Kinder in Deutschland; Teil 31: Infantilität

infantil_titelOb Geburtstage, Familienfeiern, Weihnachten oder normale Eltern‐Kind‐Treffen: in Anwesenheit von Kleinkindern mutieren viele Erwachsene zu infantilen Gefühlslawinen. Es wird gedrückt, geknuddelt, ge‐ooht und ge‐ahht. Die kleinen sind doch so süß, niedlich und putzig. Deshalb gibt es auch nicht selten ein Foto‐ und/oder Video‐Dauerfeuer mit dem smartphone. Die Gespräche kreisen in der Regel um Themen wie: Kindergarten und Grundschule, Kinderkleidung, Leistungs‐ und Entwicklungsvergleiche mit anderen bzw. den eigenen Kindern, Spielzeuge und Spielplätze, Erziehungsformen, kindliche Verhaltensweisen und Entwicklungen,  Kinder‐ und/oder Elterngeld und Kinderkrankheiten. Sich jedoch auf die Ebene des Kindes zu begeben, heißt nicht, selbst ein Kind werden zu müssen.

Närrische Liebe?
Bevor ich hier falsch verstanden werde: ich mag Kinder! Meine inzwischen 30 Teile umfassende Kinderserie im ZG‐Blog sollte dies mehr als verdeutlicht haben. Die Kleinen sind neuem gegenüber meist aufgeschlossen, an der Welt und dem Leben im allgemeinen (noch) interessiert und sie versprühen eine unbändige Lebensfreude, authentische Liebe und Glück. Bevor sie sich dann zu erwachsenen Lohnarbeits‐ und Konsumzombies verwandeln, bei der nicht nur die Empathie verkümmert, sondern auch das Interesse an der Welt (also an allem was über den eigenen kleinen Dunstkreis hinausgeht), vollständig verloren geht.

Nun könnte man behaupten, ich sei gefühllos und es sei nicht angebracht solch ein Verhalten bei erwachsenen Menschen zu kritisieren, ihre Elterngefühle würden sie halt überrollen. Und, das muss man leider dazu sagen, Mütter zeigen dieses kindische Verhalten sehr viel häufiger als Väter. Außerdem sei das halt so. Damit würde sich jede weitere Analyse, dieses oft sehr albern wirkenden Gejauchze, erübrigen und erfolgreich abwürgen lassen. Ich frage mich jedoch, warum dies zwingend bei jedem Treffen so sein muss? Ist es für Kleinkinder wirklich förderlich, wenn sie spüren, dass sie immer und überall im Mittelpunkt der Erwachsenen stehen, sie ständig bevorzugt und wie kleine Stars behandelt werden?

Liebesautomaten
Auffällig ist, dass dieses erwachsene Auftreten besonders oft bei Kindern unter fünf Jahren der Fall ist. Sobald die Kinder älter werden, sie sich also nicht mehr so leicht ungefragt abknutschen, knuddeln und fotografieren lassen, nimmt auch das einfältige Benehmen der Erwachsenen rapide ab. Ja, ich habe sogar des öfteren beobachtet, dass sogar ganz allgemein das Interesse an Kindern abnimmt, sobald sie keine leicht zugänglichen Liebesautomaten mehr sind. Denn genau das, seien wir doch ehrlich, sehen gerade viele Erwachsene in Kleinkindern.

Großeltern, die vielleicht selbst keine, oder nur sehr wenig Liebe empfangen, verwöhnen ihre Enkel materiell und emotional, häufig ganz zum Ärger der Eltern, wider besseren Wissens und oft genug gegen die Erziehung der Eltern. Schließlich haben die Großeltern selbst Kinder großgezogen und wissen ganz genau, dass es ohne gelegentliches konsequent sein, ohne Konflikte und ohne Grenzsetzungen nicht geht. Genau diese scheuen sie aber wie der Teufel das Weihwasser, weil sie sich nur die Harmonie und die Liebe der Enkel abholen wollen. Die Konflikte überlassen sie dann gerne mal den Eltern.

