Bewerbungsanalphabeten

In der vermeintlich linksbürgerlichen Süddeutschen Zeitung gibt es einen Artikel vom 28. Oktober 2010 mit Tips und Ratschlägen für das Bewerbungsschreiben und das Vorstellungsgespräch. Mithilfe von Bewerbungstrainern, wird den jobhungrigen Bewerbungsanalphabeten nahe gelegt, dass die Chance, eine sozialversicherungspflichtige Lohnarbeit zu erhalten, einzig und allein vom richtigen Verhalten der Bewerber abhängt. Beziehungen, sozialer Status, Glück und Aussehen spielen dabei natürlich eine untergeordnete Rolle. Folgendes sollte, laut dem lustig-lustig geschriebenem SZ-Bewerbungsknigge beachtet werden (mit bissigen Kommentaren von mir):

  1.  Nicht kreativ sein. (einfältig und berechnend sein)
  2. Das Unternehmen nicht kritisieren. (der Firma in den Arsch kriechen)
  3. Keinen Humor zeigen. (der einzig Lustige ist der Chef, wenn er Mitarbeiter entlässt oder sexistische Sprüche reißt)
  4. Keine Phrasen dreschen. (das darf auch nur der Chef: »Wir melden uns bei Ihnen!« oder »Nehmen Sie es nicht persönlich. Wir mussten rationalisieren!«)
  5. Sich im Vorstellungsgepräch anständig darbieten. (Der zukünftige Lohnarbeitssklave ist schließlich eine Ware von vielen und muss sich anständig verkaufen — Ergo: er darf nicht er selbst sein!)

Wer sich eine Muster-Bewerbung (samt Absage) mal anschauen möchte, sollte auf folgendes Bild klicken:

 

So müssen Bewerbungen aussehen.

12 Gedanken zu “Bewerbungsanalphabeten

  1. Wenn man diese ganzen abstrusen Bewerbungsvorlagen und Ratschläge alle beachten wollte, würde auch der größte Anbiederer zur bewegungslosen Marionette verkommen. Allem Anschein nach, besteht da irgend ein Wunsch zur vollendeten Homogenisierung alltäglicher Gespräche. Der optimierte sichere, bescheidene, selbstbewusste, kreative, zurückhaltende, motivierte, dynamische, ruhige, preiswerte und leistungsstarke Mensch der sich über ein paar klitzekleine tolerierbare Fehler im Ermessenspektrum des Personalers als solcher bezeichnen darf. Bei den Entwicklern ergibt das schon mal Bewerbungsgespräche, wo schon der (glücklicherweise noch) beisitzende Entwicklungsleiter nur noch kopfschüttelnd mit den Augen rollt, wenn der Personaler seine Bewertungslisten raus holt.

  2. Danke für ;-)

    Frage: Ist es eigentlich immer noch so, dass man mit Lücken im Lebenslauf sehr schlechte Chancen beim Bewerben hat? Oder hat sich da was geändert?

    Ich meine, da was läuten gehört zu haben, denn man hört ja, wirtschafts»politisch«, immer wieder den Satz: »Man muss damit rechnen nicht ein Leben lang diesselbe Arbeitsstelle zu haben.«

    Gerade bei flexiblen Leiharbeitern kommt es doch, auftragsbedingt, öfters zu Lücken als gewünscht — und kürzeren oder längeren Phasen der Arbeitslosigkeit.

    Früher war das doch einmal das absolute Totschlagargument beim Bewerben — Lücken! Arbeitslos!

    Versuch’s gar nicht erst dich bei uns zu bewerben!

    Gruß
    Bernie

    PS: Bewerbungsratgeber in Buchform, Hesse/Schrader z.B., tun ja gerade so als hätte es immer noch Millionen von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen, und wer Lücken im Lebenslauf hat — so im hochaktuellen Hesse/Schrader ist selber schuld.

  3. Ob Lücken oder nicht, es gilt: Wenn Du erwebslos bist, dann liegt das einzig und allein an Dir! Und jeder Bewerbungscoach rechtfertigt seinen Job, indem er Dir weismacht, dass Du nur die »perfekte« Bewerbung schreiben musst, dann wird schon alles gut. Irgendwie halt.

  4. Ich bin auch gerade bei der Frage. Ich persönlich finde, dass im Lebenslauf hauptsächlich relevante Dinge rein müssten. Genau so wie bei meinen Beispielarbeiten, wo ich ja auch nur die Rosinen herauspicke.

    Spätestens im Gespräch muss man aber über die Lücken gut reden können, damit es nicht so aussieht, als ob man etwas versteckt.

    Wie man es macht kommt dann auch noch mal auf den Beruf an und in welcher Lebens-/Arbeitsphase man sich gerade befindet.

    Wenn ich mir jetzt Vorstelle, das einer mit vielen Kurzjobs alle auflistet, würde ich als Personaler gar keine Lust haben, alles zu lesen. Das wären ja sozusagen auch Referenzen... Aber Personaler sehen das vielleicht anders.

