Des Unpolitischen heimelige Weltverleugnung

Nächsten Monat kaufe ich mir ein neues Auto. Abwrackprämie sei Dank! Ach, mal wieder schick essen gehen wäre schön. Meine Wohnung habe ich mir nach den Konturen meiner Individualität eingerichtet. Zumindest bin ich davon überzeugt, dass niemand seine Wohnung so eingerichtet hat, wie ich. Auch mein Handy‐Klingelton bildet meine Individualität perfekt ab. Die Geborgenheit, Nähe und Liebe, die ich in meiner Partnerschaft genieße, ist wie ein Schutzschild nach außen. Ein Versteck vor den Problemen in der Welt.  Warum soll ich mich auch unnötig damit belasten? Der Fernseher und der PC laufen auch den halben Tag.  Bilder erklären die Welt eben am besten. Kaufen macht mich auch glücklich. Außerdem soll mir das Leben ja Spass machen. Diese verdammten Weltverbesserer und Nörgler sind ja nur neidisch auf mich. Die sollen mal lieber anständig arbeiten gehen und nicht soviel kritisieren. Das Leben in Deutschland ist doch toll. Die sollten froh sein, nicht in Afrika zu leben.

7 Gedanken zu “Des Unpolitischen heimelige Weltverleugnung

  1. Ja. dass ist die richtige Lebenseinstellung. Lehn dich zurück und genieße das einzige Leben was du hast. Du hast es dir verdient. Vergiss das Gelaber von dem faulen Gesocks. Wenn die wüssten was Hunger wäre würden die nicht so reden.
    Ach übrigens, — was deinen PC betrifft. Hast du mal das neue Notebook bei uns gesehen? 6,5 Ghz bei 2 Gigabyte Hauptspeicher und 52 Zoll aufklappbarem Bildschirm mit Solarzellen bestückt. Gerade mal 1.5 cm dick und unter nem Kilo. Ideal um das Heimkino in den Garten zu schleppen. Schlappe 1200 Euros. Macht Spass.

  2. leider erwischt man sich selbst viel zu oft genau dabei... ist ja auch verlockend... schöner beitrag trotzdem, der mit lösungen gegen den Verfall in die Heimeligkeit aber noch an Substanz gewinnen könnte...

  3. Hey, GermanRhymes.de, wenn’s Dir nicht passt, kannst Du ja nach drüben gehen! Dahin, wo die gebratenen Lösungen gegen den Verfall der Heimeligkeit an den Bäumen wachsen ;)

  4. @germanrhymes

    Welche Lösungen gegen pathologisches, egoistisches und bequemes Biedermeiertum gepaart mit Desinteresse und Ignoranz gegenüber der Welt soll mensch anbieten können?

  5. Dieses schöne Spiel vom »eigenen kleinen Kosmos« funktioniert aber auch andersherum, muß nicht unbedingt rund um Positiva gestaltet werden. Jeder von uns kennt solche Zeitgenossen, wenn sich in deren Leben erstmal der Wurm eingeschlichen hat.

    »Nun ham se uns das Weihnachtsgeld gestrichen! Ich gloob ich spinne!«
    »Tut mir leid für Dich. Überall die gleichen Schweinereien.«
    »Wie soll ich denn bei meinem kleenen Gehalt da überleben? Ich meen, 1200 Euro auf die Hand sin ja für een Alleinstehenden nich die Welt, oder?«
    »Naja, könnte Dich schwerer treffen.«
    »Hey Alter, tut es doch! Hallo? Gestrichenes Weihnachtsgeld. Ich arbeite dafür ja ooch hart.«
    »Ja, sicher...«
    »Wie jeht es Dir eigentlich?«
    »Ach, mies. Jetzt stecken sie mich in einen Ein‐Euro‐Job. Und mein Auto habe ich vorletzte Woche verkauft, konnte mir das einfach nicht mehr leisten.«
    »Ja, die sin ja alle durchjeknallt mit ihren hohen Preisen übnerall. Ich werd mir ooch een kleineres Auto koofen. Und im Weihnachtsurlaub wollte ich mit dem Auto mal schnell nach Kroatien düsen. Aber ohne da Weihnachtskohle wird des nüscht.«
    »Und wenn ich nicht zu diesem Ein‐Euro‐Job gehe, kürzen mir die...«
    »Siehste, kürzen, überall kürzen. Irgendwann fressen wir den Müll aus der Mülltonne, wirst schon sehen, Alter.«
    »Habe sowieso ständig Diskussionen mit meiner sogenannten Fallmanagerin, die meinte letztens ganz frech, dass ich...«
    »Hör‹ mir mit de Manager auf, denen haben wir ja zu verdanken, dass es am Weihnachtsgeld fehlt.«
    »Bin jetzt leider oft auf meinen Bruder angewiesen, der muß mich zum Einkaufen fahren. So ganz ohne Auto, große Einkäufe und so...«
    »Ich arbeite wie een Bekloppter und bekomme mickrige Kröten dafür. Großeinkäufe jibt es bei mich nüsch mehr.«
    »Du, ich muß mal weiter...«
    »Jo, wir halten schon durch, wir beede, wa? War mal schön von Dir gehört zu haben. Halt mir de Daumen, dass die Gewerkschaft doch noch Weihnachtsgeld rausholt. Ah... und schönen Urlaub. Du fährst doch dieses Weihnachten sicherlich wieder nach Österreich, oder?«
    .......

