»Inside Schule«

Beim Thema »Schule« gibt es vor allem zwei dominante Sichtweisen. Die der etablierten Medien und der etablierten Politik sowie die der alternativen Medien und der Reformpädagogen. Die Einen instrumentalisieren Schulen als Bildungsanstalten für zukünftig-verwertbares Lohnarbeitsmaterial (»Humankapital«), das optional den Kindern gleichzeitig die gewünschte Weltsicht beibringen soll.

Die Anderen kritisieren vor allem staatliche Schulen als Anpassungs- und Unterwerfungsfabriken, bei denen unseren Kindern das selbstständige Denken gezielt abtrainiert werden soll. Deshalb befürworten sie nicht selten Privatschulen sowie reformpädagogische Ansätze.

Beide Analysen verkennen die eigentliche Perspektive: die tatsächliche Alltagswirklichkeit in Schulen.

Das kommt vor allem deshalb, weil Lehrer, Pädagogen, Erzieher, Sozialarbeiter oder gar Kinder, die täglich an staatlichen Schulen arbeiten, leben und lernen, nicht gefragt werden. Weder von den etablierten, noch von den alternativen Medien. Und wenn doch, dann nur deshalb, weil man wohl kaum neugierig und ergebnisoffen zuhören, sondern primär die eigene ideologische Weltsicht bestätigt sehen will.


Anwalt der Kinder
Fakt ist: Schulen in Deutschland werden, aus allen gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Lagern, überfordert und überfrachtet. Die Lehrpläne werden von Jahr zu Jahr größer. Die bürokratischen Anforderungen und Bildungs-Erwartungen an das dortige Personal steigen ständig. Eltern und Kinder werden immer anspruchsvoller. Und nicht wenige elterliche Erziehungsaufgaben werden an die Schulen regelrecht ausgelagert. Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter, sollen mittlerweile die großen Magier sein, die sämtliche familiären, gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen nicht nur auffangen, sondern auch gleich »reparieren« sollen.

Das kann nur schief gehen und in massenhafter Enttäuschung enden. Das soll nicht bedeuten, dass es ganz tolle Konzepte, Ideen, Projekte und (reform-)pädagogische oder didaktische Methoden an Schulen gibt. Und natürlich sehr viele, sehr engagierte und motivierte Fachkräfte, die mit viel Gespür und Empathie, ihr Bestes geben, damit den Kindern nicht nur die bestmögliche Bildung zuteil wird, sondern auch eine sozial-emotionale Teilhabe. Das alles steht außer Frage!

Es ist nur so: das in der Schule tätige Fachpersonal ist in erster Linie Anwalt der Kinder und kein politischer Erfüllungsgehilfe oder gar ideologischer Dienstleister. Weder für die etablierten Medien, für die alternativen Medien, für Eltern, Politiker oder »Bildungsexperten«. Auch wenn dieser Wunsch, meist eher euphemistisch formuliert, häufig genau so geäußert wird. Elterngespräche, Schulhilfekonferenzen, Gremienarbeit, aber auch Schulfeste oder öffentliche Veranstaltungen, dienen vor allem dazu, den Bedürfnissen und der bestmöglichen Entwicklung der Kinder gerecht zu werden. Und Niemandem sonst!



Dolmetscher der Kinder
Einer der größten und anspruchsvollsten Hauptaufgaben für jedes schulische Fachpersonal, besteht in der »Übersetzungsarbeit« und Verteidigung von kindlicher Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung. Gegenüber Eltern. Politik. Und (Zivil-)Gesellschaft. Lehrer, Pädagogen, Erzieher und Sozialarbeiter fungieren quasi als Anwälte und Dolmetscher zugleich.

Wer beispielsweise als Begleitung und Aufsichtsperson mit einer großen Schulkindergruppe, an einem Werktag die Berliner U‑Bahn benutzt, weiß genau wovon ich spreche. Denn alle glauben zwar zu wissen, was das Beste für Kinder und Schulen sei, wollen im Alltag damit aber so wenig wie möglich zu tun haben. Die Gesichter der Erwachsenen, wenn man mit einer Kindergruppe einen Bus oder eine Bahn betritt, beweisen genau das.

