»Danke, Herr Merz!«

Friedrich Merz verlor vor ein paar Jahren sein Notebook. Er bedankte sich bei dem obdachlosen Finder mit seinem neuen Taschenbuch

- Gastbeitrag von Jutta H.-

»Wir haben da einfach mal so rumgetippt. Da kamen dann Namen und Nummern von Edmund Stoiber, Gerhard Schröder, Angela Merkel und so«. Enrico, 42, hat 2004, vielleicht war es auch 2005, am Ostbahnhof am Taxistand das Notebook, »so ein kleines war das«, von Friedrich Merz gefunden. Friedrich Merz war von 2002 bis 2004 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU‐Bundestagsfraktion.

Dort auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof hatte Enrico damals seinen Stammplatz als strassenfeger-Verkäufer. Im Bahnhof selbst ist der Zeitungsverkauf verboten, aber hier auf dem Parkplatz, in der Nähe der Taxen, da kann man die Leute abfangen und sie fragen, ob sie einen strassenfeger kaufen wollen. Und eines Tages lag dann da dieses Notebook auf der Straße. Am Anfang haben Enrico und sein Kumpel Micha »schon überlegt, was man damit so alles machen könnte«. Aber dann »haben wir gedacht, das ist so ein heißes Eisen, das geben wir mal lieber ab«.

Die beiden sind also zum Bundesgrenzschutz gegangen, den es damals noch gab, und haben das Gerät dort abgegeben. Da sie beide obdachlos waren, haben sie die Adresse von der Berliner Treberhilfe hinterlassen, zu deren Sozialarbeitern sie Kontakt hatten. Vier Wochen später veranstaltete die Treberhilfe ein Grillfest«. Heike kam an und hat uns dieses Geschenk von Friedrich Merz überreicht. Sein neuestes Buch war das. Vorne stand drin: ‚Dem ehrlichen Finder’, unterschrieben mit ‚Friedrich Merz’ », so Enrico.

»Wir haben das Buch dann der Spree übergeben. Wir waren sauer: Wir haben auf der Straße gelebt, und das wusste Herr Merz ja. Wir waren so ehrlich, dieses Gerät abzugeben. Und er schenkt uns ein Buch über sich und die Politik! Die fünf Minuten hätte er sich nehmen können, sich persönlich zu bedanken, das wäre es gewesen! Jeder spricht über Armut in Deutschland und alle haben die große Klappe. Aber machen tut keiner was«.

Bevor sie das Buch am Abend in die Spree warfen, setzten Enrico und Micha einen Brief an Friedrich Merz auf. Enrico: »Wir haben geschrieben, dass wir beide auf der Straße leben, und dass wir mit dem Notebook hätten Geld verdienen können. Und dass es sich gehört hätte, sich vernünftig und ordentlich zu bedanken«. Sie haben den Brief unterschrieben und am nächsten Tag abgeschickt. Es kam keine Reaktion.

- Jutta H., Autorin des Obdachlosen‐Magazins »Strassenfeger«. Dieser Beitrag erschien zuerst im Strassenfeger. Vielen Dank für die Genehmigung!

21 Gedanken zu “»Danke, Herr Merz!«

  1. Pingback: 500 Euro gestohlen | König von Haunstetten

  2. Was war denn anderes von einem Herrn Merz zu erwarten?
    Genau wie T.S. sind für ihn Obdachlose Verlierer der Gesellschaft, während er sich zu den Gewinnern zählt. Und Verlierer sollen gefälligst dankbar für die guten Taten der Gewinner sein. Er hätte ja einen Teil seiner Provision für den Verkauf der IKB spenden können, hier hat er dem deutschen Gemeinwesen mehr Schaden zugefügt als alle Obdachlosen zusammen.

  3. Von Merz ist doch nichts anderes zu erwarten. Was mich neben der Ehrlichkeit derbeiden zusätzlich beeindruckt, sind die Namen der ehrlichen Protagonisten. Ich heiße auch Enrico und habe einen richtig guten Freund namens Micha ... Zufälle gibt’s...

