Babylon 5

Joseph Michael Straczynski (JMS) hat von 1993–1998 ein wahres Meisterwerk erschaffen. Im Gegensatz zu »Deep Space Nine«, dass ich bis heute mit der Note 3 bewerten würde, behandelt die Sci-Fi-Serie »Babylon 5« sehr viele erwachsene Themen und ist insgesamt auch runder. Die Bandbreite ist hier unglaublich groß. Innerer und äußerer Frieden. Die Korrumpierung von Macht. Große Entscheidungen und Konsequenzen. Alkoholismus. Die Todesstrafe. Kampf der Ideologien. Medien-Propaganda. Friedliche Konfliktlösungstrategien. Es werden beispielsweise Kriegstraumatisierungen und Depressionen thematisiert (3.13), die Überwindung von Ängsten (5.20) oder auch echte Vergebung (5.20). Und vieles, vieles mehr.

JMS hat damals als Erster das Experiment gewagt, im voraus eine zusammenhängende Geschichte über 5 Staffeln (110 Folgen) den Studiobossen vorzulegen. Er wusste von Anfang an, wie die Figuren sich entwickeln und wie die Geschichte enden würde. Das war vor rund 30 Jahren eine Evolution in der Serienbranche. Selbst heute gibt es so etwas kaum noch. Der Blick auf die Zahlen (Reichweite, Aufmerksamkeit, Marktanteil, Abrufzahlen etc.), auf die öffentliche Reputation sowie auf die Meinung der Internet-Community, entscheiden häufig über die Zukunft einer Serie. Das hat dann oft einen nicht unerheblichen Einfluss auf Drehbücher, Dramaturgie und den Plot.

G’Quan
Wer sich heute »Babylon 5« anschaut, wird meine ungebrochene Faszination zunächst schwer verstehen können. Denn die Spezialeffekte und die Kostüme sind nicht gut gealtert. Auch ist insbesondere die erste Staffel qualitativ nicht auf der Höhe der restlichen Staffeln. Das (Produktions-)Team musste sich vermutlich erst richtig einspielen. Staffel 2–4 und insbesondere Staffel 3 sind dann aber der absolute Höhepunkt. Jede Folge hat zwar ein Motiv und ein Thema, steht aber zugleich auch immer im Kontext der ganz großen Erzählung von JMS, der alle Drehbücher geschrieben hat. Die Darsteller sprühen vor Charme und Sympathie und man spürt regelrecht, wie gut sich die Schauspieler auch privat verstanden haben.

»Intelligenz hat in der Politik nichts zu suchen!«

Londo Mollari, Botschafter der Centauri. »Babylon 5«. Staffel 3. Folge 9.

Da wären beispielsweise das Team Susan Ivanova (Claudia Christian) und Capt. John J. Sheridan (Bruce Boxleitner), die auf einer Ebene von Günter Netzer und Gerhard Delling spielen. Sie spielen sich wechselseitig die Bälle zu: Ironie, Sarkasmus und subtile Sticheleien verdeutlichen die tiefe freundschaftliche Bindung zueinander. Oder das grandiose Team von Botschafter Londo Mollari (Peter Jurasik) und Botschafter G’Kar (Andreas Katsulas) mit ihrer legendären Fahrstuhl-Szene:

Der tiefsitzende Konflikt zweier verfeindeter Völker und der Versuch einer zwischenmenschlichen Annäherung sowie Versöhnung, ist von den beiden Schauspielern über 5 Staffeln hinweg einmalig inszeniert und gespielt worden.

Anla’Shok
Lange bevor es die Social Justice Warrior (SJW) in die breite Öffentlichkeit geschafft haben — gab es schon starke Frauen. Auch und vor allem in der Unterhaltungsindustrie. Dort waren es in erster Linie Charaktere, die aufgrund ihrer individuellen Entwicklung zu einer starken Persönlichkeit herangereift sind. Sie machten und hatten Fehler, akzeptierten die Konsequenzen und lernten daraus. Sie stellten sich ihren Ängsten, nahmen Herausforderungen an und trafen schwierige Entscheidungen. Das alles machte sie selbstbewusst. Und nicht die schnöde SJW-Bewusstwerdung der inneren Perfektion (Captain Marvel, Michael Burnham, Rey etc.), die schon immer irgendwie da war. Ein schönes Beispiel für eine glaubwürdige starke Frau, ist Delenn, die Botschafterin der Minbari:

