Kinder in Deutschland; Teil 30: Machen Kinder glücklich?

kinderglück_titelIn einer beißenden Polemik kommentiert die Redakteurin Melanie Mühl (Jahrgang 1976) auf faz.net, dass sie kinderlos glücklich sei und Kinder sie eigentlich nur nerven würden: »Kinder sind lästig. Ich bin froh, dass ich keins mehr bin und, vor allem: dass ich keins habe.« Im Dezember 2012 habe ich in einem Beitrag schon versucht zusammenzufassen, warum viele keine Kinder wollen. Es liegt nicht nur daran, dass sie laut seien, Krach und Dreck machen und vor allem viel Geld kosten würden, sondern hauptsächlich am wirtschaftsfundamentalistischen Marktradikalismus (Konsum, Egoismus), den wir in Deutschland anbeten und vergöttern, und auf dessen Schrein wir unsere Kinder opfern.

In den bisher über 250 Kommentaren liefern sich im besagten Artikel Kinderfreunde und Kinderhasser ein Ping‐Pong‐Gefecht. Niemand möchte gesagt bekommen, wie er zu leben hat und welchen Lebensentwurf er präferiert. Die Kinderhasser betonen, dass Kinder für sie eine zu große Last und Verantwortung bedeuten würden. Ihr eigenes Leben, die eigenen Interessen und Bedürfnisse seien ihnen zu wichtig, als dass sie sie für Kinder aufgeben wollten. Kinder begrenzen jedoch nicht nur die eigene Freiheit, sondern erweitern sie auch. Im Kern können viele Kinderhasser das schöpferische, spontane So‐Sein und die Lebensfreude der Kinder, fernab von systemischer Funktionalität, nicht ertragen, da ihre eigene Lebensfreude schon lange im Konsum‐ und Lohnarbeitssumpf verkümmert ist.

Die Kinderfreunde schreiben oft »Kinder machen glücklich« ohne genau zu sagen, warum eigentlich. Kinder sind jedoch nicht per se glücksstiftend. Auch wenn nicht wenige Mütter es genießen, wenn in den ersten fünf Jahren die Kinder sehr mutterbezogen sind, sie viel Aufmerksamkeit verlangen, aber im Gegenzug auch viel Liebe geben — so sind Kinder auch keine Liebes‐Automaten, bei denen man die eigene Unzulänglichkeit durch die kindliche Liebe ausgleichen kann. Gerade Großeltern, denke ich, sehen in den Enkeln häufig kleine Zuneigungsquellen, bei denen sie sich die Liebe abholen, die ihnen ansonsten fehlt. Deshalb verwöhnen sie die Enkel auch häufig materiell und emotional (wider besseren Wissen), weil sie keine Konflikte mit ihnen wollen.

Ja, Kinder können glücklich machen, aber nur wenn man es nicht durch die eigene Erziehung verbockt (Ja, auch Schule, Medien, Freunde und Umfeld prägen) und man sich mit ihnen ernsthaft beschäftigt. Kinder sind keine (Prestige-)Objekte, Investitionsanlagen oder Roboter, die funktionieren und die man rumzeigen kann. Sie sind eigene Lebewesen, mit eigenem Charakter, eigenem Denken und Fühlen. Wir können sie prägen, ihnen Werte vermitteln und ihnen die Welt zeigen, aber sie »gehören uns nicht«, wie Khalil Gibran es einmal treffend formuliert hat. Sie machen uns glücklich, wenn wir selbst in der Lage sind, uns ehrlich zu reflektieren, auch und besonders gegenüber und mit unseren Kindern. Wenn wir versuchen die Welt mit ihren Augen zu sehen.

Das Glück entsteht nur im Prozess der Interaktion mit unseren Kindern und nicht in der Inszenierung als harmonische Super‐Familie inklusive tollen Kinder‐ und Babybildern auf Facebook. Denn die Lebenslust, Neugier, Fantasie, Kreativität und Authentizität, die Kinder noch leben, sind ein Fundament des Glückes, aber keine zwingende Garantie. Wer Kinder nur in die Welt setzt, um die eigene Leere und Langeweile zu verdrängen, also um Kinder zu haben, wird auch mit ihnen nicht glücklich werden. Eigene Interessen, Leidenschaften und Hobbys sollten nicht wegen der Kinder aufgegeben, sondern gerade auch wegen ihnen aufrecht erhalten werden. Es gibt nichts langweiligeres für Kinder, als leidenschaftslose Eltern, die sich für gar nichts interessieren, außer für ihre Kinder. Es ist ganz so, wie Adorno es einmal formuliert hat:

Mit dem Glück ist es nicht anders als mit der Wahrheit: Man hat es nicht, sondern ist darin. [...] Wer sagt, er sei glücklich, lügt, indem er es beschwört und sündigt so an dem Glück.

- Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 126

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 29 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

9 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 30: Machen Kinder glücklich?

