{"id":4837,"date":"2010-04-29T05:51:23","date_gmt":"2010-04-29T03:51:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=4837"},"modified":"2010-04-28T11:21:55","modified_gmt":"2010-04-28T09:21:55","slug":"interview-mit-tobias-pfluger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2010\/interview-mit-tobias-pfluger\/","title":{"rendered":"Interview mit Tobias Pfl\u00fcger"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Tobias-Pfl\u00fcger.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4839\" title=\"Tobias Pfl\u00fcger\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Tobias-Pfl\u00fcger.jpg\" alt width=\"146\" height=\"211\"><\/a>Tobias Pfl\u00fcger ist 1965 in Stuttgart geboren, ist deutscher Friedensforscher und Politiker. Er gr\u00fcndete 1996 die Informationsstelle <a href=\"http:\/\/imi-online.de\/\" target=\"_blank\">Militarisierung e.V.<\/a>, geh\u00f6rt der Redaktion der Zeitschrift \u00bbWissenschaft und Frieden\u00ab an und war Mitherausgeber der Monatszeitschrift \u00bbGraswurzelrevolution\u00ab. Der Friedensaktivist Pfl\u00fcger ist parteilos, kandidierte in der Vergangenheit jedoch f\u00fcr die Linkspartei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 12. April 2010 f\u00fchrte der Rotdorn ein Interview mit dem Friedensaktivisten \u00fcber den Afghanistankrieg. Auf <a href=\"http:\/\/www.rotdorn.org\/Rotdorn.htm\" target=\"_blank\">Rotdorn.org<\/a> ist das vollst\u00e4ndige Interview als MP3 zum runterladen zu finden. Im folgenden ein kurzer Auszug.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio:<\/strong> Der Afghanistan-Krieg h\u00e4lt mittlerweile neun Jahre an. Wie sieht Deine Bilanz aus?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Die Situation in Afghanistan ist inzwischen schlechter als zum Zeitpunkt des Einmarsches. Vielen Menschen geht es schlechter und in weiten Teilen Afghanistans findet ein Krieg statt. Insgesamt kann man sagen, Afghanistan befindet sich in einer v\u00f6llig desolaten Situation. Die NATO und die Bundeswehr sind ganz wesentliche Eskalations- und Kriegsakteure.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Wie ist das zu erkl\u00e4ren, dass sich die Situation in Afghanistan verschlechtert hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Im Grunde genommen geht es um zwei Ph\u00e4nomene. Erstens wurde die Situation in Afghanistan und die Rolle der Bundeswehr in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit nie richtig vermittelt. Am Anfang hat es vor allem sehr viel Propaganda gegeben, als Bundeskanzler Schr\u00f6der a.D. im Jahre 2001 von der sog. \u00bbuneingeschr\u00e4nkten Solidarit\u00e4t\u00ab gesprochen hatte. Niemandem war es wirklich bewusst, dass dort Krieg herrscht und das Bundeswehrsoldaten in einen Krieg geschickt werden. Denn Aufbauarbeit findet heute kaum noch statt. Zweitens ist der afghanischen Bev\u00f6lkerung zunehmend bewusst, dass ihnen ein System \u00fcbergest\u00fclpt werden soll. Dagegen gibt es Widerstand, da viele Afghanen das westliche Modell nicht bef\u00fcrworten. Die gewaltsame Art und Weise der NATO-Truppen facht den Widerstand erst richtig an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Das hei\u00dft, die Besatzungstruppen sind mit daf\u00fcr verantwortlich, dass sich die Situation verschlechtert hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Die Besatzung ist sogar der eigentliche Grund vieler Afghanen sich zu wehren, da die NATO-Truppen brutal und r\u00fccksichtslos auftreten. Es wurden zum Beispiel regelm\u00e4\u00dfig Obstb\u00e4ume gef\u00e4llt, damit die NATO-Truppen mit ihrem schweren Kriegsger\u00e4t durch enge P\u00e4sse und Strassen fahren konnten. Da diese Obstb\u00e4ume jedoch die Lebensgrundlage vieler ortsans\u00e4ssiger Afghanen war, regte sich so der Widerstand gegen die Besatzer. Beim n\u00e4chsten Durchfahren war die Strasse vermint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Kannst Du eine Einsch\u00e4tzung abgeben, wie viele Soldaten und Zivilisten im Afghanistan-Krieg bisher gestorben sind?