Und wohin mit der Spreu?

Der RBB, die IHK Berlin und die Berliner Morgenpost veranstalten im Herbst 2008 zum fünften Mal einen Wettbewerb um den besten Ausbildungsbetrieb in Berlin. Freilich geht es hier nur um die Creme de la Creme der Ausbildungsbetriebe und deren vorzeigbaren 1A Azubi‐Nachwuchs. Schließlich ist der Weizen das Verwertbare und Nutzbringende. Die Spreu interessiert nicht.

Nach eigener Aussage der Kampagne gehe es bei dem Wettbewerb darum, der »Wirtschaft genügend Fachkräfte zu sichern«. Schließlich drohe ein zukünftiger Fachkräftemangel aufgrund des demographischen Wandels in Deutschland. Es ist wie Orwell prophezeite, man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, irgendwann glauben die Menschen daran. Der vermeintliche demographische Wandel in Deutschland wird hierbei immer wieder als Generallegitimation beschworen, um bestimmte Interessen zu rechtfertigen und durchzusetzen. Es ist und bleibt eine Prognose, welche von spezifischen Annahmen ausgeht oder vielmehr eine moderne Kaffesatzleserei über die nächsten 50 Jahre! Ein weiterer Hintergrund der Kampagne und vieler nicht vorhandener Ausbildungsplätze in Deutschland, seien »die mangelnden schulischen Grundkenntnisse vieler Bewerber«. Der nächste Schritt in der Argumentationskette wäre dann die »mangelnde Eigenverantwortung« der Schüler und die Befürwortung des „lebenslangen Lernen“. Schuld sind immer die Individuen und nie die Strukturen. Ich frage mich, wie lange dieses diskursive Versteckspiel noch weitergeht?

Bei einer Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland von derzeit fast 15 Prozent, d.h. einer Arbeitslosigkeit die fast doppelt so hoch ist, wie die in der Gesamtbevölkerung (7,7%), von einem individuellen Versagen der Jugendlichen zu sprechen ist diskriminierend und menschenverachtend. Jeder Sechste Jugendliche in Deutschland hat keinen Job oder Ausbildungsplatz – das hat System und ist mittlerweile strukturell fest verankert. Nur so kann aus Unternehmersicht auch eine dauerhafte Druck‐Situation gegenüber den Jugendlichen aufgebaut werden: strengt euch an! Lernt bis zum umfallen! Schließlich sind eure Mitschüler eure Konkurrenten auf dem späteren Arbeitsmarkt!

Anstößig an der ganzen Kampagne ist für mich nicht nur die typische Verwurstungs‐Argumentation des Menschen in den Wirtschaftsprozess, sondern auch die Verbreitung des neoliberalen Menschenbildes: hier ausnahmsweise nicht als Humankapital in Urform, sondern als die Pflanze Mensch. Züchtet euch euren 1A‐Nachwuchs heran! Säht rechtzeitig um zu ernten! Trennt die Spreu vom Weizen! Diese biologistische Sprache über Menschen erinnert stark an Zeiten in Deutschland, in welcher Menschen als Parasiten bezeichnet wurden. So als wäre es ein Naturgesetz. Wer fragt eigentlich mal die Jugendlichen was sie möchten?

2 Gedanken zu “Und wohin mit der Spreu?

  1. »Diese biologistische Sprache über Menschen erinnert stark an Zeiten in Deutschland, in welcher Menschen als Parasiten bezeichnet wurden.«

    Ja, ich habe auch an diese Zeiten gedacht, als Clement noch Minister war...

  2. Ich finde es auch seltsam, dass der Solgan sowohl beim RBB als auch bei der Morgenpost durchgegangen ist.

    Wobei ich die Idee, gute Ausbildungsbetriebe auszuzeichnen schon gut finde. ISt nur die Frage wer und wie das Beurteielt wird. Ich denke mal die Azubis werden nicht unbedingt gefragt...

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