Kinder in Deutschland; Teil 55: Gruppendynamik

Viele Eltern sind verwundert oder gar geschockt, wenn sie vom pädagogischen Fachpersonal hören, wie sich ihre kleinen Engel in Kindergarten und Schule benehmen. Zuerst folgt oft der Abwehr- und/oder der Verteidigungsreflex. Zuhause sei ja alles »ganz anders«. Sie könnten so ein Verhalten ihres Kindes weder verstehen, noch nachvollziehen.

Meist wird anschließend an der Wahrnehmung oder der Kompetenz der Pädagogen gezweifelt. Außerdem müssten doch auch irgendwie andere bzw. externe Faktoren schuld seien. Dabei gibt es ein Merkmal, das bei fast jedem Kind zu drastischen Verhaltensänderungen führt und das logischerweise Zuhause kaum auftreten wird: die Gruppendynamik.


Frustrationstoleranz und Bedürfnisaufschub
In Schule und Kindergarten müssen Kinder vor allem Frustrationstoleranz und Bedürfnisaufschub lernen. Das pädagogische Fachpersonal hat ‑auch wenn das Eltern selten wahrhaben wollen- in der Regel 10–20 Kinder zu betreuen (oft sogar noch mehr). Da können weder Erzieher, noch Lehrer immer sofort springen, wenn ein Kind ein Bedürfnis hat. Es muss priorisiert werden, wenn man allen Kindern gerecht werden will. Verletzungen und Konflikte sind in der Regel primär zu behandeln. Zuhause dagegen, müssen viele Kinder nur mit dem Finger schnippsen und sofort steht ein Erwachsener bereit.

Das Leben in der Gruppe ist zudem für Kinder eine gänzlich andere Herausforderung, als das Leben Zuhause. Sie wollen von anderen Kindern anerkannt und gewertschätzt werden. Sie wollen ihr eigenes Rollenverständnis mit der ihnen zugeschriebenen Rolle in Einklang bringen. Sie wollen Freunde finden. Sich sicher und geborgen fühlen. Es gibt mitunter andere Regeln, Normen und Werte. Das alles kann (und wird in der Regel) zu eher unüblichem Verhalten, Konflikten und Missverständnissen führen. Jedes Kind reagiert hier anders.


Gruppenphasen (nach Stangl, W. 2003.)

1.) Phase der Formierung der Gruppe – Orientierungsphase (forming)

2.) Phase der Auseinandersetzung – Konfliktphase (storming)

3.) Phase der Regelung des Gruppenlebens – Konsolidierungsphase (norming)

4.) Phase der Zusammenarbeit – Durchführungsphase (performing)

5.) Phase der Auflösung (adjourning)



Unbeobachtete Freiräume
Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Eltern entsprechende Verhaltensweisen an ihren Kindern so gut wie niemals sehen werden. Höchstens auf einem Kindergeburtstag. Aber selbst da, stehen die Kinder unter maximaler Beobachtung von Erwachsenen und sie zeigen deshalb eher selten ihr eigentliches Verhalten in einer Gruppe. Erst wenn sie sich unbeobachtet fühlen und unter gleichaltrigen Kindern sind, Bedürfnisse, Interessen und Konflikte untereinander aushandeln müssen, ohne das Erwachsene sofort zu Hilfe eilen — zeigt sich ihr eigentliches Verhalten in einer Gruppe.

Diese (Frei-)Räume sind in Kindergarten und Schule gegeben. Im Garten und auf dem Schulhof, während das pädagogische Fachpersonal zurückhaltend Aufsicht führt, vergessen die Kinder im Spiel irgendwann, dass noch Erwachsene anwesend sind. Dann zeigt sich ihr gruppendynamisches Verhalten. Von Streitschlichtern, Klassenclowns, Intriganten, emotionalen Erpressern, Quatschmachern, Alpha-Charakteren, kreativen Künstlern, Moderatoren, Regelbrechern, Sadisten, einfühlsamen Tränentrocknern usw. — ist hier alles dabei.


Fazit
Viele Eltern verstehen nicht (oder wollen nicht verstehen), dass gruppendynamische Prozesse die Verhaltensweisen ihrer Kinder radikal verändern können. Viele haben hier ein fest verankertes Bild von ihrem Nachwuchs, an dem sie nicht rütteln wollen. Selbst wenn die Alltagswirklichkeit dazwischen kommt. Leider führt genau das immer wieder zu unnötigen Konfliktgesprächen von Eltern mit Lehrern und Erziehern.

Manchmal würde ich mir wirklich wünschen, manche Kinder heimlich aufnehmen zu können, um den Eltern zu zeigen, wie sich ihr Kind in der Gruppe tatsächlich (!) verhält. Ich vermute, selbst dann würden sie zahlreiche Relativierungen und Ausreden aus dem Hut zaubern, damit die Wirklichkeit ihre harmonische Ideal-Fiktion nicht kaputt macht.