  4. Merz ist allerdings inzwischen von unserer Kanzlerin ins politische Abseits gedrängt worden. Ob er sich nun immernoch auf der Gewinnerseite des Lebens wähnt? Keine Ahnung. Was der Merz inzwischen macht kann ich nur spekulieren, ich befürchte allerdings es geht ihm trotz des politischen Abstiegs, zumindest materiell, immernoch besser als den Verkäufern des Strassenfegers. Falls nicht, kann er zumindest die Restbestände seines Buches versuchen in der Bahn oder auf der Straße zu verkaufen, wobei ich es dann doch lieber mit dem Strassenfeger versuchen würde und die ollen Bücher alternativ als Brennmaterial im Winter verfeuern würde. Vielleicht war der großzügige Finderlohn auch dementsprechend zu verstehen. Frei nach dem Motto: »Wenn der Finder das missversteht und mein Buch dem falschen Element übereignet, kann ich da leider auch nicht mehr helfen«.

    P.S.: Merz Buch handelt laut Titel »vom Ende der Wohlstandsillusion«. Das gibt dem Buch als »Geschenk« für einen Obdachlosen schon eine besondere Qualität.

  5. @ todesglubsch
    »Merz Buch handelt laut Titel »vom Ende der Wohlstandsillusion«. Das gibt dem Buch als »Geschenk« für einen Obdachlosen schon eine besondere Qualität«

    wegen solcher sätze liebe ich euern blog

  6. Das ist doch wohl ein Witz, was für ein Finderlohn und wie Großzügig........tja so ticken unsere Eliten, das ist deren Dankbarkeit für das niedrige Volk!

  7. Es wird spannend, ob hier auch »Andersdenkende« veröffentlichen dürfen. Ich beobachte Herrn Merz schon lange, ich bin passives Mitglied der FDP. Politik interessiert mich, sie definiert meine Lebensumstände in diesem Land, welches meiner Meinung nach zu den besten Ländern der Welt gehört.
    Wir sind dabei diese Position zu verlieren.
    Ich unterstelle Absicht bei den Bloggern, diesen Beitrag genau jetzt zu veröffentlichen, am 7.12. wird sich meiner Meinung nach entscheiden, ob Herr Merz unser zukünftiger Bundeskanzler wird oder nicht.
    Leider findet dummerweise in der CDU gerade ein Machtkampf statt. Dieser öffentlich ausgetragene Kampf schadet meiner Meinung nach unserem Land. Normalerweise entscheiden Parteien intern nach teilweise heftiger Diskussion, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, über ihre Spitzenkandidaten. Dieser Blog ist nach meiner Auffassung Teil dieses Kampfes.
    Am Liebsten wäre mir als Ergebnis dieser Diskussion gewesen: Herr Merz wird der neue Spitzenkandidat der CDU für die kommende Bundestagswahl und Frau Kramp‐Karrenbauer seine designierte Nachfolgerin das alles schon vor seinem Amtsantritt öffentlich erklärt. Der Wähler wüsste wer sie die nächsten Jahre vertreten wird und was die CDU die nächsten 10 Jahre vorhat.

    Aber jetzt zur Sache, ich habe Hr Merz ein einziges Mal auf einem Flug getroffen, wir haben 2 Minuten gesprochen, unser Thema war das Fliegen, ich bin Pilot.
    Ich bin überzeugt, er wollte sich gebührend bedanken. Ich finde das Verhalten des ehrlichen Finders grossartig, ich will dies auch honorieren ich würde dem Finder gerne 50€ als Finderlohn schenken, WENN irgendjemand dafür bürgt, dass dieses Geld NICHT für ALKOHOL, DROGEN oder ZIGARETTEN genutzt wird, ich weiß das ist unfair allen anderen, unschuldig auf der Strasse lebenden Menschen gegenüber, sie unter so einen Generalverdacht zu stellen, aber ich kenne den Finder nicht.
    Falls mir jemand die Kontakte mitteilen kann wäre ich dankbar. Ich bin mir sicher, dass ist auch im Sinne von Hr. Merz.
    Ich freue mich auf eine konstruktive Diskussion
    MK

  8. @Markus Kischneck:
    Nach der Lektüre Ihrer Zeilen, hab ich direkt Lust bekommen mich zu besaufen und zu bekiffen.

  9. @Markus Kirschneck

    Schön, dass Sie den Weg hierher gefunden haben! SEO sei dank!

