Konservative Geschichtsvergessenheit

Viele konservative Biedermeier‐Weltverleugner‐Spießer mögen linkspolitische Menschen nicht. Diese ewigen Weltverbesserer, Gewerkschafter, Klugscheißer, Verkehrblockierer‐Demonstranten, Aktivisten, Verräter‐Whistleblower und die unbequemen Freidenker. Sie genießen aber alle Segnungen und Vorzüge, die eben genau Gewerkschafter und linke Aktivisten für die arbeitende Bevölkerung erkämpft haben. Und sie tun alle so, als seien diese Regelungen Naturgesetze oder von Gott gegeben. Dabei wurden sie mit viel Blut, Schweiß und Tränen erkämpft. Streikende Arbeiter, Sozialisten und politische Aktivisten wurden und werden auch weiterhin weltweit ermordet.  Blutige Streikniederschlagungen finden auch heute noch überall in der Welt statt. Eben nur nicht direkt vor unseren Augen.

Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, der 8 Stunden Arbeitstag, die Elternzeit und die 5 Tage Woche sind keine großzügigen Geschenke des Kapitals gegenüber der arbeitenden Bevölkerung gewesen. Nein, sie mussten hart und brutal erkämpft werden! Nur infantile Facebookianer, verkappte Mittelschichts‐Rassisten und Sofa‐Shitstormer sind eben nicht diejenigen gewesen (und werden es auch niemals sein!), die auch aufgestanden sind und sich für das Wohl der Bevölkerung eingesetzt haben. Das waren in aller Regel progressive Kräfte. Heute verachten diese Leute voller Inbrunst die Linken, die »Gutmenschen« wie sie es oft abwertend formulieren, genießen aber gleichzeitig die Menschen‐ und Arbeitsrechte, die ohne linkes Engagement in der Vergangenheit niemals zustande gekommen wären.

20 Gedanken zu “Konservative Geschichtsvergessenheit

  1. Wenn man sich ansieht, wofür »linker Aktivismus« heute auf die Straßen geht, dann kann man diese Position zu einem gewissen Teil nachvollziehen.
    Auf der anderen Seite ist dies hier auch richtig — Bismarck hat auch nur die Sozial‐ und Absichterungssysteme erfunden, weil er Angst vor den Roten hatte, dass sie ihn überrennen.
    Die beste Methode dagegen war auch nur, das, was die fordern, teilweise selbst zu praktizieren.

  2. Stimme zu, zumal ich gestern mal einen Film über einen gewissen Cesar Chavez gesehen habe, der für die mexikanisch‐ und phillipinostämmigen Landarbeiter in Kalifornien Gewerkschaftsrechte erkämpft hat, die für uns heute selbstverständlich sind — z.B. dass alleinige Recht sich als Arbeitnehmer gewerkschaftlich zu organisieren.

    Heute eine Selbstverständlichkeit, aber ein bißchen Nostalgie war bei mir — beim Sehen des Filmes — auch drin, denn die Zustände, die Cesar Chavez bekämpft hat sind immer noch dieselben — er machte die am Beispiel von Trauben fest, die von Landarbeitern unter unmenschlichen Bedingungen bzw. fast keiner Bezahlung, geerntet wurde. Tja, die wurden damals in Supermärkten boykottiert — von den Verbrauchern, die darüber informiert wurden.

    Wer denkt dabei nicht an heutige Konsumenten, die statt Ausgebeutete zu konsumieren lieber die Ausbeuter hofieren indem die Ausbeuterware kaufen — es gibt ja, dank Reagan (der kam im Film als Bösewicht, der er ja auch war) und Thatcher bzw. dem Neoliberalismus keine Moral, außer der des Geldbeutels mehr.

    Wie bereits erwähnt, ein Cesar Chavez wäre heute wieder dringend nötig, oder auch nur ein Gandhi oder Martin Luther King, aber leider sind die längst tot, und vergessen was die letztendlich gewaltlos (das sei auch mal erwähnt) erreicht haben....

    Wir leben eben in einer anderen Zeit....

