Alleinsamkeit

Allein sein und einsam sein, werden häufig gleichgesetzt. Menschen, die in keiner Liebesbeziehung sind, fühlen sich häufig allein und betonen damit, dass sie auch einsam seien. Die Gleichsetzung bezeichne ich hier als »Alleinsamkeit«. Ich kann auf einem Konzert mit vielen Menschen sein und mich dennoch sehr einsam fühlen. Gleichzeitig kann ich mich völlig allein in einem Wald oder an einem menschenleeren Strand befinden und mich mit der Natur auf eine einzigartige Weise verbunden, und somit überhaupt nicht einsam fühlen.

In der industrialisierten Haben‐und‐Konsum‐Gesellschaft wird die innere Befindlichkeit häufig an äußeren Merkmalen gemessen, sonst gilt sie als nicht vorhanden. Wer individuell sein will, muss dies durch seinen Kleidungsstil, seinen Handy‐Klingelton, seine Wohnungseinrichtung, sein Auto und so weiter festmachen. Wer als »wertvoller« Mensch gelten will, der muss Status Symbole, wie Auto, Haus, Garten, Beruf, Aussehen und Vermögen zum Vorzeigen haben. Auch Beziehungspartner und Ehen gehören dazu. Wer keine Freundin hat oder verheiratet ist, also allein ist, der gilt automatisch auch als einsames Wesen mit wenig Nachfragewert. Das Prinzip lautet: »Du bist nicht nur, was Du hast, sondern Du fühlst auch, was Du hast (oder eben nicht hast).«

Die innere Stimme, das eigene Fühlen und die eigene schöpferische Kraft werden somit entkörperlicht und entäußert. Wenn ich meinen Mitmenschen also wirklich beweisen will, dass ich mich als alleinstehender Mensch nicht einsam fühle, dann geht das nur, wenn ich nicht mehr alleinstehend bin. Wer single ist und behauptet, nicht einsam zu sein, der lügt doch, so die allgemeine Betrachtungsweise. Wer nichts zum Vorzeigen hat, der hat und ist auch nichts. Die eigene innere Stimme, das Verbundensein mit meinen Mitmenschen, der Natur und meiner Umwelt und die eigene kreative Energie, sind durch funktionales Denken und Handeln weitgehend verstummt und abgetötet worden.

Dabei ist, meines Erachtens, genau diese weitverbreitete Angst vor der Alleinsamkeit, der Hauptgrund für massenhafte Konflikte und Probleme in vielen Beziehungen und Ehen. Die Angst davor ins Bodenlose zu fallen, wenn die Bindung vorbei sein sollte, lässt scharenweise Menschen in Ehen und Partnerschaften verweilen, obwohl man einander völlig fremd geworden ist, man seit Jahren ein Egoismus zu zweit oder gar ungesunde Konflikte kultiviert hat.

by epikur

Diese tiefsitzende Angst vor der Alleinsamkeit rührt häufig auch daher, dass man sich selbst entfremdet ist. Die eigene Befindlichkeit wurde mit sozioökonomischen Handlungsmustern ersetzt, also damit was die Gesellschaft und die Umwelt von einem verlangen. Vielen fällt es schwer, sich folgende Fragen zu stellen, unabhängig von Arbeitswelt, Umwelt, Familie, Freunde, Politik oder dem Beziehungspartner:

Was macht mich glücklich? Was will ich vom Leben? Was gibt mir Kraft und Freude? Was wollte ich schon immer mal machen? Was erwarte ich von meiner Umwelt? Wie stelle ich mir ein sinnerfülltes Leben vor? Was lässt mich zufrieden schlafen? Welche Ideale und Prinzipien zeichnen mich aus?

Die Redewendung, »nur wer sich selbst liebt, ist auch fähig andere zu lieben«, trifft auch bei der Alleinsamkeit zu. Wer sich selbst liebt, ohne narzisstisch zu sein, hat weniger Angst vor Einsamkeit oder dem allein sein. Sich selbst vor allem im Beziehungs‐Gegenüber zu definieren, lässt die eigene Persönlichkeit zusehends verkümmern.

