Kinder in Deutschland; Teil 22: Umerziehung

Typische Gespräche zwischen Mutter (M), Vater (V) und Sohn (S). Über Schule, Arbeit und Leistung. Eine Tragödie in fünf Akten.

Akt eins

M: Guten Morgen, mein Sohn!
S: (brummelt)
M: Die Sommerferien sind vorbei, heute ist endlich wieder Schule! Freust Du Dich schon?
S: Nein.
M: Aber warum denn nicht? Dort lernst Du viele tolle Sachen!
S: Zum Beispiel?
M: Englisch, Mathe, Deutsch — wenn Du später eine anständige Arbeit finden willst, dann musst Du das lernen. Und jetzt raus aus den Federn!

Akt zwei

S: Du, Papa?
V: Ja?
S: Ich will nach der Schule eine Ausbildung als Tierpfleger machen.
V: Das wollen so viele. Schlag Dir das lieber aus dem Kopf!
S: Aber ich mag doch Tiere so gern.
V: Vergiss das lieber!
S: (seufzt) Dann möchte ich gerne mit Kindern arbeiten.
V: Erzieher werden? Da verdienst Du doch nichts. Such Dir was anderes.
S: Kann ich mir wenigstens mit Musik oder Kunst eine eigene Wohnung leisten?
V: Nein! Du wirst was anständiges machen! Als erstes machst Du mal Abitur und dann studierst Du BWL.
S: Aber das will ich doch gar nicht!
V: Ich will auch so vieles nicht.

Akt drei

M: Unser Sohn hat schon ganz schöne Flausen im Kopf, findest Du nicht auch?
V: Ja! Er hat völlig unrealistische Vorstellungen vom Leben!
M: Ich habe gestern mit seiner Sozialkunde‐Lehrerin, Frau Schulz, gesprochen. Sie meinte, er stelle unsere Arbeitsgesellschaft in Frage. Er könne nicht verstehen, warum täglich Millionen Menschen zur Arbeit hetzen, obwohl alle seufzen und stöhnen, wenn sie von ihrer Arbeit sprechen.
V: Was denkt er eigentlich, wie wir sonst die Miete, das Essen, das Auto und alles andere bezahlen sollen? Wir sind doch kein Hotel!
M: Vielleicht sollte er mal Zeitungen austragen, damit er weiß, wie das ist?
V: Gute Idee!

Akt vier
(zwei Jahre später)

V: Na, wie war Dein erster Ausbildungstag?
S: Ich weiß nicht so recht.
V: Wie? Magst Du Deine Kollegen nicht?
S: Doch.
V: Ist der Ausbilder zu streng?
S: Nein.
V: Ist die Arbeit zu schwer?
S: Eigentlich nicht.
V: Das frühe Aufstehen bereitet Dir Schwierigkeiten, stimmt’s?
S: Mit Kaffee passt das schon.
V: Was ist es dann?
S: Ich weiß nicht, ob Bürokaufmann wirklich was für mich ist und ob mir das auf Dauer Spaß macht.
V: Arbeit muss auch keinen Spaß machen! Das Leben ist kein Ponyhof! Sei froh, dass Du überhaupt eine Ausbildung gefunden hast!

Akt fünf
(weitere drei Jahre später)

M: Sohn, wir sind so stolz auf Dich! Du hast die Ausbildung mit der Note »gut« abgeschlossen.
V: Na, dann werden wir jetzt mal ordentlich Bewerbungen schreiben, nicht wahr? Du findest schon was! Vielleicht erst mal ein Praktikum.
S: Aber ich habe doch eine betriebliche Ausbildung gemacht, wozu brauche ich jetzt ein Praktikum?
V: Die Firmen müssen Dich doch erst mal kennenlernen!
M: Genau!
S: Aber da verdiene ich doch kein Geld!
V: Du hast aber hohe Ansprüche!
S: Wenn ich schon eine Arbeit machen muss, die mir keinen Spaß macht und zu der ich gezwungen bin, dann möchte ich wenigstens genügend Geld bekommen, damit ich endlich mit meiner Freundin zusammenziehen kann.
V: Wenn Du Dich ordentlich anstrengst, dann wirst Du nach dem Praktikum auch übernommen werden. Da bin ich mir sicher.
M: Das denke ich auch. Du musst nur an Dich glauben und immer positiv denken, dann findest Du auch eine Arbeit!