    Interessant auch die Szene im Film wo man Ausgebeutete gegeneinander (rassistisch) ausspielen wollte — der Schuss ging, damals zumindest (noch), nach hinten los — die wehrten sich gemeinsam, und nicht einsam, gegen ihre Ausbeuter — die Mexikaner und Phillipions bzw. mexikanischstämmigen und philliponostämmigen US‐Amerikaner bzw. die US‐Amerikaner, die diese Menschen unterstützten. Man stelle sich nur vor wenn heute Flüchtlinge, »sozial Schwache« und andere Ausgebeutete gemeinsam statt einsam....ich weiß ein Traum....wir hätten eine andere Republik....eine nicht‐rassistische und solidarische BRD....ein Traum...ein Traum....

    Gruß
    Bernie

    PS: Auch auf Ausbeuterseite gab es Rassismus, der soll nicht verschwiegen werden — tolle Szene im Film als ein Boss bei einer Versammlung der Bosse die Ausländer als Pack bezeichnete — der wichtigste Gegner der Ausgebeuteten, die Chavez verteidigte, meinte nur zu seinem Boss‐Kollegen »Dann bin ich auch Pack, denn ich bin kroatischstämmig.« Evtl. der Unterschied, der die Bosse letztendlich zum Einlenken brachte — die Gewerkschafter waren sich einig, die Bosse gespalten....welch Unterschied zu so manchem späteren Arbeitskampf, der genau umgekehrt lief...nicht nur in den USA....

  3. @matrixmann

    Tja, die Preußen bzw. die Rechten, die haben noch nie etwas selbst zustande gebracht....

    »Alles nur geklaut«, wie die Band »Die Prinzen« einst so schön sang....

    Zynische Grüße
    Bernie

  4. @epikur

    Gern geschen — der korrekte Titel des Filmes ist der Name des Helden: »Cesar Chavez«....eine wirklich interessante Geschichte, die auch bei Wikipedia zu finden ist:

    https://de.wikipedia.org/wiki/C%C3%A9sar_Ch%C3%A1vez

    ...wie bereits erwähnt, es war eine andere Zeit....

    Nach ihm ist sogar ein US‐Feiertag benannt der »Cesar Chavez Day« — mehr im englischsprachigen Wikipedia:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Cesar_Chavez_Day

    ...übrigens nette Idee von den Amis Bürgerrechtlern gesetzliche Feiertage zu widmen....man stelle sich sowas für .de vor....wir hätten auch die ein oder andere Bürgerrechtler bzw. -innen, die einen Feiertag verdient hätten.

    Wie wäre es mit einem z.B. Rudi‐Dutschke‐Tag? Oder dem roten Feiertag als gesetzlichem Feiertag? Welchem, dem Rosa‐Luxemburg und Karl‐Liebknecht‐Tag, nur diesmal ganz offiziell von Regierungsseite ausgerufen statt nur von »Linken« (was auch immer das in Zeiten heißen mag wo sich sogar bekennende Neoliberale als »links« verkaufen — wie Sigmar Gabriel (SPD) mal wieder vor der Wahl so volksvera.... tut...)

    Gruß
    Bernie

  5. Jene verschwenden keinen Gedanken daran, warum etwas so ist, wie es ist. Gäbe es heute eine 20‐Stunden‐Woche würden sie sie genauso akzeptieren wie eine 60‐Stunden‐Woche. Das Jetzt wie es ist — ist selbstverständlich. Und auch nicht anders denkbar... Denkbarkeiten sind auch generell schwer, wenn man das Denken zunehmend dem »smart»phone überlässt... Was ist denn die klassische Antwort auf jeden kritischen Gedanken? »Das ist halt nun mal so!« *fußaufstampf*

    Allerdings kann ich mir die ketzerische Anmerkung dann auch nicht verkneifen — weil es sich mit einem maßgeblichen hier im Blog (und Kommentariat) vertretenen anderen Standpunkt beißt: Im Großen und Ganzen beschreibst du hier schön, wie ein Teil der Bevölkerung dem Kapital(ismus) / »System« bestimmte Zugeständnisse teils blutig abgerungen hat; diesen also »eingehegt« bzw. seine Krallen gestutzt — jedoch eben auch nicht komplett »überwunden« — hat. Auf der anderen Seite wird dann aber auch hier immer wieder — mantraartig — inbrünstig behauptet, der Kapitalismus sei nicht »zähmbar« und jeder, der punktuelle Verbesserungen fordert (also z. B. wie jene, die damals irgendwann erkämpft wurden) muss sich dann ein beleidigendes »du Sozialdemokrat!« gefallen lassen, der »das System« ja nicht überwinden, sondern behalten — und somit weiter in »Unfreiheit« leben — wolle...! :P

    Ja — wat denn nu...!?