10 Gedanken zu “Alleinsamkeit

  1. Klasse Artikel !

    Danke für die prompte »Lieferung« ! ;)

    Aus dem Buch , Allein aber nicht einsam von Tobias Brocher möchte ich den hinteren Buchdeckel hierzu zitieren:

    »Die Fähigkeit zum Alleinsein ist die Voraussetzung für das Zusammenleben mit anderen Menschen. In allgemein verständlicher Weise werden Probleme und Chancen des Alleinseins und Alleinlebens aufgezeigt. Der Autor arbeitet die kritischen Übergangsphasen zwischen dem Gefühl von Einsamkeit und der Fähigkeit zum Alleinsein heraus.
    Ängste vor Krankheit, Alter, Versagen kommen ebenso zur Sprache wie Wege der Vorbeugung und Heilung.«

    Einen schönen 12.12.12 wünscht allen

    Hartmut

  2. Ein schöner, nachdenklich machender Text! Ich habe den Link dazu gern an einen Freund versandt.

    Gehe, wenn du gehst.
    Sehe, wenn du siehst.
    Höre, wenn du hörst.
    Spüre, was du bist.
    Buddhistische Weisheit

  3. Es scheint ein großer Widerspruch zu sein, Individualität allseits zu proklamieren, aber sich bei jeder Proklamation von ihr zu entfernen. Wir leben auf einer Art Müllhalde. Die Gewahrung (gewahren und bewahren) des gegebenen Lebensflusses im jeindividuellen Erfahrungschiasmus, der man ist, gehört wohl zu den wichtigen Erfahrungen eines Lebens. Uns ist er Müllhalde geworden. Man schüttet uns fortwährend Müll in uns hinein. In zahllosen Leben wird er nie erfahren. Die Erfahrung dauert nur kurz, aber sie restrukturiert alles. Hingegen dauert der Konsumgenuß kurz, aber restrukturiert nichts. Er macht Ängste und letzte Zweifel, im Blick auf sich, im Blick auf andere, im Blick ins nirgendwo. Die Restrukturierung befreit den Chiasmus von seiner Hinvorngerichtetheit zum kurzen Genuß. Sie entfremdet den Konsum. Das billige Produkt erhält mehr Ehre, als ihm zusteht. Sie dreht die Verhältnis, nimmt die Ängste der Versäumnis und des letzten Zweifels und öffnet ihn mehr nach ringsum. Es öffnet sich die Lade und der Müll fällt hindurch. Es kommen andere Ängste und andere Zweifel, klarere nun, aber nicht minder bitterere.
    Weit bekannt ist der hohe Ton der Abgeschiedenheit. Und mit ihr ihre Schwester, die Natur. Der einzelne Mensch in der Natur wird immer eine sanft durchgreifende Fülle des Chiasmus erwecken.
    Das gegebene Leben vergeht. Die Aufgespanntheit des Chiasmus sind wir. Wenig geschieht, außer diesem, auch wenn es nach viel aussieht. Man stirbt, es bleibt die fahle Genugtuung.

  4. Die Fähigkeit, allein sein zu können ist mMn nichts anderes als die Fähigkeit sich selbst wahrzunehmen. Da ist niemand, auf den man eigenes Fühlen, Denken und Tun projizieren kann, nichts und niemand, um vor sich selbst fliehen oder eigene Verantwortung von sich weisen und wegdelegieren zu können.
    Die wenigsten Menschen, die ich kenne, ertragen es, alleine zu sein. Warum? Ich denke, es hat damit zu tun, dass wir es nicht lernen oder verlernt haben aus uns selbst zu leben. Wie viele Menschen wissen gar nicht, was sie selbst wünschen. Es mag auch einfacher sein, sich diese Wünsche/Bedürfnisse von außen einreden und schmackhaft machen zu lassen. Die Leere nach dem ständigen und auf alle menschlichen Bereiche ausgedehnten Konsum, der nichts anderes als ein Ablenken von eigenen Bedürfnissen und Defiziten ist, ist vorprogrammiert. Und sie kommt immer schneller. Wir wollen gar nicht mehr zur Be‐Sinn‐ung kommen. Es ist zu anstrengend.
    Das Ergebnis ist eine sinnentleerte Welt, in der auch der, der es gelernt hat, sich auf sich selbst zu besinnen, einsam zurückbleiben kann, gerade, weil ihm an nur oberflächlicher Zerstreuung (auch in den sozialen Beziehungen) nicht gelegen ist.
    Nicht nur wahr, sondern auch traurig für den, der betroffen ist.

  5. Frau Lehmann weist auf einen wesentlichen Punkt hin , die aktive Verhinderung der Selbst‐Besinnung durch die Menschen selber.

    Und wie immer , was ich mir nicht gönne , darfst du auch nicht haben, jeden Tag nimmt die Zahl derer zu , die Anderen bewußt Steine in den Weg legen , in aggressiver Weise in das Leben Anderer »hineinstalken« , im übertragenen Sinne , und nicht nur Grenzüberschreitungen begehen , wie sie uns allen immer wieder passieren , sondern die Grenzverletzung zum Prinzip erheben .

  6. Sehr schöner und vor allem oftmal treffender Artikel! Es ist halt ein riesen Unterschied zwischen allein sein und einsam sein.

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