Banale Medienkritik

Unsere armen Massenmedien werden von allen Seiten mit Schmutz, Hetze und Häme überzogen. Dabei kontern die bürgerlichen LeiDmedien gerne nur dort, wo es ihnen leicht fällt, zurück zu feuern (»Lügenpresse‐Vorwurf«, Verschwörungstheorie, Populismus etc.). Vergessen werden hierbei selbst die alltäglichen Fehler, Ungereimtheiten und Verzerrungen, weil Redaktionen gnadenlos zusammengespart werden, Journalisten am Fließband schuften müssen und Meldungen von Nachrichtenagenturen ungeprüft kopiert werden. Zwei Beispiele.

Da schreibt beispielsweise tagesschau.de am 12. August 2019:

»Flieger sind zwei Minuten pünktlicher«

»Der europäische Luftverkehr läuft in diesem Jahr offenbar etwas geschmeidiger. Im Schnitt kamen die Flieger zwölf Minuten zu spät am Ziel an. Ein Grund liegt in der dichteren Personaldecke der Airlines.«

Hä? Was? Wie? Zwei Minuten pünktlicher oder zwölf Minuten zu spät? Ergibt das irgendeinen Sinn, den ich dummer Blogger nur nicht erkennen will? Der gesamte PR‐Beitrag der Luftfahrt‐Industrie via dpa‐copy‐paste auf tagesschau.de ist vor allem ein Zahlen‐Bullshit‐Zirkus ohne Sinn und Verstand. Ist das der tägliche Qualitätsjournalismus von dem alle reden? :SHOCK:

Meldung Nummer Zwei auf spiegel.de vom 15. Juli 2019 behauptet:

»Zahl der Hungernden steigt zum dritten Mal in Folge«

»Die Welt droht den Kampf gegen den Hunger zu verlieren: Im vergangenen Jahr hungerten weltweit 821 Millionen Menschen, so viele wie lange nicht. Zwei Milliarden Menschen essen schlecht oder unzureichend.«

Seit wann kämpft »die Welt« gegen den Hunger? Wer ist mit »Welt« überhaupt gemeint? Konzerne (Monsanto), Banken (Deutsche Bank) und Finanzinvestoren, die mit Lebensmitteln, Rohstoffen und Agrarland spekulieren? Oder weltweite Regierungen und Milliardäre, denen es vor allem um die Reichtumsbewahrung und -Vermehrung der Supervermögenden geht? »Die Gründe für Nahrungsmittelknappheit sind vielfältig« — genannt werden aber nur Kriege in der Ukraine, im Jemen und im Südsudan. Die weltweite ungleiche Verteilung von Besitz, Vermögen, Eigentum, Kapital, Land und Boden sowie Immobilien wird einfach verschwiegen. Auch hier: top‐recherchiert oder einfach nur abgeschrieben und in den Äther gerotzt? :SHOCK:

Die Beispiele lassen sich hier endlos fortsetzen. Es geht eben nicht nur um mediale Mechanismen, Kampagnen‐ und Boulevard‐Journalismus bzw. um die »große Medienkritik«. Auch die kleinen alltäglichen Meldungen sind durchtränkt von mangelnder Sorgfalts‐ und Recherchepflicht, Ungereimtheiten, Fehlern und unlogischen Zusammenhängen.


Presseblick
»Journalismus unter Beschuss«

3 Gedanken zu “Banale Medienkritik

  1. Nun ja, vielleicht waren die Flieger im letzten Jahr im Schnitt 14 Minuten zu spät dran.
    Da wären sie jetzt 2 Minuten pünktlicher. ;)
    Also wohl eher 2 Minuten näher an pünktlich.

  2. @skolem

    Das würde zwar logisch sein, ist aber weder semantisch richtig (denn zu spät bleibt immer noch zu spät), noch ist es irgendwie aus dem Artikel zu entnehmen. Ich vermute, man wollte eben unbedingt als feinen PR‐Verkehrsindustrie‐Artikel das Wort »pünktlich« in der Headline haben. Denn den Zahlen‐Bullshit liest ja eh keiner bis zum Ende ;)

    Als Sandwich‐Methode getarnt findet sich dann: »Nicht einmal zwei von drei Flügen kamen noch pünktlich an.« Warum nicht das in die Überschrift packen? :d

  3. Den Qualitätsverlust im Journalismus allgemein fällt auch dadurch auf, dass z. B. die Rechtschreibung merklich zu wünschen lässt.
    Manche Texte wirken auch, als hätte sie jemand nach dem Schreiben nicht noch einmal gegengelesen, sodass dadurch unmögliche grammatikalische Fehler zustande kommen, falsch konjugiert wird, das Plusquamperfekt falsche Zusammenstellungen mit »sein« und »haben« aufweist oder solche seltsam anmutenden Formulierungen wie »an Weihnachten« (das heißt: ZU Weihnachten — oder ist das schon wieder zu viel Bouletten‐Deutsch?) auftauchen.
    Ach ja, fehlende Buchstaben sind auch sehr beliebt (habe ich zwar selbst Probleme mit, aber wenigstens fallen die mir meist noch auf und ich korrigiere sie bevor irgendwas rausgeht).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.