»Kinder sind unsere Gegenwart!«

- Ein Beitrag für mehr Wertschätzung, Empathie und Achtsamkeit -

Die Redewendung »die Kinder sind unsere Zukunft« ist mittlerweile in unser kollektives Schwarmbewusstsein fest eingebrannt. Kinder werden hier, ganz selbstverständlich, als Rohstoffe und Ressourcen, ja, als ferne Objekte der wirtschaftlichen Verwertung betrachtet. Als zukünftige Steuerzahler, Arbeitnehmer, »Leistungsträger«, Rentenbeitragszahler, Konsumenten und Wähler. Deshalb, so die gängige Argumentation, müsse man »in Bildung investieren«, damit man in Zukunft die größtmögliche »Rendite« einstreichen könne.

Die Redewendung will auf den ersten Blick die Bedeutung von Kindern aufwerten, vermittelt jedoch auf den zweiten Blick eine subtil-euphemistische Kinderfeindlichkeit. Denn wieso kommt Niemand auf die Idee, dass Kinder ein elementarer Bestandteil unserer Gegenwart sind? Die, nach gängiger Meinung, nicht nur Kosten verursachen, laut und anstrengend sind sowie Dreck machen? Könnten Kinder, im Hier und Jetzt, womöglich sogar eine Bereicherung für uns Erwachsene sowie für die Gesellschaft sein?


Teilhabe
In Deutschland gibt es:

Rund 11 Millionen Kinder unter 14 Jahren (Statistisches Bundesamt)

Etwa 1,7 Millionen Lehrkräfte (Statistisches Bundesamt, Arbeitsagentur)

Knapp 1 Million Erzieherinnen und Erzieher (Frankfurter Rundschau)

Fast 33.000 allgemeinbildende Schulen (Statistisches Bundesamt)

Rund 60.000 Kindertagesstätten mit rund 4 Millionen Kindern (Statistisches Bundesamt)

Etwa ein Spielplatz pro 60 Kinder unter zehn Jahren. (iwkoeln.de)

Rund 1.900 öffentliche Spielplätze in Berlin (berlin.de)

Mehr als 600 Jugendämter (jugendaemter.com)

Kinder sind also schon jetzt ein großer und immanenter Bestandteil unserer Alltagswirklichkeiten. Dennoch hält sich ihre Mit- und Selbstbestimmung sowie die Kinderfreundlichkeit in Deutschland eher in Grenzen. Abgesehen von einigen reformpädagogischen Methoden und Ideen sowie zeitlich begrenzten, partizipativen Projekten – dürfen sie sich an der Gestaltung unserer (Zivil-)Gesellschaft nur marginal beteiligen.



Freiräume
Kinder als Gegenwartsphänomen zu begreifen, würde zudem bedeuten, ihr So-Sein und ihre elementaren Bedürfnisse zu achten und zu respektieren. Spiel, Sport, Bewegung, Freundschaften, Hobbys, Neigungen, Entdeckerfreude und Leidenschaften gehören ebenso dazu, wie eine unbegrenzte Lebenslust und das schöpferische Tun im Augenblick.

Leider sind die Lebens- und Freiräume für Kinder in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden. Kindertagesstätten werden wegen Lärmbelästigung verklagt. Eltern überwachen ihre Kinder mit Tracking App‘s. Es gibt immer weniger Jugendfreizeiteinrichtungen. Und der unbewachte Bewegungs- und Streifradius von Kindern ist mittlerweile von 20 auf 4 Kilometer geschrumpft. Am Ende bleiben stark eingezäunte Gebiete wie (Indoor-)Spielplätze, der häusliche Garten, Kindertagesstätten und Schulen sowie kommerzielle Freizeitangebote.


Selbstreflexion
Wenn wir uns reflektieren und ehrlich zu uns und unserer Umgebung sind, kann der Blick durch Kinderaugen durchaus den eigenen Horizont erweitern. Kinder nehmen intuitiv Details in ihrer Umwelt wahr, die wir Erwachsene, meist konsequent und überheblich, wegrationalisieren.

