divide et impera

Ich habe den Eindruck, wir hatten noch nie so viele inszenierte und konstruierte Mikrokosmos‐Konflikte wie heute. Die Devise scheint zu lauten: »Jeder gegen Jeden — nur bitte Niemand gegen die Reichen, Mächtigen und Vermögenden!« Ein westliches Konglomerat aus Politik, Wirtschaft und Medien hat im Jahre 2020 eine gigantische Ablenkungsindustrie (Streaming, Boulevard, Soziale Medien, Videospiele etc.) geschaffen, bei der sich am Ende nur noch Wenige für das menschenverachtende Gebaren von Konzernen, Milliardären und Banken interessieren. Willig wird sich an den übriggebliebenen Knochen der Priviligierten abgenagt und sich dabei gegenseitig bekämpft:

Junge gegen Alte
Frauen gegen Männer
Eltern gegen Kinderlose
Christen gegen Muslime
Inländer gegen Flüchtlinge
Steuerzahler gegen Rentner
Veganer gegen Fleischesser
Lohnarbeiter gegen Arbeitslose
Fahrradfahrer gegen Autofahrer
Leitmedien gegen Social‐Media‐Aktivisten

Und so weiter und so fort.

Solidarität ist insofern kommunistischer Satanismus und muss unbedingt verhindert und bekämpft werden. Primäres Ziel der Reichen, Mächtigen und Vermögenden ist es, die Bevölkerungen gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen. Mit allen Mitteln! Nur so kommen sie vollständig aus dem Fokus und können in aller Ruhe ihren Profitinteressen nachgehen.


Herrschaftsprinzipien
Anleitung zur Ausbeutung

14 Gedanken zu “divide et impera

  1. Mein Eindruck ist, dass viele Mitglieder unserer Gesellschaft darüber definieren wogegen sie sind, banal »gegen weiße Strümpfe, Schlager, Punk, Heavy Metall« folgend »gegen Autos, Fahrräder, Diesel, SUV, Höchstgeschwindigkeit« über »gegen Fleischesser, Veganer, Biomärkte, Billigfleisch, Birkenstocknazis« hinzu »gegen Rechts, Gutmenschen, politische Korrektheit, Antifa, Linksversifftes«. Es scheint mir ein Mantra zu sein, gegen das Böse zu sein, um die eigene Existenz und Situation nicht hinterfragen zu müssen. (Dies wäre aber der Fall, wäre man substantiiert gegen die Herrschenden.) Ob dies dauerhaft zur Stabilität führt, wage ich zu bezweifeln

  2. Schau’n mer mal, was Noam Chomsky dazu sagt:
    »Die Mehrheit der gewöhnlichen Bevölkerung versteht nicht, was wirklich geschieht. Und sie versteht noch nicht einmal, dass sie es nicht versteht!«
    »Der schlaueste Weg, Menschen passiv und gehorsam zu halten, ist, das Spektrum an akzeptabler Meinung streng zu beschränken, aber eine sehr lebhafte Debatte innerhalb dieses Spektrums zu ermöglichen – sogar die kritischeren und die Ansichten der Dissidenten zu fördern.
    Das gibt den Menschen ein Gefühl, dass es ein freies Denken gibt, während die Voraussetzungen des Systems durch die Grenzen der Diskussion gestärkt werden.«

  3. Antifa gegen Nazis,
    Gewerkschaften gegen Arbeitgeber.
    Raucher gegen Nichtraucher.
    Mieter gegen Hausbesitzer.
    Vergewaltigungsopfer gegen Vergewaltiger.
    Sklaven gegen Sklavenhalter.
    Nur ein paar Beispiele, für die der Autor hier Solidarität einfordert.

    Ich bin weiterhin für die Verfolgung individueller Interessen und Differenziertheit. Die Summe meiner Erfahrungen und daraus resultierenden Positionen bilden nun mal meine Persönlichkeit/Identität, die ich nicht bereit bin, im Interesse des »Großen Ganzen « gemeint ist wohl der Kampf gegen die Herrschen so ganz allgemein, aufzulösen.