  1. Stimmt, die lieben Großeltern, obwohl ich nicht so bin. Wenn Enkel nerven, nerven sie eben und ich bin nicht gewillt, dies zu tolerieren und toleriere es auch nicht. Ich kaufe auch keinen rosa Flitterkram, weil ich denke, dass das Müll ist und nehme in Kauf, dass meine Geschenke eben nicht die Riesenaufmerksamkeit genießen, wie dieser kitschige Mist. Letzteres war ein Lernprozess für mich. Dann gibt es aber die Momente, wo der große Enkel glücklich ist, weil er sich schulisch verbessert hat und bei Vorstellungsgesprächen für eine Lehre gut abgeschnitten hat . Dann bin ich stolz auf ihn. Oder die kleine Enkelin tritt mit ihrer Tanzschule auf. Das macht sie nicht perfekt, aber ich bin stolz auf sie, wie toll sie das gemeistert hat. Das sind die Momente, wo man glücklich ist, Kinder in der Familie zu haben.

  2. Wer sie haben will, soll sie haben. Wobei das meist ja gar keine freie Entscheidung ist, sondern rein hormongesteuert.
    Die einen wollen, können aber nicht‐ die anderen können... blablabla.
    Beide Varianten sind aber auch so was von ok, brutal.
    Frohe Ostern!

  3. Ich würde dazu aber noch den den Artikel vom Don nehmen. Zudem erdreiste ich mich noch, das Wort Patchwork in den Raum zu werfen, um dann mit ungewollt Kinderlosen und Adoptionen zu enden. Dann gab es da noch die News der katholischen Kirche, wonach in den letzten Amtsjahren vom letzten Papst nicht weniger als 400 Priester wegen sexueller Praktiken an Schutzbefohlenen leider ausscheiden durften.

  4. Nö. Kinder machen nicht glücklich, sondern: Wer Kinder hat, darf sich gerne glücklich schätzen. Das ist aber meine bescheidene Meinung. Kommt doch immer drauf an, was wer unter Glück versteht und welchen Glücksversprechen er auf den Leim geht. Wer sich längst vom Menschlich‐Fehlerhaften abgekoppelt hat, auf dem Egotrip der Selbstverwirklichung durch Erfolg ist, der kann keine Kinder gebrauchen, Kinder bräuchten solche »Eltern« aber auch nicht. Schade nämlich dann um die Kinder.
    Diese Gesellschaft hätte es wirklich verdient, dass ihr keine Kinder mehr geschenkt werden.

  5. Diese Gesellschaft hätte es wirklich verdient, dass ihr keine Kinder mehr geschenkt werden.

    Ich verstehe zwar Deine Intention dahinter, die Kritik an unserer Wirtschaftsordnung und an der alltäglich gelebten Menschenverachtung, betrachte es jedoch genau anders herum. Was würde denn passieren, wenn auf einmal massenhaft Kinder geboren werden würden in Deutschland? Man müsste auf ihre Bedürfnisse mehr Rücksicht nehmen. Hinzu kommt, dass Kinder sehr wohl dazu beitragen können, nicht nur das Leben an sich, sondern auch unsere Gesellschaft humanistischer zu machen. Eine komplett kinderlose, ich‐ und konsum‐orientierte Gesellschaft, empfinde ich als eine krasse Dystopie.

  6. »Was würde denn passieren, wenn auf einmal massenhaft Kinder geboren werden würden in Deutschland? Man müsste auf ihre Bedürfnisse mehr Rücksicht nehmen.«

    Dein Idealismus in Ehren, aber genau das wird wahrscheinlich eben nicht passieren. Egal, wie viele Kinder es gibt, sie haben keine Lobby. Wer soll denn ihre Bedürfnisse artikulieren und notfalls einklagen? Wer sollte denn »man« sein, der sich dann um die Bedürfnisse der vielen Kinder kümmert? Wenns hoch kommt, gäbe es dann vielleicht ein neues Politiker‐Versprechen die Kinderbetreuung betreffend. Außerdem werden Kinder in ein Umfeld mit bereits praktizierten Werten (oder Unwerten) hineingeboren, an das sie sich, ob sie wollen oder nicht, sehr schnell anpassen. Wenn ich heute z.B. mit Jugendlichen darüber diskutiere (Ich bin Lehrerin), ob es denn für das Lernklima und die Bildung nicht förderlicher wäre, die Zensuren abzuschaffen, erhalte ich nicht selten als Anrwort, dass sich dann aber niemand mehr freiwillig anstrengen würde. Das nenn ich doch mal Anpassung.
    Die Bedingungen (ver)formen jedes Kind. Die Eltern oder bewusst Nicht‐Eltern sind es ja bereits, sonst kämen nämlich überhaupt nicht solche Äußerungen wie Kinder nerven, behindern meine Karriere, kosten nur etc. zustande und diskutieren müsste auch niemand darüber.
    Dass Kinder dazu beitragen, die Welt humanistischer zu machen, stimmt ohne Frage, allerdings mit der kleinen Einschränkung, dass das eben auch nur die sehen, die selber Kinder haben oder mit ihnen zu tun haben (offensichtlich selbst von denen nicht alle). Humanistische Werte müssten schon ein erstrebenswertes gelebtes Ziel einer Gesellschaft sein.
    Ich selber habe zwei Söhne, aber die habe ich in einer anderen Gesellschaft geboren. Da habe ich mir weder die Frage gestellt, ob ich sie mir leisten kann, ob sie mir was zurückgeben könnten und auch nicht, ob ich sie zum Glücklich‐ Sein brauche. Ich möchte sie nicht missen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich in der heutigen Situation (wegen des Wohls der zukünftigen Kinder) für Kinder entscheiden würde , wissend, dass ich mit dieser Entscheidung vielleicht dazu beitragen würde, mein Leben und die Gesellschaft um vieles ärmer zu machen.