  6. @Dennis82

    Darin sehe ich jetzt keinen Widerspruch. Natürlich muss man Verbesserungen für die Menschen erkämpfen. Und das war in der Vergangenheit (und aktuell in vielen Ländern der Erde immer noch) oft sehr blutig und brutal. Das heißt doch aber nicht, dass man dann irgendwann »stehen bleiben«, auf halber Strecke halt machen und sich dann gemütlich einrichten muss? Dieses Anpassen, sich unterordnen und letztlich selbst dem Kapital »verfallen« wird zu Recht kritisiert. Schau Dir mal die Andrea Nahles an, was die gerade für einen Sermon in der FAZ abgibt. Die galt mal als SPD‐Linke. Das ist jetzt Realsatire.

  7. Ich halte es bereits für eine unzumutbare Situation wenn sich Menschen all diese Rechte und Annehmlichkeiten so teuer erkämpfen mussten und und immer noch müssen.

    Wo ist Jesus, Moses und Mohammed? Warum helfen sie nicht dabei? Warum hilft Gott dabei nicht? Er könnte doch all das mit einem Schlage lösen !?

    Die Menschheit ist verlassen, alleine auf sich gestellt. Der technologische Fortschritt bringt neben Annehmlichkeiten auch jede Menge Probleme, mich dünkt es, dass das Leben ein Nullsummenspiel ist.

    Die Streiks sollten in erster Linie auf den Urheber des Menschen und der Erde abzielen, denn die Natur arbeitet auch gegen den Menschen, überall lauern Viren, Bakterien und giftiges Getier denen der Mensch ein Scheissdreck wert ist. Hinzu kommen abertausende Gendefekte, Krankheiten, hinterhältige Tumore und andere Gebrechlichkeiten.

    Gehst du Eis essen, freuen sich Kariesbakterien deine Zähne zu zersetzen, gehst du spazieren im Walde und Wiese, lauern Zecken die dich mit Mongoenzephaltisis und Borreliose anstecken.

    Nichts gönnt man den Menschen, die Natur ist erbarmungslos, selbst sauberes trinkbares Wasser liefert sie nur in wenigen Orten und dann muss man es auch mühsam abkochen.

    Unter solchen Umständen sehe ich es nicht ein, für Verbesserungen einzutreten und zu kämpfen, die astronomisches Aufwand erfordern und der Erfolg nur brotkrümelweise eintritt.

    Der Source‐Code ist nun einmal scheisse, was versucht ihr da noch hier und da kleine Verbesserungen vorzunehmen, die einzige Lösung die ich momentan sehe ist die Fortpflanzung einzustellen und somit von Gott Verbesserungen abnötigen.

  8. @epikur: naja, aus der Sackgasse hilft dir auch die olle Nahles nicht mehr raus... ;) Du glorifizierst hier etwas aus der Vergangenheit, wofür du in der Gegenwart ja eigentlich grundsätzlich nur Spott übrig hast — und es regelm. ablehnst, weil es »nicht weit genug gehe«. Man könnte also vielleicht auch titeln »Linksrevolutionäre Gechichtsvergessenheit«? ;) Nahles galt(!) also als Parteilinke... In der Agenda‐SPD... wow — was für ein Argument! :d Wer in die SPD eintritt, ist alles — nur nicht: Links. Der braucht ein Parteibuch (weil er meist sonst nichts kann — wie Nahles)!