  4. Hm... Einerseits ist da etwas wahres dran — man hört viel nur »gegen X«, aber nicht »für X« oder dergleichen. Auf der anderen Seite ist es so, jeder hat auch seine festen Grenzen, mit welcher Art von Leuten er sich solidarisieren würde und welche nicht. Aus welchen Gründen auch immer — das kann unberechtigt und durch Vorurteile geprägt sein, kann aber auch aus berechtigten Gründen sein. Und sei es, dass diese Gruppe völlig gegen die eigenen persönlichen Interessen arbeiten würde oder man schlichtweg einfach keine besonderes gemeinsamen Schnittmengen mit ihnen hat. Oder sei es, dass die generelle Denkeweise dieser Gruppe einem Magenschmerzen bereitet.
    Eine Generalisierung ist in diesem Punkt daher schwierig anzusetzen.

  5. @Altautonomer
    Gehen wir es mal im Einzelnen durch:
    Antifa gegen Nazis
    Natürlich immer, aber es muss mit Inhalt gefüllt sein, Was bedeutet es Nazi zu sein, was ist gefährlich daran? Sich nur ständig gegenseitig zu versichern, wie doof man Nazis findet, bringt relativ wenig (frei nach Jens Berger).
    Da Nazis letztlich die Helfershelfer der Mächtigen sind, ist Antifa auch immer Kampf gegen Herrschende.
    Gewerkschaften gegen Arbeitgeber
    Ist nur eine Variante des Kampfes gegen die Herrschenden. Würde ich mir mehr von wünschen, schaut man sich aber die derzeitige Kampagne der IG Metall an, ist es eher Gewerkschaften und Arbeitgeber gegen die Arbeiter.
    Raucher gegen Nichtraucher
    Strange. Nichtraucher sind Personen, die etwas bestimmtes nicht tun, warum sollte das also jemanden stören. Ist so ähnlich wie bei Vegetariern oder Veganern. Die essen keine Eier, was soll’s? Raucher hingegen stellen eine direkte Gefahr für ihr Umfeld dar. Deshalb gibt es zu recht Restriktionen. Ob zu viele oder zu wenige? Ein weites Feld. Das Wort »gegen« jedenfalls hilft nicht weiter.
    Mieter gegen Hausbesitzer
    Teil des Kampfes gegen die Herrschenden.
    Vergewaltigungsopfer gegen Vergewaltiger
    Seltsam, bin ich erst gegen Vergewaltiger, wenn ich zum Opfer werde? Gibt es irgendjemanden der für Vergewaltiger ist? Die erforderliche Reduzierung / Eliminierung von sexueller Gewalt braucht sinnvolle Maßnahmen, nicht das Wort »gegen«.
    Sklaven gegen Sklavenhalter
    Auch hier wieder der Kampf gegen die Herrschenden. Klassenkampf bedeutet nicht nur die Eliminierung von Machthabern, sondern auch die einzelnen Kämpfe gegen bestimmte Auswüchse von Herrschaft.
    Da scheint mir doch deine Persönlichkeit stärker vom Kampf gegen die Herrschenden durchdrungen zu sein, als du zugeben willst...

  6. Kakapo3:
    1. Nazis. Deine Replik darauf ist sehr infantil. Dazu muss ich nicht die Meinung eines Jens Berger heranziehen. Der hat im Gegensatz zu mir (Knast bei Gegendemonstrationen, Schülerzeitung herausgegeben »Antifacts«, u, a,) keine Erfahrung mit Antifa. Nazis bezeichnen sich übrigens auch als Antikapitalisten.

    2. Nicht alle Einzelgewerkschaften des DGB sehen sich ausschließlich als Sozialpartner. Es gibt ja auch noch die Vertrauensleute, Linke in den Gewerkschaften und das Netzwek für eine kritische und demokratische ver.di.

    3. Nichtraucher sind teilweise immer noch zum Passivrauchen gezwungen. Umgekehrt geht wohl schlecht. Darum wird zur Zeit in der Bundesregierung überlegt, das Rauchen im Auto zu verbieten, wenn Kindern mitfahren.

    4. Mieter. Es gibt auch Hausbesetzungen von Immobilien im öffentlichen Eigentum. Mietervereine wollen m. W. nicht den Kap. abschaffen.

    5. Vergewaltigung, Sexismus. Du kennst vermutlich nicht die Theorie vom Haupt‐ und Nebenwiderspruch — auch als Triple Opression bekannt, sonst würdest Du so etwas Triviales nicht schreiben.

