Presseblick (37)

Das bargeldlose Bezahlen ist auf dem Vormarsch: »Kunden begleichen im stationären Handel bereits 42,6 Prozent des Umsatzes bargeldlos mit Karte.« Da lassen Banken, Politiker und Konzerne aber die Sektkorken knallen. Man kann schön sehen, wann und für was Geld ausgegeben wurde, die Werbung noch weiter personalisieren und im Notfall per Mausklick Konten sperren oder bei der nächsten Bankenkrise eine kleine Steuer erheben und sich an dem Geld bedienen. Und umso weniger Bares abgehoben wird, umso besser können die Finanzinstitute damit »arbeiten«, es also verzocken. Ein Grund mehr, meine Bank nur für die wichtigsten Rechnungen zu benutzen, und ansonsten überall nur mit Bargeld zu bezahlen. Natürlich ohne die subversiven Datensammler, wie Payback und die diversen Kundenkarten.

Arbeitsmarkt
Die Frankfurter Rundschau titelt: »Demokratie am Arbeitsplatz: Mitsprache unerwünscht.« Gemeint ist hier das Mitbestimmungsrecht. Deutsche Unternehmen würden zunehmend gesetzliche »Schlupflöcher« ausnutzen, um die Mitbestimmung zu umgehen. Als wenn das irgendetwas großartig Neues wäre. Lohnarbeiter sollen funktionieren und den Profit der Unternehmen steigern und ansonsten die Klappe halten. Filialen, in denen Mitarbeiter einen Betriebsrat gründen, werden kurzerhand geschlossen und verlagert. Tarifverträge -wenn überhaupt vorhanden‐ werden ausgehebelt. Und wer es wagen sollte, zu kritisch zu sein, dessen Vertrag wird nicht verlängert oder der bekommt keine lukrativen Pöstchen. Business as usual. Das Mitbestimmungsrecht im Aufsichtsrat ist nun wirklich nicht das Kernproblem unserer Arbeitswelt.

Medien
Nachdem die Veröffentlichung der SZ‐Leaks noch mal verdeutlicht hat, dass die bürgerlichen Medien von den Anzeigenkunden nicht nur finanziell abhängig sind, sondern das diese auch weitgehend die Inhalte (mit-)bestimmen, haben einige Dax‐Unternehmen nun einen Arbeitskreis gegründet: »Kodex für die Medienarbeit von Unternehmen.« Also wieder so eine freiwillige Geschichte, ohne jede Sanktionsmöglichkeit. Während also ALG2‐Empfängern beim kleinsten Vergehen die Kohle gestrichen wird, gibt es für Unternehmen vor allem immer wieder freiwillige -und damit völlig nutzlose‐ Verhaltens‐Kodizes, Ratschläge, (Ausbildungs-)Pakte, Leitlinien und so weiter.

Telepolis thematisiert: »Journalismus unter Druck: Studie beleuchtet Probleme in den Medien.« In der Einleitung heißt es : »Ein zunehmender ökonomischer Druck auf die Redakteure, Eingriffe in die Pressefreiheit und geringe Zeitressourcen sind Bestandteil problematischer Arbeitsbedingungen.« Weshalb braucht man für solche Erkenntnisse immer erst eine Studie?

Weitere wichtige Nachrichten unserer »Qualitätspresse«:

  1. Krampf oder Schwarze Magie? 2000 Schaulustige: Callboy bleibt beim Sex in Kundin stecken (focus.de)
  2. Fotoserie aus der Mongolei: Wo Reiche noch so richtig protzen (spiegel.de)
  3. Unechte Perlen? Dieb bringt Nyong’os Kleid zurück (welt.de)
  4. Urzeitechsen in Peru: Als die Krokodile herrschten (handelsblatt.com)

Immerhin werden wir von unseren »professionellen Redakteuren« der Leitmedien stets gut informiert. Und sie sind Meister im kritiklosen Abschreiben und Nachplappern von Konzern‐ und Bankeninteressen. Nicht wie bei den Bloggern, die nur verschwörungstheoretischen Unsinn verbreiten und ständig rumnörgeln müssen.

Krieg
Die Historikerin Miriam Gebhardt schildert in ihrem Buch »Als die Soldaten kamen«, dass nach 1945 auch die alliierten Soldaten massenweise deutsche Frauen missbraucht und vergewaltigt hätten. Wie jetzt? Ich dachte immer, dass hätten nur die bösen Russen gemacht und die Alliierten waren die Guten, die Befreier und Erlöser? Ich bin erschüttert. Aber gut, schließlich gibt es ja doch einen Unterschied zu den Vergewaltigungen der Rotarmisten: »Der Eindruck entstand, dass hier keine Vergewaltigung (gemeint sind die Allierten), sondern vielmehr eine Art Prostitution stattfand.« Na dann ist ja alles gut. Und ich dachte schon.

Social Media
Der Chefredakteur der »Zeit«, Giovanni di Lorenzo beklagt sich über die Kommentare im Netz. Sie seien »böswillig, aggressiv, fies — ein Blick in die Kloake menschlichker Abgründe.« Die sog. »professionellen Redakteure«, die sich ideologisch konform verhalten und sich allesamt den transatlantischen Think Tanks anbiedern müssen, sofern sie ihren Job behalten wollen, ertragen keine Kritik. Und anstatt endlich die extrem einseitige Propaganda‐Berichterstattung bezüglich des Ukraine‐Konfliktes sowie die ständige Dämonisierung von Putin thematisiert wird, werden lieber die Leser als Trolle und Idioten beschimpft.