    Wieso bitte sollte denn eine erfolgreiche, beim Volk beliebte, erst einmal schrittweise vorgehende linke Politik denn plötzlich »stehen bleiben«...!? Ich hielte einen Domino‐Effekt für wesentlich wahrscheinlicher — wenn die Menschen irgendwann merken, dass das, was an linker Politik jahrzehntelang verteufelt wurde — viel besser funktioniert! Das war auch ein Grund, warum Syriza mit aller Gewalt in die Knie gezwungen werden musste — und die wollten eigentlich nicht den Kommunismus ausrufen, sondern per Varoufakis als Kompromiss(!) nur »Keynes« anwenden — diese Schlacht tobte ja auch eine Weile lang in D (zu Zeiten Lafontaines)... Der Neoliberalismus fürchtet: Präzedenzfälle; »wehret den Anfängen«...!

    Eine »Anpassung« oder »Unterordnung« unters Kapital gäbe es dann mit Sicherheit nicht, weil »das Kapital« eine wirkliche Linke Politik bis aufs Messer bekämpfen würde — anstatt zu versuchen, sie zu korrumpieren...!

    Man erkennt da einmal mehr die persönlichen, enttäuschten Hoffnungen — die man mal in die SPD hatte. Nur so erklärt sich dieses eklatante und exzessive Misstrauen... Wenn man die SPD für eins wirklich verfluchen müsste — dann genau für die Etablierung dieses Vorurteils! Die SPD war weder je links, erfolgreich noch beliebt — und ist auch nicht »stehen geblieben« — sondern hat sich eigentlich seit jeher (siehe Tucholsky) im Zweifel immer dem konservativen Bürgertum an den Hals geschmissen — oder ist wie unter Schröder komplett ins andere Lager gewechselt. Für die Grünen galt das gleiche: Ein Haufen privilegierter Bürgerkinder, deren größte Sorge es war, ihr zu erbender Bungalow könne atomar verstrahlt werden... die soziale Frage spielte nur eine beiläufige Rolle.

  9. @Dennis82
    Muss ich zugeben, da muss ich dir recht geben. Auf der einen Seite dieses »Warten auf den Weltuntergang«, sagst du dann aber mal »lasst uns eine Strategie ausarbeiten, wie man sich was zurückerobern kann«, dann heißt es wieder, die Sache ist sinnlos. Sicherlich, das ist wahr, aber — wollt ihr hundert Jahre warten auf das, was da vielleicht kommen könnte? Der Gegner schläft auch nichtü in der Zwischenzeit.
    Es scheint also wohl in der Praxis so zu sein, dass man sich alles Stück für Stück nehmen muss. Stück für Stück bedeutet nach Jahren dann aber auch was anderes als Kapitalismus. Zum anderen, der Gegner weiß dann, dass du Zähne hast. Dass er gewisse Sachen mit dir nicht machen kann. Nicht ohne eine Resonanz auszulösen, die ihn schädigen wird.
    Dafür braucht es dann aber auch eine gewisse ideologische Konstanz und Nachwuchs heranziehen. Sie wie sich der Neoliberalismus alles erobert hat.

  10. @matrixmann: Klaro — ich würde mir auch wünschen, man bräuchte nur einen Schalter umzulegen — und aus der Nacht würde Tag... Selbst als linker »Träumer« muss man doch aber auch die Realität so wahrnehmen, wie sie sich eben darstellt. Du schreibst ja auch, dass der Gegner nicht schläft — viele Linke aber schon (nur dann träumt es sich bekanntermaßen). Auch der »Kapitalismus« ist kein konstantes Naturgesetz, welches keinen Wandlungen unterlegen würde — auch jener eroberte erst einmal Stück für Stück Bereiche; er entwickelte sich, breitete sich rechtlich, räumlich, sprachlich, gedanklich und zeitlich aus. Und wurde wie im Beitrag oben zumindest stellen‐ und zeitweise in Schranken gewiesen. TTIP ist doch DAS Beispiel dafür, dass er sich auch heute immer noch ausbreitet. Die Ironie ist: Der Widerstand dagegen ist derzeit noch »legitim«. Ist TTIP dann aber einmal beschlossen — und eine Gruppe würde fordern, zumindest auf den vorherigen Stand zurückzukehren — würden sie auch mit dem Vorwurf konfrontiert, dies reiche nicht aus, damit würde man sich ja nur innerhalb des Systems bewegen...