Nach drei Jahren erfolgloser Stellensuche und einem Berg voll Absagen ist er immer noch erwerbslos und lebt weiterhin bei seinen Eltern. Die geben ihm die Schuld dafür: er sei zu frech und trübsinnig, bemühe sich zu wenig, seine Bewerbungen seien mangelhaft, er müsse noch eine Fremdsprache lernen, noch einen PC‐Kurs absolvieren und so weiter.
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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

10 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 22: Umerziehung

  1. Ich hab eigentlich fest damit gerechnet, dass der Sohn Selbstmord begeht und die Eltern sich daraufhin fragen, was mit ihrem Sohn nur falsch gelaufen ist. Man habe für ihn schließlich immer nur das Beste gewollt und habe ihn immer unterstützt, in dem, was er machen wollte....

  2. Hm, hm, nach meiner Erfahrung sind da normalerweise nicht die Eltern schuld (sage ich mal so als treusorgende Mama). Im Allgemeinen wollen die Eltern ja doch, dass der Sohn einen Beruf erlernt, der zu ihm passt und ihm Freude macht.
    Bloß, wenn der Junge dann weder vom Ausbildungsbetrieb übernommen wird noch auf Anhieb einen Job in seiner Branche findet, sorgt die ARGE dafür, dass er ratzfatz zum Gabelstaplerfahrer umgeschult wird. (Nichts ist denen ein größerer Dorn im Auge als ein junger Mann, der sich erst mal in aller Ruhe den passenden Arbeitsplatz suchen will). Da kann er dann den Rest seines Lebens als Lagerist verbringen.
    Mag weniger deprimierend sein als arbeitslos im alten Kinderzimmer zu hocken, aber so die ganz große Erfüllung bringt der Job nicht gerade...
    Liebe Grüße, Saby

  3. Sicher, alle Eltern wollen nur »das Beste« für ihre Kinder. Meistens harmoniert das aber (natürlich rein zufällig) genau damit, was sie für »am besten« für ihre Kinder halten. Niemand fragt mehr, was Kinder wirklich wollen? Es existiert kaum noch Raum, für das, was Kinder wollen. Sie sind Getriebene der Eltern, der Schule, der Medien, der Politiker, der Unternehmer und so weiter.

    Hinzu kommt, die völlige Realitätsverweigerung von strukturellen und systemisch gewollten Schieflagen und Ungerechtigkeiten. Am Ende ist immer der Einzelne schuld, selbst wenn auf 500.000 offenen Stellen 3 Millionen Erwerbslose treffen. Massenarbeitslosigkeit ist systemrelevant. Und leider nicht nur die.

  4. @ Klaus Baum

    »wir leben in extrem kranken Zeiten«.

    Ohne Frage, ja.
    Aber dieses Gespräch hätte auch schon vor 20 Jahren stattfinden können, meist eingeordnet in die Problematik »Generationenkonflikt«. Immer schon haben Eltern und Großeltern ihre Kinder und Enkel in ihrem Sinne zu erziehen gesucht, konnten nichts mit deren Freiheitsdrang anfangen. Schimpfen über die Faulheit oder Unerzogenheit der jungen Generation ist wohl so alt wie die Menschheit. Kann man daraus schlusfolgern, dass es nie eine einigermaßen gesunde Gesellschaft gab?
    Ich weiß, es wird immer und immer schlimmer, je (gezwungen oder gewollt) angepasster die Eltern, je wichtiger der Status, Geld, Besitz oder auch »nur« die Meinung des Nachbarn desto größer der Druck auf die Kinder, die es ja schließlich »besser haben sollen« als die Eltern. In Wirklichkeit werden eigene Wünsche und Ziele auf die Kinder übertragen. Kranke Gesellschaft, kranke Ziele. Menschenverachtende Gesellschaft, menschenverachtendes Verhalten, das auch noch belohnt wird.
    Auf 3 Sat lief heute eine Sendung zum »Bösen« im Menschen, in der ein Psychologe sinngemäß sagte, dass unsere Gesellschaft, die der westlichen Staaten, menschliches Verhalten, dessen Voraussetzung die Fähigkeit zur Empathie sei, nicht fördere. Wie Recht er hat.

