»Joker: Folie a Deux«

imdb.com

Der zweite Teil des grandiosen »Joker« aus dem Jahr 2019 von Todd Phillips, ist meines Erachtens eine missverstandene und unterschätzte Perle. Während der erste Teil auf IMDB mit 8,3 Punkten bewertet wurde, erhält der zweite Teil gerade mal 5,2 von 10 Punkten. Zu Unrecht, meiner Meinung nach. Vorsicht: leichte Spoiler!


Existenz und Identität
Viele hätten wohl erwartet, dass hier der »Heath Ledger-Joker«, pardon Arthur Fleck, als Anführer einer neuen Chaos-Anarchie-Bewegung der Armen, Entrechteten, psychisch Kranken und Verwahrlosten agiert und sie dann in die Schlacht gegen die Korrupten, Reichen und Mächtigen führen wird. Als Symbol des Klassenkampfes gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit. Aber genau das passiert eben nicht.

»Joker: Folie a Deux« ist ein »film« und kein »movie«. Er kann getrost zum »New Hollywood« gezählt werden. Im Zeitalter von Streaming, TikTok und smartphones, bei denen viele Zuschauer keine Energie, Konzentration und Lust mehr haben, sich auf einen Film vollständig unvorbereitet und offen einzulassen — muss »Joker: Folie a Deux« viele Zuschauer enttäuschen. Denn er bricht gezielt mit Klischees, Konventionen und Erwartungen. Denn das Lachen ist Arthur Fleck (und dem Zuschauer) im Gefängnis gehörig vergangen.

»Es gibt keinen Joker. Es gibt nur mich!«

Viele Kommentare zum Film kritisieren die Musikeinlagen, betonen aber auch, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt wurden. Und das ist im Zeitalter von typischen Motiven, Superhelden-Movies und standardisierten Drehbüchern auch kein Wunder. Denn während »Joker« noch eine Mischung aus »Taxi Driver« und »King of Comedy« war, lässt sich »Joker: Folie a Deux« ganz schwer kategorisieren und einordnen. Vielleicht als tragisches Kammerspiel mit Musikeinlage. Schwer verdaulich und wenig unterhaltsam im üblichen Sinn.


Kein Erlöser und kein Martyrer
Die große Joker-Action-Rachestory mit Harley Quinn an seiner Seite bleibt aus. Es ist weithin eine erwachsene, düstere Charakterstudie mit Musikeinlagen, die Emotionen simulieren sollen, die Arhur Fleck nicht mehr ausdrücken kann. Er ist und bleibt kein (Anti-)Held im Verbrechergewand, sondern eine labile, gebrochene und zerstörte Existenz. Wir erleben auch im zweiten Teil die unheimliche Reise in das Innere eines tieftraurigen und traumatisierten Menschen. Ohne Hoffnung. Ohne Ausweg. Ohne Agenda. Genau das dürfte vielen Zuschauern absolut nicht gefallen haben.

Denn die klassische (Anti-)Heldenreise bleibt vollständig aus. Stattdessen sehen wir den geistigen und emotionalen Zerfall eines depressiven und psychotischen Menschen, den sich viele zum Vorbild nehmen, weil sie in ihm unbedingt etwas sehen wollen. Nein, Arthur Fleck hinterlässt in »Joker: Folie a Deux« keine weitere Blutspur. Er verübt keine Gewalt gegenüber Gesellschaft, Politik und Medien. Er verübt keine Rache für seine zahlreichen Verletzungen. Ich vermute, genau das haben hier viele Zuschauer erwartet. Denn damit hätten sie sich wohl identifizieren können.

Wer aber sein Handy für 2 Stunden zur Seite legen und sich komplett unvoreingenommen auf den Film einlassen kann — bekommt eine, zwar verstörende, aber dennoch sehr eindringliche, erwachsene und großartige Charakterstudie zu sehen. Zudem hält uns Todd Phillips am Ende des Films einen Spiegel vor unser Gesicht. Eine mutige Entscheidung. Empfehlenswert!


Filmtipp

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