Streik

Streik ist etwas schlechtes. Wer streikt, hält den Verkehr unnötig auf, sorgt für Chaos und ist meist auch ziemlich gierig, da er mehr Geld will. Wer streikt, funktioniert nicht, ist ein Querulant, ein Störenfried und ein Unruhestifter. Der Streik ist eine Bedrohung, vor der man sich fürchten sollte. So oder so ähnlich wird es uns tagtäglich durch unsere liebe Presse eingeimpft und beigebracht. Die Sprache verrät es. Einige Beispiele:

Die Flugfeld‐Beschäftigten am Frankfurter Drehkreuz wollen auch am Montag die Arbeit niederlegen. Einem der größten Flughäfen Europas droht damit neues Chaos.

- Süddeutsche Zeitung vom 19. Februar 2012

Sie »wollen« die Arbeit niederlegen, das weckt Zorn und Unmut des lohnarbeitenden Lesers, schließlich will er auch nicht jeden Tag früh aufstehen und zur Lohnarbeit buckeln, aber er muss ja. Frech, diese Streikenden. Die Unruhestifter »bedrohen« nicht nur einen Flughafen oder Deutschland, nein sie »bedrohen« ganz Europa und sorgen für »Chaos.

BVG‐Streik legt Berlin lahm.

- Bild.de

Eine ganze Stadt wird als Geisel genommen, bedroht, erpresst und gegängelt. Sympathisch, diese Gewerkschafter.

Redakteure bestreiken »Süddeutsche Zeitung«.

- SpiegelOnline vom 4. Mai 2011

»Bestreiken« ist hier ein Synonym für bedrohen und belagern. Eine Assoziation von einem wütenden Streik‐Mob, der alles kurz und klein haut, kommt hier auf.

Gruppenegoismus führt ins Chaos [...] Es ist Erpressung: 200 Vorfeldlotsen streiken auf dem Flughafen Frankfurt — und legen fast alles lahm. Sofort stellt sich die Frage, ob die das dürfen?! Schließlich drangsalieren da 200 Leute ein Volk von 82 Millionen.

- taz.de vom 16. Februar 2012

Die linke TAZ zeigt ihr Herz für die Arbeitnehmer dieser Welt. Wer streikt, der »erpresst« und »drangsaliert« Millionen von Menschen. Nett, diese Protestler.

Einen Tag nach dem Streik der Vorfeld‐Arbeiter gibt es an diesem Samstag kaum noch Behinderungen am Frankfurter Flughafen. Eine Lösung in dem Tarifkonflikt zeichnet sich allerdings nicht ab. Die Gewerkschaft will hart bleiben, der Flughafenbetreiber schult Ersatz‐Personal.

- FAZ vom 18. Februar 2012

Wer streikt, der sorgt für »Behinderungen« beim täglichen Betriebsablauf. Während die Gewerkschaft »hart« bleibt, also stur und kompromisslos ist, zeigt der Flughafenbetreiber Initiative und ist fahrgastfreundlich, er schult schließlich »Ersatz‐Personal«. Echt nervig, diese Nicht‐Lohnarbeiter.

Und was lernen wir daraus?

  1. Menschen, die streiken, sind egoistisch und eine Bedrohung für uns alle!
  2. Menschen, die streiken, können eine ganze Stadt lahm legen und sind somit mindestens genauso gefährlich wie der internationale Terrorismus, der auch Städte ins Chaos stürzen kann!
  3. Wo früher Rammböcke und Katapulte gebraucht wurden, werden heute nur noch Betriebsräte und Gewerkschafter benötigt! (»bestreiken«)
  4. Als überzeugter Streiker wirst Du immer unbeliebt sein und angefeindet werden, überlegs Dir genau, Freundchen!
  5. Arbeitgeber denken an ihre Mitmenschen, sind kompromissbereit und zeigen Initiative, während Gewerkschafter starrsinnige Betonköpfe sind!

Woher wohl diese einseitige Parteinahme der Presse kommt? Was wäre wenn Leser Solidarität mit den Streikenden entwickeln würden? Und warum nicht mal statt »Streikchaos« eine Überschrift mit dem Titel »Menschen wehren sich gegen Niedriglöhne«?

4 Gedanken zu “Streik

  1. Tja, »Leistungsträge(r?)« müssen nicht streiken, die greifen einfach so in die Kasse.

  2. Hmm. Stimm ich ja zu. Das steckt aber noch tief drinnen in den Köpfen von »besonders« Arbeitnehmern, welche die letzten zehn Jahre nichts anderes mitbekommen haben, als Gewerkschaften, welche eigentlich aus purem Verständnis für Arbeitgeberseite agiert haben. Da wo ich i.M. beschäftigt bin, (Zeitjob für zwei Jahre), sieht man jetzt auch nicht unbedingt, dass Gewerkschaften etwas gegen die momentane Situation gestalten. Stattdessen wird ein Überbürokratismus produziert, der geradezu dazu aufruft, bei jeder erdenklichen Gelegenheit den Bürokratismen von Gewerkschaften eine negative Konnotation zu verpassen. Zudem schwärt ein Großteil der Gewerkschafter noch dermaßen im momentan sozigen Strategenfieber, dass einem fast schlecht werden kann. Ich erkläre hier nur die Parteinahme der Presse. Nicht meine eigenen Vorstellungen, die im Moment leider nur Vorstellungen und Wünsche sind. Denn i.M. bieten Gewerkschaften immer noch jede erdenkliche Steilvorlage für diese Parteinahme. Hier sind Gewerkschaften ganz schwer, an ihrer Verantwortung für ihre eigentliche Funktion zu hinterfragen.

  3. @eb

    Naja, es wird ja nicht »kritisiert«, dass die Gewerkschaften, es nicht schaffen, mehr für die Arbeitnehmer rauszuholen, sondern wieso sie es überhaupt wagen können zu streiken? Weshalb sie so frech sein können, für soviel Chaos zu sorgen?

    Davon abgesehen kann ich mir gut vorstellen, dass die Macht (und die Mitglieder) der Gewerkschaften in den letzten 15 Jahren massiv abgenommen hat. Womöglich werden auch nicht wenige Betriebsräte gekauft und geschmiert. Wie z.B. der Personalvorstand von VW, Peter Hartz (hartz 4), im Jahre 2006 den Betriebsrat geschmiert hatte. Ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges, der durchsickert.

  4. Ich finde, es wird hier in Deutschland noc hviel zu wenig auf die Straße gegangen. Ein Freund aus Frankreich hat mir mal gesagt, er könne nicht verstehen warum wir deutschen nicht mehr streiken. Wir sollten bei allem auf die Straße gehen was uns nicht passt. Das halte ich zwar für einw enig übertrieben, aber im Grunde hat er recht, man sollte sich nicht alles einfach gefallen lassen. Wir leben schliesslich in einer Demokratie.

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