Anti‐Aufklärung und Erklärzwang

fragen_titelViele sind im Internet unterwegs, um Antworten auf Fragen zu bekommen: was kostet  das Produkt X? Wie lautet die genaue Adresse, E‐Mail oder Telefonnummer von Behörde oder Unternehmen Y? Was denken andere Menschen zu meinem persönlichen Problem Z? Für die meisten User ist das Web eine unermessliche Fundgrube an Antworten, neben der ständigen Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken. Viel wichtiger, als auf alles eine Antwort zu haben, ist jedoch, nach neuen Fragen zu suchen.

Manche lesen Blogs, um ihren Horizont zu vergrößern, alternative Perspektiven aufgezeigt zu bekommen oder um ihre eigene Sichtweise bestätigt zu sehen, um sich dann nicht mehr so allein damit zu fühlen. Andere wollen sich einfach nur auskotzen. Wieder andere erwarten, dass ihnen ein Blog  Lösungen für aktuelle Probleme liefern möge, Antworten auf aktuelle gesellschaftspolitische Probleme. Wer dies nicht könne oder wolle, würde nicht mit gutem Beispiel voran gehen. Denn nur, wer es besser machen könne oder wolle, der dürfe auch kritisieren, so eine weit verbreitete Ansicht. Auch im geisteswissenschaftlichen Diskurs wird vielfach gefordert, am Ende jeder wissenschaftlichen Arbeit, Lösungen und Alternativen zu formulieren. Wer einfach nur kritisiere, ohne echte Alternativen, Lösungen oder Antworten anzubieten, der diskreditiere sich selbst, so der akademische Tenor.

Auch die Bewusstseinsindustrie ist heute eine Antwortindustrie. Für alle Lebenslagen gibt es Lösungen und Erklärbären: der Hundeprofi im Trash‐TV erzieht Vierbeiner vor einem Millionenpublikum, in den Bestseller‐Listen stehen regelmäßig Ratgeber‐Bücher über Glück, Liebe, Kinder‐Erziehung, beruflichen Erfolg und persönlicher Sinnsuche. Studien, Umfragen und wissenschaftliche Untersuchungen untermauern journalistische Scheinobjektivitäten, Religionen dienen als Lebensführer und sollte man trotz allem nicht mehr weiter wissen: google weiß Rat.

»Wer eine Frage stellt, ist fünf Minuten dumm. Wer keine stellt, ist es sein Leben lang.«
- chinesisches Sprichwort

Offen einzugestehen, dass man eben nicht auf alles eine Antwort hat oder dass man sich zwischen zwei Ansichten nicht eindeutig entscheiden kann, weil man beide Meinungen nachvollziehen und verstehen kann, ist im Zeitalter der Wissensgesellschaft, in der menschliche Fachidioten‐Roboter gefordert werden, nicht erwünscht. Zweifel stehen dem Funktionieren im Weg. Demzufolge erfordert es heute schon Mut und Selbstbewusstsein, sich gegenüber dem Arbeitgeber, dem Lehrer oder den Freunden in manchen Fragen nicht eindeutig zu positionieren oder gar offen zu sagen: »Ich weiß es nicht«. Da Unwissenheit heute mit Dummheit gleichgesetzt wird und niemand gerne als dumm etikettiert werden möchte, werden dann schnell Phrasen oder Meinungen nachgeplappert oder aufgetischt. Hauptsache, man hat ein Statement abgegeben. Es gilt: man muss nicht alles wissen, aber man sollte zu allem eine Meinung haben.

Wer zu viele (und vor allem kritische) Fragen stellt, gilt als unbequem, anstrengend und unangepasst. Dabei sind das authentische Fragen stellen, das Hinterfragen von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten und die kindliche Neugier, der Kern jeder echten Weisheit. Wer stets auf alles eine Antwort hat, seinen persönlichen Horizont, seine geistige Reife als ausgewachsen und sich als einen fertigen Menschen betrachtet, der bleibt in Wahrheit auf der Stelle stehen. Und hiermit möchte ich nicht dem neoliberalen »Lebenslangen Lernen« das Wort reden, bei dem es nur darum geht, die Verwertbarkeit der Ressource Mensch für den Arbeitsmarkt stets frisch und aktuell zu halten. Mir geht es um Wahrheit, Weisheitsliebe und um einen offenen Geist. Pragmatiker mögen das alles für esoterisches Geplänkel halten, übersehen jedoch, dass es ohne Zweifel, Neugier und Kritik keinen menschlich‐zivilisatorischen Fortschritt geben kann.

»Ich weiß, dass ich nichts weiß.«
- Sokrates, griechischer Philosoph

11 Gedanken zu “Anti‐Aufklärung und Erklärzwang

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Ich bin gelegentlich über mich selbst erstaunt und verärgert wie hartnäckig sich die Norm, dass man ohne Lösung nicht kritisieren darf, im Bewusstsein hält.

  2. Ich denke wider (Selbst-)Optimierungs-, Verwertungs‐, Erklär‐ und Beschleunigungszwang, navigiere abseits/peripher moderner Zeit.
    Weder Knecht noch Herr, nicht Sieger, kein Verlierer, einfach Mensch mit Zeit.
    Zeit für Kontemplation, Inszenierung, Zeit für Finden und Verlieren oder Zeit für Rausch — Zeit für mich sowie das Dich.