Weitere große Themen in der Serie sind Diplomatie, Demokratie und Politik im Allgemeinen. Der schrittweise Übergang von einer halbwegs funktionierenden plural-liberalen Gesellschaft in einen totalitären Staat, wird hervorragend nachgezeichnet. Die Transformation der Gesellschaft sowie der autoritäre Habitus werden toll dargestellt. Die Rolle der Medien. Die Installierung von Überwachungs- und Kontrollmechanismen. JMS bedient sich hier bei George Orwell, Aldous Huxley und bei anderen großen Schriftstellern.

»Du sollst nie einen Streit beginnen. Ihn aber immer beenden.«

John Sheridan. Leiter der Raumstation »Babylon 5«.

Z’ha’dum
JMS hat angekündigt, dass es ein Reboot von Babylon 5 geben wird. In welcher Form auch immer. Denn leider sind schon sehr viele der Original-Schauspieler verstorben:

Jerry Doyle (Michael Garibaldi), 2016
Andreas Katsulas (G’Kar), 2006
Mira Furlan (Delenn), 2021
Richard Biggs (Dr. Stephen Franklin), 2004
Stephen Furst (Vir Cotto), 2017
Jeff Conaway (Zack Allan), 2011

Keine Serie habe ich öfters gesehen. Keine Serie hat mich mehr geprägt und beeindruckt. Auch nicht Breaking Bad, the Wire, die Sopranos oder Game of Thrones. Wer dieses Kleinod verpasst hat und über die veralteten Spezialeffekte hinweg sehen kann, wird eine bis heute unerreichte, sehr erwachsene und tiefgründige Serie genießen können. Absolut Empfehlenswert!

So sehen übrigens aufrechte Entschuldigungen aus:

7 Gedanken zu “Babylon 5

  1. Ich war mehr Fan von DS9 und vermutlich auch noch zu jung, um Babylon 5 richtig einzuordnen. Nebenbei erschreckend, wie lange das bereits her ist.

    Man kann an der Entwicklung der bedeutenderen SciFi-Serien m. E. auch erkennen, dass das kurze Zeitfenster, in dem auch die Autoren solcher Geschichten mehr in Richtung Utopie, denn Dystopie dachten, sich rasch wieder schloss. Vermutlich wäre ich nicht der Idealist geworden, wenn es TNG und Jean-Luc Picard nicht gegeben hätte. Gene Roddenberry hätte sicher nicht gemocht, was gerade in der letzten Zeit mit dem Franchise geschehen ist.

    Babylon 5 steht auf der Liste der Serien, die ich mir gerne mal wieder ansehen würde; wenn ich die Zeit dazu hätte. Die DVD-Editionen sind mir meist zu teuer. Wenn das Reboot dem aktuellen Zeitgeist folgt (Star Trek: Picard), kann man sich sicher sein, dass man es besser hätte sein lassen.

    Übrigens ist ja Kevin Sorbo (Andromeda) einer der wenigen US-Schauspieler, die sich kritisch zum Corona-Wahn äußern. Ebenfalls sehenswert fand ich das »Reboot« von Battlestar Galactica; auch im Hinblick auf KI und den Transhumanismus (vor allem, wie die Serie dann nach 5 Staffeln aufgelöst wurde).

  2. @Dennis82

    »Man kann an der Entwicklung der bedeutenderen SciFi-Serien m. E. auch erkennen, dass das kurze Zeitfenster, in dem auch die Autoren solcher Geschichten mehr in Richtung Utopie, denn Dystopie dachten, sich rasch wieder schloss. Vermutlich wäre ich nicht der Idealist geworden, wenn es TNG und Jean-Luc Picard nicht gegeben hätte.«

    Ja, stimmt! Auch Captain John J. Sheridan versucht immer zuerst Konflikte friedlich und diplomatisch zu lösen, bevor er zu den Waffen greift. Ob das den NATO-Hardlinern, den US-Falken oder der NRA gefallen hat? McGyver fanden sie auch ziemlich scheisse.

