Medienkompetenz (10)

Eine typische Kommentarspalte auf »zeit.de«

-Ausgewogenheit-

Woran erkennt man, dass Deutschland zunehmend ins Autoritäre und Totalitäre abdriftet? Daran, dass kaum noch eine differenzierte Sichtweise oder auch nur leichte Abweichungen der Erzählungen, von Regierung und Tagesschau, möglich sind. Grautöne. Abstufungen. Verhältnismäßigkeit. Augenmaß. Eine faire und ausgewogene Berichterstattung. Ein sowohl als auch. Ein Stehenlassen-Können der anderen Meinung: »audiatur et altera pars« (»man höre auch die andere Seite«). Das alles kann und will man nicht mehr.

Stattdessen herrschen Kontaktschuld. Moralisierung. Freund-Feind-Denken. Polarisierung. Ein »ganz oder gar nicht«. Und der ständige Willen, den politischen Gegner (nicht nur verbal) fertig machen zu wollen. Auf allen Ebenen. Das stinkt zunächst vom Kopf her ‑durch zahlreiche Mediengesetze, Verordnungen, Meldestellen, Chatkontrollen, Denunziationsportale sowie viele weitere Repressionensmethoden- tröpfelt aber auch zunehmend in die Alltagswirklichkeiten der Bevölkerung.


Journalistische Standards
Zahlreiche Altmedien und Redakteure haben sich schleichend von ihren eigenen journalistischen Grundsätzen verabschiedet, weil sie »Haltungsjournalismus« betreiben und unbedingt aktivistisch »das Böse« (AfD, Trump, Putin etc.) bekämpfen wollen.

»Von der Berichterstattung betroffene Personen oder Organisationen müssen Gelegenheit haben, sich vor einer Veröffentlichung im Sinne des ›audiatur et altera pars‹ (»man höre auch die andere Seite«) zu eventuellen Vorwürfen äußern zu können.«

- Ethik-Kodex des »Deutschen Fachjournalisten-Verband« (DFJV), § 1 Grundsätze der Berichterstattung

Das findet heute bei den großen Themen (Corona, Ukraine, Gaza, Migration, AfD, Trump etc.) quasi gar nicht mehr statt. Ganz im Gegenteil wird dann behauptet, man würde dadurch nur dem politischen Gegner »eine Bühne geben«. Es wird also nur noch über Personen und Organisationen geredetet, aber nicht mehr mit ihnen.

»Journalistisch tätige Personen müssen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen und unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahrnehmen.«

- Publizistische Grundsätze des Deutschen Pressekodex, Präambel

Es gibt noch viele weitere internationale Kodizes, ethische Grundsätze und journalistische Selbstverpfilchtungen, die Ausgewogenheit, Fairness und Neutralität betonen. Eine seriöse, unabhängige und glaubwürdige Berichterstattung, ist nur dadurch möglich.


Selbstzensur
Selbst die »Berliner Zeitung« scheint immer weniger den Mut zu haben, gegen den Mainstream anzuschreiben bzw. herrschende Narrative bei den großen Themen (Corona, Ukraine, Gaza, AfD, Klima, Migration etc.) zu hinterfragen. So werden immer mehr kritische Mitarbeiter, aus fragwürdigen Gründen regelrecht »aussortiert«, wie Aya Velázquez ausführlich beschreibt.

Immer mehr Mediennutzer wickeln sich zudem einen mentalen Stacheldraht um den Kopf. Sie zensieren sich selbst. Meiden bewusst bestimmte Medien. Wenn man also, wie beispielsweise meine Wenigkeit, in Beiträgen auf die rechten Medien »Apollo News«, »Tichys Einblick« oder »Nius« verlinkt, dann macht man sich »AfD-Denken« zu Eigen oder ist gleich selbst ein »Rechtsextremist«, so der weitverbreitete Habitus in vermeintlich »linken Kreisen«.

Ich schätze bei den genannten Medien die kritische Berichterstattung über »Corona« sowie über »staatliche Repressionen«. Die findet man in der »Lückenpresse« nicht. Bei den Themen Gaza, Sozial- oder Wirtschaftspolitik hingegen, sind diese rechtsalternativen Medien häufig sehr einseitig:

»Gleichzeitig machte Pinochet Chile durch liberale Wirtschaftsreformen zu einem der wohlhabendsten und wirtschaftsstärksten Länder Lateinamerikas.«

- »Apollo News« vom 15. Dezember 2025

Dieser Relativierung und Verharmlosung eines Diktators, der für tausendfache Verhaftungen, Folter, Entführungen, Verschwindenlassen und Morde verantwortlich ist, würde ich jedoch niemals zustimmen. Sollte ich deshalb »Apollo News« nicht mehr lesen? Darf ich deshalb nur noch Medien konsumieren, die meiner Gesinnung entsprechen und bei denen ich bei allen Themen der gleichen Meinung bin? Ist nicht genau diese Haltung totalitär?


Medienkompetenz (1): »Überschriften«
Medienkompetenz (2): »Quellen«
Medienkompetenz (3): »Bildauswahl«
Medienkompetenz (4): »Hofberichterstattung«
Medienkompetenz (5): »Kognitive Verzerrung«
Medienkompetenz (6): »Glaubwürdigkeit«
Medienkompetenz (7): »Geschichte, Kontext und Ursachen«
Medienkompetenz (8): »Die Bundespressekonferenz«
Medienkompetenz (9): »Feindbilder«

3 Gedanken zu „Medienkompetenz (10)

  1. »Darf ich deshalb nur noch Medien konsumieren, die meiner Gesinnung entsprechen und bei denen ich bei allen Themen der gleichen Meinung bin? Ist nicht genau diese Haltung totalitär?«

    Das verbinden Sie in einer Art, die ich als ›binär‹ bezeichnen würde. Es geht natürlich nicht (nur) um ein ›darf‹, sondern um die nüchterne Schlussfolgerung aus gelesenem Text, der wohl hier eindeutig ist.

    Und wenn das zum Standard dieser Quelle gehört, dann liegt wohl auf der Hand, warum ich mich davon distanziere. Dann stellt sich nur noch die Frage, zu welchen Zwecken sollte ich diese Quelle zukünftig überhaupt noch aufrufen.

    Und noch was zur Berliner Zeitung, die sich aktuell ja neu aufgestellt hat:

    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/ein-neues-kapitel-im-deutschen-journalismus-die-ostdeutsche-allgemeine-startet-li.10019997

    https://ostdeutscheallgemeine.com/

    Da kann man sich seine Meinungen bestätigen oder widerlegen lassen, je nachdem, wie man selbst mit Vor-Urteilen belastet ist.

  2. @ mo
    In der Tat.

    Meine Erinnnerungen an Pinocchio sind stark veraltet, aber ist er nicht am Ende zu einem Menschen geworden?
    Etwas, was unserem Kanzlerdarsteller ganz sicher nicht passieren wird.

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