Neusprech: Protestwähler

Die Wahlforschung unterscheidet vier Wählertypen: den Stammwähler, den Wechselwähler, den Nichtwähler und den Protestwähler. Während die ersten drei sich von selbst erklären, wird der Begriff des »Protestwählers« häufig instrumentalisiert, um Wähler einer bestimmten Partei zu unterstellen, sie würden diese nicht wegen den Inhalten wählen, sondern nur, um andere Parteien und Politikern zu schaden. Inwiefern kann man überhaupt Protest wählen? Nur weil man für keine große Partei stimmt, ist man automatisch ein Protestwähler?

Bei der NRW‐Wahl am 9. Mai 2010 fiel der Begriff wieder in vielen Kommentaren der Berichterstattung. Die Linke habe in NRW nur knapp 6% und die Piratenpartei knapp 2% erreicht, weil viele Menschen Protest wählen würden. Auf die Idee, dass es tatsächlich Menschen gibt, welche die Linke und die Piratenpartei wegen ihren Inhalten gewählt haben, kommen die bürgerlichen Medien nicht. Einen Protest kann man veranstalten oder  ihn organisieren, aber sicher nicht wählen. Denn hier gilt der alte Wahlspruch:

Würden Wahlen wirklich etwas verändern, würde man sie verbieten.

Ein Ungültigmachen seiner Stimme könnte man vielleicht als Protestwahl bezeichnen. Insofern wird der Begriff häufig nur dazu verwendet, Wählergruppen zu diffamieren und einer Partei zu unterstellen, sie hätte keine Inhalte.

Zudem unterstellt das Schlagwort, dass jemand der eine große bzw. etablierte Partei wählen würde, automatisch kein »Protestwähler« sei, die Partei also wegen ihren Inhalten oder ihren Personen wählen würde. Und das wiederum suggeriert ja, dass diese Partei genau diese dann auch habe: glaubwürdige Inhalte und glaubwürdige Personen. Das diese Kausalität besteht, darf getrost bezweifelt werden. Die Grünen, die mittlerweile für Beliebigkeit, Machtgeilheit und Verrat an ihren Positionen stehen, sowie Schwarz‐Gelb im Bund beweisen uns, dass solch ein Zusammenhang (etablierte Parteien=glaubwürdige Personen/Inhalte) kaum gegeben ist.

4 Gedanken zu “Neusprech: Protestwähler

  1. Und das überträgt sich auch nahtlos aufs Publikum. Schon die Erwähnung das man links wählt, führt bei zwei von drei Leuten zum schnellen « Ahhh, — Protestwähler«.
    (Immerhin noch besser als »linke Sau«, wie man es vor einem Jahr noch hören konnte)
    Traurig, aber wahr. Ganz besonders, wenn es von Grünen kommt, die das Problem durchaus noch aus ihren eigenen Anfangstagen selber kennen sollten. Die Etablierten sind wirklich grauenhaft bräsig, satt und selbstgefällig.

  2. »Würden Wahlen wirklich etwas verändern, würde man sie verbieten«.....dieser Satz spricht für sich und ist wohl auch ein Grund dafür warum so viele nicht mehr an den Wahlen teilnehmen, wohl auch eine Art des Protestes.

  3. Pingback: Mein Politikblog

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