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Die Opfer auf Seiten der Zivilbev\u00f6lkerung werden nicht gez\u00e4hlt. Beim Massaker von Kundus im Herbst 2009 soll es aber beispielsweise um die 150 zivile Opfer gegeben haben. Die NATO selbst z\u00e4hlt ihre Toten. Die Bundeswehr hat bisher 39 Soldaten verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Der amtierende afghanische Pr\u00e4sident Karsai, der vom Westen eingesetzt wurde, artikuliert sich in letzter Zeit immer wieder gegen die NATO-Truppen. Bietet Karsai M\u00f6glichkeiten zu einem Frieden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Karsai hat seine Macht durch Warlords, Korruption und Kl\u00fcngel gefestigt. Sein Bruder ist einer der gr\u00f6\u00dften afghanischen Drogenh\u00e4ndler. Karsai genie\u00dft kein wirkliches Vertrauen in der afghanischen Bev\u00f6lkerung. Auch hat es massive Wahlf\u00e4lschungen in Afghanistan gegeben. Insofern versucht Karsai im Moment nur, seine Position in der afghanischen Bev\u00f6lkerung zu festigen, um selbst an der Macht zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Offizielle Umfragen belegen, dass bis zu 75% der Deutschen gegen den Afghanistan-Krieg sind. Trotzdem scheint die Friedensbewegung tot zu sein. Wie kommt das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Sehr viele Menschen sind verunsichert, was das Thema Afghanistan angeht. Viele sind zwar gegen diesen Krieg, wissen aber nicht, wie es besser gehen k\u00f6nnte. Da muss die Friedensbewegung klar formulieren, dass mit dem Abzug der NATO und der Bundeswehr sich neue T\u00fcren \u00f6ffnen w\u00fcrden. Denn nur so kann eine weitere Eskalationsspirale verhindert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Wie sch\u00e4tzt Du die Terror-Gefahr f\u00fcr Deutschland ein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Wenn die Bundeswehr und die NATO weiterhin f\u00fcr Terror in Afghanistan sorgen, dann kann es auch vermehrt Terroranschl\u00e4ge in Deutschland geben. Ein R\u00fcckzug der Bundeswehr aus Afghanistan w\u00e4re ein Beitrag zum Frieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Wieso ist es eigentlich nicht m\u00f6glich Afghanistan milit\u00e4risch zu beherrschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Das h\u00e4ngt mit der Infrastruktur, der gesellschaftlichen Struktur und der politischen Struktur Afghanistans zusammen. Das postkoloniale Denken des Westens erzeugt Widerstand. Es wird auch keine R\u00fccksicht auf die Bedingungen vor Ort genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rotdorn-Radio: <\/strong>Wenn der Krieg nicht zu gewinnen ist, wieso f\u00fchrt man dann diesen Krieg \u00fcberhaupt noch weiter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tobias Pfl\u00fcger<\/strong>: Innerhalb der NATO wird es offen formuliert: wenn die NATO diesen Krieg verliere, habe die NATO als Organisation keine Zukunft mehr. Insofern wird der Krieg nur noch deswegen gef\u00fchrt, damit die NATO als Organisation \u00fcberlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vollst\u00e4ndige Interview vom 12. April 2010 (der Afghanistankrieg) ist als MP3 zum runterladen auf<a href=\"http:\/\/www.rotdorn.org\/Rotdorn.htm\" target=\"_blank\"> rotdorn.org<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias Pfl\u00fcger ist 1965 in Stuttgart geboren, ist deutscher Friedensforscher und Politiker. Er gr\u00fcndete 1996 die Informationsstelle Militarisierung e.V., geh\u00f6rt der Redaktion der Zeitschrift \u00bbWissenschaft und Frieden\u00ab an und war Mitherausgeber der Monatszeitschrift \u00bbGraswurzelrevolution\u00ab. 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