Kinder hinterfragen alltägliche Selbstverständlichkeiten und verfestigte (Macht-)Strukturen. Sie stellen Fragen, die uns zum Nachdenken oder sogar in Erklärungsnot bringen – weil wir häufig Doppelmoral und Selbstentfremdung längst verinnerlicht haben.

Die kindliche Kreativität und Intuition, ist unserer meist weit überlegen. Denn sie leben tatsächlich im prozessorientierten Augenblick. Im Gegensatz zu uns Erwachsenen, die wir meist ergebnis- und zweckorientiert handeln. Insofern: wir können viel von Kindern lernen, wenn wir ihnen wohlwollend und wertschätzend begegnen. Deshalb sind sie ein wichtiger Bestandteil unserer Gegenwart und keine verwertbare Ressource unserer Zukunft.


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

3 Gedanken zu „»Kinder sind unsere Gegenwart!«

  1. Im Wesentlichen mag ich dir recht geben, nur ist es nicht schon längst so, dass Eltern/Erwachsene ihren Kindern nicht mehr gewachsen sind? Das Behüter-/Helikoptersyndrom ist doch genau in diese Entwicklung weisend, nur mit diesem Angstdenken und dem Kontrollwahn schwach übermalt. Also überlassen »wir« ihnen ja schon Freiräume, wie es früher undenkbar war. Dazu kann man zwischen Kind und Jugendlichen unterscheiden, auch weil es den Grad nötiger erfahrungsbasierter Vernunft definiert. Das haben Kinder im Grunde gar nicht, Jugendliche machen in der Regel solche Erfahrungen erst durch. Also, normalerweise, aber dann sind ja da wieder die Helikopters. Und die verweigern zuweilen sogar ihren Erziehungsauftrag und reden sich teils raus — sie sollen sich selbstverwirklichen und man soll sich nicht in deren Entwicklung einmischen. Ich halte das für eine faule Ausrede. Und leider auch verbreiteter als gedacht.

  2. @Sascha

    »nur mit diesem Angstdenken und dem Kontrollwahn schwach übermalt. Also überlassen »wir« ihnen ja schon Freiräume, wie es früher undenkbar war«

    »Elternängste« sind einen eigenen Artikel wert. Der ist auch schon in der Mache. Die sorgen tatsächlich für viele, selten gute Entwicklungen für Kinder. Die »Elternängste« sind in den letzten 30 Jahren signifikant gestiegen (dank der Medienberichterstattung).

    »Freiräume« definiere ich als, haptisch-greifbare Räume zu Selbstentfaltung und Selbstbestimmung. Alte Häuserruinen. Unbenutzte Dachböden oder Keller. Eine alte Scheune. Abgelegene Orte in Wäldern oder Parks. Ein kaputtes Auto oder eine alte Lok. Das waren früher Goldjuwelen für Kinder und Jugendliche. Gibt es heute alles kaum noch. Alles zugesperrt und/oder überwacht und kontrolliert.

  3. @epikur

    »»Freiräume« definiere ich als, haptisch-greifbare Räume zu Selbstentfaltung und Selbstbestimmung.«

    Okay, in die Richtung hatte ich jetzt weniger gedacht. Das ist natürlich richtig, und den Kids gehören solche Räume, um auch mal an ihnen zu scheitern und zu lernen. Aber nee, dann kommt Gottkaisermama/-papa und sieht nur böse Gefahren, die das Kind ja nicht erleben darf. Und ich frage mich in dem Zusammenhang oft, ob die damit nur ihr eigenes Unwissen nicht damit kaschieren. Das Kind ist dann der Dumme.

    Eher dachte ich vorherigen Kommentar an »Kinder an die Macht«. Siehe FFF. Siehe linksorientierter Idealismus. Der wird heute sogar noch medial unterstützt. Ganz schön blauäugig, damit auch noch Politik machen zu wollen.

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