Presseblick (22)

SpiegelOnline titelt »Aussteiger mitten in der Großstadt — Arbeit ohne Stress« und porträtiert einen Ex-BWL-Fuzzi, der aus seiner Wohnung heraus, hochwertige Musik-Anlagen verkauft. Er würde seine Kunden dutzen und manchmal würden sich auch echte Freundschaften daraus entwickeln. Wenn das im Denkgebäude der Journalistin Anja Tiedge bereits als ein Aussteiger-Modell aus dem Kapitalismus gelten soll, dann ist es kein Wunder, dass unsere Medien weder fähig noch willens sind, echte Alternativen zu gängigen Denkmustern zu formulieren.

Die Auszeichnung »Schwachsinns-Beitrag des Monats« erhält diesmal der Focus mit »In zwei Wochen: Fast allen deutschen Geldautomaten droht der Totalausfall.« Da angeblich die meisten Geldautomaten weltweit mit dem Betriebssystem Windows XP laufen würden, und der Support von Microsoft bald eingestellt wird, gäbe es hier einen Crash. Abgesehen davon, dass die ach so tollen Sicherheitsupdates von microdoof die wichtigsten Lücken eh nie beseitigen konnten (oder wollten) wird hier eine gezielte Panikmache veranstaltet, um die Menschen und Unternehmen zu »neuen« Betriebssystemen von Microsoft zu bringen. Schließlich muss der Konzern wieder was verdienen und seine Aktionäre beruhigen.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer und Dutz-Freund diverser Politiker (Wulff, Schröder etc.) behauptet im Handelsblatt, dass Steuerhinterzieher keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen, da sie ja nur einen finanziellen Schaden anrichten würden. Hier wird nicht nur die kriminelle Energie von Steuerhinterziehern, Banken und Unternehmen, für die das schon zu einem Volkssport geworden ist, krass verharmlost, sondern es wird auch der Zusammenhang von Steuern und der damit verbundenen Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur, von Bildung, Kultur und Soziales negiert. Der gesamtgesellschaftliche Schaden von Steuerhinterziehern ist nicht zu unterschätzen. Das wird die Finanzadel-Mischpoke aber stets zu verleugnen wissen. Bei der nächsten Sozialkürzung, wegen u.a. fehlender staatlicher Einnahmen, sollten wir uns an solche Aussagen, wie die von Herrn Maschmeyer erinnern.

Julia Rieke verharmlost auf stern.de in ihrem Artikel »Offline bin ich nur, wenn ich schlafe« die weit um sich greifende smartphone-Sucht. Die digitale Welt würde nicht ihr Leben bestimmen und die aktuelle Generation würde sehr wohl mit den digitalen Neuerungen umzugehen wissen. Eine typische Rechtfertigungs- und Verteidigungsrede eines Tamagotchi-Suchties. Auf die absurde Spitze treibt es dann der Satz: »Ich benutze mein Smartphone, wenn ich es brauche. Es dient zur Kommunikation, zur Information und zur Unterhaltung.« Seit wann »brauchen« wir Menschen wirklich ein smartphone? Die Industrie hat uns immer wieder eingeredet, dass wir ohne es nicht mehr leben können. Was bleibt eigentlich nach Kommunikation, Unterhaltung und Information noch übrig? Das smartphone als ultimativen Bedürfnisbefriediger? Traurige Welt.

4 Gedanken zu “Presseblick (22)

  1. Dass Maschmeyer eher für höhere Geldstrafen als für Gefängnis plädiert, ist logisch. Denn was stört es jemanden mit einem Vermögen von bspw. 500 Mio. Euro, wenn er statt zu 20 Mio. nun zu 40 Mio. Strafe verurteilt würde? Er ärgert sich ein bisschen darüber und macht dann umso heftiger weiter, denn er muss ja seinen »Verlust« wieder reinholen.

    Sein ganzes Geld nützt ihm aber nichts, wenn er ins Gefängnis muss. Dort sind für ihn 3 Jahre, wenn er sie denn voll absitzen müsste, genauso lang wie für einen armen Schlucker.

  2. Maschmeyer ist einfach nicht intelligent genug, um grössere,
    gesellschaftlichtlich soziale Verhältnisse zu begreifen!
    Er ist nur ein Versicherungsverkäufer, ein Klingelputzer, nichts weiter.
    Auch sein Gekrieche bei Schröder oder sein halbseidenes Blondinchen holen ihn aus dieser Abwärtsspirale nicht raus.
    Armes Würstchen.
    Danke

  3. Interessant in Riekes Artikel ist der Satz

    »wir digital natives können damit umgehen«

    Scheint generell so ein Glaubensbekenntnis zu sein , die Gnade der digitalen Geburt , die den neuen Menschen hervorbringt , und natürlich ist er allen bisherigen weit überlegen , streng genommen eine neue Form des Glaubens an den Übermenschen.

  4. Nach Maschmeyers Logik ist Diebstahl also auch nicht so schlimm. Es entsteht ja kein persönlicher Schaden, sondern nur ein finanzieller. Lasst uns zu Maschmeyers Villa ziehen und in bestehlen. Ist ja kein Problem. Die Strafe begleichen wir aus dem Diebesgut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.