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

5 Gedanken zu „Kinder in Deutschland; Teil 55: Gruppendynamik

  1. Und daraus schließt er messerscharf
    dass nicht sein kann, was nicht sein darf

    Das ist der //Backfire-Effekt// der Helikoptereltern. Es kann ja nicht angehen, dass — nachdem man kapitalistisch selbstoptimiert es zu denen geschafft hat, die im Duell der zwei Türmchen (youtube) einen Reproduktionspartner gesichert und ein Babyprojekt erfolgreich gestartet haben — der eigene Nachwuchs irgendwie doch missraten ist. Soll die ganze Mühe den materialistischen Ansprüchen des Partners gerecht zu werden bzw. die korrespondierenden Ressourcen sich und dem Nachwuchs zu sichern, etwa umsonst gewesen sein? Schließlich muss der Nachwuchs im gleichen Windhundrennen irgendwann bestehen und wenn er in der oberen Liga mitspielen will muss aus ihm was werden und darf er kein Versager (in diesem Sinne) sein.

  2. @orinoco

    Wie gesagt, es geht gar nicht immer nur um die schulischen/kognitiven Leistungen, sondern um das Sozialverhalten. Ist übrigens auch ein Thema dass in den Altmedien kaum vorkommt. Da reden ständig alle nur von »Bildung« und »Leistung« — also auch über das, was Du ansprichst.

    Ohne eine sozial-emotionale Stabilität, ohne ein gesundes Werte-Gerüst, ohne Frustrationstoleranz, ohne gelernt zu haben, wie ich zu anderen Kindern Kontakt oder sogar eine Freundschaft aufbauen kann, ohne ein gesundes Selbstkonzept, ohne Selbstwirksamkeit usw. usf. — sind Kinder überhaupt nicht bereit, in der Schule zu »lernen«. Daran mangelt es vielfach.

    Viele nennen es die »Softskills«. Dabei sind es eigentlich die »Hardskills«. Das Fundament, auf dem erst etwas wachsen kann.

    Davon abgesehen: Ich mache den Eltern erst dann einen Vorwurf, wenn sie die Gruppendynamik nicht anerkennen wollen, sondern anfangen herumzuleugnen.

  3. Zufälligerweise läuft gerade bei mir ein Ereignis, das einen ganz ähnlichen (fatalen) Verlauf nimmt, obwohl hier nur Erwachsene mitspielen. Ich sehe daher hier ein grundsätzliches Phänomen, wie in unserer Gesellschaft mit Problemen (neudeutsch: Herausforderungen) umgegangen wird.
    Probleme löst man wie folgt
    1. Was ist passiert? (Sachverhaltsermittlung)
    hier: weiß der Pädagoge, weil er dabei war
    2. Welche Faktoren haben zur problematischen Situation geführt?
    hier: pädagogischer Sachverstand, es könnte aber noch äußere Faktoren geben.
    3. Auf welche Faktoren kann ich einwirken?
    4. Wie wirke ich auf die identifizierten Faktoren ein?
    In unserer Gesellschaft wird aber in der Regel wie folgt reagiert:
    1. Ignoranz
    Das ist nicht passiert, mein Kind tut so etwas nicht.
    2. Problem anderer Leute (PAL)
    Ich bin nicht zuständig, darum muss sich der Pädagoge / Lehrer / Osterhase kümmern.
    3. Wurstigkeit
    Es wird schon nicht so schlimm sein / werden, und wenn, kann man auch nichts machen.
    Wenn diese drei Ansätze, dass Problem von selbst verschwinden zu lassen, nicht greifen, gibt es immer noch die drei Wege zum Erfolg (nach Donald Trump):
    1. Angriff, Angriff, Angriff
    2. Niemals zugeben, dass man verloren (etwas falsch gemacht) hat.
    3. Die eigene Leistung herausragend hervorheben.
    Was soll man machen?https://www.zeitgeistlos.de/zgblog/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_unsure.gif

  4. @Kakapo3

    Ja, da sprichst Du was an! Würde ich mit »Konfliktkultur« zusammenfassen. Wäre auch ein eigenes Thema wert. Nach meiner bescheidenen Meinung und jahrelangen beruflichen Erfahrung mit Kindern, ist die bei Kindern häufig sogar noch viel besser und reifer ausgeprägt, als bei den Erwachsenen.

    Kinder sind viel öfter in der Lage, Fehler einzugestehen, sich zu reflektieren, Besserung zu loben oder sich gar zu entschuldigen. Das findest Du bei Erwachsenen heute kaum noch. Da wird nur nach »Schuldigen« gesucht.

    Aber wie gesagt, das auszuführen, sprengt hier jetzt den Rahmen.

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