Ähnlich verhalten sich auch alle anderen Verwandten, welche die Kleinen stets beschenken und abknuddeln wollen, um sich Zuneigung abzuholen. Wer in einer Großstadt wohnt, wird in dieser Ansicht zusätzlich bestärkt, wenn man in Bus und Bahn unterwegs ist. Da werden die Kleinkinder nicht selten von Fremden (oft älteren Menschen) ungefragt angesprochen und angegrabbelt. So als wären sie öffentlich zugängliche Teddybären. Kleinkinder werden hier sehr ähnlich wie Hauskatzen behandelt: Streichelzoo für die Erwachsenen.

Vorbildfunktion?
Sicher, Kleinkinder können schon »süß« sein, wenn man dieses Wort denn benutzen will. Und auch ich bin nicht ganz frei von gelegentlicher Infantilität. Nur wenn es außerhalb dieses Verhaltens innerhalb der Familie, bei Freunden und Verwandten nichts gemeinsames, wenig andere Gesprächsthemen und kaum ein reifes Verhalten gibt, dann geben wir Eltern auch kein anzustrebendes Vorbild ab. Kleinkinder werden oft zum Mittelpunkt der Familie erhoben, weil sie pure Beschäftigungstherapie für alle Beteiligten sind. Sie lenken von allem anderen ab, was noch gemeinsam besprochen und/oder entschieden werden könnte. Von allem, was vielleicht sonst noch in der Luft liegt bzw. schon immer lag. Sie werden instrumentalisiert, als Liebesautomaten, Beschäftigungstherapie und als vorzeigbarer Sozial Status.
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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 30 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

2 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 31: Infantilität

  1. Ist es für Kleinkinder wirklich förderlich, wenn sie spüren, dass sie immer und überall im Mittelpunkt der Erwachsenen stehen, sie ständig bevorzugt und wie kleine Stars behandelt werden?‹

    Nun, ich erlebe es in der letzten Zeit in dieser Form. Striche man die involvierten Personen durch und sähe man nur schwarze Hüllen und beobachtete man daran nun das Gruppenverhalten, käme man vermutlich auf die Idee, hier würde ein König, ein Kalif, ein Tyrann oder ein sonstiger Pater umworben und umhegt. Mir ist dies überaus lästig. Jeder reißt sich gewaltsam eine Superlustiglachvisage auf und kommt auf das Kleinkind zu, als wäre er auf Ecstasy. Nun, es ist nicht mein Kind und möge es glücklich werden. Dies wiederum bezweifle ich ein wenig. Denn, wenn ein Kind eine Art Glaspflanze wird, die bei der kleinsten Interferenz schon in eine Krise fällt und hilflos wird, weil es nie gelernt hat, dass ein bisschen Unlust zu ertragen, nie gelernt hat, dass das menschliche Spektrum an Sensationen äußerst breit ist, dass dies etwas äußerst wichtiges ist und darüber hinaus freier macht, dann wird es im Leben viele Anlässe finden, unglücklich zu sein. Man enthält dem Kind hier Fähigkeiten vor. Oder es wird ein verwöhnter kleiner Pascha, dem immer alles nachgetragen wird und der in die Welt kommt mit der Ansicht, es wäre auf ihn gewartet worden. Aber auch hier schaut es mit den Fähigkeiten schlecht aus. Dieser Erziehungsstil ist leider weit verbreitet. Sagen wir es so: entweder verwahrlost oder verwöhnt. Damit deckt man heute viel an Erziehungsfakten ab. Dabei können die Kinder offensichtlich gar nichts dafür. In die Welt gekommen, müssen sie leben, wie es ihnen angeboten wird zu leben.

  2. Dieser Erziehungsstil ist leider weit verbreitet. Sagen wir es so: entweder verwahrlost oder verwöhnt. Damit deckt man heute viel an Erziehungsfakten ab.

    Dem stimme ich zu. Graustufen existieren hier leider viel zu selten, meiner persönlichen Ansicht nach.

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