Schizophrene Zwangsentfremdung

Die eierlegende Wollmilchsau. Georg Mittenecker. wikipedia.org

Die eierlegende Wollmilchsau. Georg Mittenecker. wikipedia.org

Nun ist es wieder soweit. Ab sofort darf ich mich erneut dem absurden Spiel der Selbstvermarktung hingeben. Beim Bewerbungstheater gilt wie immer: sei ganz Du selbst, also genau so authentisch, wie Dich Unternehmen, Institutionen und Organisationen haben wollen. In Personaler‐Deutsch heißt das primär: flexibel, belastbar, kommunikationsstark, berufserfahren, eigenverantwortlich und zugleich teamfähig. Deine Persönlichkeit und deine Charaktereigenschaften interessieren nur insofern, als dass sie für das Unternehmen nützlich, also monetär verwertbar sind. Hat man diesbezüglich sein gesamtes Wesen auf Personaler‐ und Unternehmerinteressen reduziert, die eigene Selbstentfremdung verleugnet und definiert sie obendrein als geistige Reife, so steht der eigenen Karriere nichts mehr im Weg. Außer vielleicht die Mechanismen des Neoliberalismus und die Massenerwerbslosigkeit. Aber die sind ja gottgegeben und alternativlos.

Während sich die Bewerber bei ihrer Stellensuche viel Mühe geben sollen -und am besten gleich einen auf die ausgeschriebene Stelle perfekt angepassten Lebenslauf vorweisen dürfen‐ hauen die meisten Unternehmen in den Stellenbörsen (und bei den Absagen sowieso) nur ihre standardisierten Phrasen, Schlüsselwörter und Redewendungen raus. Da ist beispielsweise ständig die Rede von »bewahren Sie auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf«, was schon mal andeuten könnte, dass oft und gerne im Personalmangel gearbeitet wird, um Lohnkosten zu sparen. Oder dass häufiger Überstunden verlangt werden und man diesbezüglich kein Murren hören will.

Auch die ständige Frage nach den »Gehaltsvorstellungen« taucht in den Stellenanzeigen immer wieder auf. Jobcoacher erzählen uns hier gerne das Märchen, dass es ja nur darum gehe, sich realistisch einzuschätzen und damit der »Arbeitgeber« hier einen ersten Eindruck bekommt. Bullshit. Letztlich kann man hier fast nur verlieren. Denn entweder verkauft man sich zu billig oder die Bewerbung landet gleich im Papierkorb, weil man anständig, d.h. beispielsweise tariflich und branchenüblich, entlohnt werden möchte, oder weil man die Gehaltsvorstellungsangabe gleich ganz weg lässt. Kein Wunder also, warum Unternehmen diese Redewendung in ihren Stellenanzeigen immer wieder gern verwenden, für sie ist das eine Win‐Win‐Formulierung. Langfristig gesehen führt diese Phrase irgendwann zur Selbstausbeutung und zum (un-)freiwilligen Lohndumping der Bewerber.

Jobs statt Arbeit

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Der Niedriglohnsektor ist dank der Agenda 2010 in Deutschland explodiert. Fast jeder Vierte muss in diesem Bereich arbeiten. Das bilden auch sämtliche Stellenanzeigen ab (siehe Bild). Egal ob bei stepstones.de, monster.de oder den anderen Stellenbörsen. Fast unabhängig davon, welche Parameter (Branche, Ort) man eingibt, so gut wie jede dritte Stelle die angezeigt wird, ist ein (Pflicht-)Praktikum (dafür muss man ja keinen Mindestlohn zahlen, hihi), ein Trainee‐Job, eine getarnte Werbeanzeige, ein Volontariat, eine geringfügige Beschäftigung (Mini‐Job), ein Daten‐Abfischen oder gar eine versteckte Fortbildung oder Umschulung, die via Bildungsgutschein bzw. Eingliederungszuschuss vom Jobcenter bezahlt werden darf. Alle Bezeichnungen haben vor allem eines gemeinsam: eine niedrige, untertarifliche oder gar keine Entlohnung. Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau für lau.

Das Anforderungsprofil, also das was die Firmen und Organisationen vom potentiellen Bewerber erwarten, steht selten im Verhältnis zu dem, was sie geben. Und nur um zu kaschieren, dass sie außer der Entlohnung nichts zu bieten haben, gibt es dann Floskeln wie: »ein angenehmes Betriebsklima, flache Hierarchien, eine leistungsgerechte Bezahlung, eine verantwortungsvolle Tätigkeit« und so weiter. Dieser fleischgewordene Irrsinn verdeutlicht sich dann stets bei der Personaler‐Frage: »warum wollen Sie in unserem Unternehmen arbeiten?« Na, warum wohl. Weil sie mich finanziell entlohnen, was anderes haben sie sowieso nicht zu bieten! Und dennoch wollen die Firmen immer wieder hören, wie gerne man doch nur in dieser Einrichtung, unbedingt und ab sofort, ausgebeutet sein Seelenheil finden möchte.