Natürlich kennen Eltern ihre Kinder. Gleichzeitig aber auch nicht. Denn das soziale Umfeld »Schule« kann eben ganz andere Verhaltensweisen von Kindern hervorbringen, die Eltern an ihren Kindern weder kennen, noch sehen werden. Denn Zuhause herrschen oft nicht nur andere Regeln, die Kinder werden daheim auch viel seltener mit Anforderungen, wie beispielsweise Bedürfnisaufschub, Impulskontrolle oder Frustrationstoleranz konfrontiert werden. Gruppendynamiken sind zudem eine ganz andere, eine ganz eigene Welt. Insofern müssen auch hier Lehrer und Erzieher vielfach »Übersetzungsarbeit« leisten.

Im öffentlichen Diskurs scheinen vor allem Erwachsene ‑die mitunter auch noch wenig mit Kindern im Alltag zu tun haben- ganz genau zu wissen, was für die Kinder das Beste sei. Das sie eigentlich nur ihre eigenen Vorstellungen, Erwartungen und Ansprüche am System Schule erfüllt sehen möchten ‑und eben nicht in erster Linie an die Kinder denken- würde ihnen sofort gespiegelt werden, wenn sie einmal vorurteilsfrei einige Tage an einer Schule hospitieren würden.


Fazit
In diesem Sinne: hört endlich auf, über Schulen, Lehrer, Pädagogen, Erzieher und Schulkinder zu reden und zu schreiben, sondern sprecht endlich mit ihnen. Hört ihnen genau zu! Unvoreingenommen. Ideologiefrei. Neugierig. Interessiert. Ohne am Ende ein erwünschtes Ergebnis zu haben. Vielleicht setzt sich dann auch die Erkenntnis durch, dass Schule viel mehr ist, als wahlweise nur Bildungsanstalt, Elterndienstleister oder Anpassungsapparat.

Denn genau hier üben sich Kinder im Sozialen Lernen. Bauen ihre Frustrationstoleranz auf. Sie stärken ihre Resilienz. Lernen Konfliktlösungsstrategien kennen. Agieren zunehmend selbstbestimmt und eigenverantwortlich. Sie trainieren ihre Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit. Sie entdecken ihre eigenen Vorlieben und Interessen. Bauen Freundschaften auf. Aber vor allem lernen sie, wie man lernt.


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

8 Gedanken zu „»Inside Schule«

  1. In diesem Sinne: hört endlich auf, über Schulen, Lehrer, Pädagogen, Erzieher und Schulkinder zu reden und zu schreiben, sondern sprecht endlich mit ihnen. Hört ihnen genau zu!

    Ich sprach mit ihnen, als ich ihnen rechtlos als Schüler ausgeliefert war. Und als jahrelang im rechtlosen Raum gefoltertes Heimkind. Das reicht mir fürs Leben.

  2. Schulen wurden wichtig, um die Kinder zur Kriegstucht zu konditionieren und genau da geht es wieder hin.
    Daher auch die Arbeitsverdichtung.
    Du kannst keine 12-Jährigen an die Flak stellen, wenn Du zwei Leute brauchst, um die Waffe zu erklären.

    Mit den Lehrern reden? Elternabend 2.0, jetzt neu mit allen anderen Menschen?

    Leuten, die es nicht schaffen, Erfordernisse und Bedürfnisse den Vorgesetzen zu vermitteln und danach zu handeln?
    Vorgesetzen, denen alles, außer Regeln egal geworden ist?
    Eltern den alles, außer dem GUI egal geworden ist?

    Leuten, die alles aus der KMK abnicken und blind befolgen und wie die Kinder jeden Amischeißtrend bejubeln, da ja vor allem die amerikanische Bildung schon immer ein Garant für die höchste Qualität war, genau wie in der Psychologie?

    Ich habe da meine Zweifel. Diskussionen sind das falsche Instrument, um da noch etwas verändern zu können, gerade weil sie fast nur die hierarchische Richtung kennen.

    Wenn der Karren ständig vor die Wand fährt, muss er erst zerplatzen, bevor sich etwas ändert.

    Was soll da

  3. Die Guten™“ kann man gut und gerne auch als „Gehirnamputationssekte“ bezeichnen. Leider beherrschen die ja inzwischen alles. Die führen den einzig wahren Krieg und das ist der Kampf gegen die Wirklichkeit.

    Je verbissener der geführt wird, desto mehr Amüsement liefert er aber auch. Ganz besonders spaßig wird’s, wenn’s gegen die Naturgesetze oder das ur-menschliche Verhalten geht. Da küsst der Wahnsinn dann auch gerne mal den Arsch des Irrsinns und fährt dabei Dreirad im Kreis.

    Doch die derzeitigen degenerativen Prozesse erzwingen deutlich sichtbarere und beständig weiter eskalierende Verhaltensweisen. Das führt unweigerlich zur Selbstzerstörung bzw. Reduktion der ursächlichen Missstände. Mit „sollten“ und „müssten“ ist da nichts zu machen. Die Schöpfung reguliert sich selbst.