    »Ich unterstelle Absicht bei den Bloggern, diesen Beitrag genau jetzt zu veröffentlichen, am 7.12. wird sich meiner Meinung nach entscheiden, ob Herr Merz unser zukünftiger Bundeskanzler wird oder nicht.«

    Diese pööhsen Blogger mal wieder.....Ein Blick aufs Veröffentlichungsdatum genügt. Da steht: »11. September 2010«. Ja so alt und doch so aktuell ist die Situation! ;)

    »Leider findet dummerweise in der CDU gerade ein Machtkampf statt. [...] Dieser Blog ist nach meiner Auffassung Teil dieses Kampfes.«

    Bitte nicht! Ich weiß, die Massenmedien freuen sich über inszenierte Personalkampf‐Schaukämpfe in der Politik. Wenn ich gute Unterhaltung will, schaue ich lieber eine spannende Serie! Aktuell kann ich »Narcos: Mexiko« empfehlen. Da gibt es sicherlich mehr Wahrheiten zu entdecken als in dem CDU-Vorsitz-K®ampf. ;)

  10. @Markus Kirschneck: Die Finder hatten dagegen den Anstand, das Buch ohne Bedingungen zurückzugeben. Wie wäre es z.B. mit dieser Bedingung gewesen: »Setzen Sie dieses Notebook bitte nicht für eine Industrie ein, die den deutschen Staat um Millionen oder Milliarden schröpft.«

    Im Übrigen scheint das Buch vermutlich nicht dem gesetzlichen Finderlohn zu genügen, das Buch wird heutzutage gebraucht für unter einen Euro verramscht. Ich nehme an, das Notebook dagegen war kein Teil aus dem Discounter.

  11. Aber nicht das Buch, alleine wegen der damit verbundenen Geschichte...
    Dieses Buch könnte man mit Sicherheit für einiges an Geld verkaufen.
    Es wäre noch wertvoller, wenn Herr Merz Kanzler werden würde.
    Ich warte auf die Kontakte.
    :)

  12. Ich finde die offenen Worte des Herrn Kirschneck grossartig, ich würde dies auch honorieren wollen, wenn ich das Geld übrig hätte, ich würde Herrn Kirschneck gerne 50€ als Anerkennung seiner Ehrlichkeit schenken, WENN irgendjemand dafür bürgt, dass dieses Geld NICHT im PUFF ausgegeben wird, ich weiß das ist unfair allen anderen Piloten gegenüber, sie unter so einen Generalverdacht zu stellen, aber ich kenne Herrn Kirschneck nicht.

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  14. Ich war schon mal im Puff, hat mir nicht gefallen...Ich würde das Gedl für eine Thaimassage nutzen ohne Happy End :)
    Ich erhöhe mein Angebot:
    Ich zahle 150€ falls ich dafür das Buch bekomme, vielleicht ist es ja doch nicht in die Spree gefallen.

  15. @Hutzel
    Schauen sie doch mal in anderen Blogs, welche Kreise die Geschichte »Der Clochard der das Tablett von F.Merz gefunden hat« mittlerweile zieht.....

  16. Mein lieber Markus, danke für Deine Schützenhilfe! Als ehemaliger Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit e.V. kennst Du Dich ja hervorragend aus mit den weit verbreiteten Problemen des Alkoholismus:

    http://www.spiegel.de/panorama/flug-crew-betrunken-hier-sprischt-ihr-kaapitaen-a-273620.html
    https://www.morgenpost.de/vermischtes/article213348581/Keine-Seltenheit-Experten-warnen-vor-betrunkenen-Piloten.html

    Und ich verspreche Dir als Dank auch ein persönlich signiertes Exemplar meines Bestsellers. Bei Auktionen wird dafür jederzeit ein vielfaches eines Pilotengehalts gezahlt — erst recht in ein paar Monaten, wenn ich endlich doch noch Kanzlerin geworden sein werde.

    Mit christlichem Gruß, Dein Friedrich.

  17. Interessant!

    Der rund acht Jahre alte Beitrag, hat ja riesige Kreise gezogen! Die TAZ hat Enrico J. wohl aufgespürt und ihn interviewt. Und sogar zum ZG‐Blog verlinkt. Und während manche Kommentatoren von »Fake News« sprechen (logisch, pööhse Blog‐Quelle, Gastbeitrag vom »Strassenfeger«), freuen sich die »etablierten Massenmedien« über ihre Merz‐Story. Interessant ist auch, dass mich -mit Ausnahme eines Spiegel‐Redakteurs‐ niemand angeschrieben und nach Details zu dem Artikel hier gefragt hat.

    Festhalten lässt sich, dass wir Blogger wohl öfter heimlich gelesen werden und auch etwas bewirken können. Schön, dass die TAZ den »Mut« hatte zum ZG‐Blog zu verlinken. Danke.

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