  3. Nach dem Anbruch des Endes der sokratischen Metaphysik im 20. Jahrhundert ist anscheinend eine neue Verbissenheit an dieser entstanden. Da man inzwischen die Frage ›was ist ...‹ ebenso wie die Antwort relativieren kann, möchte erhofft werden, dass das Erscheinen desselben Paares im stillen Ozeans des Vernehmens und Schweigens mehr Lockerheit erfahren würde.
    In der Tat ist es mit der Frage schwieriger geworden. Im Fragen verharren und Antworten nicht finden, abwägen usw.. Dies klingt in zahllosen Ohren so, wie das Geld in den Händen halten, aber nichts kaufen. ›Was fragst du eine Frage, auf die es keine Antwort gibt? Frage etwas anderes!‹ Man muss sich eine solche Sequenz im Geiste zergehen lassen und ihre Absurdität genießen. In den Geisteswissenschaften sind die Frage‐Antwort‐Komplexe durch internationale Debattenlagen geprägt. Willst du eine Frage stellen, dann muss sie an eine bestehende Debatte angelagert werden könen. Die Antwort findet sich dann in den internationalen Debattenlagerhäusern. Zweifellos braucht man sich nicht wundern, dass der durchschnittliche Geisteswissenschaftler heute nie gelernt haben wird, durch selbstständige Denkwagnisse eine Basisimmunität gegen äußere Einverleibungsversuche zu entwickeln. So ist der primäre Drang des Geistes an der Anpassung an gerade bestehenden Debattenlagen oder später, vielleicht im Feuteillon oder sonst wo, an die herrschende Grammatik ausgerichtet. Wie der Hund den Knochen, so riecht ein solcher Geisteswissenschaftler nach den gerade herrschenden Meinungen. Das große ›man‹ wird ubiquitär, anstatt dass es zersplittert.
    Frage‐Antwort‐Komplexe sind meistens Veränderungsprozesse. Die Frage bricht die Hermtik einer Welt auf, die Antwort kann sie neu verschließen. Wo keine Fragen sind, gibt es nur Verschluß. Naürlich gibt es auch in einer Welt Fragen. Aber nicht jede Frage. Formulieren sich in einem bestimmte Fragen, kann eine Antwort für immer ausbleiben und man lebt fortan ohne eine geschlossene Welt oder wenigstens mit einer Welt, in der zwar starke Achsen noch halten und einiger Durchzug in das Nichts ständig herrscht. Manche blenden diese Löcher und sie schließen die Augen davor und verkleben die Löcher mit Bilder von Göttern und allerlei Götzen. Natürlich gibt es im Unterschied dazu den verklärten Fragewahn immer wieder auftauchender radical chic Gruppierungen, deren Exponenten vor ihren eigenen sinnlosen Fragen schauspielerisch erschaudern und sich in tiefer Erkenntnismeditation deuchen, während sie doch auf einer geschützten Spielwiese herum tollen. Weite Teile der heutigen Lyrik krankt vermutlich daran.

  4. »Natürlich gibt es im Unterschied dazu den verklärten Fragewahn immer wieder auftauchender radical chic Gruppierungen,«

    Da muß gerade die politische Linke aufpassen , daß sie sich nicht verstrickt und letztlich zerfleischt , wobei es da natürlich oft auch um die »einzig wahren« Antworten geht.

    »die kindliche Neugier, der Kern jeder echten Weisheit. «

    Auffällig , daß sich mit dem neoliberalen Zeitgeist so verspackte Worthülsen eingebürgert haben wie das ständige Betonen des eigenen Erwachsenseins , das
    »mit beiden Beinen im Leben stehen«
    »hat sich nicht verändert« ( häufig negativ gemeint )
    »Du mußt dein Leben ändern«
    « geregelter Tagesablauf «
    »strukturierter Tag« , usw usw

    Alles ist erlaubt , nur keine innere Offenheit.

  5. Sorry, aber um die Wahrheit geht es in Deutschland schon seit 500 Jahren nicht mehr....um Gewinne schon eher. Installiert euch mal Ghostery, nur um mal zu sehen, wer so alles für seltsame Tracker auf seinen (Blog)seiten benutzt. ;)

  6. @Eike
    Hmmm, — also icke hab nix mit Treckern. Und die Zeitlosen mit Geist nur zwei komplette Standards wie Gravatar (Das wäre z.B. der, damit meine Ente mit Kopfschuss meine Persönlichkeit reflektiert, — ist das jetzt soo schlecht?). Und nen blogcounter. Also nix, womit man mit Geld oder Unehrlichkeiten verdienen kann. Außerdem muss man da nicht unbedingt ein Plugin oder Add‐On installieren. Ein kurzer Blick auf den Seitenquelltext, — ist da viel aufschlussreicher. Ansonsten finde ich, dass man auch die Ausnahmen beachten sollte, bevor man 500 Jahre zur Allgemeingültigkeit erklärt ;) Das war eine Erklärung. Jetzt die Fragen ..... ;)

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