    Ökonomie ist nach Meinung vieler: Teil der Soziologie! Das System »Kapitalismus« wurde durch Menschen geschaffen — und stellt in der Summe eigentlich auch nur jenes Handeln und Denken dieser Menschen dar. Deshalb ist es auch in meinen Augen unmöglich, diesen von heut auf morgen zu »überwinden«. Epikur beschreibt doch gut, wie Geschichtsvergessen — und vor allem perfekt angepasst an das kapitalistische, alltägliche Denken als auch Handeln der Großteil der Menschen heute ist. Wer erntet denn keine entgeisterten Blicke, wenn er im Rahmen der buckligen Verwandschaft, in der Kantine oder beim Plaudern mit Bekanntschaften gewisse Dogmen einfach mal in Frage stellt...!? Oder der ganz alltägliche Zwang: »wie, du hast kein smartphone / Auto / Fernseher / keine Elektronische Gesundheitskarte / fliegst nicht in Urlaub?« Etc.

    Man sollte sich vielleicht einfach vergegenwärtigen, dass niemals allein ein einzelnes System vorherrscht — sondern vor allem die Gegensätze ineinander verschränkt um »Vorherrschaft« kämpfen. Auch heute konkurrieren im Prinzip weiter »Kapitalismus« und »Sozialismus« nebeneinander(!) her. Bildlich gesprochen hat er so ziemlich die gesamte Welt erobert — scheitert aber bei der Belagerung einzelner, kleiner, gallischer Dörfer. ;) Dies zeigt sich z. B. in den genannten Rechten wie Streikrechten, Lohnfortzahlung usw. — gäbe es hier »puren« Kapitalismus — gäbe es dies nicht — statt dessen auch Kinderarbeit nebst offener(!) Sklaverei. Und dahin wird es langfristig auch tendieren — wenn ein nicht unerheblicher Teil der Linken lieber von der »Revolution« träumt — als (wie die glorreichen Streikenden) auch mal real etwas anzupacken!

  11. @Dennis82
    Ich finde, der Bodensatz für vieles, worüber sich beschwert wird, liegt eigentlich irgendwo in der Psychologie. Wenn du was am System oder das System selbst ändern willst, dann musst du bei dieser Basis anfangen. Und ich denke, dafür muss man nicht so was wie Gustave Le Bon (»Die Psychologie der Massen«) oder Erich Fromm lesen.
    Ebenso muss man sich auch mit den Anfängen der Anthropologie befassen — was ist der Mensche, was sind seine Eigenarten, was sind Dinge, die er scheinbar von Natur aus tut, egal, welches System gerade regiert und egal wie viel man ihm auch vorbetet, dass er als denkendes Wesen erwachen soll.
    Je nach dem bemerkt man nämlich, ob eine Idee für die Tonne ist, weil der Mensch als Spezies nicht so funktioniert, weder für sich selbst, noch im sozialen Gefüge.
    Deswegen gibt es bei mir z. B. Zweifel an diesen ganzen Aufklärungsgedanken — mache man sich doch nichts vor, vielleicht 10–20% der Menscheheit sind überhaupt daran aktiv interessiert, was sich in ihrer Umgebung abspielt. Der Rest will nur ein System zum Leben haben und irgendwie zu seinem täglichen Auskommen kommen.
    Da bringt es nichts, nach großer Aufklärung zu schreien oder zu versuchen, sie in Umlauf zu bringen. Dem Großteil ist es egal und er wird das nachplappern, was man ihm an Propaganda täglich um die Ohren schlägt.
    Was heißt das also? Ich muss die Führung übernehmen, um irgendetwas durch zu kriegen, sonst bleiben alle bei dem, was sie haben, egal, wie sehr sie auch darunter leiden. Schafe streben nicht nach Veränderung, sondern nach Gewohnheit.
    Für Linke im Umkehrschluss bedeutet das dann auch, dass man sich vielleicht auch mal der Techniken des Gegners annehmen muss. Vielleicht sind Linke in diesem Sinne auch zu gutmütig, zu ehrlich, zu direkt. Wollen es immer mit Ehrlichkeit schaffen. Obwohl sie in einem Becken von Haien schwimmen.
    Wenn du aber in einem Becken mit Haien schwimmst, bleibt dir keine andere Wahl, als selbst zu einem zu werden, wenn du zu etwas kommen willst. Da kann man sich Moral hoch halten wie man möchte, was ist wenn man mit Moral aber keinen Blumentopf gewinnt? Wenn ihn immer nur die anderen kriegen, weil sie mit gezinkten Karten spielen? Und schließlich geht es bei Politik nicht um einen Blumentopf, sondern um etwas größeres.
    Ist keine Aufforderung, alle Moral zu vergessen und alles, was man sich sonst noch als Grundsatz gesteckt hat, es muss aber möglich sein, sie über Bord zu werden, wenn es notwendig ist.
    Genau deswegen gewinnen die, die die Menschheit als ihren Arbeitstross sehen.

