Der rosarote Duckblick (4)

Der überwiegende Teil sozialer Interaktionen besteht darin, sich gegenseitig zu bestätigen. Sich in Sicherheit zu wiegen. Die eigenen Unsicherheiten zu kompensieren. Dazugehören und geliebt werden zu wollen. Die rhetorischen und subtilen Vehikel dafür sind Humor, Empörung und Lästerei.

Am Ende geht es fast immer um die Befriedigung von, oft neurotischen, Befindlichkeiten und fast nie »um die Sache«. Auf der Lohnarbeit ebenso, wie im Privatleben. Der weit um sich greifende Fühli-Fühli-Diskurs blockiert effektiv jede Form von Horizonterweiterung und Erkenntnis.


Selbstwahrnehmung
Selbst in zahlreichen Gremien oder Arbeitsgruppen geht es zunehmend nur noch um Fühli-Fühli und um subjektive Befindlichkeiten. Die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse, Werturteile und Emotionen, nicht ständig und überall in den Vordergrund zu stellen, sondern sich auch mal einer gemeinsamen Zielsetzung unterzuordnen — haben immer weniger Menschen.

Als beispielsweise unser Betriebsrat, nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt, nun eine »Haltung zur AfD« entwickeln wollte (»wie mit AfD-Kollegen umgehen?«) und ich meinte, dass ich keinen Radikalenerlass 2.0 unterstütze und es uns außerdem verboten ist, politisch-aktivistisch zu sein ( Paragraph § 74 Abs. 2 Betriebsverfassungsgesetz: »Parteipolitische Betätigung im Betrieb ist unzulässig«) — gingen die Emotionalisierungen und die Moralisierungen erst richtig los:

»Wie kannst Du sowas nur sagen? Die AfD ist doch wie die NSDAP! Die wollen alle Ausländer abschieben und sind nicht besser als Hitler! Unterstützt Du das etwa?« Und so weiter und so fort.

Es ist ein ungeheurer Kraftakt, hier jedesmal wieder den Fokus auf das Wesentliche und auf den Sachgegenstand zu lenken. Nicht selten gilt man dann als Spaßbremse, als Spielverderber oder als »zu ernst«. Ja, wer effektiv und produktiv arbeiten will, wird überall daran gehindert, weil viel zu viele Menschen mit sich selbst nicht im Reinen und damit kaum in der Lage sind, sachlich, nüchtern und methodisch zu argumentieren, zu analysieren oder zu arbeiten.



Selbstentfremdung
Ich habe das, im beruflichen sowie im privaten Kontext, die letzten 30 Jahre immer wieder genau so erlebt. Bevor man effektiv ein Problem oder eine Herausforderung angehen und an einer Lösung arbeiten kann, müssen zuerst fast immer Berge an Befindlichkeiten, Unsicherheiten und Neurosen bearbeitet und bestenfalls beiseite geschafft werden. Erst dann kann es inhaltlich konstruktiv werden. In welchem Kontext auch immer.

Nun könnte man lapidar sagen, »so sind halt Menschen«, also wieso sich damit aufhalten und beschäftigen? Weil sich letztlich, oft versteckt und subtil, vieles genau darum dreht. Der ganze Resilienz-Hype spricht diese Problematik an. Die Befürworter der Ganzheitlichkeit ebenso, wie die Work-Life-Balance-Freunde. Sie alle sind sich einig, dass sehr viele Menschen belastet, unzufrieden und unsicher sind.


Selbstbeherrschung
Die Lösung kann jetzt aber nicht darin liegen, dass jeder seinen persönlichen Emotionshaushalt und seine Probleme ständig, überall und völlig ungefragt hinausposaunt und seinen Ballast überall ablädt. Jeden ungefragt entweder zum Therapeuten oder zum Sozialmülleimer macht.

Kaum Jemand traut sich heute noch ernsthaft die Frage »Wie geht es Dir?« zu stellen, weil sich Niemand mehr zurückhalten kann und seinen Psycho-Ballast jedem vor die Füße rotzt. Wo sind hier eigentlich Rücksichtnahme und Respekt geblieben?

Man kann eben auch zu viel reden, reden, reden. Ich bin überzeugt davon, dass mehr Sachlichkeit und weniger Befindlichkeit, mehr Demut und weniger Narzissmus, mehr Gelassenheit und weniger Empörialismus, mehr Schweigen und weniger labern — deutlich konstruktivere Ergebnisse im privaten sowie im beruflichen Umfeld schaffen kann.


Der rosarote Duckblick (1)
Der rosarote Duckblick (2)
Der rosarote Duckblick (3)

2 Gedanken zu „Der rosarote Duckblick (4)“

  1. Das sind interessante Aspekte, die du hier ansprichst. Kenn ich auch selbst, weil ich im Kundendienst auch viele dieser Situationen erlebe. Manchmal hast du Ansprechpartner an der Backe, die ungefragt ihr Inneres nach außen stülpen und einfach losplappern, was sie gerade umtreibt.

    Kürzlich wieder mit einem Hausmeister erlebt, der mir einfach so eröffnet hat, dass er dringend in Urlaub müsse und eine Woche Mallorca gebucht hat. Ja, schön für ihn, aber ich kenne den Typ gar nicht und wollte nicht gleich damit vollgequatscht werden mit Dingen, die ich vielleicht wissen will, wenn ich mit dem Typen vorher öfter mal in einer Kneipe einen trinken gewesen wäre. Und dass ich auch mal meinen Senf dazugeben könnte — nee, ist egal. Ihr Senf ist jetzt wichtiger.

    Das kommt ja wohl oft mittlerweile so oft vor, dass irgendwie jedes Grundverständnis von zwischenmenschlicher Kommunikation unwichtig geworden ist. Entweder nie gelernt oder wieder vergessen. Und diese Monologe haben dann auch den Social-Media-Impetus, und wir werden zu Empfängern und gewünschten Lobhudlern degradiert. Das stört mich schon sehr.

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