Kinder in Deutschland; Teil 36: Instrumentalisierung

instru_titelWie ist es möglich, dass in einer Kosten‐Nutzen‐orientierten Gesellschaft Kinder existieren? Schließlich kostet der Nachwuchs doch viel Geld, verursacht Dreck und Lärm, belastet die eigenen Nerven, erfordert eine Menge Zeit und Geduld. Sie bringen also viele persönliche Nachteile mit sich. Die Antwort darauf ist meist: der Fortpflanzungstrieb, die Instinkte und die Emotionen sind dafür verantwortlich. Es ist halt Liebe. Die gängige Antwort von infantilen Gefühlsamöben, für die Emotionen stets auch Argumente sind. Ich behaupte dagegen: Kinder werden häufiger aus ganz anderen Gründen -und eher selten aus uneigennütziger und romantisch verklärter Liebe‐ in die Welt gesetzt, als Mann und Frau ehrlich zugeben wollen.

In einer sozial immer kälter werdenden Welt, in der die Liebe nicht nur käuflich, sondern auch zur verwertbaren Ware geworden ist (Single‐Börsen, Bordelle, Hollywood) und in der Menschen von Profitjägern sowie von Markthelden zu Objekten gemacht werden, erstarkt die Sehnsucht nach authentischer Liebe und Familienharmonie. Kleinkinder lieben ihre Eltern, in den ersten fünf Jahren vor allem die Mutter, aufrichtig und bedingungslos. Mich wundert es daher gar nicht, dass immer mehr Psychologen und Paartherapeuten feststellen, dass viele Mütter sobald sie Kinder bekommen haben, ihre Männer emotional stark vernachlässigen. Und es dürfte auch kein Zufall sein, dass es besonders viele Trennungen in den ersten Jahren nach der Geburt des Kindes gibt. Die Partnerliebe aufrecht zu erhalten, ist bedeutend anspruchsvoller und erfordert deutlich mehr persönliche Integrität und Aktivität, als die zunächst bedingungslose Liebe zum und vom Kind.

Du hast zu wollen, was ich will
Kinder werden häufig völlig überfrachtet. Sie dienen den Eltern und besonders den Großeltern als Liebesquelle, Zuneigungsautomaten und Kuscheltiere. Solange sie klein sind, dürfen und müssen sie sich abknutschen, abknuddeln und angrabbeln lassen. Jeder, der mal mit einem Baby oder Kleinkind in der Großstadt unterwegs war, wird das auch bei Fremden erlebt haben. Vor allem Senioren, Rentner und ältere Menschen tatschen gerne mal völlig ungefragt das eigene Kind an und wollen sich ein wenig lächelnde Zuneigung gratis abholen. Oft sollen die Kinder die innere Leere und Langeweile der Eltern mit Glück, Liebe und Harmonie füllen. Die eigene Persönlichkeit, welche durch die Lohnarbeit, einem Haben‐Denken und von einem konsumorientierten Alltag selbstentfremdet wurde, wird nicht ehrlich reflektiert oder mit einer authentisch, schöpferisch‐kreativen Lebensweise neu ausgefüllt, sondern mit einem weiteren Besitzdenken fortgeführt: »Es ist mein Kind!«

Die Emoglucken‐ und Helikopter‐Muttis, die sich durch ihr Kind selbstverwirklichen wollen -also keinerlei andere Interessen oder Gesprächsthemen mehr haben‐ benutzen ihr Kind nicht nur als ganz persönliche Beschäftigungstherapie (weil sie sonst mit sich und ihrem Leben nichts anzufangen wüssten) sondern inszenieren sich auch ständig als Heile‐Welt‐Familie (facebook). Wer (Klein-)Kinder sein eigen nennt, steht auch fast überall im Mittelpunkt und bekommt Aufmerksamkeit. Was für viele das Auto, das Haus, der Garten, die Karriere, das Vermögen, der große Fernseher und der vorzeigbare Beziehungspartner ist, das wird bei immer mehr Menschen auch das eigene Kind: ein Sozial Status Symbol.

Nicht zu vergessen die politische und wirtschaftliche Instrumentalisierung von Kindern. In der Werbebranche werden sie einerseits verwendet, wenn es um Werbung für Kinderprodukte geht sowie wenn die beworbenen Güter und Dienstleistungen mit den Attributen unschuldig, jung, rein, unerfahren, neugierig, verspielt und so weiter aufgeladen werden sollen. Generell sind Kinder für die Wirtschaft eine große und wichtige Zielgruppe von Konsumenten. Nicht zufällig gehört die Walt Disney Company, mit mehr als 40 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr, zu den größten Unternehmen der Welt. Politisch werden sie beispielsweise von Rechten gerne benutzt, um die Todesstrafe wieder salonfähig zu machen (Todesstrafe für Kinderschänder). Auch Ursula von der Leyen versuchte mit der Kinderschänder‐Moralkeule eine Internetzensur durchzudrücken.

Nutzobjekte
Das Recht von Kindern auf eine freie Selbstentfaltung und auf persönliche Entwicklung (UN‐Kinderrechtskonvention) wird im marktradikalen Deutschland immer weiter beschnitten. Stattdessen werden sie von Politik, Wirtschaft, Eltern, Großeltern, Schule, Unternehmen und der Werbebranche für ihre eigenen Zwecke und Bedürfnisse instrumentalisiert. Und dann wäre da noch das etwas heikle Thema der Machtausübung. Es soll durchaus Menschen geben, die vor allem auch deswegen Kinder (und/oder Haustiere!) besitzen, um etwas unter ihnen zu haben. Etwas, worüber sie Kontrolle haben und Macht ausüben können, die ihnen in der selbstentfremdeten Lohnarbeitswelt abhanden gekommen ist. Auch wenn oft noch so noble Motivationen und Ziele vorgegeben werden, um eines geht es in aller Regel überhaupt nicht: nämlich darum, was Kinder wollen. Denn sie werden nicht gefragt.
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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 35 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden. Eine Auswahl bisheriger Teile:

» Folge 31: Infantilität
» Folge 23: Konsum
» Folge 17: Kita‐Alltag
» Folge 15: Väter

4 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 36: Instrumentalisierung

  1. Die meisten Kinder sind eher aus Gechlechtsunfällen enstanden. Jedes 9. ist sogar ein Kuckucksei. Gleich mal abzählen.

  2. Da habe ich auch schon öfter drüber nachgedacht, dass wohl die wenigsten Kinder aus dem puren Willen der Eltern, einem anderen das Leben zu schenken, entstehen, sondern aus rein selbstbezogenen Gründen (die du im Text ja schon treffend formuliert hast).

  3. @eike

    »Jedes 9. ist sogar ein Kuckucksei.«
    Mag sein. Wichtig ist diese Feststellung aber vor allem für Menschen, die Kinder als Besitz ansehen. (-;

  4. Du kannst mir viel unterstellen, aber eigene Kinder habe ich nicht und werde ich nicht haben. Ich könnte ja jetzt die Retourkutsche fahren und Dich fragen, ob Du denn hübsch treu geblieben bist. ;) :P

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