Gelebte Intoleranz

NRW‐CDU‐Wahlplakat aus dem Jahre 2005

In Deutschland gibt es regelmäßig Kampagnen, Initiativen und Gedenkveranstaltungen, die zu mehr Toleranz, Mitmenschlichkeit und gegenseitigem Respekt aufrufen. Auch wenn solche Aktionen wichtig sind, so sind sie gesamtgesellschaftlich gesehen eher wirkungslos, solange Toleranz nicht im Alltag gelebt wird. Meist sind sie nur Alibi‐ und Profilierungsveranstaltungen, denn bei genauerer Betrachtung werden von Politik und Wirtschaft Antihumanismus und Menschenverachtung gepflegt, gefördert und verinnerlicht. Im folgenden Beispiele alltäglich gelebter und verinnerlichter Intoleranz.

Die Casting‐Shows und insbesondere Deutschland sucht den Superstar (DSDS) mit Dieter Bohlen, die Pseudodokusozialsoaps und der TV‐Sender RTL leben Intoleranz und Diskriminierung vor. Dieter Bohlen fördert ein Menschenbild, bei dem es bestimmte Menschen (zu dick, zu unbegabt, zu hässlich usw.) verdient hätten, gemobbt, beschimpft oder diskriminiert zu werden. In den etlichen Pseudodokusozialsoaps, wie z.B. der »Supernanny«, »die Schulermittler« oder »Bauer sucht Frau« werden Menschen vorgeführt, über die man zuhause dann herzlich lachen darf, weil sie es durch ihr Verhalten ja verdient hätten, so die häufige Begründung. Eine öffentlich inszenierte Legalisierung von Ausgrenzung findet vor einem begeisterten Millionen‐Publikum statt. Die ganz privat‐gemütliche Menschenverachtung auf dem heimischen Sofa.

Der alltäglich gelebte Schönheitswahnsinn grenzt immer wieder Menschen aus. Wer übergewichtig oder vermeintlich unattraktiv ist, wird in der Schule (und nicht nur dort!) von seinen Mitschülern gemobbt und gehänselt werden. Toleranz und der Mut zum Individualismus werden zwar überall gepredigt, die mitmenschliche Anerkennung im Alltag erfolgt aber meist über Formen der Anpassung, der Konformität und des vorauseilenden Gehorsams.

Die gelebte und verinnerlichte Leistungsideologie in Deutschland, sorgt dafür, dass Millionen Menschen ausgegrenzt werden. Wer nicht lohnarbeitet oder über ein Vermögen verfügt, gilt in den Augen von Politik und Wirtschaft, aber auch in den Augen vieler Menschen, als überflüssiger Ballast. Diese Diskriminierung findet ihren gesetzlichen Höhepunkt im SGB2: Erwerbslose müssen sich rechtfertigen, werden sanktioniert, gegängelt, zu 1‐Euro‐Jobs gezwungen und als Menschen zweiter Klasse behandelt.

Die BILD‐Zeitung lebt Intoleranz systematisch vor. Mit ihrer Hetz‐Agenda‐und‐Teile‐und‐Herrsche‐Politik treibt sie immer wieder einen Keil in die Gesellschaft. Sie spaltet und grenzt aus, wo es nur geht, um niedere Emotionen und Instinkte zu bedienen. Es geht gegen Erwerbslose, gegen Ausländer, den Islam, gegen Linke und gegen Andersdenkende.

Das gesellschaftliche Klima in Deutschland ist weitestgehend von Kinderfeindlichkeit geprägt. Kinder werden vielfach als Belastung empfunden, die nur Geld kosten, Dreck machen, laut sind und unnötig Zeit rauben. Nachbarn beschweren sich über Kinder, die zu laut spielen, Bürger‐Initiativen engagieren sich gegen Kindergärten in ihrer Nähe und sobald ein Kleinkind in der Öffentlichkeit weint, sieht man viele genervte Gesichter.

Viele Unternehmen in Deutschland diskriminieren ältere Menschen und sortieren sie systematisch aus. Wer jenseits der 50 oder gar 60 Jahre alt ist, durchschnittlich qualifiziert und berufserfahren, hat so gut wie keine Chance mehr eine sozialversicherungspflichtige Stelle zu bekommen. Alte Menschen werden auch im Alltag und insbesondere von vielen Jugendlichen als verbraucht angesehen. Alte Menschen werden in Deutschland weitestgehend verachtet oder zumindest ignoriert.

