Wir wollen aber ausbeuten!

Kaum versucht die SPD, namentlich Arbeitsminister Olaf Scholz mal wieder was halbwegs anständiges, regt sich starker Widerstand. Seit dem Frühjahr 2008 arbeitet Scholz an einem Gesetzespaket zur Verbesserung der Lage von derzeit ca. 600.000 Praktikanten. Konkret soll es eine Verbesserung zur Bezahlung von Praktikanten geben sowie eine eindeutigere Definition des Status. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) droht nun damit, dass bis zu 100.000 Praktikantenstellen wegfallen könnten, sollte das Gesetz in Kraft treten.

Die DIHK kritisiere, dass Praktika ja keine »Lernverhältnisse« seien, da nach einer Umfrage nur 7,5 Prozent der Firmen Praktikanten zur Deckung von Personalengpässen einsetzen würden. Auch würden ja nur 3,3 Prozent der Unternehmen nach eigener Aussage Praktikanten als billige Arbeitskräfte einsetzen. Hätte mich jetzt auch gewundert, wenn die Unternehmen bei einer direkten Befragung dies zugeben würden. Weiterhin wird immer noch argumentiert, dass Praktika eine Art »Brückenfunktion« für Schüler und Studenten seien. Auch ohne eine tolle Statistik oder Zahl hier anbieten zu können (die gibt es sicher auch irgendwo, ich finde sie nur grad nicht), kann sich jeder ausrechnen, dass dies nur für einen Bruchteil der Praktikanten zutreffen wird. Bei meheren Millionen Arbeitslosen wid es immer mehr Praktikanten als Praktikantenstellen geben. Insofern werden sich Unternehmer einfach den nächsten billigen Praktikanten nehmen, statt den alten anständig zu bezahlen.

Nadine Nöhrmeier, Autorin des Praktikumsknigges, schrieb beim Spiegel, das Praktikanten auf das Thema Geld nur sehr bescheiden eingehen sollten. Wenn, dann solle man es nur am Ende eines Bewerbungsgespräches erwähnen und auch nicht allzu fordernd sein. Schließlich »wird der Praktikant nicht als Arbeitskraft eingeplant — und kann auch nicht als solche bezahlt werden«. Nein, nein...natürlich sind Praktikanten keine Arbeitskräfte und sie ersetzen/verdrängen auch keine regulären Stellen. Und ich bin der Kaiser von China.

Schließlich ist,  wie die Verdi.jugend richtig feststellt, »nicht die Bezeichnung, sondern der tatsächliche Inhalt des Verhältnisses ausschlaggebend«. Und gerade qualifizierte Praktikanten mit einer Berufsausbildung oder einem Hochschulabschluss kochen ganz sicher nicht den ganzen Tag Kaffee, sondern werden als vollwertige und billige Arbeitskräfte missbraucht. Auch die Hoffnung, als Praktikant übernommen zu  werden, wird nur allzu oft schamlos ausgebeutet.

5 Gedanken zu “Wir wollen aber ausbeuten!

  1. Es ist schon komisch, dass im Ingenieursbereich Praktika bezahlt werden. Genau das ist aber auch der Bereich, wo die Leute hinterher übernommen werden, da dort Fachkräfte fehlen. Wenn jetzt einer kommt und sagt, wenn wir jedem etwas bezahlen dann fallen 100000 Praktikastellen weg ist das mehr als scheinheilig. Es fällt etwas weg und zwar motivierte von Hoffnung getriebene Arbeitssklaven. Denn was Praktikannten häufig machen ist der Kleinkram zu dem sonst keiner kommt. Also erwirtschaften sie selber vielleicht nichts, aber jemand anders hat dafür mehr Zeit. Alles in allem kann die DIHK drohen wie sie will. Die Leute die sie wirklich brauchen und ausbilden wollen, bilden sie auch aus. Sich als die Retter der Menschen aufzuführen und gleichzeitig Menschen auszubeuten ist schon mehr als scheinheilig.

  2. Vielen Dank für Dein Kommentar, chriwi.

    Ich teile Deine Einschätzung. Ich denke, dass auch Praktikanten etwas »erwirtschaften« — sei es direkt oder indirekt.

