Presseblick (74)

»Nähme man den Zeitungen den Fettdruck weg, um wie viel stiller wäre es auf der Welt.« (Kurt Tucholsky)

SEO und Clickbait wohin man nur schaut. Kaum ein Online-Medien-Erzeugnis redet gern darüber, aber die Google-Algorithmen bestimmen längst, was, wann, wo und in welcher Form geschrieben und veröffentlicht wird. Vorbei sind die Zeiten, wo ein Redakteur für die Leser geschrieben hat, weil er das Thema für relevant hielt. Nun richten sich ganze Online-Redaktionen nach Google-Richtlinien und SEO-Begriffen. Foto-Klickstrecken mit 30 Seiten, kaum externe Links (oder Quellenangaben) sowie künstlich aufgeblähte Texte. Und das sieht man immer wieder an den Nicht-Artikeln. Beiträge, die keinerlei Informationswert haben, aber in denen wichtige Google-SEO-Keywords platziert werden, damit man bei der großen Suchmaschine schneller gefunden wird: »ist das aber leider alles nur heiße Luft.« Egal, Hauptsache wir haben den Klick kassiert. :EUPHORIE:  

Politik
Wie geschichtsvergessene Jubelperser-Hofberichterstattung heute geht, kann man auf zeit.de bei Katharina Schuler hervorragend nachlesen:

  • »Doch Merkel will nicht Angst machen, sondern vor allem Mut.«
  • »Die Kanzlerin hat recht behalten.«
  • »...etwas anderes schien ihr fast noch wichtiger: Europa und dessen Zukunft.«
  • »...dass auch sie unaufgebbare Werte hat: Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, Hilfe für Verfolgte und Unterdrückte.«

Kein Wort zur NSA-Affäre, zu IM Erika, zu Snowden, den dutzenden Besuchen von Ackermann im Kanzleramt, etlichen verfassungswidrigen Gesetzen, die von der Merkel-Regierung beschlossen wurden, von US-Drohnenmorden der Ramstein Air Base (Unterstützung von US-Angriffskriegen), Waffenexporte in Steinzeit-Diktaturen, radikalem Sozialabbau, Milliarden-Geschenke an Banken und und und. Soviel kognitive Dissonanz muss man erst einmal hinkriegen. :SICK:

Medien
Der Lobo gibt in seiner Kolumne den journalistischen Offenbarungseid: »Dabei kann man über manche Dinge nicht neutral und objektiv berichten.« Gemeint ist das tägliche Trump-Bashing in sämtlichen Medienerzeugnissen. »Kotze muss man Kotze nennen.« Und Lügen sollte man auch als Lügen bezeichnen, so sein Credo. Das gilt selbstverständlich nur für Donald Trump, Erdogan, Putin und alle anderen Feindbildkonstruktionen. Die täglichen Lügen  von BILD, RTL und Tagesschau sind selbstverständlich nicht gemeint. Ebenso wenig die jahrzehntelange euphemistische Kriegsberichterstattung unserer NATO-Medien.

Erziehung
Marin Majica stellt sich auf zeit.de die Frage, inwiefern man als Elternteil stolz auf sein Kind sein darf? »Die Kinder sollten erstens die Erwartungen, die die Eltern an sie hatten, erfüllen oder sogar übererfüllen, um eben einen Anlass zu geben für ein Lob wie »Toll gemacht [...] ist ein bisschen aus der Mode gekommen.« So so. Ich würde eher sagen, gerade heute sind viele Eltern spießiger und dogmatischer als sie es selbst wahrnehmen wollen.

Da werden Kinder zum Klavier-Unterricht geschleift, in Sportvereine gesteckt, die Woche, der Monat, das Jahr durchgeplant, sie präventiv vor sämtlichen, diffusen und imaginären, Gefahren (und damit auch vor Selbständigkeit) bewahrt, bei einer 3er-Note in Nachhilfekurse gedrückt und so weiter und so fort. Die Erwartungshaltung und der Leistungsdruck von Eltern ist höher denn je. Was Kinder interessiert und was ihre Bedürfnisse sind, spielt -auch in dem Artikel von Marin Majica- wieder einmal überhaupt keine Rolle.

Sexismus
Das Internet ist voller Trolle, Putinversteher, Maskulisten, Verschwörungstheoretikern und natürlich: Sexisten. Das wissen wir spätestens seit der NATO-Presse, den Social Justice Warrior (SJW) und den Radikal-Feministinnen. Neuestes vermeintliches Opfer: die WM-Kommentatorin Claudia Neumann. Das Muster ist denkbar einfach: wer das Ghostbusters-Remake schlecht findet, wer den Film »Oceans 8« kritisiert, wer transsexuelle Charaktere in einem Fantasy-PC-Spiel unangebracht findet oder eben auch die Moderation der WM-Kommentatorin Claudia Neumann für nicht gut befindet, ist ein Sexist. Punkt. :JAJA:

Nachhaltigkeit
Einen gerechtfertigten Schlag ins Gesicht für alle linksgrünen Eigenverantwortler, verursacht Kathrin Hartmann mit: »die grüne Lüge«. Es ist eben mitnichten so, dass wenn jeder Einzelne nur weniger Plastik verwendet, weniger Müll verursacht, Öko-Strom bezieht, mehr Fahrrad fährt und sich vegan ernährt, damit Natur und Erde gerettet werden können. Ganz im Gegenteil fahren mit dem Greenwashing-Etikett Unternehmen und Konzerne ordentliche Gewinne ein. Das Wirtschaftssystem, ergo der Kapitalismus, der auf Verwertung, unendlichen Wachstum und Ausbeutung basiert, ist und bleibt das Grundproblem. Das aber, wollen vor allem Linksgrüne ungern thematisieren.

Armut
Witz der Woche: »Gut die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland geht laut einer Studie der Techniker Krankenkasse vorm Rentenalter in den Ruhestand. Deshalb nütze es wenig, das Alter immer weiter hochzuschrauben.« Natürlich nützt es! Nur nicht den Rentnern. Aber sehr wohl der Politik, die dadurch geringere Renten auszahlen müssen, weil die Abzüge immer größer werden.


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3 Gedanken zu “Presseblick (74)

  1. Rainer: Nicht unbedingt, aber Kathrin Hartmann sollte ein Begriff sein. Eines ihrer Bücher »Das Ende der Märchenstunde« behandelt ein ähnliches Thema: Mit dem Einkaufswagen die Welt retten. Eine Abrechnung mit den LOHAS ( Lifestyles of Health and Sustainability.

  2. Kathrin Hartmann, offenbar eine Dinosaurierin, die an der unumgehbaren Verbindung von öko und sozial festhält, Respekt.
    In der Tat auffällig und vielleicht eine der größten PR-Leistungen überhaupt, wie es die Wirtschaft geschafft hat, jede Verantwortung grundsätzlich an den Verbraucher abzuwälzen, obwohl es v.a. die Wirtschaft selber ist, die die Mittel zu Verbesserungen in der Hand hält.
    Dabei gibt es tatsächlich eine Eigenverantwortung der Verbraucher, nur nicht so sehr beim Konsum, das ist kaum machbar, Ausnahmen abgesehen. Viel wichtiger ist die Bereitschaft, Veränderungen mitzutragen, sollte sich die Politik denn mal zu solchen durchringen können.

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