  5. @epikur

    Mag schon sein, aber alles redet von »Reformen« nur hier nicht. Ich bin der Ansicht, dass es nicht immer an einem selber liegt, dass man Lücken im Lebenslauf hat — es soll sogar Lebensrisiken geben, die dazu führen, dass man die von ganz alleine bekommt. Wer z.B. stellt gerne einen Dauerkranken ein? Ich hatte vor kurzem so eine traurige Begegnung im Krankenhaus, die arme Type hat nicht mehr lange zu leben (Lymphdrüsenkrebs) und existiert von Hartz IV — Sarrazin würde zu so einem sicher sagen: Selber schuld, wärste halt mal nicht krebskrank geworden. Fraglich wohin die Gesellschaft abdriftet, wenn man den Opfern die Schuld in die Schuhe schiebt? Ich bin mir fast sicher, dass keiner der Dauerarbeitslosen gerne arbeitslos ist, aber dank der Sozialdarwinisten, die Darwins Lehre völlig falsch auslegen (Neue Erkenntnisse beweisen, dass Altruismus schon immer Teil der Menschen war — im Gegensatz zu Sarrazin) wird hier eben nicht reformiert.

    Ich wäre übrigens dafür, die Lebensläufe, ebenso wie Lichtbilder bei Bewerbungen, ganz abzuschaffen, wie es teilweise schon im Ausland praktiziert wird — »Reformen« eben, die diesen Namen verdient haben.

    USA lassen grüßen.

    Gruß
    Bernie

  6. @jtheripper

    Sehe ich ähnlich, und finde es megaschade, dass die Politik hier versagt, denn in diesem Bereich wird seit Jahren nicht — im positiven Sinne — »reformiert«.

    Vielleicht klingt es verrückt, aber ich bin der Ansicht, dass man den Bewerbungsratgeberanalphabetismus auch angehen sollte, denn nicht allein Hesse/Schrader lesen sich so als hätten wir seit Rot-Grün nie Sozialabbau, und den größten Niedriglohnsektor, außerhalb der USA geschaffen, und zwar ohne die Flexibilität der US-Bewerbungsprofis.

    Gerade heute finde ich es beinahe schon kriminell, wenn manche so tun als wären wir immer noch in der guten alten Zeit von vor der dt.-dt. Einheit und Helmut Kohl, während die Welt sich, auch in punkto Bewerbungsvorhaben, meilenweit weitergedreht hat.

    Gruß
    Bernie

  7. Ich habe meine hervorragenden Mitarbeiter, die ich eingestellt hatte, selten nach ihren Bewerbungsunterlagen ausgewählt. Immer haben mich diese Menschen beeindruckt, sei es durch sich selbst oder durch besondere Leistungen, die sie demonstrierten.
    Ich gehe immer davon aus, daß Menschen ihr Bestes geben wollen und ich als Arbeitgeber ihnen dazu die Gelegenheit bieten mußte. Und dabei bin ich äußerst selten enttäuscht worden.
    Diese ganzen vorgefertigten Bewerbungsschreiben finde ich — ehrlich gesagt — zum Kotzen. Wer bei mir mit so etwas ankam, hatte in der Regel einen Minuspunkt.
    Für einen Job bewerben ist wie sich bei einem Zirkus zu bewerben. Der Bewerber muß belegen, was er kann. Da reichen irgendwelche Papierchen nicht. Und dann haben wir ja noch die Probezeit mit der nicht passende Personen wieder aus der Gemeinschaft entfernt werden können.
    Um ganz ehrlich zu sein, mir wäre ein Mitarbeiter lieber, der 2 Jahre in Indien Selbstfindung betrieben hat, in seiner Freizeit in einer Band Musik macht, als Taxifahrer, Kellner und Reinemachefrau gearbeitet und sich über den 2. Bildungsweg hochgearbeitet hat als so ein Einser-Schüler, der von oben nach unten geleckt und mit perfekten Papieren und Scheinen daherkommt. Ich will Menschen mit Ecken und Kanten und keine teflonbeschichteten Pflichterfüller.

  8. @gerhardq

    Branche? Handwerk — Oder?

    Hört sich für mich, als Sohn eines ungelernten Handwerkers, nämlich so an.

    Übrigens:

    Ich hatte mal — vor ein paar Jahren — ein ähnliches Erlebnis in einem Bewerberkurs für Arbeitslose.

    Der Mann meinte, dass in seiner Branche keine Anzüge bei Vorstellungsterminen, benötigt werden, es würde reichen, wenn er zeigt was er arbeiten kann — als Handwerker.

    Ich fragte mich da schon:

    Wieso ist der denn arbeitslos?

    Liegt es vielleicht am Alter?

    Der Mann war nämlich damals schon weit über 50 Jahre.

    Am Rande noch erwähnt:

    Bei unseriösen Finanzdienstleistern, und Versicherungen, ist es übrigens auch üblich ohne das ganze Bewerbungsprozedere, mit gewaltigen Einstiegsgehälterversprechen, genommen zu werden, und wem es an Moral hapert, der ist dort gerne gesehen — Volkstümlich ausgedrückt »Er ist ein Fuchs« — Kann nicht jeder sein.....es muss auch noch ehrliche Menschen geben.....die Dummen eben....

    Gruß
    Bernie

  9. Ha ha die Bewerbung des Arbeitstiers ist der Hammer. :) ich lach mich tot... interessant wäre auch die Antwort des Kapitalisten

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