    Da sieht das heute mit den zahlreichen Brutalo-Serien völlig anders aus: da wird zuerst geschossen und gemordet. In »Picard« ermordet beispielsweise diese blonde Wissenschaftlerin einen Menschen im Schlaf. Sie ist und bleibt dennoch ein Crew-Mitglied. Kein Prozess. Keine Bestrafung. Nichts. Wäre bei den alten Star Trek — Serien undenkbar gewesen.

    Wir haben da heute stellenweise einen völlig widerwärtigen Zeitgeist in den Serien.

  3. Babylon 5 gehört auch zu meinen Lieblingsserien. Ich habe sie auch benutzt, um mein Englisch zu verbessern — war eine interessante Erfahrung (deutsche Untertexte und englischer Text). Von der Mentalität kommt sie eher an Raumschiff Voyager heran, die bisher mein Spitzenreiter ist.

  4. Ich gehöre auch zu den Babylon 5 Fanboys .. Epikur hat alles dazu gesagt .

    Hab die Raumstation mit einem meiner Söhne gebaut ( Revell glaub ich ) ..

  5. Interessant auch die Einteilung in Klassen (wenn ich jetzt nicht die Serie verwechsle), drei Ebenen, drei Klassen.
    Zustimmung zur Frauensache, die »Woken« heben sich ins gemachte Nest gesetzt, interessante Frauenfiguren sind selbst im mainstream schon viel länger da, ohne einem dabei mit ihrer Wichtigkeit auf den Senkel zu gehen (aktuell läuft wieder »Drei Engel für Charlie«).
    Diversity killed the movie culture..
    »McGyver fanden sie auch ziemlich scheisse.«
    Ein Kaugummi, ein Brett, und der Schurke ist erledigt...bis heute Kult.
    »Wir haben da heute stellenweise einen völlig widerwärtigen Zeitgeist in den Serien.«
    Propaganda gegen den Rechtsstaat, offener Hass auf alles Männliche, positiver Rassismus, Geringschätzung sozial Schwächerer...
    « Gene Roddenberry hätte sicher nicht gemocht, was gerade in der letzten Zeit mit dem Franchise geschehen ist.«
    Da kann man getrost einen drauf lassen.

  6. Nun ja. Mein Urteil würde vielleicht anders ausfallen, wenn ich die Serie als Teenie gesehen hätte.
    Die erste Staffel kann man ignorieren. Außer Trashfaktor gibt es gar nix. Und das, obwohl ich guten Trash gerne mag.
    Ab der 2. Staffel wird es ab der Hälfte interessant. Story, Dialog: OK. Technik hinkt hinterher, wird aber mal zu mal besser. WB hatte wahrscheinlich das Budget neu geplant.
    Alles sehr amerikanisch, durchsetzt mit permanenten Gottesbezügen, wie das bei Amiquatsch fast immer so ist. Viel Pathos, viel Kitsch und gefangen zwischen Kalendersprüchen. Der Dialog rettet es mitunter mit Ironie und Sarkasmus. Das pädagogisch Wertvolle entzieht sich mir aber. Irgendwie kämpfen, aber Hauptsache: Kämpfen, ist für mich kein pädagogischer Anspruch.
    Die Serie hat durchaus ihre Momente, aber im Entertainment.
    Viel Bezug auch zum American Dream als den einzigen, wahren Lifestyle. Menschliche Krisen, die auch thematisiert werden, wie z. B. Sucht, werden indes schon, trotz oberflächlicher Behandlung veranschaulicht dargelegt. Ob der Lernfaktor dabei hoch ist, kann bestritten werden.
    Die Staffelenden sollte man sich oft verkneifen. Die sind nicht so phänomenal. Die wirken eher, als wäre das Budget der nächsten Staffel schon aufgebraucht.
    Aus der gleichen Ära, nur wesentlich anarchistischer und mit gleichem Trashfaktor kommt da Andromeda rüber. Auch sehr amerikanisch, aber ohne permanenten Gottesbezügen und die Kalendersprüche sind in der Regel nicht ernst gemeint.

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