    6. Glückliche Sklaven sind die größten Feinde der Freiheit.

  7. »Primäres Ziel der Reichen, Mächtigen und Vermögenden ist es, die Bevölkerungen gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen. Mit allen Mitteln! «
    Ist das jetzt auf dem Niveau der »Nachdenkseiten« welche die Ökonomie, die Reproduktion von Kapital und Arbeit nicht aus ihren immanenten Bedingungen ableiten will, sondern primär als personale Willensakte betrachtet?
    Mir ist das ein wenig zu Wenig und verbleibt eben auf dem Niveau der Kulturkritik , gegen die ich prinzipiell nichts einzuwenden habe, wenn sie auch die Anstrengung unternehmen würde ihren moralisierenden Rahmen zu verlassen und in die Niederungen der Ökonomie einzusteigen.

  8. @Troptard

    »wenn sie auch die Anstrengung unternehmen würde ihren moralisierenden Rahmen zu verlassen und in die Niederungen der Ökonomie einzusteigen.«

    Seit wann ist »Ökonomie« rational, sachlich und fernab von Moral?

    Davon abgesehen kannst Du mir gerne eine »Anstrengung« (Gastbeitrag) über die »Niederungen der Ökonomie« schicken und ich werde ihn hier veröffentlichen (an: epikur77@gmx.de). Ich bin jedoch kein Ökonom. ;)

    EDIT: ich finde es übrigens spannend, dass sich häufiger hier Leute »beschweren« (haben sie mir Geld hinterher geworfen und ich weiß nichts davon!?), ich würde Themen nur anreißen, zu oberflächlich und/oder zu kurz behandeln (ja, stimmt!) und sobald ich mal einen längeren Beitrag schreibe (hier oder hier), an dem ich auch mal stundenlang sitze (inklusive Recherche), dann liest und kommentiert den kaum jemand. Wie gesagt »spannend«. ;)

  9. »Erinnerungen alternder Linke an ihre vermeintliche Glanzzeit sind generell mit Vorsicht zu genießen.« Karl‐Heinz Dellwo

    wie auch immer. Keks?

    aber:
    »Glückliche Sklaven sind die größten Feinde der Freiheit.«
    Nö, Sklavenhalter sind die größten Feinde der Freiheit.

  10. Kann dem Artikel nur zustimmen, kein Thema mehr, das nicht entsprechend instrumentalisiert wird.
    Antifa gegen Nazis
    Faschismuskritik, eine altehrwürdige Tradition der Linken, wird gerne mit der Antifa gleichgesetzt, ist aber das genaue Gegenteil.
    Die Antifa kloppt sich mit Rechtsextremen nicht darum, das faschistische Prinzip infrage zu stellen, sondern wer es besser mit eigenen Inhalten besetzen kann, Antifa‐Leute, nicht zu verwechseln mit Autonomen, schaffen es in der Regel, noch engstirniger und noch dümmer zu sein als die »Gegen«-Seite, und sie sind konsequent frei von jedem Anflug von persönlichem Humor.
    Politische Korrektheit,
    das kulturelle Neusprech des Neoliberalismus, ist ebenfalls ausschließlich dem Zweck der Spaltung gewidmet. Viele schauen da aktiv weg, weil sie es nicht wahrhaben wollen, dabei kann man den faschistischen Charakter dieser Ideologie gut erkennen, wenn man es will.
    Die »Progressiven« sind heute fest im Griff der politischen Korrektheit und können ihre guten sozialen Ideen deshalb nicht verwirklichen, obwohl sie vom System händeringend darum angefleht werden, doch endlich eine der zahllosen Steilvorlagen zu nutzen.
    Daher kann man diese Art von Kulturkampf nicht ignorieren, gerade um das soziale Thema nicht aus dem Fokus zu verlieren.