  12. @matrixmann
    Zweifel an der Aufklärung, sind bereits wieder Aufklärung. Was auch den Unterschied im Umgang mit den bekannten Persönlichkeiten darin bedeutet. Nehm ich Fromm/Marx etc.usw.usf. als Welterklärer, oder Denkanstoß? Genauso verhält es sich mit dem; »Muss« »pragmatisch« die Führung übernommen werden, oder klärt man über die Pragmatik eines angenommenen Status‐Quo auf? Ich will dir nicht zu nahe treten, aber in dem was du diesbezüglich schreibst, steckt der gleiche fatalistische Gedanke, den zumindest ich den Sozen und den Grünen vorwerfe und sie zu dem hat werden lassen, was sie nun sind.

  13. @matrixmann

    Macht und/oder Herrschaft auf eine »biegsame Moral«, also auf einer pragmatischen Ethik aufzubauen, endet letztlich genau dort, wo wir jetzt sind. Das kann und sollte nicht das Ziel sein. Es muss Werte, wie Humanismus, Menschen vor Profite und ein soziales Miteinander geben, die nicht verhandelbar sind. Wir brauchen kein zweites »Idiotenspiel« vom ewigen Wachstum.

  14. @eb
    Ich kann das nur so ausdrücken: Du kannst dir überlegen, ob du den anderen das Feld überlassen willst, die sowieso kein Problem damit haben, sich an die Spitze von etwas zu setzen, und den Leuten irgendwelches hohles Gemautsche ins Ohr setzen, oder du kannst dir ein Herz fassen und diese Rolle selbst übernehmen und die Leute wenigstens in eine ganz andere Richtung zu ziehen, bevor das jemand anderes macht. Dass jemand das machen wird, ist klar wie das Amen in der Kirche.

    @epikur
    Was ist, wenn ich sage, das Moral schon immer wandelbar, dehnbar, war, dass Moral vor hunderten von Jahren nicht dasselbe war, was man heute unter moralischem Verhalten versteht, dass nicht einmal die selben Dinge als moralisch in allen Gegenden der Welt so verstanden werden?
    Was ist, wenn ich sage, dass es alles nur eine Erfindung von Menschen ist und ebenso dadurch dynamisch und veränderbar — wie Menschen es sind?

    Es geht nicht darum, die Moral abzuschaffen. Es geht mehr darum, auch als Linker zu erkennen, dass sie, dogmatisch verstanden, im Spiel gegen die anderen, die eine andere Weltordnung haben wollen (die, die jetzt besteht) auch zeitweilig ein Klotz am Bein sein kann. Eigentlich steht es im letzten Kommentar schon so drin.
    Diejenigen, die die bestehende Weltordnung am Leben erhalten wollen, wissen auch um diese Einstellung der Linken — und sie können mit ihr spielen.
    Sie haben keine Moral und keine Hemmnisse, sie tun es einfach, weil es ihren Zweck rechtfertigt und sie ans Ziel bringt, wohin sie wollen.
    Sie wissen darum, dass Linke nicht bereit sind, auch nur einen Moment davon abzuweichen, weil sie es sonst als Selbstverrat ansehen und als einen Verrat an alles, was man innerhalb der letzten hundert Jahre aufgebaut hat.
    Und genau weil sie diese Wandelbereitschaft haben, machen sie eher das Rennen.
    Es geht darum, sich auch mal von etwas herabzubegeben, wenn es die Situation erfordert.
    Wenn die Zeiten wieder ruhiger werden, kann man auch seine humanitären Werte wieder praktizieren, weil man es sich erlauben kann.
    Genau das ist etwas, womit auch Kapitalisten nicht rechnen — dass jemand genauso mit gezinkten Karten spielt wie sie und dass jemand nach ihren Regeln spielt. Dass sich jemand genauso etwas für sie einfallen lässt wie umgekehrt.
    Das Kriterium ist »Unberechenbarkeit«.