Vetternwirtschaft
Hinzu kommt der Skandal -der aber für niemanden einer zu sein scheint‐ dass selbst die Stellen, die öffentlich ausgeschrieben werden müssen (viele werden nicht mal öffentlich ausgeschrieben), intern oder informell vergeben werden. An Familienangehörige, Freunde, Bekannte oder Partner in Netzwerken. Auch wird bei nicht wenigen Stellen die Mitgliedschaft in einer Kirche, Partei oder Gewerkschaft zwingend vorrausgesetzt. Es ist also nicht die Leistung, die sich hier lohnt oder auszahlt, sondern das gutbürgerliche und vermögende Elternhaus, welches über enge Kontakte zu Politik, Medien und Wirtschaft verfügt. Das hat auch rein gar nichts mit dem gängigen Mythos von individueller Eigenleistung, Eigenverantwortung oder mit einem vermeintlichen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt zu tun, sondern mit festgefahrenen, postfeudalen Herrschaftsstrukturen. Nicht zu vergessen: die Lüge über den angeblichen Fachkräftemangel und die wirklichen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt: knapp 750.000 offene Stellen treffen auf (ungeschönt) mehr als 5 Millionen Erwerbslose.

Personaler und Unternehmer sind sich dieser Zustände durchaus bewusst, sonst würden sie sich auch nicht so oft wie die Made im Speck aufführen. Ob dreiste Psychofragen, Assessment‐Center oder übertriebene Auswahlkriterien – sie nutzen schamlos ihre Macht, auch wenn die kritischen Stimmen über derlei Verfahren immer lauter werden, gerade auch in Bezug auf dessen Nutzen. Erst wenn es mehr Stellenangebote als Erwerbslose gibt (was natürlich niemals passieren wird), würde das ganze absurde Theater vielleicht ein Stück weit ehrlicher und authentischer werden. Denn immer dort wo der Zwang herrscht, ist die Lüge nicht weit.

8 Gedanken zu “Schizophrene Zwangsentfremdung

  1. Hallelujah! :ANBETEN: Spricht mir das aus der Seele. Seit jetzt fast 2 Jahren mache ich diesen Bewerbungs‐ und Fortbildungsunsinn schon mit und habe langsam das Gefühl, als Mensch völlig verrückt dabei zu werden. Bewerbungsgespräche auf Augenhöhe? Fehlanzeige. Stattdessen kriecht man irgendwelchen Arbeitgebern bei Vorstellungsgesprächen in den A..., um anschließend eine Standardabsage per Mail zu bekommen. Wenn ich noch einmal den Ratschlag von irgendwelchen Coaches bekomme, ganz authentisch zu sein, flippe ich aus. ;) Das hat mich so gefrustet, dass ich dies jetzt in meinem eigenen Blog verarbeitete. Irgendwie muss man ja mit diesem Wahnsinn klar kommen. :MRGREEN: http://stillerevolution.blogspot.de/

  2. @kanfeta

    Der Begriff »Authentizität« in einer Gesellschaft voller Zwänge, Selbstentfremdungs‐Mechanismen sowie mit oft anzutreffendem Leistungs‐ und Anpassungsdruck, sollte längst zum »Unwort des Jahres« gewählt werden. Stattdessen wird einem die Floskel immer wieder von den »positive thinking« — Gurus und den Jobcoachern um die Ohren gehauen. Man selbst sei seines Glückes Schmied. Prinzip »Eigenverantwortung«. Während man gleichzeitig die Strukturen von Rente, Arbeitsmarkt, Sozialsystem und so weiter dermaßen beschneidet, so dass der Einzelne kaum noch einen Handlungsspielraum hat.

    P:S: interessanter Blog! ;)