    Und Hauptsache die eigenen Probleme, so unberechtigt beispielsweise die Kürzung von Geldern auch sein mögen und auch sind, Hauptsache das eigene Problem wird thematisiert. Tritt aber der Arbeitgeber auf, oder ein Gewerkschafter, dann hält man die Klappe, dann jammert man nicht herum, wie schlecht es einem nun geht. Nein, man läuft zu solchen, die neidisch sein könnten auf dessen Hungerlohn und erzählt ihm, wie schlecht es einem doch geht... und dem Arbeitgeber küßt man die Darminnenwände und dankt ihm für den Arbeitsplatz, auch wenn er nur einen Hungerlohn abwirft.

    Das heißt nicht, dass man sein Ausbeutungsverhältnis voller Dank akzeptieren soll, aber es heißt, dass die Belange anderer gleichberechtigt sind — aber wer eh schon ganz unten ist, so nimmt man an, der hat eh nichts mehr zu verlieren. Geld und Rücklagen sind dahin, die Würde raubt man ihnen ständig... was könnte man noch verlieren, außer vielleicht ein lebensunwertes Leben?

  6. @Roberto

    ich werd nicht mehr, ein ähnliches Telefonsgespräch hatte ich grad vorhin, ich hatte ein Treffen mit einer Freundin abgesagt weil ich Kopfweh habe und grad heute eben gar keine Lust hatte mir anhören zu müssen, dass Freundin durch die Scheidung in eine höheren Steuerklasse gerutscht ist, und dass nun das Finanzamt während sie mit dem Neuen im Urlaub war ihr schwubs die wubs rückwirkend Kohle abgebucht hätte..grad heute hatte ich einfach keine Lust dazu, weil ich Kopfweh habe morgen vielleicht...und das wollte ich nur kurz sagen, mich abmelden und schon durfte ich mir dann eben durchs Telefon alles erzählen lassen, egal ob ich Kopfweh habe, mich fragt da jetzt keiner mehr gross wie es mir geht, weiss ja eh jeder was da los ist..wie kanns einer insolventen Kleinunternehmerin schon gehen die jetzt eine auf Harzt IV macht? Das will man doch nicht wissen.

    Selbtsmitleid? Gott bewahre, das wäre nun wirklich schlimm. Es ist nämlich so, ich habs hier auch schön, hab auch eine tolle Wohnung in einem Viertel das zu mir passt. Die Wohnung ist tausendmal schöner als die in der wir 1,5 Jahre ohne Kohle hockten weil die Miete so teuer war dass nichts mehr für Essen übrig blieb. Diese Whg hier ist ein Geschenk des Himmels!

    Hier fühle ich mich wohl und ich liebe es spazieren zu gehen mit Hund und Kind, weit draußen im Naturschutzgebiet..Ja ich heimelige auch, weil ich hab einfach manchmal gar keine Lust mir das alles noch anzuhören. Urlaubs‐und Verdienstgeschichten z.B...haben mich auch vorher schon nicht interessiert. Reisegeschichten, ja da höre ich gerne zu, wenn auch wehmütig und mit Tränen in den Augen. Aber worauf ich wirklich gar keine Lust habe ist mir anhören zu müssen, dass es mir sicher gut tätet in irgendeinem Laden zu arbeiten. Meinen Laden hab ich nicht mehr und andere Läden interessieren mich mehr. So ist das eben. So schlümm? Gartenarbeit macht auch Spass ! Gartenarbeit??? Ach was, es interessiert doch gar nicht. Warum denn dann noch telefonieren, oder sich gar zum Kaffe treffen?

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