  11. Grundsätzlich wird man heute über nichts mehr sprechen können. Wer heute noch umher läuft, etwa Neu‐Linke, und sich seine Diversitypackages zur Schau trägt, ist offenbar von gestern, veraltert. Nur bedächtige Horizonte erlauben dies noch, kleinere Rahmen mit fünf sechs Variabeln, eine Art Ping Pong gegen die Langeweile und zur Verdrängung der eigenen materiellen Diversität und ideoligischen Verbundenheit. Diese eine materielle Diversität sprengt diesen kleinen Rahmen in der Regel. Da wird man dann laut und prompt fällt plump die Verbundenheit zur neoliberalen Wirtschafts‐Hierarchie sprachlich aus dem Mund. Die Rosa Watte‐Diversität wandelt sich zum schwarzen Marktordnungsmonster oder zum Kulturelitenbaseballschläger. Lasst uns unseren diversen Neoliberalismus, ihr undiversen Proleten! Da lob ich mir offen konsequente Neoliberale: wer es auf dem Markt nicht schafft, soll die Schnauze halten. Den Rest machen die Gewinner. Der alte Kapitalist im neuen Gewande. Geradlinig, machtbewusst, ohne Schnick‐Schnack.
    Neu‐Linke sind heute die härtesten Vertreter des Schnick‐Schnack‐Neoliberalismus geworden. Das Kerngeschäft der linken Eliten war aber schon vorher das interne Differenzieren. Man erinnere sich nur, was man nicht alles über das revolutionäre Bewusstsein und den geschichtlichen Zustand des Arbeiterbewusstseins zu wissen glaubte. Ganze Berge an Detaildifferenzen wurden ausdebattiert. Ein der linken Intelligenzia externes Objekt wie ein Baum im Park, den man wöchenendlich für seine Studien beäugte, um am nächsten Montag die jüngsten Neuerungen zu berichten. Jahrzehntelang. In schöner Distanz. Früh schon nahm man es ihm übel, diesem Globalsubjekt, dass er sich mit Verbesserungen im Arbeitsrecht, im Lohn, in der Urlaubsregelung, im Rentensystem zufrieden gab und nicht auf die Revolution, die Systemfrage zusteuerte. Als wäre man beschämt worden. Riesige Gedankengebäude und das Kind verhält sich dann nicht danach (man wird ihm das 30 Jahre später noch nicht vergeben haben). Fällt auf den höheren Lohn herein, anstatt zur Revolution zu schreiten. Der Neoliberalismus hat dem Theater ein Ende bereitet und der Intelligenzia angeboten,eine Art hair cut zu machen, diverse gedankliche Relikte in eine Bad Bank auszulagern und ihre soziale Position als Ergebnis der individuellen Leistungspotenz meritokratisch zu betrachten. Dankbar wurde das ja zweifellos große Kulturelle Kapital transformiert in Marktkonformität und Bildungselitismus und fortan wurden die Nebenwidersprüche zu Hauptwidersprüchen. Die revolutionäre Klasse war wohl schon immer nicht ganz auf der Höhe. Nicht nur war sie zu doof für die Revolution, nun fällt sie auch noch auf die Populisten herein. Das kann man abhaken. Die Systemfrage wurde nun eingehegt auf eine Sandkiste im gesellschaftlichen Obergeschoss. Dort übt man sich in Rollenspielen von 0,42 bis 2,1 Prozent großen gesellschaftlichen Gruppen.

  12. @flavo

    »Der Neoliberalismus hat dem Theater ein Ende bereitet und der Intelligenzia angeboten,eine Art hair cut zu machen, diverse gedankliche Relikte in eine Bad Bank auszulagern und ihre soziale Position als Ergebnis der individuellen Leistungspotenz meritokratisch zu betrachten.«

    Sehr schöner Satz! Es ist scheinbar wirklich so, dass wer heute im Jahr 2020 über eine gerechte Vermögens‐ und Besitzverteilung, soziale Gerechtigkeit (eben NICHT Generationengerechtigkeit, Nachhaltigkeit oder die unsägliche »Chancengerechtigkeit«) oder über Massenarmut spricht, schnell in die ewiggestrige Ecke verfrachtet wird.

    »Links« sind doch heute Gender‐Themen, Sprachnormierungen, Klima, Klima, Klima, Sexismus‐Debatten und Veganismus. Armut und Reichtum sind gottgegebene Tatsachen und gehören nicht thematisiert oder gar verhandelt.

  13. @ Epikur
    So ist das, wenn der Amerikanismus, gewollt oder ungewollt, die Deutungshoheit über ein Thema übernimmt...
    Was herauskommt ist etwas völlig anderes als was am Ursprung steht.

    Deswegen sollte »links‐grün versifft« eigentlich immer ein Begriff sein, der sich auf das westliche »Links‐Sein« bezieht. Das, was man im Westen glaubt, »links« zu sein.

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