  7. Als ich klein war hieß es, 4 Milliarden Menschen auf der Welt bedeuten: JEDER ist einer zu viel! Wir sind bei fast 8 inzwischen, Ende nicht in Sicht. Früher gab es mal einen Film, Soylent Green oder so... Das Einzige was uns derzeit kümmert ist der Profit. Die Ökologie ist auch nur noch Instrument von Marketing und Profit. Jeder weiß das, keiner (bis auf wenige Ausnahmen die nix erreichen) will etwas dagegen tun, denn auf Luxus verzichten zu müssen, ist immer schmerzhaft. Ob es das Samrtphone das Auto mit Kindersitzen oder sontswas ist. Wir lieben es doch eigentlich, die anderen beim Leiden und Sterben zu zu sehen, aber bitte in HD. American Psycho in Reinkarnation und Perfektion. Ellis schrieb das anno 92. Er war seiner Zeit weit voraus.

  8. Kinder erweitern den Horizont. Wenn man sich wirklich auf sie einlässt, dann kann man auch als Erwachsener viel von ihnen lernen. Sie haben einen unglaublich klaren und unverstellten Blick auf das Leben und es ist faszinierend, wie sie die Welt wahrnehmen. Sie können sich für Dinge begeistern, die uns als Erwachsene überhaupt nicht mehr auffallen, durch sie kann man die Schönheit der Welt (die es noch gibt) neu entdecken, sich auf Kinder einlassen bedeutet gelassener und toleranter zu werden. Kinder reden und verhalten sich so, wie sie gerade fühlen, wenn sie traurig sind, dann weinen sie, wenn sie sich freuen, dann lachen sie. Das Spontane und das Echte in ihrem Verhalten und Denken, die Lebendigkeit die sie haben, alle diese Dinge braucht die Welt, um sich entwickeln und wachsen zu können, fehlt diese Lebendigkeit, dann gibt es auch keine Entwicklung und keinen Fortschritt mehr. Kinder verkörpern das Leben, eben die Lebendigkeit selbst und daher
    wirken sie sie befremdlich auf viele erwachsene Menschen, die selbst dem Leben entfremdet sind, durch die Erziehung, die ja bekanntlich zu unserem Besten ist. Wir lernen früh, dass Posen, Schmeicheleien und gefälliges Verhalten (Anpassung) der Ersatz für Lebendigkeit, eigenständiges Denken und Fühlen ist. Wer sich dieser Erziehung widersetzt, muss oft viel Leid auf sich nehmen, seelische Grausamkeit und manchmal sogar körperliche Gewalt erleiden, eben weil er sich dem Leben nicht entfremden, also eigenständig Denken und Fühlen möchte.
    Arno Gruen beschreibt in seinem Buch “Dem Leben Entfremdet“ die Gründe dafür, warum wir meistens als Kopien sterben, wo wir doch als Originale geboren wurden. Dort heißt es: „Wir leben in einer vollkommen durchkonstruierten Welt und sind unfähig, lebendig, mitfühlend und empathisch die Wirklichkeit wahrzunehmen“. Kinder erinnern uns daran und an ihnen können wir merken, wie sehr wir selbst dem Leben entfremdet sind und warum wir wieder lernen müssen zu empfinden.

  9. @Frida

    Kinder verkörpern das Leben, eben die Lebendigkeit selbst und daher wirken sie sie befremdlich auf viele erwachsene Menschen, die selbst dem Leben entfremdet sind

    Nicht nur befremdlich, viele verabscheuen und verachten auch deshalb Kinder, weil sie sie an die eigene Entfremdung erinnern. Daran, dass sie früher selbst »lebendig« waren und heute nur noch »funktionieren«.

    Zudem ein Grund, warum häufig alte Menschen so vernarrt in Kinder sind, weil sie eben das »Leben« verkörpern und sie selbst sich immer mehr dem Tod nähern. Besonders Kleinkinder fungieren hier oft als »Liebes‐Abhol‐Automaten« für die Großeltern. Wer mit einem Kleinkind mit Bus und Bahn fährt, wird sehr schnell Erfahrung mit älteren Menschen machen, die unbedingt und ungefragt das eigene Kind angrabbeln wollen.

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