  5. Die Diskussion ist schon etwas länger her, doch denke ich, dass das Thema auch jetzt noch relevant ist.
    Es mag sein, dass es an sich ein »typischer Generationskonflikt« ist. Jedoch denke ich, dass es heutzutage noch viel dramatischer ist, als vor 20 oder 30Jahren. Denn das, was die Eltern für das Beste für ihren Sohn halten, ist in diesem Fall für sie, also die Eltern, passend gewesen, jedoch jetzt und hier nicht mehr für den Sohn. Es ist so, wir leben derzeit in einer Umschwungphase, diese alte Denkweise funktioniert einfach nicht mehr. Doch viele, egal ob Eltern, Schule, Freunde usw. sehen das einfach nicht, ich denke, diese »Tragödie« ist durchaus sehr aktuell. Diese Sichtweise, ein Praktikum machen zu müssen, nach dem man schon eine Ausbildung absolviert hat, die gab es meines Wissens vor 20Jahren nicht. Und heute ist es eine selbstverständlichkeit. Wenn jemand daher kommt und sagt, ich mache dies und jenes, bekome ich eine Gehaltserhöhung, wird ausgelacht mit den Worten: »Sei froh, dass du überhaupt eine Arbeit hast.« Es ist einfach nur noch traurig und definitiv die traurige Wahrheit unserer Zeit.
    Es ist paradox, aber es ist eben genau das Gegenteil der Fall, von dem, was die Eltern als das richtige halten. Wenn wir heutzutage wirklich erfolgreich und glücklich in unserem Beruf sein wollen, dann können wir das nur, wenn wir etwas tun, das uns mit Leidenschaft und Freude erfüllt. Und ich meine gar nicht auf der »Licht&Liebe»Schiene, sondern ganz realistisch und echt und authentisch. Jedoch wird diese Denke von den Großen nicht gern gesehen, schließlich sollen wir ja keine eigene Persönlichkeiten werden und selbstbestimmt. Wir sollen das Rad weiterdrehen, das den Wenigen da oben das große Geld bringt. Nun gut, ich könnte darüber hier endlos weiterschreiben...

  6. @Ildiko

    Schreib ruhig endlos weiter darüber ;)

    Manche Blogbeiträge die schon Jahre alt sind, sind heute teilweise aktueller als damals. Oder Satiren wurden von der Realität eingeholt...

    Ich denke, es geht nicht nur um den typischen Generationenkonflikt, sondern eben auch um zwei völlig gegensätzliche Weltanschauungen. Die Einen erachten Lohnarbeit eben immer noch als den Sinn des Lebens (auch wenn viele sehr alte Menschen von ihren Ehen, Erlebnissen, Reisen, Beziehungen, Kindern usw. sprechen — das also in ihrem Leben am Wichtigsten gewesen zu sein scheint und eben nicht die Lohnarbeit) und die Anderen suchen nach Alternativen aus dem Hamsterrad und sehen nicht ein, warum eine Lohnarbeit Selbstverwirklichung sein soll, wenn Unternehmen die Menschen wie Rohstoffe behandeln.

    Sicher es gibt sie noch, die Menschen, die in ihrem Beruf auch eine Berufung sehen, einen Sinn, Spass haben und davon erfüllt werden. Aber wie viele sind das heute noch?

  7. hmmm..... ohne Arbeit kommst du mit deinem Leben nur klar, wenn du Privatier bist. So denke ich zumindest. Man benötigt Geld um ein Leben wirklich leben zu können. Ansonsten sehe ich das Leben als gefristet und nicht als gelebt.

    Da der normale »westliche« Mensch arbeiten muss, um zu leben — wäre es für diesen natürlich eine Erfüllung, wenn ihm die Arbeit auch noch Spaß bereitet. Einen Großteil des Lebens verbringt man »auf der Arbeit«.

    Ich sehe mich in der glücklichen Lage etwas zu machen, was mir Spaß bereitet und wofür ich auch noch Geld bekomme, um gut leben zu können. Das kann nicht jeder sagen — ich kenne genug Leute, die lieber heute als morgen aufhören würden zu arbeiten. Ich würde selbst dann in meinem Job weiterarbeiten, wenn ich das Geld nicht mehr bräuchte, weil es mir einfach Spaß macht.

    Meinen Kindern, Nichten und Patenkindern versuche ich zu erklären, dass sie etwas finden müssen, was Ihnen Freude bereitet. Wenn Sie das gefunden haben, sollen Sie schauen, wie sie das Ziel erreichen können. Um die Auswahl der Ziele zu vergrößern, sollten sie sich in der Schule Mühe geben — weil es ansonsten im weiteren Verlauf eventuell schwieriger sein könnte, das Ziel zu erreichen.

    Mir war das als Kind und Jugendlicher nicht klar und würde mir wünschen, dass ich es meinen Kindern verständlich machen kann.

    Was meine Kinder später machen — juckt mich nicht die Bohne — sie müssen ein zufriedenes Leben finden. Ich versuche ihnen dafür eine gute Ausgangslage zu bieten. Mal sehen was noch kommt. :)

    Aus meinem Umfeld weiß ich, dass nicht alle so denken. Es gibt genug Leute, die genau nach dem obigen Schema (des Blogeintrags) verfahren. Die Eltern sind unzufrieden und leben das dem Kind so vor — auch das Kind wird damit unzufrieden.

    Vorleben — das ist eigentlich das Stichwort für alles was mit Erziehung zu tun hat. Ich kann hundertmal sagen: »Furz nich am Tisch.« Wenn ich es selber mache, wird das Kind das auch tun... ;)

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