Kinder in Deutschland; Teil 49: Soziales Lernen

Seit einigen Jahren (also schon lange vor der »Corona-Krise«) wird die digitale Schule beschworen, gefordert und gefördert. Schulklassen sollen mit Laptops, Tablets, Smartphones und interaktiven Whiteboards ausgestattet werden. Ferner sollen digitale Plattformen, Web-Kommunikationswege sowie Video-Plattformen den Weg zur digitalen Schule (auch via Homeschooling) ebnen. Die Kritik lautet stets, dass es einen großen Mangel an der Umsetzung und Ausstattung geben würde. Ob und inwiefern digitale Lernmaterialien überhaupt pädagogisch sinnvoll oder ob sie nicht auch schädlich für die kindliche Entwicklung seien können, interessiert kaum.

Ein Aspekt kommt hierbei regelmäßig zu kurz und wird quasi nie thematisiert: das Soziale Lernen. Davon auszugehen, dass Kinder Objekt-Roboter seien, die man via digitaler Schul-Lernfabrik nur mit Daten füttern müsse, ignoriert alle pädagogischen, psychologischen, lerntheoretischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 30 Jahre. Denn Kinder lernen fast ausschließlich in der sozialen und primär analogen Interaktion mit ihren Mitmenschen.

Selbstwirksamkeit
Ich kann aus meinem Schulalltag berichten, dass es immer mehr Kinder gibt, die weniger kognitive als viel mehr sozial-emotionale Schwierigkeiten im Alltag haben. Hier hilft den Kindern auch kein Laptop oder ein Tablet weiter. Sie benötigen zwingend die Interaktion mit anderen Kindern und auch die sensible Begleitung von pädagogischem Fachpersonal ist hier wichtig. Kinder, die beispielsweise häufig in Konflikte involviert sind, eine geringe Frustrationstoleranz haben, bei denen die Selbst- und Fremdwahrnehmung schwach ausgeprägt ist, die Probleme haben, sozial anzuknüpfen oder Freunde zu finden sowie wenig selbstständig-lösungsorientiert handeln können, benötigen unbedingt einen geschützten Freiraum, wo sie entsprechende Fähig- und Fertigkeiten mit anderen Kindern (er-)lernen können. Aber auch Kinder, die keine Schwierigkeiten haben, benötigen andere Kinder, um sich altersgerecht entwickeln zu können.

Werte und Normen wie Fairness, Rücksichtnahme, Verständnis, Empathie, Gerechtigkeit, gewaltfreie Kommunikation oder Gemeinschaftsgefühl, lernen Kinder nicht via Schulcloud oder einer Zoom-Videokonferenz. Sie entdecken ihre körperlichen und emotionalen Grenzen und Fähigkeiten nur in der analogen Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen. Wie bitte sollen Kinder und Jugendliche Konfliktlösungstrategien mit digitalen Technologien (er-)lernen? Wie sollen sie sich hier selbst sowie andere Kinder spüren? Mit all ihren Gerüchen, Berührungen, der Körpersprache, Gestik, Mimik und Stimme, die für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen so unglaublich wichtig sind? Wie lernen Kinder ihre Ängste zu überwinden und selbstbewusster zu werden, wenn sie vor einem smartphone sitzen?

»Die digitale Welt ist ein Frontalangriff auf unsere Erfahrungsfähigkeit, den Wirklichkeitssinn und das autonome Denken.«

Götz Eisenberg, Sozialwissenschaftler und Publizist

Michael Hüter, Historiker und Kindheitsforscher (via jugend-und-bildung.de)

Partizipation
Digitalpakt. Bildungsstandort Deutschland. Digitaler Wandel. Homeschooling. Medienkompetenz. Bei all dem geht es ‑wie so oft- nicht um die Bedürfnisse und Interessen der Kinder. Denn sie werden nicht gefragt. Stattdessen definieren die Kultusministerien die gewünschten Bildungsziele und die Digital-Firmen verdienen Milliarden an der digitalen Aufrüstung der Schulen. Fragt man nämlich die Kinder (oder auch die Eltern), wünschen die sich meist saubere Toiletten (die selbst in Corona-Hygiene-Zeiten häufig immer noch eine Katastrophe sind!), einen schöneren Garten oder einen besser ausgestatteten Schulhof. Dafür ist dann aber komischerweise selten Geld da. Stattdessen müssen Fördervereine gegründet und das Geld eingebettelt werden, damit man sich wenigstens am Tag der offenen Tür nicht in Grund und Boden schämen muss.

Natürlich ist Lernen zunächst ein individueller Prozess. Soziales Lernen meint aber, das Training und die Förderung der sozialen Kompetenz in der Gruppe. Und gerade die Aushandlung eines Kompromisses zwischen eigenen Bedürfnissen und  nicht-eigenen Bedürfnissen, ist beispielsweise für Grundschüler ein elementar wichtiger Bestandteil des kindlichen Entwicklungsprozesses. Das Erleben und Erfahren der emotionalen Selbstwirksamkeit, die Teilhabe an der Gruppe, das Einfühlen in andere Kinder (Empathie), die Stärkung der eigenen Resilienz und Frustrationstoleranz, ein ausgeprägtes Regelverständnis, die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes sowie gewaltfreie Konfliktlösungstrategien — sind weitere wichtige Lernprozesse des Sozialen Lernens. Das alles lernen Kinder nicht mit oder über digitale Technologien. In der öffentlichen, politischen und medialen Debatte wird darüber nicht gesprochen.

Stattdessen wird sich allerorten über die digitale Ausstattung unserer Schulen beklagt. Ganz so, als wenn die digitalen Technologien der neue Heilsbringer wären und als wenn es genau das ist, was Kinder zu ihrer bestmöglichen Entwicklung wirklich brauchen würden.


Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 48 Folgen können im ZG-Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.


Kinder in Deutschland; Teil 48: Maskenpflicht
Kinder in Deutschland; Teil 37: Die Übermutti
Kinder in Deutschland; Teil 27: Kontaktabbruch

4 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 49: Soziales Lernen

  1. Danke,
    alles gesagt.
    Interessiert nur keinen. Also von denen, die die Macht haben.
    Und dabei haben die z.T. doch auch Kinder...
    Nein, ich verstehe es nicht. Aber ich war ja schon immer eher offline und glücklich damit.

  2. Das Smartphone ist eh das Ende jeder normalen Kommunikation.
    Ich habe keins und würde es auch ganz verbieten, allein schon wegen der ganzen Strahlung, die damit verbunden ist, wenn ich etwas zu sagen hätte.
    Google ist der größte Feind der Menschheit, aber das hat wohl selbst hier noch keiner wirklich begriffen.

  3. @Juri Nello

    Genau darum geht es mir eben nicht in dem Beitrag: schulische Bildung. Die kognitive Entwicklung ist häufig gar nicht das Problem. Die sozial-emotionale Entwicklung dagegen viel mehr. Es geht um das Soziale Lernen, dass Kinder nur in einem entsprechenden Freiraum, mit entsprechenden Möglichkeiten und mit anderen Kindern gemeinsam »lernen« können. Genau darüber spricht aber kein Mensch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.