  15. @Matrixmann
    Wir sind uns teilweise einig. Unberechenbarkeit, ist etwas, was die Linken erst lernen müssen, — ohne Zweifel. Ein Großteil des Willens zur kalkulativen Vorausschau und systemischen Denkweise kommt unbedingt aus der linken Ecke. Den Schuh, müssen sie/wir sich/uns anziehen. Und darauf kann man unbedingt eine Menge von dem begründen, warum ausgerechnet den Rechten immer so bereitwillig zurück‐ziehend das Feld überlassen wird, einfach schon deshalb, weil man sich deren Kurzsichtigkeit mitunter einfach nicht mehr aussetzen will, geschweige denn aushalten kann.

    Verrat, — bleibt aber Verrat. Und meine humanitären Werte, behalte ich, durch alle Zeiten hindurch, — nicht nur dann, wenn ich es mir erlauben kann. Das hat etwas mit diesem »human« zu tun. Ohne eine Grundbasis, für was und wen überhaupt, ist jede weitere Diskussion ein Schwamm der Willkür anderer Interessen. Überlege dir bitte diesen Satz nochmal ganz genau, in seiner gesamten Tragweite.

    Wenn die Zeiten wieder ruhiger werden, kann man auch seine humanitären Werte wieder praktizieren, weil man es sich erlauben kann.

    Oder anders formuliert, hätte je ein epikur, den Text da oben geschrieben, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die genau diesen Satz ignoriert haben?

  16. @eb
    Ich kann es nur so formulieren: Auch wenn hier der Krieg nicht sichtbar und spürbar ist, hinter den Kulissen ist er längst schon da. Der Krieg der Systeme. Das alte gegen das, was da kommen könnte und sich in Spuren manchmal andeutet.
    Und er wird auch so geführt wie Krieg — mit allen Mitteln.
    Kapitalisten und — auch — Faschisten haben nur ein Problem weniger als Linke — sie lassen im Ernstfall ihre Kameraden und jeglichen überflüssigen Ballast liegen, den sie als das erachten. Das strikte dogmatische Ausharren an Regeln, die man sich selbst gesetzt hat, auch wenn die Situation es nicht mehr zulässt oder einfach aussichtslos ist, wird auf die Dauer dein eigener Untergang sein. Du kannst versuchen, es so lang und so oft zu praktizieren wie es möglich ist, du solltest dir aber auch nicht zu »fein« sein, zuzugeben, wenn du eine Schlacht nicht gewinnen kannst, wenn du deine Leute nur verheizen wirst und sie für nichts und wieder nichts sterben. Niemand, der das entscheiden muss, tut es gern, aber so wie Krieg nun einmal ist, du wirst immer irgendwann in eine Situation geraten, wo du nicht alle retten kannst, wo du deiner eigenen Machtlosigkeit ins Gesicht sehen musst, oder wo es an der Aufgabe von einem oder wenigen ist, sich zu opfern, damit die anderen überleben können. Du musst — auch das größere Bild wahrnehmen. Und wie sich deine Handlungen darauf auswirken. Was ist wichtiger, im Sinne der höheren Sache? Ist es gut, wenn du als wichtigere Person hier und jetzt deinen Kopf lässt?
    Es wird Situationen geben, die dir nicht die Wahl lassen werden in diesem geopolitischen Spiel. Und du wirst mitansehen müssen, wie andere zu Fall gebracht werden — oder du kannst dich nur noch zu ihnen dazugesellen...
    So ist die Sache gemeint.

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