  4. Meiner Meinung nach gibt es da wenig wirklich funktionierende Möglichkeiten. Spätestens seit Pisa ist »Reform« im Bildungswesen ein Dauerthema, dass jede Politikerwelle beschäftigt. Aber am Ende bedeutet das nur Chaos und Unsicherheit. Das was für jedes Kind die schlechteste Umgebung ist. Kinder brauchen Sicherheit und Klarheit.

    Wie pädagogisch aber Inhalte am besten vermittelt werden halte ich für nicht allgemein lösbar. Für den einem ist frontal am besten, andere können selbst entscheiden was sie lernen, wieder andere brauchen Druck und Noten, die für manche minderwertigkeiten erzeugen.

    Die Gesellschaft muss halt klar sagen, was sie bereit ist zu bezahlen und am Ende sind natürlich auch die Fähigkeiten wichtig, die die Menschen können müssen um in dieser Umgebung zu überleben.

    Aber wie bei allen Themen heute geht es vor allem darum, wer die Wahrheit gefunden hat und diese durchsetzt. Gegen Vielfalt der Lösungen und Individualität der menschlichen Bedürfnisse.

    Regeln erschaffen ist dabei ein, aus dem akademischen Bereich der VWL/BWL ins Arbeitsleben übertragenen Methode, die zu immer mehr Irrsinn führt. Denn die Masse an Regeln, Verordnungen, Gesetze und Vorschriften kann niemand mehr aufnehmen und halten vom arbeiten ab. Die Pädagogik war einer der ersten Bereiche, da die Lehrkräfte fast nur akademisch ausgebildet werden, wo diese Masse an vermeintlich nützlichen Datenflut schon in den frühen 90er begann. Dokumentation im Kindergarten mag als idealisierte akademisch wertvolle Erkenntnisse eine Rolle spielen, in 98% der Kinder ist es einfach überflüssiges Papier und man sollte sich fragen ob man das was man verhindern möchte nicht mit direkteren Methoden erreicht. Weil das größte Problem in der Pädagogik ist der direkte Zugang zum Klienten. Dazu braucht man Zeit und Erfahrung. Da helfen aber keine Dokumentationen. Und — am Schluss ist es wichtig, dass die Mehrheit der Menschen vernünftig betreut wird und Randthemen nicht mit allen vermischt werden.

  5. @Mutant77

    Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: ich sehe das Hauptproblem darin, dass »Bildung« von allen (!) ideologischen Lagern instrumentalisiert und mit hunderten von sachfremden Inhalten aufgeladen wird. Die überbordernde Bürokratie aka Dokumentation gehört dazu. Aber noch viel mehr.

    Auch die »alternative Szene« hat häufig ganz konkrete Vorstellungen davon, wie das alles laufen soll. Unabhängig von der konkreten Sachlage oder was das Kind in dem Moment wirklich gerade braucht. Waldorf- oder Montessori-Pädagogen-und-Einrichtungen sind nicht weniger dogmatisch und verbohrt, wie staatliche Einrichtungen. Ständig so zu tun, als wären sie das Paradies, verdreht jede Alltagswirklichkeit.

  6. Es bleibt dabei, wie schon Pierre Bourdieu ausführte, die Hauptaufgabe der Schule in unserer Gesellschaft ist, Klassenunterschiede in individuelle Unterschiede zu verwandeln. Und das klappt doch ganz gut. Kein völlig undurchlässiges System aber Akademiker Kinder werden Akademiker (natürlich durch persönliche Leistung) Meine Klasse hat kein Interesse an einer gerechten Schule mit Chancengleichheit. Alles andere ist ideologische Verbrämung.
    Und dann wäre auch noch Esther Vilar:

    Die berufstätige Frau braucht Gefängnisse für ihre Kinder

    Auch das klappt doch sehr gut. Die Eltern arbeiten wie blöd und die Kinder sind eingesperrt.
    In den Zeiten der Kriegstüchtigkeit fragt man sich wirklich, warum man die Kinder mit Algebra und Rechtschreibung quälen soll, im Massengrab brauchen die auch nicht mehr als ein bisschen Kalk (frei nach Brecht).
    Nein, ich bin nicht zynisch.

  7. @Tafelrunde

    »Die Schöpfung reguliert sich selbst.«

    Da hat der Religionsunterricht offensichtlich Spuren hinterlassen. lol

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