Toleranz wird in Deutschland als öffentliches Schauspiel zelebriert. Solange die politische, wirtschaftliche und auch ganz private Menschenverachtung gehegt und gepflegt wird, solange wird es auch keine wirkliche mitmenschliche Toleranz in Deutschland geben. Insofern sind Kampagnen, Initiativen, öffentliche Reden und Bekundungen vielleicht gut gemeint — wenn sie denn keine Alibi‐ oder Profilierungsveranstaltungen sind — gesamtgesellschaftlich gesehen, sind sie jedoch ein laues Lüftchen. Echte Toleranz kann nur entstehen, wenn eine Lebenseinstellung verinnerlicht wird, in der jeder Mensch so akzeptiert wird, wie er eben ist.

4 Gedanken zu “Gelebte Intoleranz

  1. So schrieb ich heute:

    »... Es war nicht so, dass in diesem katholischen Städtchen Schwule nicht selig und Moslems unglücklich wurden — man liebte sie nicht, aber man ließ sie machen, ohne zu genau wissen zu wollen, was sie da eigentlich tun. Vielleicht ist das die Toleranz, die wir uns alle wünschen — Wegsehen nicht Hinsehen; nicht alles so genau wissen wollen, nicht Anteilnahme heucheln und homophile oder islamophile Betroffenheits‐ und Verständnishohelieder anstimmen. Mehr dürfte ohnehin nicht machbar sein. Mit Respekt nebeneinander leben, wenn es miteinander nicht richtig klappt...«

    http://ad-sinistram.blogspot.de/2012/05/ein-leben.html

  2. Boah, diese in den Fuffzigern hängengebliebene Spießer!

    Ihr wollt konservativ sein??? Pah! keine halben Sachen ZURÜCK IN DIE STEINZEIT!! doch nicht die 50er!!! die peinlichste aller Zeiten -,-

    Aber was das Thema innere Sicherheit angeht, finde ich bei beiden Lagern keine wahre Heimat; auf der einen Seite die Birkenstocks welche weggucken wenn in der Schule einer verdroschen wird, weil der Schläger ja ein schwieriges Miljööh hat etc blabla ... nee klar, der Verdroschene hat kein schwieriges Milieu oder was??? unfähiges Gesockse... UND auf der anderen Seite des Schweinstalls die gnadenlosen Richter (die gerade in BRAAAAZIL hocken und sich im Puff das Resthirn wegkoksen, super!!) welche die Leute für irgend einen Furz wegknasten wollen.. super System!

    Ich wäre eher für eine Zangentaktik... einerseits die soziale Lage verbessern, damit es erst gar nicht zur Kriminalität kommt, aber auf der anderen Seite durchgreifen, wenn Not am Mann ist, nicht aus Rache oder um des Stammtischs willen, sondern schlicht um zu helfen... VON BEIDEN SEITEN

    Und wo wir gerade bei Kuscheljustiz sind, was macht eigentlich Herr Dr. Kohl? -,-

  3. Absolute Zustimmung! Es gilt das Motto, je weniger selbstverständlich etwas ist, desto lauter muss drüber geredet werden.

    Toleranz lebt vor allem von einer entspannten Einstellung zum eigenen Leben und dem Leben anderer. Komme mir bloß niemand mehr mit Unterschicht. Die um ihren Lebensstandard fürchtende Mittelschicht ist die wahre Brutstätte von Alltagsintoleranz und Alltagsrassismus. Sie ist der Hauptadressat von Hetz‐ und Ablenkungskampagnen und lässt sich munter vor den Karren spannen, in der schalen Hoffnung, wenn sie nur kräftig genug nach unten trete und ausdauernd genug nach oben buckle, werde ihr schon nix passieren...

    Manchmal kann man gar nicht so viel fressen und so weiter...

  4. Würde ich jetzt gerne eine Menge dazu bemerken. Dieser irre Widerspruch zwischen Aufrufen, doppelmoraliner Auslegung und wahrem Resultat, ist an allen möglichen Punkten nicht mehr fassbar. Sorry deshalb. Ich schliess mich einfach @Stefan an.

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