Abschlussbericht: Claas Relotius

Jury des Deutschen Reporterpreises 2018 über Claas Relotius: “Von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert.”

Der SPIEGEL hat am 24. Mai 2019 einen 17‐seitigen Abschlussbericht ihrer dreiköpfigen Aufklärungskommission veröffentlicht. Die Kommission besteht aus: Clemens Höges (kommissarischer Blattmacher), Stefan Weigel (Nachrichtenchef des SPIEGEL) und Brigitte Fehrle  (frühere Chefredakteurin der »Berliner Zeitung«). Der Bericht kann hier in PDF‐Form heruntergeladen werden. Schauen wir uns die interne Aufklärung einmal genauer an.

Relotius hat unter anderem, den Peter‐Scholl‐Latour‐Preis, den Konrad‐Duden‐, den Deutschen Reporter‐, den Kindernothilfe‐ und den Coburger Medienpreis gewonnen. Im Jahr  2014 zeichnete ihn CNN als »Journalist of the Year« aus. Für die Außenwirkung und das Image vom SPIEGEL war das alles wohl zu schön, um mehrfach angebrachte Skepsis und Zweifel von Juan Moreno ernsthaft nachzugehen. Das wird sogar selbstkritisch zugegeben:

»Die Reaktionen auf den Whistleblower Moreno sowie das Handling des Falles in den ersten Tagen und Wochen waren langsam und mangelhaft, geprägt von Vertrauen gegenüber Relotius und Misstrauen gegenüber Moreno.«

Es ist einerseits zwar löblich, wie selbstkritisch die SPIEGEL‐Redakteure den Fall aufarbeiten (»in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist.«), andererseits wird dennoch nur an der Oberfläche gekratzt und kaum eine strukturelle Verantwortung gesehen. Der Fall wird -wie so oft‐ zum Einzelfall und Relotius zum Einzeltäter stilisiert (»Claas Relotius war ein Einzeltäter«). Die Jagd nach Journalistenpreisen, nach Reichweite und Aufmerksamkeit sowie das devote Abliefern von Mainstream‐Narrativen, werden zwar thematisiert (»Der Druck durch Journalistenpreise«), aber gleichzeitig betont der Bericht, dass vor allem die Stilform der Reportage anfällig für Fälschungen sei (»Die Reportage macht das Aufspüren der Fälschung oder der Verfälschung schwer«).

Peinlich wird es, weil man allzu schnell wieder auf die bösen alternativen Medienformate schimpft, das eigene Journalisten‐Handwerk feiert und in das öffentliche Fake‐News‐Horn bläst: »Wenn Populisten versuchen, die öffentliche Debatte zu okkupieren, muss Journalismus eine Alternative anbieten, also antipopulistisch sein.« Das sagen Redakteure, die gerade im eigenen Hause jahrelang einen Lügen‐Reporter beschäftigt haben und der mit Preisen überschüttet wurde. Sie tun wieder so, als gäbe es keinen Mitte‐Populismus, keine Boulevard‐Presse, keine Atlantikbrücke‐Journalisten und keine BILD‐Zeitung. Nur Einzelfälle und Einzeltäter.

Erfrischend sind jedoch solche Aussagen: »Die Kritik‐ und Fehlerkultur im Haus ist nicht sehr ausgeprägt.« Denn nichts anderes sagen, belegen und beweisen Blogger und alternative Medienportale seit mehr als zehn Jahren. Aber da der Kampf um die Meinungs‐ und Deutungshoheit mit allerlei Befindlich‐ und Eitelkeiten geführt wird, gibt man sich häufig sehr kritikresistent oder schlägt wild um sich, indem man behauptet, dass jedwede Kritik an den etablierten Medien rechtspopulistisch (»Lügenpresse«) und damit unseriös sei.

Die Kommission macht folgende Veränderungsvorschläge:

  • »Journalistische Standards für Recherchen, Reportagen und andere
    Texte.«
  • »Das Gesellschaftsressort besser in die Gesamtredaktion einbinden.«
  • »Eine bessere Organisation der Dokumentation«
  • »Verbesserung der Fehlerkultur«

Interne Methoden und Verfahren sollen geändert werden. Druck durch Journalistenpreise, Diffamierung von alternativen Medien (Populismus, Verschwörungstheorie, Fake News etc.), Zensur von Leser‐Kommentaren, tendenziöse (Hof-)Berichterstattung, Skandaljournalismus, Clickbait und NATO‐Narrative (Putsch in der Ukraine, Angriffskrieg gegen Syrien, Unterstützung der Putschisten in Venezuela, Putin‐Bashing etc.) dürfen aber bleiben.


Presseblick

2 Gedanken zu “Abschlussbericht: Claas Relotius

  1. Ich habe in meiner Karriere nur sehr wenige KollegInnen erlebt, die Kritik angenommen haben und tatsächlich darüber nachgedacht haben. Allgemein wird in Redaktionen gerne ausgeteilt, einstecken kann aber keine/r.

  2. Wenn es um Populismus geht, sollen sie sich doch mal an die eigene Nase fassen. Wie viele Fake‐News werden vom Mainstream, der meint, die Weisheit für sich gepachtet zu haben, verbreitet und hinterher stellt es sich als »komplett falsch« oder wenigstens »einseitig« und »verschweigt die Hälfte« heraus? Genau das ist dasselbe, was man der rechten Propagandamaschinerie in den sozialen Medien auch vorwirft. Fake‐News wie einen Virus zu verbreiten und immer und immer wieder zu teilen und zu behaupten bis es überall die Wände tapeziert, ohne daran Änderung oder Fehlerkorrektur zu akzeptieren.
    Wenn sich »Populismus« so definiert, dann ist der hiesige Mainstream‐Journalismus schon lang dort angekommen, noch bevor es den Begriff gab oder bevor es hip wurde.

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