  3. Jeder »erwirtschaftet« etwas, egal ob er Praktikant ist, Hausfrau und Mutter oder einfach nur »arbeitslos«... vor geraumer Zeit schrieb ich vom »Wert der Wertlosen« und dies trifft meines Erachtens auch hier zu. Selbst wenn der Praktikant nur Kaffee kochen würde: Er täte seinen Teil dafür, dass die sozialversicherungspflichtig arbeitende Belegschaft ohne Störung ihrer Tätigkeit nachgehen könnte. Gemäß der Einsicht, dass hinter jedem starken Mann eine noch stärkere Frau steht, trifft das wohl auch hier zu: Hinter jeder Arbeitskraft steht vielleicht ein starker Praktikant, der den Erfolg mitgarantiert.

    So besehen ist selbst der Obdachlose »Wirtschafter«. An seiner Existenz ernähren sich Heere von Sozialarbeitern, Caritas- und Diakoniemitarbeitern, Seelsorger etc. — was wären sie ohne den Obdachlosen?

    Wie gesagt: Selbst wenn der Praktikant nur der Kaffeekocher wäre, selbst dann wäre die Argumentation zweifelhaft. Denn man kann nicht das letzte Glied der Kette heranziehen, um daran den Erfolg zu messen. Die Gesamtheit ist von Bedeutung. Aber im Falle der Praktikanten ist es auch nicht so, dass sie nur Kaffee kochen würden — sie sind ja wirklich am Wirtschaften. Das heißt also: Hinter jedem starken, arbeitenden Praktikanten, steht ein noch stärkerer Psychiater oder ein noch stärkeres Nervenmedikament.

  4. Ach ja, da kommen Erinnerungen hoch. Da ich ich selbst betroffen war und auch heute noch häufiger mitbekomme, wie Praktikanten ausgenutzt werden. Wobei es bei Praktika, die für eine Ausbildung benötigt werden vielleicht noch in Ordnung ist (wobei es auch da viele Firmen gibt, die nicht mal eine Aufwandsentschädigung zahlen), da der Betrieb dann auch eine Verpflichtung eingeht. Aber bei den Hochschulabsolventen oder auch gerne genannten »Generation Praktikum« ist ein schützendes Gesetzt doch mal fällig.

    Ich glaube unter dem gleichen Namen gibt es auch eine nette arte-Dokumentation (zumindest war sie deutsch/französisch) mit schönen O‑Tönen, wie es für die Praktikanten mit abgeschlossenem Studium nach Ablauf des Praktiukms immer wieder heißt: »Schon ganz gut, es fehlt aber noch ein wenig an Erfahrung«. Was natürlich bedeutet: »Danke für deine günstige Arbeitskraft, jetzt aber der nächste Bitte«

  5. Nun sind aber Praktikanten nicht gleich Praktikanten. Ich will mal einen anderen Aspekt in die Debatte werfen. Ich selbst habe verschiedene Male 10.Klaesslern einen Praktikumsplatz zur Verfuegung gestellt. Und ich habe denen nichts bezahlt. Und ich habe deswegen auch bis auf den Tag keine Gewissensbisse.

    1. a) mussten sie keinen Kaffee kochen (sie durfetne aber, wenn sie wollten) — und 1. b). haetten wir sie dazu auch nicht gebraucht.

    2. sind zumindest solche Praktikanten absolut unproduktiv, sie entlasten nicht, sondern beanspruchen eine Menge Zeit, die dann fuer andere Zwecke eben nicht verfuegbar ist.

    3. profitieren sie von so einem Praktikum, auch dann, wenn es nicht verguetet wird. Sie koennen u.U. eine Menge lernen, muessen das aber auch wollen.

    4. wenn ich an div. Schaeden denke, die mir durch Praktikanten entstanden sind, dann habe ich trotzdem noch reichlich (drauf-)gezahlt.

    Anders sieht es natuerlich bei Praktikanten aus, die aufgrund irgendeiner zuvor absolvierten oder nebenher laufenden Ausbildung, tatsaechlich Wissen und Koennen schon mitbringen und mit denen man aufgrund der entsprechend (mehrere Monate) langen Praktikumsdauer auch wirtschaftlich disponieren kann. Selbst wenn die dann monatelang nur Kaffee kochen oder Werkstaetten fegen, sind sie in der Tat ein echter Produktionsfaktor und sollten angemessen bezahlt werden.

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