Eine Neujahrsgeschichte: die Wahrheitsmacherin

Es war einmal eine junge Frau, die Lügen, Unrecht und Leid nicht ertragen konnte. Sie setzte sich stets für die Entrechteten, Schwachen und Armen ein. Wenn in ihrer Anwesenheit jemand aus eigenem Vorteil und zum Nachteil seiner Mitmenschen handelte, dann machte sie darauf aufmerksam. Sie setzte sich für eine ehrliche, faire und gerechte Welt ein, in der jede und jeder respektiert und geliebt werden sollte.

Als sie eines Tages mit ihrer Mutter über ihre schwierige Kindheit sprechen wollte, stieß sie auf Ablehnung und das Gespräch wurde mit dem Satz: »Kind, lass es doch gut sein!« beendet. Ihre Mutter mied sie fortan. Als sie eines Tages ihren Ausbilder dabei erwischte, wie er seine neuen Lehrlinge belog, indem er ihnen eine Übernahme nach der Ausbildung versprach, die aber niemals stattfinden würde, sprach sie es an und wurde daraufhin gekündigt. Als sie eines Tages bei einer Rauferei dazwischen gehen wollte, fauchte man sie an: »Das geht Dich nichts an! Mach das Du wegkommst!«

Obwohl man ihr noble Ziele und eine aufrechte Geisteshaltung zugute hielt, wurde sie mehr und mehr gemieden, bis sie irgendwann ganz alleine war. Sie ertrug diesen Zustand jedoch nicht lange und beschloss, fortan der Wahrheit aus dem Weg zu gehen. Bei Betrügereien, Leid und Ungerechtigkeiten schwieg sie fortan und wenn nötig, sagte sie die Unwahrheit. Nun fand sie schnell wieder eine Arbeit und auch ihre Familie sprach wieder mit ihr.

Und die Moral von der Geschicht: in den Spiegel schauen lohnt sich nicht!

5 Gedanken zu “Eine Neujahrsgeschichte: die Wahrheitsmacherin

  1. Spiegel online , oder der Spiegel (Druckerzeugnis) oder Spiegel (Refelektionsflaeche) ? ;)

    Bei Ersteren stimmt die Aussage allemal .

  2. Das nenn ich doch mal gelungene Erziehung zur Hilflosigkeit. Bei Hunden hat man das tatsächlich getestet. Hier sogar extrem, weil nicht nur ersichtlich wird, dass es, egal was man auch tut, keine Verbesserung gibt, sondern, dass sich nicht nur nichts ändert, sondern sofort die Bestrafung erfolgt.
    Spiegel haben in ihrer Funktion einer echten Reflexion auch längst ausgedient, als Projektionsfläche der Selbstbeweihräucherung allerdings kann man sie nicht entbehren. Immerhin, sie haben »überlebt«, weil sie sich der veränderten Situation angepasst haben — vorbildlich!
    So wahr und so traurig!
    Für mich jedenfalls gibts keinen Grund, das neue Jahr zu feiern.
    Das alte wir ja eh zu Grabe getragen, ob man das will oder nicht.
    Ich wünsche allen, dass sie den Mut nicht verlieren und viele echte Freunde gewinnen mögen im neuen Jahr.
    Grüße, Cora

  3. Und die Moral von der Geschicht: in den Spiegel schauen lohnt sich nicht!

    Hmmm, weiß nicht. Die Geschichte ist doch ein wirklich toller Spiegel für gelebte Adaption. Möglich wäre vielleicht sogar noch die vollkommen Resignierte zum Schluss, die dem Spiegel doch nicht ausweichen kann. Der Werdegang vom absolut Engagierten zum fatalistischen Zyniker, — ist leider gar nicht so selten.
    Aber auch von mir einen guten Rutsch.

  4. Es gibt viele solcher Biografien und vermutlich wird man festellen, dass sie generationell gehäuft auftreten. Wenn es denn jemand beforschte. Inzwischen werden weniger solcher Haltungen geprägt. Die Prägung wurde remodelliert. Mit dem guten Wesen des Menschen wurde in der Tat zu weiten Teilen aufgeräumt. Ihm kann fast alles antrainiert werden, und er kann sonach voller Enthusiasmus in der Unterwerfung gehalten werden. Frohlockend den ihn peinigenden Sinnbausteinen entgegenblicken. Mit fröhlich‐neugierigen kindlichen Blicken mit den Bausteinen der eigenen Verknechtung spielen. All dies kann ganzen Massen angelernt werden.
    Moralnahe Verhaltensweisen, Haltungen und Strebungen werden ausgelöscht und öffentlich als Sackgasse bemerkmalt. Der eigene Niedergang würde dadurch bloß beschickt.
    Die Schamgrenze ist wohl eine Schlüssel, an der solche Menschen ausgehebelt werden. Ihre Unterwanderung durch kompetitive moralferne Subjekte löst Hilflosigkeit, Schweigen und wohl auch dunmpfe Wut aus. Dieser Zustand kann nicht lange ertragen werden, schon gar nicht im Singularzustand und in einer malignen Sozialpsychologie, in der jede alterrelationale (auf einen anderen bezogene) Handlung der herrschenden Norm gemäß soziodissolutiv ist. Lug und Trug, Neid und Missgunst. Der Marxismus träumte von starken soziokompositiven Handlungen, die zu einem Zustand gleichzeitiger Invidualität und Kollektivität führen hätten sollen. Man ist beschämend grandios gescheitert. All die Ideale der Solidarität, denen die oben dargestellte Biografie folgte, wurzeln in soziokompositiven Handlungen. Der größte Irrglaube ist freilich jener an die Erreichung der Soziokomposition durch Soziodissolution. Nicht einmal die hermetische Logik käme auf solch einen Unsinn, wohl aber die Marktlogik. Die oben dargestellte Biografie handelte soziokompositiv. Ihr breschte aber entgegen die Wucht des soziodissolutiven Zeitgeistes. Dieser löst die Bestrebung, führt sie hin zum moralfernen Willkürindividualismus, ›befreit‹ die Handlung von der pflegenden Sorge um den anderen und ersetzt sie bestenfalls durch eine einhegende oder sonst durch eine niederringende Sorge. Man hat keine Kraft auf Dauer, die Moral mit in den Markt zu tragen. Der Ratschlag der gängigen Berater und Psychologen verpackt die Moral demnach auch bloß in die Freizeit und die Familie. Am Markt, und wo herrschte er bald nicht mehr, schickt sie sich nicht. Da braucht es andere Strategien, sagt dir jeder Berater mit altweiser Miene. Lache und ringe nieder!
    Es ist wichtig all jener soziokompositiven Haltungen und Handlungen zu gedenken, die ausgetrieben wurden und die vielen nicht einmal in der Erinnerungen präsent sind. Möge ihre Glut im Stillen nicht erlischen und mögen sie den Tag erleben, da sie wieder entflammen können.

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