in der Werbung und überall sonst Wettbewerb, Egoismus und Konkurrenzdenken vorgelebt bekommt, soll bitte schön wie und in welcher Form demokratische Werte in der Schule vermittelt bekommen? Durch Projektchen und Themenwochen? Was die Kinder primär lernen, ist Selbstentfremdung, Doppelmoral und Bigotterie.

Arbeitsmarkt
Ein selten thematisiertes Feld, aber dennoch bezeichnend: »Zu niedrige Gagen für Synchronsprecher.« Die vermeintlichen Superstars, also die im Rampenlicht stehen und vor allem gute Netzwerke im Business haben, kassieren Millionen‐Gehälter. Bei den Drehbuch‐Schreibern und Synchronsprechern ist man dann geizig.


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6 Gedanken zu “Presseblick (75)

  1. Dem unsäglichen Artikel bei den uebermedien, sollte dieser hier entgegengesetzt werden: https://adamag.de/1-prozent-feminismus-neoliberalismus. Es zeigt sich, dass Verbesserungen im Holzhammer‐Feminismus (Hurra, es gibt weibliche Vorstandvorsitzende, Bundeskanzler, Skispringerinnen) nicht zu einer Verminderung der Ungleichheit in unserer Gesellschaft führt. Auch ein Präsident in den USA mit dunkler Hautfarbe hat die Ungleichheit dort nicht reduziert. Die Geschichte ist halt die Geschichte von Klassenkämpfen. Rassismus, Homophobie, Antisemitismus, Feminismus eignen sich hervorragend um von den Machtverhältnissen abzulenken und zwar unabhängig davon, ob man sie gerade verstärkt oder bekämpft.
    (Selbstverständlich ist jede Ungleichbehandlung oder Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Ausrichtungen, Gruppenzugehörigkeit etc.abzulehnen.)

  2. Kann Artikel und Kakapo3 nur zustimmen, Idenditätspolitik als Feigenblatt und kulturelle Variante des Teilen und Herrschens.
    Wobei gerade im Geschlechterbereich der mit Abstand größte bullshit verzapft wird.
    Ich ziehe allerdings meinen Hut vor der Propagandaleistung, die dahintersteht, gewisse deutsche Vorgänger sind lupenreine Amateure dagegen.
    Der heutige‐ nicht der frühere‐ Feminismus hat es geschafft, potenzielle Gegner, die am ehesten unter Progressiven zu finden wären, nicht nur mundtot zu machen, sondern hat sie sogar zu bots im eigenen Sinne umfunktioniert.
    Die Mehrzahl der Liberalen und die Hälfte der Linken plärrt sofort »frauenfeindlich«, »AfD«, oder irgendein anderes intelligentes Schlagwort, wenn Kritik an der heiligen »Gleichberechtigung« geübt wird, klopft sich dann selbstgerecht auf die eigene Schulter, und merkt gar nicht, wie sehr sie sich zum Deppen der herrschenden Verhältnisse machen.
    Wobei ein erheblicher Teil allerdings wissen dürfte, was er tut. So manch »Progressiver« pflegt selbiges nur noch als Attitüde und hat sich tatsächlich ein warmes Plätzchen im System gesichert.

  3. Zum Punkt Bildung:
    »Was die Kinder primär lernen, ist Selbstentfremdung, Doppelmoral und Bigotterie.«

    Nicht zu vergessen den pragmatischen Humanismus.

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