Auf tagesschau.de gibt es ein Interview mit dem Social Media Berater Martin Fuchs. Die Quadratur des Kreises wagt dann tagesschau.de in der Schlussfrage: »Werden die sozialen Medien dann doch überschätzt?« Nein, natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, gerade Politiker würden das Potential unterschätzen, so Fuchs. Klar doch. Wir fragen mal einen Menschen, der damit Geld verdient, Unternehmen, öffentliche Institutionen und die Politk in Sachen Social Media zu beraten, ob er findet, dass Social Media überschätzt werde. Mal sehen, was er so spannendes antwortet. Oder wir fragen einen Jobcoacher, ob er meint, dass Bewerbungstraining und Vorstellungsgespräch‐Beratungen sowieso nichts am Arbeitsmarkt ändern würden. Diese typische Pseudo‐Kritik nennt sich dann auch noch »Qualitätsjournalismus«.

Rechtsextremismus
Die euphemistisch formulierten »Pannen« bezüglich der Aufklärung zur NSU‐Mordserie reißen nicht ab. Nun soll sich ein wichtiger Zeuge, der aus der Neonazi‐Szene aussteigen wollte, angeblich in seinem Auto selbst verbrannt haben. Polizei, Staatsanwaltschaft, das Bundesinnenministerium, der Verfassungsschutz und die Politik vernichten wichtige Akten, hüllen sich in Schweigen und behindern eine lückenlose Aufklärung. Das alles lässt die Vermutung aufkommen, dass der NSU‐Skandal weitaus größer ist, als dargestellt. Aber das ist natürlich reine Verschwörungstheorie

2 Gedanken zu “Presseblick (37)

  1. Krieg: Miriam Gebhardt ist heute Abend bei Maischberger, zusammen mit Guido Knopp. Das Thema geht schon gewaltig in Richtung Geschichtsrevisionismus und Opferdiskurs.

    Ich habe Frau G. eine mail geschrieben:
    »Sehr geehrte Frau Dr. Gebhardt,
    leider machen Sie denselben Fehler, wie Ihre Vorgängerinnen Helke Sander und Barbara Johr. Sie entkontextualisieren Ereignisse aus der Nazizeit und bedienen damit den sogenannten Opferdiskurs. So funktioniert Geschichtsrevisionismus.

    Wenn Sie in einem Interview sagen: »In den 90er Jahren nahm sich Helke Sander des Themas endlich an. Ihr Dokumentarfilm »BeFreier und Befreite« war eine Pioniertat, allerdings hatte er einen Schönheitsfehler: Wieder ging es nur um die Untaten sowjetischer Soldaten. « Nein, der Schönheitsfehler lag und liegt auch bei Ihnen im Verschweigen dessen, was mit den Frauen in den von Deutschen besetzten Ländern und in den KZs geschah. In dem Ausklammern von Gräueltaten der Väter, Männer, Söhne und Brüder der deutschen Vergewaltigungsopfer.«

    Ihre Antwort: Wenn ich ihr Buch lese, würde ich meine Kritik zurückziehen.

    Dazu meine Ergänzung: Nicht einmal fragt die Autorin, wann bei diesen (deutschen, vergewaltigten) Frauen das Grauen begann, ob schon damals, als sie in der Wochenschau sahen, was ihre Männer in anderen Ländern anrichteten, ob schon damals, als die jüdischen Nachbarn verschwanden, oder erst als sie selber von Bomben getroffen wurden und nichts mehr zu essen hatten.

    Und weil mich so eine Einseitigkeit zornig macht noch etwas:
    Im Buch »BeFreier und Befreite« schreibt Ingrid Schmidt‐Harzbach in einem Aufsatz: »Eine Woche im April. Berlin 1945«: »Die Listen der Frauen waren vielfältig... schwangere Frauen, die auf ihren Bauch tippten und ›Baby‹ sagten, wurden nicht angerührt.« – Schwangere Frauen in Belorußland wurden von den deutschen Besatzern mit allen anderen in die Scheune getrieben und lebendigen Leibes verbrannt. Jüdischen Frauen wurden die Säuglinge von der SS aus dem Arm gerissen, und dann wurden die Kinder vor den Augen der Mütter so lange mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, bis nur noch ein Brei aus Blut und Gehirnmasse übrig war. Die Rotarmisten taten im eroberten Deutschland nichts dergleichen. Sie ermordeten keine Säuglinge, sie verbrannten nicht Menschen lebendigen Leibes, sie legten nicht systematisch Dörfer und Städte in Schutt und Asche, sie vernichteten nicht gezielt die Ernte und das Vieh der deutschen Bauern, und so weiter und so fort.

  2. »Die letzten Nazissen leben noch unter uns. Grau oder weiß ihr Haar, sorgfältig onduliert, sauber das Gewand, modern im Stil, keine Oma will Oma sein. Hinter der auf jugendlich getrimmten Maske verbirgt sich die Hölle im Hirn: Sie haben geschwiegen. Sie schwammen wie Fettaugen auf dem Leid der Geknechteten. Sie ließen ihre Männer, Söhne und Väter Verbrechen verüben, haben ihnen zur Seite gestanden, haben nie erzählt, was sie gesehen, gewusst, als gerecht empfunden haben: den Tod von unzähligen unschuldigen Menschen. Sie herzen ihre Enkelkinder und tröpfeln ihnen dabei spielerisch, omahaft, das Gift des Schweigens ein...«

    Niklas Frank, ebenfalls heute Gast bei Maischberger

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