  3. Es ist wirklich ein großer Blödsinn, was diese Situation des Bewerbungsgespräches heute darstellt. Im großen und ganzen, abgesehen von formalen Ausbildungsanforderungen und konkreten Kenntnissen ist es ein Bereich des Geschmackes. Die Personalwirtschaft tut zwar immer so, als ob sie über, ja, wissenschaftlich geltende Kriterien verfügte, welche eine passgenaue Auswahl ergeben würden. Das ist natürlich völliger Humbug. Wissenschaftlich gelangt man zu einem relativ breiten Inervall an Eignungen, welches keine präzisere Auswahl ermöglicht.
    Grundsätzlich sehe ich es auch so, dass ein bestimmer Teil der Stellen über Vitamin B vergeben wird. Diese fallen also für eine Bewerbung ohnehin schon weg. Im Einzelgespräch kommt dann Vitamin S voll zum Zug: die Sympathie, mehr oder weniger zufällig sich einstellend, entscheidet über die Auswahl. Was sollte auch dargebracht werden? Was soll in einer halben Stunde verlässlich abgefragt werden? Natürlich nichts. Mancherorten gibt es ganze Einpasscenter und darin Gruppenveranstaltungen. Nun, wer dies hinreichend oft mit gemacht hat, wird kaum von der Hand weisen können, dass dort Vitamin K am meisten zählt. Die Klappe innerhalb einer breiten Bandbreite von Sachkompetenz. Für die meisten Probleme gibt es ja auch nicht nur eine Lösung. Ein durchschnittlich oft sprechender Mensch wird weniger Beachtung erfahren als einer mit großer Klappe. Physiologische Eigenarten wie die Stimmstärke entscheiden ebenso mit. Das Gechlecht soll nicht entscheiden, die Stimmstärke darf es aber. Und natürlich Vitamin S. Unreflektiert innerhalb einer sehr breiten Bandbreite von möglichen Anziehungen in einem Gruppengeschehen.
    Noch sind wir nie bei Vitamin L angekommen. Leistung. Das ist der große Mythos des Personalwesens: Vitamin B, S, K sollen Leistung in vielen Fällen garantieren. Man stelle sich nur vor, man gäbe etwa an, dass man in der Freizeit nichts besonderes mache. Man denke nach ob des Erlebensstromes, der man ist, und verharre in Staunen und Freude. Welchem Personaler verfärbte sich die Gegenwart da nicht mit Seltsamkeitsgefühlen und Zweifel? Manch einer bekäme gewiss Angst. Die Bewerbung ist ein einem solchen Falle wohl gelaufen. Hingegen sagte man, dass man gerne Gipfel erklimme und sich für alte amerikanische Autos interessiere, dann wird man wohl darin noch im Rennen bleiben. Aber was kann derartiges mit der Arbeitskompetenz zu tun haben?
    Und säße dort einer, der sich nicht nur in der Arbeit mit esoterischem Wissen beschäftige, dann würde der Verharrende vielleicht Neugier hervorrufen. Erfüllt man alle drei Anforderungen, man kennt also jemand, man ist diesem jemand dadurch natürlich auch Sympathisch und man hat eine große Klappe, tja, dann ist man wohl dort angelangt, wo man in eine Bedeutungsmetamorphose gerät und sonach selbst Leistungsträger nennen darf.

  4. »...für sie ist das [die Frage nach Gehaltsvorstellung — (meine Anmerkung)] eine Win‐Win‐Formulierung.«
    Wodurch sie für den Bewerber die umgekehrte Wirkung erhält: Selbstbewußte sind nicht die erste Wahl, es sei denn, die Bewerbung ist für die Chefetage, wobei dann wiederum Selbstbewußtsein nichtsbedeutend ist ohne einen durchschimmernden »Killerinstinkt«.

    »Man selbst sei seines Glückes Schmied.«
    Und wenn man es nicht schafft, den Platz zu behalten oder den erstrebten Wechsel mit einer fälligen Verbesserung in der geplanten Karriere zu begründen, ist man ein ungeschickter Schmied gewesen und trägt demzufolge selbst die Schuld. »Die Tüchtigen finden immer eine Lösung«, etc...
    Im Grunde wurde ein System zertrampelt und ein neues geschaffen, wobei es »leider« — wie manche sicherlich moralisch selbstvergessen hinzufügen würden — immer noch Reste vom alten System übrig sind, an deren Abschaffung man mit Hochdruck arbeitet. »Marktkonform« ist bekanntlich gleichzusetzen mit, »dem Markt unterworfen«. So ein Adjektiv mit dem Begriff »Demokratie« zu paaren ist eine reife Leistung nicht aus linguistischer Sicht, sondern durch die mittlerweile erwiesene Etablierung in einer zivilisierten Gesellschaft, trotz der Auswirkungen, die ebenso deutlich erwiesen sind.
    Michael

    P.S. Ich hoffe, übrigens, daß sich mittlerweile eine gute Lösung gefunden hat...

  5. @Michael

    »...für sie ist das [die Frage nach Gehaltsvorstellung — (meine Anmerkung)] eine Win‐Win‐Formulierung.» Wodurch sie für den Bewerber die umgekehrte Wirkung erhält:

    Genau! Für die Bewerber ist die Phrase nach den »Gehaltsvorstellungen« eine Lose‐Lose‐Situation. So oder so. Entweder gibt man eine zu Hohe an und wird aussortiert. Gibt man eine zu Niedrige an, treibt man Selbst‐Lohndumping und verkauft sich unter »Wert«. Lässt man sie komplett weg oder schreibt sowas wie: »Meine fairen Gehaltsvorstellungen kann ich Ihnen nennen wenn ich mehr über die Tätigkeit und mein zukünftiges Aufgabengebiet erfahre« wird man auch aussortiert.

  6. @epikur
    Aussortiert wird man ebenso, wenn die inserierende Firma eigentlich niemanden sucht, die Anzeige aber aus Imagegründen betreibt.
    Eigentlich sind auf dem Arbeitsmarkt Sitten eingerissen, die moralisch fragwürdig, sozial untragbar und wirtschaftlich gelinde gesagt, kontraproduktiv sind. In Zeiten des renditenorientierten Denkens mag dies mathematisch einen (rein neoliberalen) Sinn ergeben, wenn auch nur einen vergleichbar kurzfristigen und deshalb kurzsichtigen.
    Mittel‐ und langfristig könnte uns aber die Ernte ziemlich enttäuschen...

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